Rechtsanwalt Rolando Olalia ist Präsident der Bewegung 1. Mai (KMU), einer unabhängigen Koalition aus 12 Gewerkschaftsverbänden und mehr als 100 lokalen oder Betriebsgewerkschaften. Er führt auch eine der Komponenten, den Nationalen Verband der Arbeitergewerkschaften (NAFLU) sowie die Nationale Koalition der Arbeitenden gegen die Armut (PKMK). Rolando Olalia ist der Sohn des Gründers und ersten Präsidenten der KMU, Felixberto Olalia, der im Dezember 1983 starb, nachdem seine Gesundheit durch neun Monate Haft völlig ruiniert worden war.
Das Interview führte für Intercontinental Press Deb Shnookal.
Shnookal: Wie ist die KMU geschaffen worden?
Olalia: Offiziell wurde die KMU am 1. Mai 1980 gebildet. Zu Beginn hattesie etwa 100 000 Mitglieder. Jetzt sind es zwischen 400 000 und 500 000, Beschäftigte der Textil- und Kleindungsbranche, des Bergbaus, der Metallindustrie, der Lebensmittelverarbeitung und des Hotelgewerbes. Organisatorisch erfaßt sie das ganze Land.
Shnookal: Können Sie völlig offen arbeiten?
Olalia: Jawohl, völlig offen, denn die KMU ist eine legale Organisation. Zwar behaupten die Militärs, sie sei eine Front der Kommunistischen Partei der Philippinen (PCP) und der Neuen Volksarmee (NPA) oder eine subversive Organisation. Die KMU ist aber gegründet worden, weil die Gewerkschaftsbewegung permanent unterdrückt wurde. Diese Repression begann mit der Ausrufung des Ausnahmezustands im September 1972.
Shnookal: Wie stark ist die Gewerkschaftsbewegung heute?
Olalia: Gegenwärtig gibt es nur zwei Gewerkschaftsverbände auf den Philippinen. Es gibt das Trades Union Council of the Philippines (TUCP), das von der Regierung anerkannt wird, und es gibt die KMU. Der TUCP wird von der Regierung kontrolliert., Er zählt etwa 600 000 Mitglieder. Wir erkennen durchaus an, daß der TUCP größer ist als die KMU. Aber wenn man die Anhängerschar zählt, dann ist die KMU wichtiger, denn sie wird von allen Sektoren der Arbeitenden unterstützt. Der TUCP ist eine Hausgewerkschaft; seine hauptamtlichen Funktionäre sind fast alle Regierungsbeamte.
Shnookal: Wie ist die Lohnsituation, wie sind die Arbeitsbedingungen auf den Philippinen?
Olalia: Der Mindestlohn beträgt 35 Pesos täglich (9 DM). Dazu kommt eine Notzulage wegen der Teuerung, wodurch der Mindestlohn auf 49 Pesos steigt (13 DM). Die außerhalb von Manila beschäftigten kriegen weniger; deren Löhne liegen unterhalb der Armutsgrenze. Die Inflationsrate beträgt etwa 50 % jährlich. Das hat zur Folge, daß der durchschnittliche Industriearbeiter verelendeter ist, als man der Statistik entnehmen kann. Aber sogar nach den Statistiken der Regierung braucht ein durchschnittlicher Arbeiter 75 Pesos, um eine dreiköpfige Familie ernähren zu können.
Shnookal: Bitte erklären Sie, wesewegen die Beschäftigten der Textilfabrik Artex seit dem April 1984 schon im Streik sind?
Olalia: Die Beschäftigten von Artex streiken, weil die Gesellschaft sich hinsichtlich des gesetzlichen Mindestlohns nicht an die Arbeitsgesetzgebung halten wollte. Die Artex-Beschäftigten bekommen nämlich nur 23 Pesos (6 DM) pro Tag einschliefslich der Teuerungszulage. Wenn 49 Pesos schon unter der Armutsgrenze liegen, dann kannst du dir vorstellen, daß das Leben mit 23 Pesos noch viel schlimmer ist, eigentlich gar nicht möglich.
Der Eigentümer von Artex und sein Bruder stehen - wie kann es anders sein — Marcos sehr nahe. Als ich mit dem Arbeitsminister zusammentraf, fragte ich ihn, wieso die Regierung nicht in der Lage ist, ihre eigene Arbeitsgesetzgebung zur Geltung zu bringen. Der Hauptgrund dafür, daß es auf den Phi lippinen Streiks gibt, liegt darin, daß die Arbeitsgesetzgebung hinsichtlich des Mindestlohns, des Zuschlags usw. verletzt wird.
Shnookal: Organisiert die KMU auch Landarbeiter?
Olalia: Die wichtigste Organisation der Zuckerarbeiter im Süden, der Nationale Verband der Zuckerarbeiter, ist Mitglied der KMU. Er zählt allein schon etwa 120 000 Mitglieder. Diese Arbeiter gehören zu den unterdrücktesten und ausgebeutetsten des Landes.
Shnookal: Es scheint, daß derzeit Maschinen aus Australien eingeführt werden, wodurch tausende Zuckerarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren werden. Olalia: Das stimmt. Dadurch wird die Arbeitslosigkeit zunehmen. Durch die Mechanisierung laufen 50 % der Beschäftigten Gefahr, arbeitslos zu werden, vielleicht 100 000 Menschen. Die Philippinen können das Problem der Ar beitslosigkeit nicht lösen, weil es kein Industrialisierungsprogramm gibt. Die
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Politik der Regierung konzentriert sich stimmung von einer Zweidrittel-Mehrauf das Agrobusiness, das von Leuten heit befürwortet werden; und schließbetrieben wird, die Marcos nahestehen. können die Funktionäre oder Die Löhne der Zuckerarbeiter sind Mitglieder einer Gewerkschaft entlassen unter dem Mindestsatz. Die Arbeitsbe- werden, wenn sie sich an einem „illegadingungen sind wie zu Feudalzeiten; der len " Streik beteiligt haben. Und so geht Großgrundbesitzer bestimmt über die es weiter.
Bewegungsfreiheit der Arbeiter. Letzte- Durch das „Gesetz gegen Streikbrere können nicht protestieren, denn die cher und für friedliche Streikposten" meisten Zuckerplantagenbesitzer verfü- von 1981 wird den Streikbrechern ihr gen über eigene Truppen. Imelda Mar- Recht auf freien Zutritt zum Betrieb cos, die Frau des Präsidenten, kommt gesichert. Durch zwei weitere Gesetze aus so einer reichen Zuckerfamilie. Aber werden Streiks in Exportindustrien verdie Gewerkschaft der Zuckerarbeiter ist boten. Dadurch werden die ausländisehr kämpferisch. schen Investoren völlig geschützt, vor Wieviel Gewerkschafter allem in den Freizonen (EPZ). Dort sind sind derzeit im Gefängnis? Streiks ohnehin verboten. Dennoch gab Olalia: Derzeit sind fünf Führer der es welche, weil die Arbeiter in den EPZ, KMU immer noch im Gefängnis von den die man „Konzentrationslager für Billisechsen, die am 22. Juli verhaftet wur garbeit" nennt, dort derart von den Mulden. Außerdem sitzen noch etliche seit tis unterdrückt und ausgebeutet werder Verhaftungswelle vom August 1982 ein, bei der auch mein Vater festgenom- Shnookal: Sind die Gewerkschaften in men wurde. Er wurde der Subversion diesen EPZ verboten? und der Wirtschaftssabotage beschul- Olalia: Nein, verboten sind sie nicht, aber es ist verboten zu streiken. Trotz- Der Arbeitsminister, Blas Ople, hat dem hatten wir schon drei Generalsıch für die provisorische Freilassung streiks im EPZ von Bataan. Der erste von Beltran ausgesprochen. Aber der fand im Juni 1982 statt; das war einer der Melacanang (der Präsidentenpalast) Gründe für die Verhaftung meines Valehnte dies ab. Aufgrund des Gesetzes ters und der anderen. Um was es bei über Vorbeugehaft kann man jederzeit diesem Streik ging? Um die niedrigen verhaftet werden, ohne daß irgendwel- Löhne, um die Entlassung der Vertrauche Beweise vorlägen. Und freigelassen ensleute und die antigewerkschaftliche wird man erst, wenn der Präsident es Taktik der Unternehmerseite. anordnet. Beltran ist ein Opfer dieser Streik dauerte drei Tage. Prozedur. Shnookal: Man hat die Philippinen von heute mit dem Nikaragua vor dem für die Gewerkschaftsbewegung heute am Sturz Somozas verglichen. Meinen Sie, wichtigsten? dieser Vergleich trifft zu?
Olalia: Die Hauptforderungen be- Olalia: Ja, er trifft zu, denn Somoza, treffen eine Reihe von repressiven Ge- der Schah und Marcos, das sind die gleisetzen und Dekreten. Durch das neue chen Leute. Die politische Unter- Streikgesetz von 1981 wird das Strei- drückung, die Mißhandlungen der Leukrecht eingeschränkt. Die Unternehmer te, die Verhaftungen und Festnahmen haben das Recht bekommen, die Be- ohne Grund, die Freundchen der Regieschäftigten auszusperren oder zu entlas- rung, die die Geschäfte betreiben — da sen; der Präsident oder der Arbeitsmini- gibt es viele Ähnlichkeiten. Die wichtig ster können jeden Konflikt unter ihre ste aber ist, dais die USA Marcos wie den nationalen interesse schaden", sind ver- Schah und wie Somoza unterstützen. nationalen Interesse schaden"
boten; Streiks müssen bei einer Urab- November 1984 Liebe Abonnentinnen und Abonnenten!
Bitte denkt daran, uns Eure Adressenänderungen mitzuteilen, wenn Ihr umzieht!
Es geschieht viel zu oft, daß jemand von Euch im postalischen Nichts verschwindet.
Danke
Nr. 20/11 - 4/85 die Internationale
Die Schlacht um die