Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Deutsche Gewerkschaften sind gefordert

· Inprekorr Nr. 164, Januar 1985 (extra) · S. 3-4 · 750 Wörter

Gewerkschaften und Streiks Frauen BRD und DDR Großbritannien

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Der Kampf um die 35-Stundenwoche, für den die IG Metall richtigerweise internationale Solidarität gefordert und erhalten hatte, wurde von manchen Funktionären zum Vorwand genommen, die ersten britischen Kollegen die Mai 84 eine Rundreise durch die BRD machten, abzuweisen. Man habe nun keine Zeit. Dies kontrastierte grell mit der Haltung der streikenden Kollegen und Kolleginnen selbst; bei der Betriebsbesetzung bei Knecht in Lorch nahe Schwäbisch Gmünd beispielsweise wurden britische Bergarbeiter von einer Belegschaft begeistert begrüft, die weiß, was internationale Solidarität heißt. Denn hier standen deutsche, türkische und italienische Kollegen und Kolleginnen schon öfter gemeinsam im Kampf.

Die IGM-Führung wollte nicht nur am liebsten den Kopf in den Sand stecken. Sie versuchte sogar, Solidaritätsbemühungen zu verhindern. So schrieb noch im September, als der britische Streik bereits ein halbes Jahr alt war, Hans Mayr für den Vorstand an die Untergliederungen: „Der britische Kollege Joe Holmes, der NUM- Beauftragte für die BRD, reist weder mit Billigung, noch etwa im Auftrag der IGM. Gleiches gilt für Versuche, Spenden für die britischen Bergarbeiter einzusammeln... In jedem Fall raten wir davon ab, Einzelpersonen finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen."

Die Hartnäckigkeit der Gewerkschaftsaktiven, sich nicht von solchen Briefen abhalten zu lassen, zwang danp schließlich die IGM, selbst ein Spendenkonto einzurichten und einen großen Artikel in der Metall zu bringen.

Verschiedene Haltung

Andere Gewerkschaften wie die IG DruPa oder Ortsverwaltungen des DGB haben Solidaritätskomitees gegründet, so in Frankfurt, Mannheim, Osnabrück. Die meisten sammeln Geld, Kleider etc. Andere organisieren spezielle Kampagnen, z.B. die Initiative „Ein Stundenlohn für die Bergarbeiter pro Monat solange der Streik dauert" (Hamburg und Koln). Wieder andere gewerkschaftliche Strukturen nehmen bestehende Städtepartnerschaften zum Authänger und entwickeln direkte Kontakte zu den Bergarbeitern und Bergarbeiterfrauen in diesen Partnerstädten (Stutgart mit St. Helens, Karlsruhe mit Nottingham - letzteres ist besonders wichtig, weil dort nur eine Minderheit im Streik ist - Mannheim mit Swansea).

So weit ist's in der IG Bergbau noch lange nicht. Ganz klar schrieb der Vorsitzende Adolf Schmidt im Oktober: „Wir können uns mit den Streikzielen der NUM nicht identifizieren!" Das kennzeichnet mehr als deutlich seine Haltung; ein Kampf gegen Kahlschlagsanierung wird von ihm abgelehnt. Doch die Basis der IG Bergbau läßt sich auch nicht völlig mundtot machen. Manche Zechen, wie etwa Osterfeld in Oberhausen, fanden die Summe, die „Aus humanitären Gründen" von der Führung der IG Bergbau schließlich doch gespendet wurde, genau das, was sie ist: beschämend popelig. Sie ergriffen selbst die Initiative, sammelten Geld und nahmen direkte Kontakte zu britischen Kumpels auf.

Streikbrecherkohle

So wichtig alle diese Aktivitäten sind, ihre Wirkung wird erheblich dadurch eingeschränkt, dai noch immer die BRD zu den wichtigsten Lieferanten von Streikbrecherkohle gehört. Wie ein Delegierter auf dem Kongreß der IG Bergbau mitteilte, hat allein die Kokerei Hansa ihre Produktion um 10 000 Tonnen erhöht und das ausschließlich wegen Lieferungen nach Großbritannien.

ÖTV und DGB haben nun zwar kürzlich mit der NUM und anderen westeuropäischen Gewerkschaften beraten, wie dies unterbunden werden kann. Solche Beratungen dürfen nicht bei Absichtserklärungen stehen bleiben. ÖTV, GdED und IGBE müssen diese Lieferungen unterbinden.

Die Aktivitäten der Bergarbeiterfrauen haben auch hierzulande Frauenaktivitäten zum Streik ausgelöst. Mehrere Touren mit Bergarbeiterfrauen, die meisten auf „autonome" Initiative hin, haben zur Bildung von Solidaritätskomitees oder Patenschaften zwischen Gruppen hier und Bergarbeiterfrauenkomitees dort geführt. Bei einigen der gewerkschaftlichen Komitees ging von den Frauen die Initiative aus, und oft tragen sie auch die Hauptarbeit.

Den britischen Frauen ist vor allem an direkten Kontakten zu Frauengruppen hier gelegen. In ihren Augen werden diese Kontakte auch über den Streik hinaus bedeutsam sein, jetzt wo die Frauen dort ihre eigene nationale Organisation gegründet haben, um zu verhindern, daß ihre Komitees nach dem Streik wieder auseinanderfallen.

Frauensolidarität

Die Führungen der Gewerkschaften, die jetzt in die Solidarität eingestiegen sind und sich „an die Spitze" einer Bewegung gestellt haben, die in der Mitgliedschaft nicht mehr zu verhindern oder totzuschweigen war, haben ihre Skepsis gegenüber der NUM nicht überwunden. Deshalb sind sie bestrebt, die Solidarität möglichst weitgehend auf Geldspenden u.ä. zu begrenzen. Demgegenüber ist es das Anliegen der Aktiven in Gewerkschatten und Solidaritätsbewegung, darüberhinaus politische Solidarität derart zu erweisen; daß eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Streik und seinen Lehren auch für Westdeutschland stattfindet.

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InPreKorr Nr. 164, extra Konferenz der Solidaritätsbewegung: