Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Großbritannien

Streik der Bergarbeiter

· Inprekorr Nr. 162, 30. März 1984 · S. 28-30 · 1.300 Wörter

Gewerkschaften und Streiks Großbritannien

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Die große Mehrheit der britischen Kohlenförderungsgebiete sind durch einen Streik gegen Grubenschließungen stillgelegt. Über 100 000 der 183 000 Bergleute beteiligen sich, Streikposten sind mit einigem Erfolg dabei, die noch arbeitenden zu überzeugen.

Der Streik wirft die Bergleute und alle, die Solidaritätsaktionen mit diesen machen, in eine frontale Konfrontation mit der Regierung Margaret Thatchers und ihren Antigewerkschaftsgesetzen.

Die National Union of Mineworkers (NUM) wird vor die Gerichte gezerrt, damit sie aufhört, Streikposten aufzustellen. Die Taktik, die bei dem kürzlichen Zusammenstoß mit der Druckergewerkschaft abgewandt wurde, wird wiederholt. Aber diesmal haben sich die Tories an die mächtigste Gewerkschaft Großbritanniens gewagt, deren Streik 1974 die letzte Tory-Regierung von Edward Heath zu Fall brachte.

Beide Eisenbahn-, die Seeleute-, und die 1,8 Millionen Mitglieder starke Transportarbeitergewerkschaft, die Hafenarbeiter und LKW-Fahrer umfaßt, haben den Bergleuten ihre volle Unterstützung zugesagt und versprochen, keine Kohle mehr zu transportieren. Diese Hilfsaktion wird zu noch bittereren Konfrontationen mit dem Gesetz führen. Weitere, nicht so direkt betroffene Gewerkschaften sagten auch Solidarität zu. Der TUC hatte die Drucker im Stich gelassen. Als die Angestelltengewerkschaft im Spionagezentrum Cheltenham verboten werden sollte, aus Intercontinental Press 6, 2.4.84 war der TUC jedoch zu einem Aktionstag gezwungen. Ein nur 36 Stunden vorher angekündigter Streiktag brachte Millionen Metaller, Transportarbeiter und Angehörige des öffentlichen Dienstes auf die Beine. Es zeigte sich, daß Hundertausende nur auf das Zeichen einer Führung warten, um die Tories anzugreifen. Der Bergarbeiterstreik erhöht jetzt den Druck auf den TUC, eine kämpferischere Haltung einzunehmen. 1983 traten die Bergarbeiter von Wales in einen Streik gegen Grubenschließungen. Sie wandten sich an andere Bergbaugebiete um Solidarität, aber wurden in einer landesweiten Urabstimmung abgewiesen. Unter den 81 000, die für Streik gestimmt hatten, begann eine Diskussion, wie man einen kommenden Kampf besser vorbereiten könnte. Sie fanden, sie seien „mit Hilfe der formalen Satzung aus der Aktion gerissen worden" , die eine Urabstimmung vorschreibt, und müssen sich mit einer weitreichend durch das Vorgehen des National Coalboard (NCB, Kohleministerium) und verräterischer Führer wie Lord Joe Gormley, des vergangenen Präsidenten der NUM, gespaltenen Gewerkschaft auseinandersetzen. In den 60er Jahren hatten die NUM-Führer die Schließung hunderter Gruben hingenommen, da diese ökonomisch nichts mehr bringen. Sie fielen auf die Versprechungen der Regierung herein, es gäbe mit neuen Gruben und Investitionen eine sichere Zukunft. Diese Gewinn-Verlust- Rechung ist auch heute eine der größten Trumpfkarten in den Händen der Tories. Und die neue Führung unter Arthur Scargill hat viel zu tun, den Schaden aus den 60er Jahren wieder gut zu machen.

1977 stimmte Joe Gormley über die Köpfe der Bergleute hinweg einem Abkommen über Lohnanreize zu. 21 % der Löhne setzen sich aus Produktivitätsausschüttungen zusammen. So bekommen die Kumpels in Gebieten, in die viel investiert wird, Löhne, die weit über dem Durchschnitt liegen. Das hat Bergmann von Bergmann gespalten, indem die besser situierten vor jeder Konfrontation mit dem NCB zurückschrecken. Die Tories verstärken diese Einstellung, wenn sie offen davon sprechen, in diesen Gegenden den Bergbau zu konzentrieren und in den älteren, militanteren Gebieten abzubauen. Angesichts all dessen erweist sich eine nationale Urabstimmung als sicheres Mittel gegen jede Streikaktion. Daher beschlossen nach dem Fehlschlag von 1983 Aktivisten der NUM, einen anderen Weg zur nationalen Streikaktion einzuschlagen. Sie wollten regionale Streiks, wie den jetzigen in Yorkshire, zu einer nationalen Arbeitsniederlegung ausweiten, indem sie an gewerkschaftliche Solidarität appellierten. Die Bergleute der nicht am Streik beteiligten Gebiete werden gebeten, die Streikpostenketten nicht zu überqueren, die aus Yorkshire kommen. Diese flying pickets sind Freiwillige aus den bestreikten Werken und andere Unterstützer.

So kam es dann in den letzten Wochen. Während Tausende problemlos

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am Werkstor zur Umkehr gebracht werden konnten, gab es auch einige erbitterte Zusammenstöße. In Nottinghamshire wurde ein Streikposten getötet. Dies ist nicht Ergebnis eines Irrtums der Streikleitung, wie die Anhänger einer Urabstimmung behaupten. Sondern die Verbitterung ist Ausdruck der echten Polarisierung in der NUM, die als Ergebnis der 1 elleund-Herrsche-Politik der Tories und rechten Bürokraten zu betrachten ist. Die Streikenden hoffen, daß ihre entschlossene Aktion die Spaltung in den Kohlegebieten überwinden und die Einheit der Gewerkschaft stärken kann. Ihre Botschaft lautet: kein Arbeitsplatz, keine Grube ist sicher, und der Verkauf von Arbeitsplätzen für den Judaslohn eines verlockend klingenden Sozialplans heißt, die Zukunft ganzer Gemeinden zu verkaufen.

Als Thatcher 1979 an die Regierung kam, hieß die Parole „leaner but fitter" (schlanker, aber kräftiger). Dahinter verbarg sich eine heftige Umwalzung der verstaatlichten Industrien. Sie sollten für private Käuter ın kleine Teile zerstückelt werden. Aus weniger Arbeitenden sollte ein höherer Profit gezogen werden. Gewerkschaftliche Opposition gegen diese Einschnitte sollte zerstört werden. Die in Aussicht gestellten Maßnahmen für den Bergbau sahen finster aus:

- Zwischen 1979 und 1984 wurden 59 Gruben mit 40 000 Arbeitsplätzen geschlossen. Nach dem Wunsch der Tories sollte jeder dritte Arbeitsplatz wegfallen, wenn bis 1990 plangemäß 90 Gruben zu sein sollten. In den 70er Jahren wurden Gruben geschlossen, wenn die Kohle abgebaut war oder geologische Bedinzu gefährlich erschienen ließen. Heute besteht das NCB darauf, daß die Jewinnlage das Schicksal der Berg werke ausschließlich bestimmen soll. Ganz egal, wieviel gute Kohle noch unten liegt oder wie sehr sie in Krankenhäusern und Wohnungen gebraucht wird, soll ihr Abbau beendet werden, wenn er ohne Zuschüsse des Staates nicht läuft.

Das NCB hat Pläne für eine kleinere Anzahl von „Supergruben" ', die mit der modernsten computergesteuerten Technologie ausgerüstet sein sollen, um die über das Land verstreute Produktion zu ersetzen. Ganze Abbaugebiete sollen verschwinden. Anstatt mit der neuen Technik den gefährlich langen Arbeitstag zu reduzieren, soll mit einer drastisch verringerten Belegschaft der Ausstoß erhöht werden.

Die Tories können all dies nicht schaffen, ohne der NUM das Rück- ,grat gebrochen zu haben. Es helfen ihnen dabei der Produktivitätsbonus und die rechte Bürokratie. Aber auch andere Taktiken werden genutzt. Nach Jahrzehnten erbitterter Kämpfe hat die NUM ein gewisses Veto- InPreKorr 162, 30.3.84 recht hei den Arbeitsmethoden gewonnen. Dies wird neuerdings vom NCB allseits mißachtet, was zum Aufflackern einer Vielzahl örtlicher Auseinandersetzungen über Arbeitsbedingungen und Personalstärken bei bestimmten Arbeiten geführt hat. Eine weitere Front, die die Bergleute als Kraft der sozialen Veränderung ausschalten soll, sind die Vorbereitungen der Tories, Kohle durch Kernkraft zu ersetzen. Bis zum Jahr 2000 soll diese um 500 bis 800 % gesteigert werden.

Das Argument der wirtschaftlichen Unhaltbarkeit der Gruben empört die Bergleute besonders. Denn ganz abgesehen von den immer noch gezahlten Entschädigungen an die privaten Besitzer vor der Nationalisierung flossen letztes Jahr 366 Mio. £ an Zinsen und anderem in die Hände der Banken und Spekulanten — ein Aderlaß von 2 Mio. £ für jede Grube. Mit ihrer entschlossenen Streikaktion sagen die Bergleute, genug ist genug. Sie zeigen anderen Arbeitenden den Weg.

Ihre Alternative zur Abschlachtelinie der Tories umfaßt höhere Investitionen, früheres Rentenalter, erheblich mehr Lehrstellen, kürzere Arbeitszeit und billige Kohle in umweltfreundlicher Technik verarbeitet und vor allem für sozial nützliche Zwecke verbraucht.

Sie setzen durch ihren Angriff auf die Regierung die mutlosen TUC- Führer unter Zugzwang, die Opposition zum Sturz der Tories zu einigen. Wie der NUM-Präsident Arthur Scargill sagte: „ Wir kämpfen für eine Regierung, die so loyal zu unserer Klasse steht, wie Thatcherzu der ihrigen."

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Vorbemerkung:

Beilage zu InPreKorr Nr. 162 Das Register ist hauptsächlich nach Ländern geordnet. Für Artikel, die auf diese Weise nicht klassifiziert werden können, außerhalb der alphabeti- Es wird jeweils zuerst das Erscheinungsdatum, dann die Num- Artikel, die unter mehreren Länderrubriken genannt werden