Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Polen

Geburt einer neuen Linken: Die Debatte in der Untergrund-Solidarność

· Inprekorr Nr. 167, März 1985 · S. 4-5 · 1.147 Wörter

Polen

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Die Debatte in der Untergrund-Solidarność Jacqueline Allio / Cyril Smuga Im Laufe des Jahres 1984 sind innerhalb von Solidarność verschiedene Strömungen oder Gruppen der Linken im weitesten Sinne, aber auch von Sozialiststen, entstanden. Dieser Prozeß verdankt sich einer gewachsenen Wahrnehmung, dais ein wirksamer Widerstand gegen die Herrschaft der totalitären Bürokratie durch schiere Entschlossenheit der gesellschaftlichen und gewerkschaftlichen Bewegung nicht erreicht werden kann.

Es ist nötig, sich innerhalb der Bewegung auch politisch zu organisieren, um zu Programmen und Strategien gegen die bürokratische Diktatur und für die Gründung einer selbstverwalteten Republik zu kommen. Die enorme Rückständigkeit der polnischen Bewegung in dieser Hinsicht spiegelt sich zunehmend auch in ihrer Aktivität. Immer wieder wird Solidarnosć mit der Nase in ihre programmatische und strategische Krise gestoßen, die in Augenblicken vermehrter politischer Spannung stärker in die Augen springt. Aber diese Krise wird auch leicht in Zeiten relativer Ruhe, inmitten der tagtäglichen Routineaktivität in den Strukturen der Solidarność und besonders am Arbeitsplatz, wahrgenommen.

In Antwort darauf sind bestimmte Versuche gemacht worden, eine politische Initiative zu ergreifen, so im Falle der Organisation Kämpfende Solidarität, die im Sommer 1982 beschloß, sich selbst eine formale Struktur zu geben. Bis jetzt kamen die meisten Versuche, sich innerhalb Solidarnosćs in den Betrieben politisch zu organisieren, von links, mit der Ausnahme der Konföderation für ein Unabhängiges Polen (KPN), einer nationalistischen Organisation, deren Existenz 1981 praktisch aussetzte. Ein zweite Ausnahme ist Niepodlegość (Unabhängigkeit), die mit der Idee der Bildung einer liberal-demokratischen Partei schwanger geht, sich zugleich jedoch von Solidarność distanziert hat und diese als perspektivlose Bewegung betrachtet. Die Initiativen der Linken sind recht begrenzt, um nicht zu sagen embryonal, und zugleich sehr breitgestreut.

JARULESNOSC

Die Mehrheit stellt sich in die Tradition der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS). Sie war die wichtigste reformistische Partei vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1948, wo sie zu bestehen aufhörte. Die Partei spielte in der nationalen und sozialen Revolution von 1905 eine führende Rolle und war dann in den Strukturen der „Untergrundregierung" während der Nazi-Besatzung die einflußreichste Partei. Die neuen Sozialisten blicken auf diese Partei nicht nur, weil sie die Vorstellung der Emanzipation der Arbeit, der parlamentarischen Demokratie und der polnischen Unabhängigkeit vertrat, sondern auch wegen ihres Antikommunismusses. Innerhalb von Solidarność identifizieren die meisten Kommunismus mit Stalinismus und Totalitarismus sowjetischen Typs.

Jacek Kuron und Adam Michnik waren unter den ersten, die bekannten, in der Tradition der PPS zu stehen, nachdem sie 1980 mit dem Marxismus gebrochen hatten und im KOR zu arbeiten begannen — vor dem august 1980. Das Sprachrohr dieser Strömung war Krytyka, die ab und zu auch heute noch in Warschau erscheint. Allgemein wird angenommen, daß Kuron, Michnik und eine Anzahl weiterer alter KOR-Mitglieder die Vorstellung haben, in der Lukuntt eine sozialistische Partei in diesem Sinne zu gründen. Organisatorisch gesehen war ein Startschuß für dieses Projekt die Gründung der Clubs für eine Selbstverwaltete Republik und für Freiheit, Gerechtigkeit und Unabhängigkeit (WSN) unmittelbar vor der Ausrufung des Kriegszustands.

Seit 1983 wurde dieses Projekt wieder aufgegriffen, auch wieder unter der Fahne WSN, aber man hört nicht viel von ihren Gruppen, ihre Publikationen müssen einen recht geringen Verbreitungsradius haben. Das liegt natürlich auch daran, daß die wichtigsten Gründer bis letzten Juli im Gefängnis waren. Der Einfluß des Widerstandskomitees (KOS) ist wesentlich höher. Es wurde unmittelbar nach dem Dezember 1981 gegründet, als an Solidarność angebundene Untergründstruktur aus einem Netzwerk von je fünfköpfigen Gruppen. Das KOS erklärt selber: „Es ist keine geheime Organisation von Kadern, die auf Disziplin und Hierarchie tulst, noch eine politische l'arteı mit elnem vereinheitlichten Programm, die danach strebt, die Macht zu ergreifen." Es gibt die Wochenzeitung Kos (Amsel) mit Auflage 20 000 heraus, die eine der beiden wichtigsten Untergrundblätter Kos steht gegen die Gründung einer politischen Organisation schon heute, da sie Angst haben, diese könne zueinem Ersatz für die breitere soziale Bewegung werden, sie damit schwächen und ihre Einheit untergraben. Sie nennen sich selber nicht Sozialisten, da „in Polen wie in anderen Ländern des sowjetischen Reiches Sozialismus mit einem Regime der Gewalt, der Lüge und der Ausbeutung identifiziert wird." Sie wird jedoch allseits als Strömung der Linken betrachtet. Kontakte mit bestimmten sozialdemokratischen Parteien des Westens wurden geknüpft sowie mit den Friedensgruppen der END (European Nuclear Disarmament) - die erste polnische Gruppe, die dies tat. Zusammen mit den WSN steht das KOS für den rechten Flügel der polnischen Linken.

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Im Februar 1984 bildete sich um die Wochenzeitung Wola (Wille) eine poll ische Gruppe. Diese Leitung wird vor Aktivist/inn/en in den Fabriken des Warschauer Distrikts Wola herausgegeben. Die Gruppe stellt sich in die Tradition der PPS. Aber die einzige Gruppe die im Augenblick zum Aufbau einer sozialistischen Partei aufruft, ist die um die Wochenzeitung Robotnik (Arbeiter). Diese Zeitung hat keine Verwandtschaft mit der gleichnamigen aus dem Umkreis des KOR 1977, die heute nicht mehr existiert. Sie hat eine Verbreitung von mehreren tausend Exemplaren. Sie wird von Mitgliedern des Überbetrieblichen Arbeiterkomitees von Solidarnosć in Warschau (MR KS) herausgegeben. In einigen Artikeln bringt die politische Gruppe Robotnik die Ansichten der westlichen Sozialdemokratie vor, deren Position und wahre Natur sie volligidealisiert; aber dies ist für sie der Bezugspunkt zur internationalen Arbeiterbewegung. So schreibt sie zum Beispiel: „Mittels der Methode schrittweiser Reform versucht sie den Einfluß des Privatkapitals zu begrenzen, den Imperialismus in den internationalen Beziehungen zu besänftigen und in den gesellschaftlichen Beziehungen egalitäre Prinzipienin Der Solidarność-nabe ermordete Arbeiterpriester Popieluszko die Praxis umzusetzen. Insbesondere tragen sie zur Entwicklung des Lebensstandards, des Wohlfahrtstaats und der Arbeiterkultur bei."

Diese Haltung zur Sozialdemokratie in Verbindung mit den Methoden, die Robotnik für den Aufbau einer Arbeiterpartei vorschlägt, waren Zielscheibe einer Polemik in der Monatszeitschrift Wolny Robotnik (Freier Arbeiter), die in Schlesien erscheint. Diese Polemik kam von einer Strömung der revolutionären Linken. Dieser gleichen Strömung entstammt auch die Zeitschrift Front Robotniczy (Arbeiterfront) deren Herausgabe im August 1984 autgenommen wurde. Sie steht für ein Programm des Kampfes mittels Arbeiterräten, wie es im berühmten „Offenen Brief" vorgetragen wird, der von Jacek Kuron und Karol Madzelewski 1964 geschrieben worden war, als beide noch revolutionäre Marxisten waren. Das Auftauchen einer revolutionär sozialistischen Strömung ist Beleg der ideologischen und politischen Radikalisierung bestimmter Teile der polnischen neuen Linken.

Nicht unerwähnt bleiben soll auch, daß - und zwar schon seit 1980 - Zeitschriften auftauchen, die sich auf den Anarchismus berufen, so Sigma und Równość (Gleichheit) sowie das trotzkistisch klingende Biuletyn Opozicji Lewicowej (Bulletin der Linken Opposition). Jedoch erscheinen alle diese Zeitschriften unregelmäßig und nur mit geringer Verbreitung in Warschau.