Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Aufschwung mit Finanzkrise

· Inprekorr Nr. 165, 1. Oktober 1984 · S. 9-14 · 4.779 Wörter

USA und Kanada Weltwirtschaft und Krise Japan und Korea BRD und DDR

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rikanischen Aufschwung abgibt. Und alles übrige ergibt sich daraus. Nach der marxistischen Wirtschaftstheorie — wie übrigens auch nach der neoliberalen Wirtschaftstheorie - muß ein deutlicher Wirtschaftsaufschwung, der durch Militärausgaben hervorgerufen wurde, zu beschleunigter Inflation führen. Dies ist auch geschehen. In den USA beläuft sich die Inflationsrate im Jahr auf 5,5 % gegenüber 3,5 % in der BRD und 4 % in Japan und der Schweiz. Wenn man sich erinnert, daß die Inflationsrate in den fünfziger und sechziger Jahren in den USA im Mittel unter 2% lag, erkennt man, daß Reagan die Inflation ganz und gar nicht besiegt hat. Doch der Inflationsschub ist bislang von zwei Faktoren abgemildert worden: einesteils durch die bestehenden überschüssigen Produktionskapazitäten zu Anfang des Aufschwungs (Mitte des Jahres 1982 wamehr als ein Drittel der Kapazitäten ungenutzt) und andernteils durch einen massiven Zufluß von Geldkapital aus dem Ausland. Letzteres ermöglichte es, das Defizit in der Handelsbilanz zu löschen und ein Defizit in der Zahlungsbilanz der USA zu verhindern, das die Inflation rasch hätte steigen lassen.

Der hohe amerikanische Zinssatz ist gleichzeitig auf das Budgetdefizit und die bewußte Politik der Zentralbank, den Dollarkurs hochzuhalten, zurückzuführen. Das Budgetdefizit, das auch im vollen Aufschwung weiterbesteht, zeigt an, daß die Nachfrage nach Geldkapital gleichzeitig von den kapitalistischen Firmen und der öffentlichen Hand ausgeht. Die Nachfrage tendiert daher dahin, das Angebot zu übersteigen. Somit wachsen die Zinssätze. Angesichts der wieder steigenden Inflation und des Defizits in der amerikanischen Handelsbilanz werden die ausländischen Kapitalanleger ihr Geld nur in die Vereinigten Staaten schaffen, wenn der Zinssatz ihnen Garantien gegen einen vorzeitigen Sturz des Dollarkurses gibt.[1] Bei einem nominalen Zinssatz von 13 % und einer Infla- InPreKorr 165, 1. 10. 1984 tionsrate von 5,5 % liegt der reale Zins bei 7,5 % enorm, ja wucherisch hoch. Die Sache wird einleuchtender, wenn man bedenkt, daß die Kapitalisten mit dem Fall des Dollarkurses um mindestens 10 % rechnen, selbst wenn natürlich niemand sagen kann, zu genau welchem Zeitpunkt und von welcher Ausgangshöhe das passieren wird.

Aber solche Zinssätze - die noch steigen könnten - beschwören selbstverständlich die Gefahr herauf, den Aufschwung abzuwürgen. Sie erfordern Profitraten in Höhe von um die 20 % und mehr, um noch durch Kredite finanzierte Investitionen hervorrufen zu können. Es stimmt, daß es eine richtiggehende Explosion der Profite in den USA gegeben hat, die sich fortsetzt. Sie resultiert hauptsächlich aus den gefallenen Reallohnen, die trotz Aufschwung weiter fallen. In den ersten drei Monaten von 1984 haben sich die nominalen Stundenlöhne um 3,5 % erhöht, während die Preise um 5,5 % gestiegen sind. Trotzdem hängt die Auswirkung der laufenden Umrüstung der Industrie auf die Profitrate von ihren Auswirkungen auf die organische Zusammensetzung des Kapitals ab und und davon, wie schnell diese im Vergleich zum Ausbeutungsgrad der Arbeits- ‹ratt anwachst. Kein einzelner Kapı calist ist in der Lage, irgendwelche genaueren Vorhersagen hinsichtlich dieses Themas zu machen. Und die Kapitalisten insgesamt können es genausowenig wie ihre Fachleute. Unter solchen Umständen herrschen Unsicherheit und Beunruhigung vor, die bereits dazu geführt haben, den Anstieg der Aktienkurse in Wallstreet zu beenden. Die Chancen, daß sich der Aufschwung der US-Wirtschaft über 1985 hinaus fortsetzt, sind also äußerst gering, und der Anstieg des Zinssatzes wird wohl den Aufschwung in der Automobilindustrie und im Bauwesen abwürgen.

Der Mechanismus des internationalen Aufschwungs

Die Reagan-Regierung hat, als sie sich aus freien Stücken für eine Über- [1] Über den ,Einfluß der abzusehenden Verände. rungen des Dollarkurses auf den Zinssatz in den USA* siehe einen Artikel des stellvertretenden Vorsitzenden der Manwfacturers Hanover Investment Corp in New York, der unter diesem Titel in der Zeitschrift Ewromoney vom Februar 1984 erschienen

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InPreKorr 165, 1. 10. 1984 bewertung des Dollars entschied, um die durch das Budgetdefizit entstehende Inflation abzumildern, unvermeidlich ein kolossales Außenhandelsdefizit vorprogrammiert. Es stieg von 25 Mrd. $ 1980 auf 36 Mrd.$1982 und auf 60 Mrd. $ 1983. Möglicherweise wird es 1984 die 100 Mrd. S- Grenze übersteigen. Im Mai 1984 erreichte es einen aufs Jahr umgerechneten Rhythmus von 150 Mrd. S. Ein teurer Dollar erweitert dieses Loch noch mehr, weil dann die Einfuhren in die USA stark zurückgehen. Sie sind im Jahre 1983 um 30 Mrd. S gefallen und nehmen weiter ab. Der TABELLE 2 Preisdifferenz Preise elektr. bei Exporten Masch. für Exp. 1979 auf 1982 10/11/12-82 auf Dollarbasis in$, 1979: 100 USA 31,3 г 126 Japan 0,8 C 90 BRD -12,9 C 83 Quelle: Lloyds Bank Review TABELLE 3 Anteil der USA an den Weltexporten 1970 1980 Hugzeuge 71 % 62 % Computer 42 % 36 % Bau- und Bergbaumaschinen 39 % 39 % W'iss., mediz.. Prüfgerät 32 % 29 % landwirt, Maschinen 31 % Pumpen, Kompressoren 29 % 21 % Telekommunikation 19 g 13 % Pharmaka u.a. 18 % 16 % Werkzeugmaschinen 17 g 13 Quelle: Forcign Policy Nr. 53, Winter 3/84 Rückgang bei der Ausfuhr von Fertigprodukten — also unter Ausklammerung landwirtschaftlicher und bergbaulicher Erzeugnisse aus der Analyse — fällt noch deutlicher aus. Die USA sind dabei, als erste Exportnation auf dem Weltmarkt von Japan und der BRD überrundet zu werden. Der amerikanische Aufschwung und die Überbewertung des Dollars stellten also die Lokomotiven dar, die die übrige internationale kapitalistische Wirtschaft aus der Rezession zogen, wenn auch in sehr unterschiedlichem Tempo, Maße und in Intervallen von Land zu Land [Tab. 2]. Aber sie wirken sich nur derart aus, wenn sie nicht durch einen Preisanstieg bei den wichtigsten Konkurrenten der amerikanischen Industrie wettgemacht werden. Daher rührt ein doppeltes Paradox. Reaganistes, und nicht Mitterand, Gonzales, Craxi, Thatcher, Nakasone und Kohl, der heute in der Welt des Kapitalismus eine neokeynesianische Ankurbelungspolitik anwendet. Und jene Politik kommt Japan, Kanada, Westdeutschland und dem Rest des kapitalistischen Europa nur deshalb zugute, weil er der einzige ist, der sie betreibt.

Man sollte aber die Auswirkungen dbertreiben: Die Verschlechteicht nicht der amerikanischen Position auf dem Weltmarkt bei den Fertigwaren ist in letzter Analyse das Ergebnis einer langwierigen strukturellen Entwicklung, einer Erosion, ja einem Verschwinden des Produktivitätsvorsprungs der amerikanischen Industrie, sogar in Bereichen der Spitzentechnologie. Dies kann man deutlich aus Tabelle 3 ersehen. Trotzdem bleibt die Ausweitung der Einfuhren in die USA zum Teil Funktion der Überbewertung des Dollars. Davon profitieren teilweise auch die Industrien halbindustrialisierter abhängiger Länder wie Südkorea, Brasilien oder Taiwan, die den Tauschkurs ihrer Devisen gegenüber dem Dollar stabil halten konnten — oder senkten — und stark nachgefragte Produkte in die USA ausführten. Japan mußte eine leichte Aufwertung des Yen gegenüber dem Dollar hinnehmen. Das Eindringen von Produkten aus halbindustrialisierten Ländern[2] auf den amerikanischen Markt hat spektakuläre Ausmaße. Ihr Anteil an den Importen der USA von Fertigprodukten überschreitet gegenwärtig den des kapitalistischen Westeuropa und den Japans, wie aus folgender Tabelle zu entnehmen ist. Dies Zahlen muß man mit Vorsicht genießen. Denn sie schließen ein steigendes Austauschvolumen innerhalb derselben Multis mit ein, die eine eigene interne weltweite Arbeitsteilung organisieren. Manchmal handelt es sich um Einfuhren von Gütern, deren Herstellung von amerikanischen Firmen bewußt in die Dritte Welt verlagert worden war. Doch diese Falle bleiben gegenüber der allgemeinen Bewegung zweitrangig. Diese umfaßt mehr und mehr Erzeugnisse der Schwerindustrie und nicht nur die üblichen Konsumgüter (zwei Drittel der Ausfuhren Südkoreas beispielsweise fallen schon in diese Kategorie). Es handelt sich also klar um eine Schwächung der amerikanischen In- [2) Das Problem der Entstehung von halbindustria lisierten Staaten habe ich in einem Artikel der Zeit. schrift Quatrième Internationale, Nr. 13, April 1984 behandelt.

dustrie auf dem Weltmarkt, die sich aus den Veränderungen ergeben hat, wie sich sich im Verlaufe der letzten 15 Jahre entwickelten.

Wie kann man unter solchen Umständen den Rückgang der Arbeitslosigkeit und die Schaffung von zusätzlichen Arbeitsplätzen in der US- Wirtschaft erklären, ein „Erfolg", der in der bürgerlichen Presse Europas ein großes Echo findet? Es handelt sich zu 89 % um im Dienstleistungsbereich entstandene Arbeitsplätze, im wesentlichen in ganz kleinen Firmen. Im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Mythos haben diese Arbeitsplätze nichts mit den Sektoren der Spitzentechnologie oder auch nur mit fortgeschrittener Technologie zu tun. Die gesamte Spitzentechnologie beschäftigt in den USA gerade 2 Millionen Personen und wächst jährlich nur um 0,1 % der Gesamtheit der Arbeitskräfte. Die Investitionen, die von den Steuerminderungen für Risikokapital durch Reagan profitierten, belaufen sich nur auf 1 Mrd.$ pro Jahr, weniger als 0,1 % der gesamten Kapitalınvestitionen der USA... Verschuldung wächst von Zyklus zu Zyklus

Um den Unterschied zwischen dem Zyklus 1974 - 1979 und dem, der mit der Rezession 1980 begann, hinsichtlich der internationalen kapitalistischen Wirtschaft insgesamt zu verstehen, muß man zunächst die Gemeinsamkeiten herausarbeiten. Bei beiden gab es einen neuen Aufschwung, den von 1976-1979 und den von 1983 - 1984, der von einer bedeutenden Ausweitung der Verschuldung getragen war, sowohl von seiten der Regierenden, als auch der Unternehmer, als auch der Verbraucher Aber diese Kredite gingen diesmal in eine ganz andere Richtung. In der Zeit 1974 - 1979 betraf die Ausweitung des Kredits vor allem die Regierungen und die großen Unternehmer der Länder der Dritten Welt (darunter die OPEC) sowie die bürokratisierten Arbeiterstaaten. In der Zeit 1980 - 1984 — und wahrscheinlich auch noch 1985 - fließen die Kredite vor allem in die imperialistischen Länder, in die internationalen Multis und die „nationalen" Konzerne. Diese Bewegung nimmt natürlich bei den Banken der imperialistischen

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Länder ihren Ausgangspunkt. Sie sind die einzigen, die über große Reserven an Geldkapital verfügen, oder vas auf das selbe hinausläuft, die ein zigen, deren Kredite für große Operationen zur Verfügung stehen.[3] Nicht weil die Länder der sogenannten Dritten Welt 1974 - 1979 viel Kapital brauchten, wurden ihnen zig Milliarden Dollar angeboten. Ihr Hunger nach zusätzlichem Kapital ist weiterhin unstillbar, wie im übrigen auch der Hunger der bürokratisierten Arbeiterstaaten nach zusätzlichen Krediten in Westdevisen. Nein, nur weil die Nachfrage nach frischem zusätzlichem Geldkapital in den imperialistischen Ländern zwischen TABELLE 4 InPreKorr 165, 1. 10. 1984 gen des steigenden Zinssatzes in den Mrd.S gestiegen. Wenn die Verschul- USA, hat sich das Gewicht der Ver- dung im jetzigen Tempo weitersteigt schuldung dauernd verschärft, beson- wird sie bald diejenige Mexikos oder ders für Brasilien, Mexiko, Argenti- Brasiliens übertroffen haben. Die nien, Nigeria, Indonesien, Polen, Ju- Schuld der öffentlichen Hand der goslawien und Rumänien, die sich un- Vereinigten Staaten hat die astronoter den großen Schuldnern betinden. mische Summe von 1,5 Billionen $ Dieser Zusammenhang ließ das Ge- erreicht und läuft Gefahr, bis zum spenst der Zahlungsunfähigkeit der Ende des Jahrzehnts auf 3 Billione Genannten auttauchen. Die imperia- anzuwachsen - das wäre das Zehn listischen Banken bekamen lange Ge- che von 1960. sichter wegen der regelmälsigen Um- Die Verschuldung von großen schuldungen der Kredite und trieben perialistischen Firmen hat nicht we die schwächsten Schuldner einen ger gigantische Ausmalse angenc nach dem anderen zur Einstellung ih- men. Die öttentliche Meinung kon: rer Zahlungen. Dies hat unbestreit- sich davon überzeugen, als man ( bar die Rezession 1980 - 1982 verlän- Bank Continental Illinois in Chikag gert, weil während des vorigen Zyklus mehr als 6 Mrd. S zuschießen muß: TABELLES

Einfuhren von Fertigprodukten in die USA 1973 1977 1980 Gesamt, in Mrd. S 42,5 74,7 In g':

aus Europa 36,0 28,5 29.7 aus Japan 21,5 24,5 24,6 aus Kanada 24,7 24.5 20,0 aus der Dritten Welt 12,5 18,8 22.5 Anleihen der vier größten Schuldner Lateinamerikas (Brasilien, Me- 1981 1982 1983 xiko, Argentinien, Venezuela) in % des Eigenkapitals der Bank 142,1 145,2 163,0 Manufacturers Hanover (USA) 240 Lloyds (GB). 228 27,0 25.0 24,3 Midland (GB) -213 25,4 27.4 25.6 Chase Manhattan (USA) . 175 18,8 18.2 19,0 Citicorp (USA).. ..170 23.5 25.0 28.0 Chemical (USA) .165 Bankers Trust (USA) 150 Im Jahre 1966 waren die Anteile: 43 % Europa, 23,4 - Nanada, 20,89 Japan und 10 % Dritte Bank of America (USA) . 145 JP Morgan (USA) .. . 125 First Chicago (USA) 115 Quelle: OECD und Handelsministerium der USA: die Daten waren in Le Monde vom 5.6.1984 1974 und 1979 infolge der fallenden Inflationsrate brüsk versiegt war, haben die großen imperialistischen Banken ihre überschüssigen Kapitale, die im übrigen noch durch die Petro-Dollars aufgeschwemmt waren, den Ländern der Dritten Welt und Osteuropas angeboten. Diese Angebote sind offensichtlich mit dem von den „nationalen Bourgeoisien" favorisierten Akkumulationsmodell der halbindustrialisierten Länder zusammengefallen, die sich auf den Export ausrichteten. Aber gerade als Folge der Krise konnten die Ausfuhren dieser Länder nicht mit der steigenden Verschuldung Schritt halten. Daher, und we- [3] Zu diesen Banken muß man nocheinige in Saudi- Arabien, Kuweit und Bahrein hinzufügen, die einen Teil ihrer Petro-Dollar-Reserven direkt halten und vergeben, außerdem die Banco do Brasil. [4) Wir möchten noch anmerken, daß in Kuweit, dem reichsten Land der OPEC in Relation zu seiner geringen Bevölkerungsdichte, die ausgelassene Spe kulation auf einem Parallelmarkt, dem Suk al-Mamakh, zu einem Platzen von ungedeckten Schecks in Höhe von 93 Mrd.S (ca. 260 Mrd. DM) führte. Le Monde, 17.8.1983.

[5) Die Newe Zürcher Zeitung berichtete am 21.3.1984, daß die Fusionsoperationen in der amerika. nischen Erdölindustrie, von der die Standard Oil of California, die Texaco und die Atlantic Richfield profitierten, mit 35 Mrd. S Bankkrediten finanziert wurden, einer Summe, die höher liegt als die Schulden der Philippinen, Indonesiens, Nigerias, Ägyptens, Indiens und der Türkei zusammengenommen! Continental Illinois (USA) 110 National Westminster (GB 100 Barclays (GB) 75 Quelle: Swnday Times, 3.6.1984 Gesamtsumme der Bruttozinszahlungen in % der gesamten Ausfuhren von Gütern und Dienstleistungen 1978 1979 1980 1981 1982 1983 1984 Brasilien 24 31 32 39 50 39 40 Mexiko 20 21 20 26 31 31 35 Argentinien 11 14 22 34 52 42 44 Quelle: OECD aufgebaute Ersatzmärkte schrumpf- um sie vor dem Bankrott zu retten, ten. der zum Zusammenbruch des gesam- Aber Zug um Zug kamen zwei Er- ten amerikanischen Kreditsystems satzmärkte in den imperialistischen hätte führen können. Zu diesem Zeit- Ländern selber auf: zum einen die punkt rutschte man gerade nochmal gesteigerten Militärausgaben und die an einer Bankpanik vorbei, knapper im Westen rasch wachsende öffentli- noch als beim drohenden mexikaniche Verschuldung, zum anderen die schen Schuldenmoratorium 1982 wachsende Verschuldung eine Reihe im Herbst. großer imperialistischer Firmen, ent- Es ist im übrigen interessant, den weder um große Verluste abzudecken Hintergrund des Quasibankrotts der oder um Spekulationen großen Continental Illinois zu untersuchen. Stils[4] zu finanzieren, besonders fast Auch haben entgegen einer weit verausschließlich durch Bankkredite be- breiteten Legende die „schlechten zahlte Zusammenschlüsse.[5] Schulden" einiger lateinamerikani- Das Anwachsen dieser Schulden sche rie der die trolle bei den über war mindestens genauso spektakulär nur eine geringe Rolle bei wie bei Polen oder den halbindustria- standenen Verlusten gespielt. Sie walisierten Ländern Lateinamerikas. So ren vielmehr durch leichtfertig vergeist die Verschuldung von Frankreich bene Kredite entstanden, die an innerhalb einiger Jahre von 20 auf 70 folgende Kunden gingen:

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InPreKorr 165, 1. 10. 1984 - Spekulanten im Energiebereich, etwa Nucorp Energy, das Bankrott machte und der Continental Illinois eine Schuld von 200 Mio. S hinterließ; oder aus einer Beteiligung an spekulativen Krediten für den Energiebereich der Penn Square Bank in Oklahoma City, deren Schuld 1 Mrd. S erreichte.

- große, mit Verlust wirtschaftende Konzerne (200 Mio. $ an Dome Petroleum in Kanada, 200 Mio. an International Harvester, 100 Mio. an die Alfa-Gruppe in Mexiko, 40 Mio. Massey Ferguson, 24 Mio. an die Bramiff Airlines).[6] Man sollte daraus nicht den Schluß sehen, daß die Finanzkrise, von der ne Lander der Dritten Welt geplagt ten. für die weltweite kapitalisische Wirtschaft insgesamt keine Scuronung : darstellt. Sie ist das tur-naus, und zwar in zweifacher "unsicht. Zunächst, weil die Zahunesunfähigkeit, die ein Land nach der. anderen erklären mußte — Arrentinien hat praktisch seine Zinszahlungen im Oktober 1983 eingestelir, Mexiko macht gerade eine neue Arise in der Verfügbarkeit von Devien durch - sie unter dem Druck des /WF zwingt, ihre Importe drastisch zu reduzieren, womit sie zur Stagnation des Weltmarkts und zur Dauer der langwährenden Depression beitragen. Zweitens, weil ein Gutteil der Forderungen der privaten Banken ihr Eigenkapital und ihre Reserven übersteigen und eine Einstellung der laufenden Zinszahlungen diese Banken mit dem Zusammenbruch bedrohen würde (Tab. 5].(7)

Man muß sich darüber im klaren sein, daß das Schuldenproblem nicht nur die Länder der Dritten Welt betrifft; übrigens auch nicht nur die Verschuldung der Banken, wie aus Tabelle 6 hervorgeht. Dabei schließt diese Liste nicht einmal die Auslandsschulden Frankreichs, Schwedens, Dänemarks und Belgiens, welche sehr hoch liegen, ein.

Soll man daraus schließen, daß ein Bankenkrach unvermeidlich ist? Nein Die Schnelligkeit, mit der die amerikanischen Währungshüter der Continental Illinois 6 Mrd. S vorgeschossen haben — ganz im Gegensatz zu den Schikanen bei Umschuldungs- 16] The Economist, 19.5.1984. (7] Ubrigens wird nicht mehr von einer Rückzahlung des Kapitals selbst geredes, denn wo sollten die Länder der Dritten Welt die 700 Mrd. S herkriegen. um all das ihnen ausgezahlte Kapital zurückzuerstatten?

TABELLE 6 Wichtigste Schuldnerländer der imperialistischen Privatbanken Dezember 1982 (in Dollar)

Mexiko 61,5 Brasilien 60,0 Argentinien 24,1 Spanien 23.0 Venezuela 22,8 Südkorea 19.0 UdSSR. 17,0 Südafrika 14,8 Polen 13,8 Australien 12,8 Norwegen 11,4 Jugoslawien 10,1 Chile.. 10,0 Portugal ... 10,0 Griechenland 9.8 DDR 9.1 Finnland 9,0 Philippinen 8,5 Quelle: OECD und gemeinsame Stellungnahme der interna. tionalen Abascklungsbanken vom April 1984 TABELLE 7 Ausfuhren von Fertigprodukten der USA in die Dritte Welt (in Mrd. Dollar) 1981 1982 1983 nach lateinamerika 23.2 16,9 nach Asien 31.5 16.3 16,2 in den Nahen Osten 14.8 11,2 9.5 nach Afrika 10,7 3.9 2,7 4.5 Gesamt 54.6 4S.3 demgegenuber 61,5 Einfuhren gesamt 36,8 45,7 35.0 Quelle: Le Mondr. $.6.1984 verhandlungen selbst für kleinere Kredite von unabhängigen Ländern — zeigt deutlich, dals die imperialistischen Regierungen praktisch alles tun würden, um einen solchen Krach zu vermeiden. Die US-Regierung kann die Chase Manhattan oder die Citycorp nicht fallen lassen, schlicht weil die US-Regierung Chase Manhattan oder Citycorp ist. Es liefe also wahrscheinlich auf eine Verstaatlichung oder Internationalisierung der Verluste hinaus. Die Frage ist vielmehr, wen man zwingen würde, für die Kosten geradezustehen und was die unkalkulierbaren Folgen des Preises wären, der für das Wiederflottmachen des imperialistischen Banksystems zu zahlen wäre.

Keine

Umstrukturierung des Weltmarkts

Der wesentliche Grund der drohenden Finanzkrise liegt darin, daß die andauernde Erweiterung der Bankkredite unverzichtbar war, um zu verhindern, daß die beiden grundlegenden Widersprüche der internationalen kapitalistischen Wirtschaft sich zu einem Sprengsatz verdichten. Es handelt sich dabei einerseits um den Fall der Profitrate, also darum, daß der gesamte laufend produzierte Mehrwert nicht hinreicht, um dem Kapital in seiner Gesamtheit, vor allem aber dem neu akkumulierten Kapital, die erwartete Profitrate zu sichern. Andererseits entwickeln sich überschüssige Produktionskapazitäten in mehr und mehr Industriebereichen. Die Nachfrage der „Endverbraucher" reicht nicht mehr aus, um alle Konsumgüter aufzunehmen, die das System produzieren könnte. Aber je mehr die Kreditaufblähung in Hinblick auf Einkommen und reale Produktion ins Schleudern gerät, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß die Rentabilitäts- und Überproduktionskrise in eine Finanzkrise einmündet, wobei diese jene verschärft. Man muß sich die wirklichen Ursachen, und nicht nur die Oberfläche, der langen Depression vor Augen halten, die Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre begonnen hat, um zu begreifen, weshalb alle Hoffnungen auf eine mehr oder weniger automatische Umstrukturierung der internationalen kapitalistischen Wirtschaft sich bislang als eitel erwiesen haben und dies auch noch lange Jahre bleiben werden.

Auf den ersten Blick scheint die Ausweitung der industriellen Produktion in den abhängigen Ländern, vor allem im südostasiatischen Raum und Brasilien, aber in etwas geringerem Ausmaß auch in Mexiko und Indien, etwas Spektakuläres an sich zu haben. Die Kreditrestriktionen in Dollar für die lateinamerikanischen und afrikanischen Länder haben zu einem abrupten Fall der Ausfuhren der USA in diese Länder geführt, dem eine andauernde Zunahme der Ausfuhren dieser Länder in die USA gegenübersteht. Zum erstenmal in der Geschichte haben 1983 die amerikanischen Einfuhren von Fertigprodukten aus der Dritten Welt die amerikanischen Ausfuhren ebensolcher Produkte in diese Länder übertroffen [Tab. 7).

die Ausfuhren nach Lateinamerika Man ersieht aus dieser Tabelle, daß zurückgehen, während die nach Südund Ostasien zunehmen. Nicht nur die lateinamerikanischen Länder sind also Opfer der Politik des IWF, son

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dern auch die auf den Export orientierten Industrien der USA. Gleichzeitig versteht man, wie die Krise Lateinamerikas derzeit mit einem „neuen Exportboom" in Südostasien einhergeht. Länder wie Südkorea, Taiwan, Singapur, Hongkong und selbst Malaysia und Thailand erreichen jährliche Wachstumsraten in der Größenordnung von 6 - 7 %, vor allem dank der Exportzuwächse von mehr als 25 % für Südkorea, Taiwan und Hongkong und 7 % für Singapur [8].

Wenn man sich aber die Frage nach den Ursachen dieses Booms stellt, fällt die Antwort klar aus. Außer der Überbewertung des Dollars sind es vor allem die relativ geringen Löhne in Südostasien, die ihn erklären. Trotz einer regelmäßigen bescheidenen Zunahme liegen die Löhne in Südkorea um 50 % unter den japanischen und bei 35 % der amerikanischen und europäischen Einkommen. Daraus folgt, daß nicht Produktivitätsgewinne der Verlagerung der Kapazitäten zugrundeliegen, sondern nur die Differenzen bei den laufenden Kosten, also bei den Löhnen, die teilweise sogar durch eine geringere Produktivität ausgeglichen werden. Gleichzeitig zieht diese Verlagerung Schmal sung der globalen Nachirage sondern nach sich. Dies zeigt sich deutlich beim Rückgang des Welthandelsvolumens, das erst stagnierte und später wieder zunahm, allerdings geringer als die Produktion in den am meisten vom Aufschwung erfaßten Länder [Tab. 8].

Ein Beispiel soll diese Entwicklung verdeutlichen. Zum zweitenmal macht Südkorea Anstrengungen, eine Autoproduktion in Großserie auf die Beine zu stellen. 1,2 Millionen Fahrzeuge, die Hälfte für den Export, sind angestrebt. Aber wenn der Weltmarkt für Autos weiter relativ stagniert, werden die 600000 von Südkorea exportierten 600 000 vorher von japanischen, amerikanischen oder europäischen Firmen verkaufte Wagen ersetzen. Aber die Produktion dieser 600 000 wird um die Hälfte weniger Endeinkommen bringen als die 600 000 ersetzten Wagen. Es wird so einen Rückgang und keine Zunahme der internationalen Nachfrage geben, selbst wenn die Steigerung der Produktion und die relative Ausweitung des südkoreanischen Binnenmarkts in seinem Gefolge sich tatsächlich ergeben sollten, was übrigens sehr unsicher ist.

Ein weiteres gutes Beispiel ist das der petrochemischen Industrie. Sie leidet weltweit unter enormen Überkapazitäten. Sie war daher zu einem drastischen Abbau derselben in Europa und Japan gezwungen. Daraus ergab sich ein Aufschwung der Produktion in der Größenordnung von 15% 1982/83. Aber nächstes Jahr werden die neu aufgebauten großen petrochemischen Komplexe in Saudi-Arabien zu arbeiten beginnen und von den lokalen Rohstoffen zu sehr geringen Preisen profitieren. Daher sehen sowohl die europäischen als auch die japanischen Konzerne eine neue Krise und den weiteren Abbau von Kapazitäten voraus.[9] Wir sehen, am Ende steht eine langanhaltende Depression, die der kapitalistischen „Umstrukturierung" ihre Grenzen weist, und keineswegs die Umstrukturierung, die aus der Dpression heraushilft.

Reorganisierung der Arbeitsprozesse, aber keine „Regulierung"

der Krise

Die an die Möglichkeit des kapitalistischen Systems glauben, zu einer „Regulierung" der Akkumulationsbedingungen des Kapitals zu gelangen, oder exakter, zu einem aut gro- ISem Fulse ertolgenden Wiederaufschwung der Kapitalakkumulation denn schließlich handelt es sich darum, wenn man aus der seit 10 bis 15 Jahren anhaltenden Depression herausmöchte — legen sehr oft und zurecht das Schwergewicht auf eine grundlegende Reorganisierung der Arbeitsprozesse innerhalb der Fabriken. In der Tat bestätigt die Geschichte, daß dies das einzige Mittel ist, zu einem deutlichen Anwachsen der Mehrwertmasse und -rate gleichermaßen zu gelangen.

Doch bisher ist das diesbezüglich vom Kapital auf internationaler Ebene durchgesetzte Ergebnis mehr als [8] Far Eastern Economic Review, 14.6.1984. (9] The Economist, 16.6.1984. (10] Trotzdem sei noch angemerkt, daß der Rück. gang des Einkommens aus dem Olgeschäft das Prokopfeinkommen eines Libyers um 25 % hat sinken lassen und das dort seit drei Jahren die Löhne einge. froren sind, ja selber die Vollbeschäftigung bedroht cheint. Dies steht natürlich in Beziehung zur politi chen Krise, welche das Regime des Obersten Ghadaf gegenwärtig durchmacht.

InPreKorr 165, 1. 10. 1984 TABELLE 8 Weltweite Ausfuhren (in Mrd. Dollar) 1982 1983 1984 1850 1810 1900 lavon imper oder 1980 Länder (OECD) 1147 1133 etwa 1200 Quelle: Bericht der GATT, zitiert von Newe Zürcher Zeitung 5.5.1984 bescheiden und dies trotz des fortwährenden Anstiegs der Arbeitslosenzahl, die in den imperialistischen Ländern von 10 Millionen anfangs der siebziger Jahre auf mehr als 35 Millionen gegenwärtig gestiegen ist, um wahrscheinlich demnächst die 40 Millionen zu erreichen.

Sicherlich, die Reallöhne stagnieren oder gehen fast überall zurück. In einer Reihe von halbindustrialisierten Ländern brechen sie zusammen, wenn man die Länder Südostasiens und die reichsten Länder der OPEC mal ausnimmt.[10] Als Folge davon ergibt sich eine Explosion der Profite des Kapitals. Nach Business Week vom 18.6.1984 sind die Bruttoprofite, also vor Abzug der Steuer, 1983 in Kanada um 44 %, in Großbritannien um 24,4 %, in Westdeutschland um 13,2 %, in den Niederlanden um 10% und in Frankreich um 8,7 % gestiegen. 1984 sollen sie um 31,7 % in Italien, um fast 20 % in Großbritannien, um 14 % in Frankreich und fast 10 % in Westdeutschland steigen. Für die USA und Japan bewegen sich die Zahlen in ähnlichen Grölsenordnungen.

aber dabei handelt es sıch um ein ein konjunkturelle Bewegung un entspricht nicht einer Strukturveränderung im Arbeitsprozeß. Wenn solche Veränderungen sich ergeben vor allem als Folge des Einsatzes von Robotern — sind ihre Auswirkungen auf die Produktion von Mehrwert für die betroffenen Firmen nur wirksam, wenn sie Randerscheinungen bleiben und zu einer einfachen Umverteilung von Mehrwert führen. Wenn sie sich aber verallgemeinern, was man erst nach einigen Jahrzehnten wird sagen können, wird ein Absinken der Mehrwertmasse die Folge sein, das jede Erhöhung der Mehrwertrate ausgleichen wird. Denn nur die lebendige Arbeitskraft produziert Mehrwert — die Roboter nicht.

Die Grenzen einer gesteigerten Auspressung von Mehrwert bei sinkender, stagnierender oder nur lang-

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InPreKorr 165, 1. 10. 1984 sam wachsender Industriearbeit, sind also sehr eng. Und dies umso mehr, weil der Widerstand der Arbeiterklasse gerade als Konsequenz der Dauer der Krise und ihres Ubergreifens auf die starken Bataillone der Klasse anwächst. Die Errungenschaften der Arbeitenden bei der sozialen Absicherung, die bislang die Auswirkungen der Krise auf die Kaufkraft der Arbeiterhaushalte abmilderten, beginnen ihrerseits ausgehöhlt zu erden. Doch dies wiederum regt de Viderstand der Arbeitenden gege die Sparpolitik an.

Die größte verfügbare Reserve für eine Zunahme der Produktion von Mehrwert unter dem Zeichen der dritten technologischen Revolution und der Mikroelektronik liegt in der Industrialisierung des Dienstleistungsbereiches, in der Umformung von Dienstleistungen in verkaufbare Waren, deren Produktion eine gesteigerte Mehrwertproduktion begleiten würde. Wir sind noch weit von der vorgeblich „nachindustriellen" Gesellschaft entfernt! Dies wird vor allem im Gesundheitswesen, beim Unterricht, bei der Distribution von Waren, im Bankwesen etc. ablaufen. Aber es ist dreifach mit der potentiellen Auslösung des Protests der Arbeitenden verknüpft: mit Entlassungen, einer Verminderung der Dienstleistungen und einer abnehmenden Qualität dieser Dienste. Deshalb ist auch in diesem Bereich ein verschärfter Widerstand der Arbeitenden zu erwarten.

Wir halten also unsere schon früher getroffene Diagnose aufrecht. Damit das Kapital aus der laufenden gegenwärtigen Depression herauskommen kann, muß es ihm gelingen, den Arbeiterwiderstand zu brechen und einen bedeutend niedrigeren Lebensstandard durchzusetzen und den Widerstand der Völker der Dritten Welt gegen ihre gesteigerte Überausbeutung niederzukämpfen, sowie die Arbeiterstaaten in weit höherem Ma- Be als bisher in den kapitalistischen Weltmarkt zu reintegrieren. Aber heute ist es noch weit davon entfernt, auch nur ein einziges dieser Ziele in einem dieser drei Bereiche erreicht zu haben. Das wenigste, was man sagen kann, ist, daß dies in jedem Fall viel Zeit brauchen wird. Es ist der Ausang der Kämpfe zwischen recht leendigen Klassenkräften, der über das Los der Ziele des Kapitals entscheiden wird, und nicht irgendein innerer automatischer Regelmechanismus des kapitalistischen Systems. 16. Juni 1984