Nicolas Jaenson unsere, ," schrieben die Autoren eines „Wie die Jugend Ausbildung und Arbeit bewertet" betitelten Reports. Dieser war das Ergebnis von zweieinhalb Jahren Forschung in allen Mitgliedstaaten der OECD; er bringt den Standpunkt der Bourgeoisie in den entwickelten kapitalistischen Ländern zur Jugendradikalisierung vor. Die Studie betrachtet die „ethischen Werte der Jugend". In Hinblick auf die Familie „ist der aufkommende Eindruck der von allgemein zufriedenen und gut integrierten Kindern." Die bestehenden politischen und gesellschaftlichen Institutionen „werden heute nicht en bloc von Jungen Leuten abgelehnt, aber ganz sicher regen sie nicht ihren Enthusiasmus an. " Die Hauptpunkte der Unzufriedenheit sind „der Verfall der Umwelt, soziale Ungerechtigkeit auf der Grundlage von Reichtum und Herkunft, mangelnde Versorgung für Alte und Behinderte und das Gefühl, daß schwere Arbeit nicht angemessen entgolten werde."
Seltsamerweise erwähnt der Bericht weder Antirassismus noch Sympathie für Kämpfe in neokolonialen Ländern [Was ist daran seltsam? d.Stzr.], ja nichteinmal Antimilitarismus und Pazifismus als Bereiche des politischen Ausdrucks der Jugend, obwohl Hunderttausende Menschen in ganz Europa zu diesen Themen auf die Straße gegangen sind Zur Bildung bemerkt die OECD- Studie sowohl ein starkes Verlangen nach ihr als auch eine deutliche Desillusionierung. „DieIdee, dals schulmä- Biges Lernen einen auf das Berufsleben vorbereiten sollte, ist unter Jugendlichen sehr weit verbreitet, beobachtet der Bericht.
Zur Haltung gegenüber der Arbeit sagter: „Die allgemein gehaltene Vorstellung, daß junge Leute unstet sind, daß sie schnell dabei sind, die Anstellung aufzugeben, wenn sie nicht zufrieden sind, und daß sie recht unreali- endwie geartetes Bedürtnis zu hastische Erwartungen an das Arbeits- en, die bestehende Gesellschatt zu leben hegen, ist falsch, obwohl zerstören. Dennoch sollte uns die Arbeitgeber durch die Bank dies vor- Passivität, mit der so viele von ihnen bringen, um ihre Weigerung, junge weiterhin Arbeitslosigkeit hinneh- Arbeiter einzustellen zu rechtferti- men, nicht täuschen... Die Fortdauer gen." von Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung bei einem großen Teil der Eine solche Bilanz braucht bei der Bevölkerung könnte das eigentliche Bourgeoisie keine Besorgnis auszulö- soziale Stützgebälk unserer Zivilisasen. So schließt auch das OECD-Do- tion zerstören." kument damit, dais „anders als die Das ist auf einen Blick die bürgerli- Jugendlichen in den sechziger und che Analyse der Jugendradikalisiesiebziger Jahren, haben die am Ende rung. Sie besagt, die Jahre der Revolte der siebziger Jahre sich nicht beson- sind vorüber, aber die Krise häuft die ders revolutionäre Ansichten zur Ge- Bedingungen für neue Ausbrüche auf. sellschaft gebildet; sie haben jedoch Es war Ende der sechziger Jahre, den Hang, eine gewisse Abneigung daß die Bourgeoisie der Jugend als gegenüber ihrer Länder politischen einer besonderen sozialen Schicht geund sozialen Institutionen herauszu- wahr wurde, die auch besonderer Bestellen. Sie sind vor allem damit be- handlung bedürfe. Damals konzentschäftigt, ihre persönlichen Bedürf- rierten die kapitalistischen Regienisse zu befriedigen, wie sie von ihrem Bemühungen unmittelbaren Freundeskreis und ih- darauf, die Ausbildungssysteme „anrer Familie vorgegeben sind." zupassen". Zwei Faktoren zwangen Aber neben solch beruhigendem sie dazu. Erstens das Aufkommen ei- Individualismus weiß die selbe Studie ner Massenbewegung zu berichten, daß die Krise junge Leu- Schul-, besonders aber der Hochte dazu bringt, die Zukunft „mit Un- schuljugend. Die „Campusrevolte" sicherheit und Angst zu betrachten. war eine nahezu universale Erschei- Sie haben das Gefühl, von der Gesell- nung; es traf die Universitäten von schaft fallengelassen zu werden." Tokio, Nanterre, Mexico, Berkeley, Zwei Sorten junger Leute zogen Berlin. Diese Bewegung bezog ihre insbesondere die Aufmerksamkeit Stärke einerseits aus einem Gefühl der OECD-Forscher auf sich. Zuerst des Antiimperialismus und der Soligab es da „die bürgerliche Jugend, die darität mit den Kolonialrevolutioott das Getühl hat, ohnmächtig zu nen, andererseits aus einer Ablehsein, dals ihr jeder Lugang zum Leben zukünftigen Rolle als fehlt. Diese jungen Leute haben nicht Studenten, ihrer Weigerung „Wachdie für ihre weniger bevorzugten Al- hunde der Bourgeoisie" zu sein. tersgenossen typischen Charakterzüge, die Verantwortung für ihre per- Höhere sönliche Lage selber zu übernehmen. Massenbildung Anders als sie sind sie unfähig, eine Verbindung zwischen ihren Schwierigkeiten einerseits und der Beschäfti- Aus den Studentenunruhen zog die gungs- und Wirtschaftskrise anderer- Bourgeoisie den zynischen Schlufs, seits zu ziehen." daß eine verlängerte Ausbildung fru- Die andere besondere Kategorie strierte Menschen schafft, Rebellen, war die arbeitslose Jugend: „Sie sind ndem sie ganzen Generationen di keine versteckten Revolutionäre. Die Mittel an die Hand gibt, die Mecha meisten von ihnen scheinen kein ir- nismen kapitalistischer Ausbeutung
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InPreKorr Nr. 166, 12 - 1984 zu kritisieren. Sie entschied, die so- ben umzukehren. Dazu gehörten die zialen Kosten von Ober- und Hoch- Förderung der Privatisierung des öfschulbildung seien entschieden zu fentlichen Bildungssystems, das Anhoch. So mußten, vom Standpunkt ziehen der Selektionsschraube, um der Bourgeoisie aus, die Universitä- die Schülerzahlen zu senken, und die ten ideologisch wiedererobert wer- Ausrichtung der Ausbildung auf das den. Der Spielraum von Allgemein- Berufsziel, auf eine maßgezimmerte bildung und Kritik mulste eingeengt Stromlinienförmigkeit ohne „Füllwerden und der Ausleseprozeß ver- sel" aus der Allgemeinbildung. schärft. Dieser Prozeß wird nicht Dieses Vorhaben stieß auf starken leicht sein, aber er ist erfolgreich ange- Widerstand seitens der Jugend, seilauten. Für einige Lander kann er gar tens der Arbeiterklasse, deren Mobials im wesentlichen abgeschlossen lisierungen sich eh im Autschwung befanden, und seitens der „Benutzer' In Frankreich war es die mit de des Systems, deren Nachtrage nicht Gaulles Machtergreitung 1958 etab- gesunken war. Erst mit Begınn der lierte V. Republik,die das Schulab- Wirtschaftskrise konnten die Spar gangsalter von 14 auf 16 heraufsetzte. pläne tatsächlich angewandt werden Die Zahl der Oberschüler stieg zwi- In Frankreich mulste die Bourgeoisie schen 1958 und 1972 um das Dreiein- bis 1979 damit warten, den Anteil der halbfache; die der Hochschüler um Bildungsausgaben am Haushalt zu das 4,1fache. Der Prozentsatz der senken. Schüler im ersten Schuljahr nach En- - Der zweite Maßnahmenkatalog de der Schulpflicht stieg in Japan zwi- bestand in einer Bildungsreform, um schen 1960 und 1972 von 40 % auf 90 den Prozentanteil der Schuljugend zu %, in Dänemark von 30% auf 75 %, in senken. Anfangs wurden die Weiter- Frankreich von 50% auf 71 %. bildungsmöglichkeiten zur Rechtfer- Die finanziellen Folgen tigung genutzt, um die Bildungsmög Trends waren beachtlich. „Zwischen lichkeiten überhaupt einzuschrän- 1960 und 1969 stiegen in den OECD- ken: Jugendliche könnten angeblich Ländern auf heutige Preise berechnet „ihre Bildung später abrunden." Die die Ausgaben für Bildung jährlich um Lehre im Betrieb wurde zum Nachteil mehr als 14 % und die Zahl der Lehrer der Berufsschule rehabilitiert. Versuum ein Drittel." Im französischen che zur Einschränkung des Universi- Haushalt stieg der Anteil für das na- tätszugangs wurden gemacht. Dies tionale Erziehungssystem von 1952 vurde mıt einer breiten ideologischer 7,2 % auf 17 % 1970 und somit alle Offensive gekoppelt, in der die Un zehn Jahre 5 Prozentpunkte. ternehmer für die „Öffnung" von Als die Bourgeoisie gewahr wurde, Schule und Hochschule für die Wirtwie ihr schönes Geld in diesem Faß schaft warben. ohne Boden verschwand, ohne große Groteskerweise hatte ein gewisses gesellschaftliche Vorteile für sie dar- Ultralinkstum in der pädagogischen aus, mußte sie was tun. Dies tat sie auf Theoriebildung dieser kapitalistidreierlei Weise. schen Offensive den Weg geebnet, Vor allem ergriff sie das Mittel indem die „Abgehobenheit" der Haushaltskürzungen, um den Schule von der Gesellschaft kritisiert steigenden Trend bei Bildungsausga- worden war. Trotzdem hat die Krise ZORRO WILL SPATER MAL WERDEN? EI, DEI, DEI... NA WAS DER KLEINE DENN DER RÄCHER
DER VERDAMMTEN bislang noch kein Abfallen des Prozentsatzes der Schuljugend bewirkt, ihn nicht mal anr weiteren Steigen gehindert. Denn nunmehr ist es die Furcht vor Arbeitslosigkeit nach der Schule, die die Jugend anspornt, ihre Studien fortzusetzen und damit ihre Chancen auf ein Zeugnis zu erhöhen, das auf dem Arbeitsamt einen besseren Schutz bietet. Massenhafter Ausschluß der Jugend von der Bildung liegt erst vor uns.
Schließlich machen sich die Bourgeoisien daran, den Strom der Jugend in die Oberschulen gemäß dem Bedarf des Arbeitsmarkts zu dirigieren, damit auch ja niemand mehr mitkriegt, als für die Ausübung des Jobs nötig ist. Etwa 1970 kam die berufsbezogene Ausbildung sehr in Mode, daher wurde etwa zum Beispiel in Frankreich das Centre d'études des qualifications de l'emploi gegründet. Die französische Wirtschaftsprognose sieht bestimmte Prozentsätze unqualifizierter, qualifizierter und studierter Jugend vor. Diese Methode entlarvt zwar die zynische Haltung der Bourgeoisie, ist aber nicht gerade sehr wirksam. Solche Prozentzahlen vorzugeben ist eine Sache, eine ganz andere, den Genossen Trend der Vorgabe zu folgen zu zwingen. Zum einen würde eine durchgreifende Bildungsplanung die anwendung autoritärer Mittel erfordern, die gegen Jugendliche und Eltern durchzusetzen, recht schwierig sich gestalten dürfte. Zum anderen ist es vom Standpunkt der Bourgeoisie selber aus nicht sicher, ob wirksame Lenkung nicht zur Blockade der Möglichkeiten, bei unumgänglichen kapitalistischen Umstrukturierungen für neue Berufsbilder mobilisieren zu können, führen würde. Und so ist die „berufsbezogene Ausbildung"
NICHTS! MEIN KIND
WIRD NICHTS... UND - JETZT VERPISS
DICH!
FUCHSI
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der Mode geraten.
Angriff auf die Massenbildung
Die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder gerieten mit einem dreifachen Problem belastet in die Krise: das Anschnellen der Arbeitslosigkeit durch junge Schulabgänger zu lindern; die auf der Schule verbrachte Zeit zu senken, die zu kostenaufwendig wurde; die Jugend von der Idee abzubringen, eine an ein bestimmtes Berufsziel gebundene Qualifikation erlangen zu wollen. All dies geht nicht ohne Widersprücheab. So dämpft der verlängerte Schulbesuch die Arbeitslosigkeit, treibt aber die Kosten. Die Schuljugend kriegt die Folgen der Etatkürzungen zunehmend schärfer zu spüren. Unzureichende und schlecht instandgehaltene Gebäude, veraltende Versorgungseinrichtungen und Unterrichtsmaterialien, steigende Klassengrößen wegen Reduzierung des Lehrkörpers, Ausfall von Unterricht, Kürzung von Stipendien und Beihilfen für Schüler und ihre Familien, steigende Hochschulgebühren usw. usf. Sozialkürzungen treffen die Jugend dazu noch hart, wie in Belgien und den Niederlanden beim Arbeitslosengeld oder in Frankreich durch Heraufsetzen der Zulassungsgrenze.
Aber ein Faktor, der ein in der Geschichte des Kapitalismus noch nicht dagewesenes Ausmaß angenommen hat, ist die massenhafte Jugendarbeitslosigkeit. In den sieben großen kapitalistischen Ländern gab es 1970 eine Million arbeitslose Jugendliche. Bis 1983 ist diese Zahl auf 9,5 Millionen angestiegen. In Kanada, Finnland und Japan ist die Arbeitslosigkeit bei der Jugend doppelt so hoch wie bei den Erwachsenen; in den USA, Frankreich und Britannien dreimal so hoch, in Spanien und Portugal viermal und in Italien sechsmal. So stehen in den USA Jugendliche für 45% der Arbeitslosen, in Spanien für 57%, in Italien für 62 %. Und innerhalb davon sind die unterdrücktesten Schichten wiederum überrepräsentiert: Frauen, Schwarze und Latinos (in den USA) und Immigranten.
Jugendarbeitslosigkeit erhöht die Arbeitsplatzunsicherheit der Jugend. In Frankreich hatte die Hälfte der Altersklasse 16-21 nur ein CAP („Berufsbefähigung") oder BEP (etwa Berufsgrundbildungsjahr) und nur einen unsicheren Arbeitsplatz. Die Altersgruppe unter 25 stellte 25 % der Teilzeitarbeitenden. Dringend auf Arbeitssuche, sind Jugendliche zunehmend leichter bereit, Zeitarbeitsvertrage anzunehmen.
Arbeitslosigkeit erleichtert auch, die Vorrechte der qualitizierten Berute zu brechen, da die Bosse jugendliche unterhalb ihrer Qualifikation und für weniger Lohn einstellen können. Ergebnis ist, daß die ohne Abschluß, die also nicht weiter herabgestuft werden können, zuletzt eingestellt werden.
Jugendarbeitslosigkeit stellt die ganze Beziehung der Jugend zu ihrer Gesellschaft auf den Kopf. Sie wird nicht nur aus ihren Arbeitsplätzen gedrängt, sondern auch ihrer Mittel beraubt, sich aus der Abhängigkeit von der Familie zu befreien. Sie werden vom Konsum der Güter und Freizeitmöglichkeiten ausgeschlossen, nach denen es ihnen besonders verlangt, genauso wie von der sozialen Anerkennung, die mit dem Arbeitsplatz einhergeht. Also bleiben sie auch außerhalb der Bindungen der Klasse, darunter der politischen und gewerkschaftlichen Zugehörigkeit. Abstellgleis
Somit ist der Zustand Jugend nicht länger mehr bloß Ausfluß über die biologische Grenze hinaus verlängerter Kindheit aufgrund der Ausbildungsdauer, sondern auch des Ausschlusses aus der Arbeitswelt. Der Spätkapitalismus hat die „Integration der Jugend in Arbeit und Gesellschaft" — so der Titel eines für den französischen Präsidenten Mitterand ausgearbeiteten Berichts — zu einem Problem an und für sich erhoben. Einen klareren Ausdruck der Zurückweisung der Jugend durch ein soziales System hat es noch nicht gegeben. Die Jugendarbeitslosigkeit ist zu ausgedehnt und zu dauerhaft, um das Verhalten der Jugend nicht zu ändern, und nicht nur der unmittelbar betroffenen. Zuerst einmal ist jede/r Schulbesucher/in ein potentielles Mitglied des Arbeitslosenheeres und weiß es. „No future" ist der Ausblick, den der Kapitalismus den kommenden Generationen eröffnet. Aber es kann nicht von vornherein angenommen werden, junge Menschen reagierten auf diesen Zustand, indem InPreKorr Nr. 166, 12 - 1984 sie sich gemeinsam für eine sozialistische Lösung der Krise engagierten. Der Druck der Arbeitslosigkeit erhöht die Konkurrenz der Individuen untereinander, fördert ihn in der Schule: das Pauken für das Zeugnis. Und wenn eine/r im Auslesesystem eine Hürde gemeistert hat, will sie bzw. er an diesem Vorteil festhalten. Die „es geschafft" haben, haben kein „individuelles" Interesse, gegen das Auslesesystem zu kämpfen. Die es nicht schaffen, sind zu atomisiert, einen Kampf aufzunehmen.
Jugendarbeitslosigkeit kann aber auch ein explosiver Faktor sein. Die Bourgeoisie macht sich da keine falschen Vorstellungen. Die OECD hat ihre Warnungen verstärkt und versucht, die Verwaltung der Jugend zu koordinieren. Die sieben imperialistischen Staatsoberhäupter, die sich im Mai 1983 auf dem Gipfel von Williamsburg trafen, fanden in ihrer kur- Abschlußerklärung Platz, das Problem der beschäftigungslosen Jugend zu erwähnen. Dieses Problem nagt an Präsident Mitterand, ist der Grund, weshalb er so ein gesteigertes Interesse an den Arbeitervororten zeigt, wo die arbeitslose Jugend und die Kinder der Gastarbeiter konzentriert sind.
In Frankreich sind die wichtige Stellung, die das Ministerium für Berufsbildung neben dem Bildungsministerium erlangt hat, und die wiederholten Vorlagen der Bosse, 100 000 Jugendliche, natürlich zu minderen Löhnen, einzustellen, weitere Zeichen der Sorge, die die Bourgeoisie befallen hat.
Es gibt keine weiter verbreitete Lüge als die, die Verantwortung tur die Jugendarbeitslosigkeit auf die Schulen abzuschieben, unter der fadenscheinigen These: „Wenn die jungen Leute, sobald sie die Schule verlassen, keine Arbeit finden, dann kann die Schule sie offensichtlich nicht richtig auf das Leben vorbereitet haben." Es ist wahr, daß, je besser das Abgangszeugnis einer jungen Person ist, ihre Chancen desto größer sind, die Schlange beim Arbeitsamt zu vermeiden. Aber das beweist letztlich nur eins: Die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt begünstigen die Bosse, geben ihnen die Möglichkeit, wählerisch zu sein, sich für einen Anlernjob einen überqualifizierten Jugendlichen herauszupicken. So bieten Diplome tatsächlich Schutz, aber nur
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InPreKorr Nr. 166, 12- 1984 wenn nicht alle Jugendlichen sie bekommen können.
Es herrscht andererseits kein Mangel an Argumenten, die zeigen, daß das Ausbildungssystem für Arbeitslosigkeit nicht verantwortlich zeichnet. Zum Beispiel bleiben qualifizierte Arbeitsplätze nicht unbesetzt, was ja wohl so sein müßte, wenn es so wäre, daß nicht für die vorhandenen Berufe ausgebildet würde. Ja, die Zahl der Schulabgänger mit Zeugnis steigt.
In Frankreich stieg die Zahl der Jugendlichen, die das Schulsystem mit einem Zeugnis verließen, zwischen 1973 und 1979 von 33 % auf 44 %. Aber Abiturienten sind genauso zur Arbeitslosigkeit verdammt, da diese in derselben Zeit genauso anstieg. Außerdem lassen Arbeitgeber in der Praxis keine besondere Unzufriedenheit mit Jugendlichen erkennen. In Frankreich wandelte sich der Anteil von Jugendlichen an Neueinstellungen nicht: etwa 12 %. Wenn also Mängel im Bildungssystem nicht die Ursache der Jugendarbeitslosigkeit sind, verdeckt die Hartnäckigkeit, mit der die Bourgeoisie darauf besteht, üble Absichten. Indem sie auf diese Weise die Schulen angreift, versucht sie sich natürlich reinzuwaschen. Aber sie will auch ihre Interessen im Schulsystem vorwärtsbringen, ihre Wünsche aufpfropfen und ein System von Berufsausbildung am Arbeitsplatz ohne vorherigen entsprechenden Unterricht entwickeln: „Laßt uns dafür Sorge tragen, wie ein junger Mensch lernt, seine Arbeit zu tun, und wir werden ihn einstellen," lautet die Erpressung.
No future Die Bourgeoisie geht mit ihrer Heuchelei recht weit, denn in Dokumenten begrenzter Verbreitung erkennt sie die Tatsachen an, die ihrer in den Medien verbreiteten Version widersprechen. Beispielhaft sei hier widergegeben, was ein OECD-Dokument 1977 zu sagen hatte: „Mit dem Vordringen der Bildung stellen jetzt eine Menge Leute höhere Ansprüche und hoffen auf einen Arbeisplatz oder eine Karriere, bei der sie ihr Wissen nutzen können und mehr Möglichkeiten der Befriedigung und persönlichen Entwicklung finden. Aber die Beschäftigungsstruktur in der Wirtschaft und die meisten Arbeitsplatzbeschreibungen halten mit diesem gestiegenen Bildungsniveau und diesen Erwartungen nicht Schritt. Einige Zeichen weisen gar auf eine Langzeitzunahme der Unternutzung der Arbeitskraft, die größere Arbeitslosigkeit und tiefere Rezession vorausahnen läßt."
Die wahre Erklärung der Arbeitslosigkeit ist somit einfach: sie liegt in der allgemeinen Abnahme der bereitgestellten Arbeitsplätze. Wenn die Schaffung von Arbeitsplätzen nicht mehr stattfindet, ihre Zahl gar sinkt, gibt es für Jugendliche, die ihren ersten Arbeitsplatz suchen, keinen mehr. In diesem allgemeinen Rahmen kann es natürlich Besonderheiten geben. In Irland war der starke Industrialisierungsschub der 70er Jahre der Jugendbeschäftigung recht günstig, die auf den Umgang mit modernerer Technologie besser vorbereitet war. Auf der anderen Seite verstärkten in Portugal die Repatriierung der Kolonisten aus Afrika, die Rückkehr von erwachsenen Arbeitsemigranten aus Europa sowie die Landflucht die negative Auswirkung der Krise auf die Jugendbeschäftigung. Im Grunde aber ist der Mechanismus überall der gleiche, und Jugendliche sind überall die ersten Opfer.
Diese einleuchtende Feststellung Beim zweiten Marsch der Jugend gegen Arbeitslosigkeit in Belgien ARITE :HOMEUR
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ONA macht die Lügenhaftigkeit bürgerlicher Propaganda zwiefach deutlich. Die erste Lüge besteht darin, daß die Schulen schuld seien, wenn Jugendliche keine Arbeitsplätze finden. Die zweite darin, daß man das Problem der Jugendarbeitslosigkeit mit besonderen Methoden lösen könne, die sie losgelöst von der Wirtschaftskrise behandeln, deren Opfer ja nur die Jugend ist. Es gibt keine besonderen Mittel, keine „jugendliche Lösung" für dieses Jugendproblem, denn dessen Wurzeln sind dieselben wie die der Arbeitslosigkeit bei Erwachsenen. Es gibt keine Lösung, es sei für die ganze Krise.
Es muß daher angenommen werden, daß die Bourgeoisie ihre Sonderprogramme zur Förderung der Jugendbeschäftigung aus anderen als den verkündeten Gründen pflegt. Während der 70er Jahre nahmen alle bürgerlichen Regierungen solche Sonderprogramme an, die sich untereinander auffällig glichen — was für eine internationale Koordination dieser Politik spricht. Immer ging es um drei Maßnahmen: Ausdehnung der Ausbildung am Arbeitsplatz; Ein-
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richtung von Ausbildungsprogrammen, die aus wechselnden Phasen von Unterricht und Arbeit bestehen; Einleiten öffentlicher Arbeitsvorhaben, zu deren Teilnahme die Jugend eingeladen wurde.
Hinzu kam die Bezuschussung der Einstellung von Jugendlichen aus dem Steuersäckel (entweder der Sozialversicherung, der Ausbildungskosten oder eines Teils der Entlohnung) und Anreize für Klein- und Mittelfirmen, die relativ mehr Arbeit für Jugendliche bieten als große Konzerne.
Dazu gehören die Y outh Opportunity Schemes (YOPs) in Britannien, die EIFU-Ausbildungsprogramme in Dänemark, das Youth Employment and Demonstration Projects Act in den USA, das Berufsgrundbildungsjahr in der BRD und der Nationale Pakt für Arbeitsplätze in Frankreich. Diese alle haben sich seither fortentwickelt; die OECD spricht von zwei Generationen:
- Zwischen 1975 und 1980 war die vorherrschende Idee, Arbeitslosigkeit sei ein vorübergehendes Phänomen und daher auch die Pläne. „Alle diese Programme erwiesen rasch, daß sie nur sehr wenig wohltuende Effekte auf das darauffolgende Berufsleben der Betroffenen hatten... Da sie keine spürbaren Vorteile aus diesen Programmen zogen, begannen die jungen Leute zu fordern, diese sollten mit einem offiziellen Qualifikationszeugnis abschließen, und es sollten wesentlich umfangreichere Schrițte zu ihrer Hilfe unternommen werden." die Programme werfen also Probleme auf, sobald Jugendliche von ihnen einen Nutzen zu erwarten beginnen. Deshalb folgte die „zweite Generation"
- Nach Beginn der 80er Jahre war es notwendig, ein System nicht zur Beseitigung, sondern zur Verwaltung der Arbeitslosigkeit zu finden. Das OECD-Dokument drückt dies so aus: „ Von nun an sollten die Programme dafür da sein, eine Wartezeit von mehreren Jahren nach Abschluß der Schulpflicht zu schaffen, während der teenager, die nicht sofort ins Erwachsenenleben eintreten können, ein Recht auf einen Job, ein Studium oder eine Ausbildung haben." Die bürgerliche Lösung für das oben beschriebene dreifache Problem besteht also in der Schaffung einer Übergangsphase zwischen Schule InPreKorr Nr. 166, 12 - 1984 und Arbeitsleben, um die gesell- Strukturen der Ausbildung durch die schaftlichen Risiken der Arbeitslo- Institutionalisierung eines Netzwersigkeit zu umgehen. In einem Bericht kes paralleler Kurse geändert werden, für ein besonderes Treffen der die keine anerkannte Qualifikation OECD 1980 über Jugendpolitik sag- bieten. te die britische Vertreterin Shirley Dennoch können diese Jugendli- Williams (Führerin einer Rechtsab- chen ohne Alternative als „Zweıte spaltung der Labour Party 1981), dais Chance" erscheinen. Es reicht also „Ideale wäre eine verptlichtende Aus- nicht, diese falsche Lösung zu entlar bildungsperiode für Schüler im 4. ven. Es ist notwendig, einen Kampf oder 5. Hauptschuljahr, damit teena- um den Inhalt dieser Programme zu ger mit 15 oder 16 wählen können, ihre enttachen, um die Kechte der Jugend Schulausbildung fortzusetzen oder lichen zu verteidigen, also echte Ausein Jahr volle Berufsbildung zu ma- bildung, Zeugnisse, Lohnzahlung. Es chen oder ein Jahr im Wechselbeider, muß heftig gegen die öffentliche Fiund damit sie dann auf der Grundlage nanzierung der Einstellung , von Judes von ihnen gewählten Berufs zum gendlichen durch private Firmen aneinen oder anderen der zahllosen Kur- gegangen werden, die nichts anderes se, die sie aufs Arbeitsleben vorberei- heißt, als Arbeitende als Steuerzahler ten, überwechseln, die die ganze dafür zahlen zu lassen, daß andere Bandbreite von kurzfristiger Einar- Arbeitende als Lohnsklaven besser beitung über Lehrgänge zu vollen ausgebeutet werden können. Lehrzeiten bieten.
Dies ist ein reichlich komplexes Schließlich kommt die vielsagend- „Ideal", dessen einziger roter Faden ste Kritik an diesen Programmen von ist, junge Leute von Ausbildungspro- ihren Vertretern selber. Zum Beispiel gramm zu Ausbildungsprogramm zu spricht der OECD-Bericht davon, scheuchen, aber sie früher von der dais „diese Programme nur zufällig Schule zu haben. die Berufsaussichten derer verbessern, die sie mitmachen, und selten Recht auf Arbeit einen Dämpfungseffekt auf die Rate Recht auf Bildung der Arbeitslosigkeit haben." Und weiter: „Alle seit 1970 angenommenen Maßnahmen haben nichts in der Die politische Funktion solcher Art einer Überbrückung zum er- Beschäftigungsprogramme ist es also, wachsenen Leben geschaffen, vielden Druck der Arbeitslosigkeit zu mehr eher der Jugend einen gewissen dämpfen, indem Parkplätze für Men- behüteten Platz in der Gesellschaft schen geschaffen werden und die zugewiesen, die ansonsten arbeitslos Immigrantenjugendliche in Frankreich RECON PARISIENN SJEDNES
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InPreKorr Nr. 166, 12 - 1984 der Schulpflicht."
Ein „Pferch" für die Jugend, das ist das wahre Programm der bürgerlichen Regierungen. Es muß mit einem Mobilisierungsprogramm um konkrete Kamptziele unter dem Motto „Recht auf Arbeit und Bildung" beantwortet werden.
Da die Ursachen der Jugendarbeitslosigkeit die gleichen wie die der Arbeitslosigkeit allgemein sind, haben sowohl Jugend als auch Erwachsene das gleiche Interesse, für folgende Sofort- und Übergangsforderungen zu kämpfen: keine Entlassungen; sofortige Verkürzung der Arbeitswoche, um die verfügbare Arbeit auf alle Hände zu verteilen; Offenlegung der Bücher, Arbeiterkontrolle über die Kapitalbewegungen; Enteignung der Kapitalisten und Profiteure.
Um die Ablehnung der Park-Ausbildungsprogramme müßten sich folgende Forderungen gruppieren: gleicher Lohn für gleiche Arbeit; Bezahlung der Ausbildungszeit als Arbeitszeit; Arbeitsplatzgarantie nach Abschluß; Anerkennung der sonstigen durchgesetzten Rechte der Arbeitenden; keine Ausbildung ohne Qualifikationszeugnis; alle Kosten, direkte wie indirekte, sollen von den Unternehmern getragen werden. Die Mobilisierung der Jugend hat in den verschiedenen Ländern besondere Formen angenommen. In Belgien zwang die arbeitslose Jugend zweimal, 1983 und 1984, die Gewerkschaften sich zusammenzutun, umihre Rechte zu verteidigen. Solche Aktionen sind ein guter Weg, die Jugend zusammen mit der Arbeiterbewegung zu mobilisieren. Es ist in anderen Ländern möglich, arbeitslose wie arbeitende Jugendliche in Komitees zu organisieren, die auf die Arbeitsämter gehen und dort Propaganda gegen die modernen Sklavenhändler entfalten, die mit Leih- und Teilzeitarbeit locken, und hinter den Arbeiterorganisationen hersind, deren aktive Solidarität mit den Arbeitslosen einzuklagen.
- Das Recht auf Bildung ist ein legitimes Recht der Jugend. Es zu verteidigen, heißt, gegen Einsparungen am Lehrkörper, an Einrichtungen und Materialien zu kämpfen. Die Ju- Rapid nims en Systems miche in, nach dem es angeblich zu viele qualifizierte Lehrer, zu viele Bauarbeiter, die Schulen bauen könnten, und zu viel geschaffenen Reichtum gibt, der im Namen des Profits zu Entlassungen und zur Zerstörung von Produktionskapazität führt. Die Jugend weiß, daß das Material und die Menschen da sind, um der Sparerei ein Ende zu machen; sie weiß, daß das, was den Schulen und dem Gesundheitswesen genommen wird, den Generalen und den Bossen gegeben wird Das Recht auf Bildung zu verteidigen, heißt auch Ausdehnung der Schulpflicht. In Portugal ist zum Beispiel die Ausdehnung der Schulpflicht von sechs auf neun Jahre eine von der Arbeiterbewegung vorgetragene Forderung. In anderen Ländern geht es um die Ausdehnung des Schulalters von 16 auf 18.
In Spanien wurde mit dem sogenannten LODE-Gesetz und in Frankfreich mit der Lex Savary die öffentliche Finanzierung privater und religiöser Schulen eingeführt. Die Regierung Italiens bereitet das gleiche vor. Die öffentlichen Finanzen gehören den öffentlichen Schulen. Die Privatschulen müssen zwischen öffentlicher Finanzierung bei Nationalisierung und Säkularisierung und privatem Status bei privater Finanzierung wählen. Die Mobilisierung gegen die Konfessionalisierung der Erziehung entfaltet sich um die demokratische Forderung nach einem einheitlichen, nationalen, säkularen Bildungssystem.
Die Opposition gegen das System beschränkten Zugangs zu Bildung muß sich auch in Forderungen niederschlagen wie: keine Aufnahmeprüfungen; keine Hierarchie der Bildungsstätten, kein Wettbewerb zwischen öffentlichen Instituten; gesamtstaatliche Anerkennung der Diplome ( in Frankreich sind einige nur in der entsprechenden akademischen Verwaltungsregion gültig; das Chaos der Ländereinrichtungen kennen wir ja in der BRD); wirkliche Kostenlosigkeit; gegen Sexismus bei der Einstellung und im Bildungsınhalt; Verteidigung der unterdrückten Minderheiten, wie beim Kampf um die Schulbusse in den USA; Ablehnung der Qurantäne über ohnehin am meisten Benachteiligten.
Solange wie die Oberschulen für ihre eigenen Kinder reserviert waren, behandelte die Bourgeoisie sie wie Schulkasernen und tat alles mögliche, „ihre" Schule vor der Verunzierung durch die Außenwelt zu schützen. Heute ist die Bourgeoisie der Vorreiter einer „Öffnung der Schulen zur Welt" ", was heißen soll, den Kindern minderbemittelten Familien steht die Tür nach draußen weit offen, damit sie nicht so gefährlich viel Zeit in den Klassenzimmern vertrödeln.
Insbesondere wollen sie die jungen Leute, die Arbeiter/innen werden werden, von den Schulen haben. Im Austausch dafür bieten sie ihnen Ausbildung am Arbeitsplatz und anderes oben Genanntes. Während wir den Bildungswert der Arbeit natürlich anerkenn, ist es dennoch richtig, den Rein-Raus-Plan der Bosse abzulehnen, da dies nur auf Kosten einer systematischen Bildung geht und die Jugend der Ausbeutung am Arbeitsplatz überliefert.
Das Land das von der europäischen Bourgeoisie am liebsten als Muster zitiert wird als das Land, wo das System des Wechsels von Schule und Arbeit am entwickeltsten ist, Westdeutschland, ist selber bis zu einem gewissen Grade gezwungen, dies zu revidieren. Es wurde das Berufsgrundbildungsjahr eingeführt, das das erste von drei Lehrjahren der alten gemischten Art ersetzt, um den Anteil der in den Fabriken durchgeführten Ausbildung zu erhöhen. Eine Verbindung von Lehre und Arbeit, die der Jugend eine Ausbildung im Kontakt mit der sozialen Realität, die Teilnahme an der Herstellung nützlicher Güter gestatten würde, kann in einer vom Profitgesetz gelenkten Wirtschaft nicht erreicht werden, die auf fortschreitender Ausbeutung und Dequalifizierung der Lohnarbeit beruht. Shirley Williams, eine frühere Bildungsministerin, machte in ihrem Bericht für die OECD einen revolutionären Vorschlag: „Teenager werden kaum motiviert, ihre Ausbildung fortzusetzen, wenn ihnen die Vorteile genommen werden, die einem Arbeitsplatz oder einer Lehrstelle entspringen. Folglich sollten die, die auf der Schule bleiben, ein Entgelt bekommen, das dem für Lehrlinge entspricht. " Was für Motive Shirley Williams auch gehabt haben mag, diese Idee kommt der Forderung nach bezahlter Ausbildung gleich; man sollte sie beim Wort nehmen.
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Neue Zusammensetzung der Jugend
Die meisten Aktiven, die durch die groben Kampte der Jugend im Aus bildungssektor in den 60er und 70es Jahren politisiert wurden, erkennen sich nicht länger in der Jugend von heute. Sie neigen ganz selbstverständ lich zu der Ansicht, daß diese sich von der Politik abgewandt und ihre Inter- essen auf kulturelle Aktivitäten und individuelle Probleme gerichtet habe. Aber dies ist eine oberflächliche Ansicht und führt zu nichts. Erinnerungen sind keine Hilte dabei, den Kadı- kalisierungsprozeß der heutigen Jugend zu verstehen, und noch weni- ger dabei, Aufgaben zu formulieren, die für revolutionäre Aktivist/inn/en daraus sich ergeben.
Unter der Schuljugend hat die Krise den Wechsel von ottensiven Kamp ten, die die Form massiver Angriffe auf den Klassencharakter der Schulen angenommen hatten, zu defensiven beschleunigt, die die materiellen Bedingungen der Ausbildung und die demokratischen Rechte im Schulsystem verteidigen. Diese objektive Veränderung sowie der soziale Status dieser Jugend machen es erforderlich, daß die Gewerkschaften an Oberschulen und Universitäten intervenieren. Der rasche Durchlauf der Ge- nerationen und die Unterbrochenheit der Massenbewegung haben in einigen Ländern zu einem völligen vorher als etablierte Errungenschaft Erliegen der Tradition geführt. Was galt, ist heute nicht mehr selbstver- ständlich akzeptiert, besonders alles, was die demokratische Organisation von Kämpfen betrifft: allgemeine Versammlungen, Koordinationen. Eine Menge muß al- Streikkomitees, so wieder gelernt werden.
Die Notwendigkeit der Verbindung von Arbeiterklasse und Jugend- bewegung ist heute weit davon, so klar zu sein wie in den 60ern und 70ern. Es fliegt der Jugendbewegung nicht von selbst zu, Parolen, Forde- rungen und Plattformen anzunehmen, die mit den Interessen der Arbeiterklase zusammentallen, genaudie Folgen der antimarxistischen In diesem Zusammenhang sollten ideologischen Offensive besonders an den Universitäten nicht unterschätzt werden. Deshalb müssen junge Revolutionär/inn/e/n an Oberschulen und Unis hart daran arbeiten, ein Bewußtsein von den konvergierenden Interessen der lernenden Jugend und der Arbeiterklasse zu entwickeln. sozialen Veränderungen der wirt- Es spricht einiges dafür, daß die schaftlichen Krise die Front der Jugendradikalisierung von den Studen- ten zu den Jungarbeitern verschiebt, seien sie in der Ausbildung, arbeitslos oder in der Industrie. In Frankreich war es zum Beispiel die Jugend der Ausländerstadtteile, die im Marsch gegen den Rassismus die Jugend allgemein in ihre größte Mobilisierung seit Jahren hineinzog. Diese Kinder eingewanderter Familien sind die ersten Opter der Ar allgemeinen Arbeiter/innen, oft mit beitslosigkeit, und ihre Eltern sind im wenig Ausbildung, wenn überhaupt. Zugleich mit dem Kampf gegen Rassismus mobilisiert sich dieser Teil der Jugend für die Anerkennung ihrer Rechte, die in dieser Zeit der Krise brutal angegriffen werden. Genauso ist in Belgien die Rolle, die die arbeitslose Jugend spielte, em deutliches Zeichen, dais in den kommenden Jugendbewegungen die pro- letarischen Schichten wenn schon nicht die initiative, so doch eine entscheidende Rolle spielen werden. Junge Revolutionär/inn/e/n müssen also in der Lage sein, sich mit Schichten zu verbinden, die im augenlung in den revolutionären Organisa- blicklichen Stadium deren Entwicktonen recht unterrepräsentiert sind. Es fällt zweifelsohne auf Grundlage in einen Streik von Ober- oder Hoch- der vergangenen Erfahrung leichter, schülern zu intervenieren, als eine ge- duldige Massenarbeit in einer Stadt, einem Jugendzentrum zu entwickeln. einem Stadtteil, einer Berufsschule, Es ist dort viel schwieriger, zentralt xiblen örtlichen Initiativen zu ver- sierte politische Kampagnen mit fle knüpfen.
Diese allgemeine Beobachtung heist die Revolutionäre sollten InPreKorr Nr. 166, 12 - 1984 jugendlichen „Rebellen" ohne politi- gendorganisation zu machen, die es läßt, Mitglied zu werden, und über- sche Ertahrung natürlich erscheinen haupt attraktiv zu sein. Gerade in dieser Hinsicht muß die Jugend die „erwachsene" Organisation erst er- ziehen, was eine Jugendorganisation sein kann und muß, von der Arbeit her eine Vorhutorganisation, aber in ihrer Herangehensweise an Neuaufneres Funktionieren eine Massenor- nahmen von Mitgliedern und ihr inganisation. Antiimperialismus ist aus dem Bild der Jugendradikalisierung nicht gänz lich verschwunden. Sicher hat die nicaraguanische Revolution nicht eine ganze Generation von Aktivist/inn/en herangezogen wie die kubani- sche Revolution vor zwanzig Jahren. ropäischen Staaten und besonders die Die bürokratische Politik der osteu- Invasion der UdSSR in Afghanistan haben nicht zum wenigsten dazu beigetragen, das antimperialistische Ge fühl der Jugend auf eine elementart reduzieren. Aber die Ausplünderung Verteidigung der Menschenrechte zu der Dritten Welt, der Hunger, zu dem der Imperialismus Millionen menschlicher Wesen verurteilt, lastet weiter auf dem Gewissen von Jugend- lichen als eine der schrecklichsten Begleiterscheinungen kapitalistischer Herrschaft. In den letzten Jahren sind vor allem Antıkriegsmobilisierungen
Stelle der Solidaritätsbewegungen mit der Kolonialrevolution getreten. In der Friedensbewegung stellte die Jugend das zentrale Heer. Der Kampf gegen die Militarisierung Europas hat mals eine Aktion in Solidarität mit mehr Jugendliche angezogen als je Kuba oder Vietnam konnte. Während sie vergleichsweise mehr Mas- sen einbezieht, so ist die Friedensbewegung dennoch weniger radikal als die Bewegungen zur Unterstutzung ablaufender sozialer Revolutionen. in jedem Land Jugendliche in Gegen- Aber die Friedensbewegung bringt atz zur Politik ihrer eigenen Kegie ung. Es macht sie für die tödliche spektiven des Kapitalismus für die Gefahren empfindsam, die in den Per- Menschheit liegen, wie aus der Wirt- Oberschüler und Studenten links lienicht, schaftskrise herauszukommen sei. organisationen und die Einheit mit sowenig, die Solidarität der Arbeitergenlassen, die auch Opfer der Krise Dieses Phänomen auf Massenebene sind. Genausowenig ist es ein Kinderihnen zu suchen. Lange und schwienhat nicht zur Herausbildung revoluge Kämpfe auf Massenebene müssen spiel, einen Arbeitsstil und Methoden tionärer Strömungen geführt. Aber zum Alltag einer revolutionären Juausgetochten werden, um dies zu erdie revolutionären Organisationen
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InPreKorr Nr. 166, 12 - 1984 wären mit Blindheit geschlagen, wenn len würden, wieviel sie aus ihr rekru- sie die Bewegung nur danach beurtei- USA