Bluefields, Nikaragua; „Es ist nicht leicht," sagt uns Ray Hooker hier in Nikaraguas größter Stadt der Atlan tikküste. „Ihr seht, eine Revolutior ist eine sehr schwierige Sache." Im vergangenen Februar hatten 40 nordamerikanische Sozialisten mit sandinistischen Führern eine Diskussion, die zweieinhalb Stunden dauerte. In ihrem Verlauf betonte Ray Hooker, Mitglied der Regierung in Süd-Zelaya, eines ganz besonders: Das Gewinnen von Unterstützung für die Revolution an Nikaraguas isolierter Atlantikküste erfordert Geduld, Flexibilität und Zeit. Mit nur 200000 von Nikaraguas 2,9 Millionen Einwohnern ist Zelaya die am kärgsten besiedelte, aber auch die größte der 16 Provinzen Nikaraguas: sie umfaßt die Hälfte des Staatsgebiets. Jedenfalls haben die meisten der dort lebenden Menschen bei der Revolution im Juli 1979 keine Rolle gespielt.
Als die Sozialisten aus USA und Kanada im Februar in Bluefields ankame, waren sie sich der Hauptprobleme dieser Region schon bewußt: die Isolation und die gewaltige Entfernung von der Hauptstadt Managua. Um von dort nach Bluefields zu gelangen mußten sie fünf Stunden mit dem Buß und vier Stunden mit dem Schiff reisen. Als sie an Land gingen, waren sie verblüfft über den Kontrast zur Pazifikküste: Bluefields hat mehr mit der Karibik gemein, die meisten, darunter auch Ray Hooker, sprechen Englisch als Muttersprache.
aus Militant, 2+.6.83 / Inprecor 154 Spanische und englische den hemmungslosen Raubbau, den US-amerikanische Geschäftsinteres- Herrschatt sen an der Küste zur Folge hatten. Der Standard Fruit wurde freie Die Isolation der Atlantikküste, Hand gegeben, den Wald radikal von der sie heute sich zu lösen abzuholzen; im Laufe der Jahre haben beginnt, nahm 1631 mit der Ankunft sie so das einst reiche Waldgebiet im der Briten seinen Anfang. Während Nordosten Nikaraguas in eine Steppe des 16., 17. und 18. Jahrhunderts war verwandelt. es das Ziel Großbritanniens, das spa- Das kleine Nikaragua wurde in den nische Weltreich zu schwächen, das 40er und 50er Jahren auch zu einem damals die pazifische Küste Nikara- der größten Goldproduzenten der guas beherrschte. Welt. „Aber wenn Sie jetzt in die Während die Spanier den Großteil Minengegend gehen," sagt Ray Hooder indianischen Bevölkerung ausrot- ker, „was finden sie dann? Gar nichts! teten, war es dagegen die Politik der Das heißt sie finden Ausrüstung, die Briten, sich der einheimischen Bevöl- nun überflüssig ist, und Geisterstädte kerung zu bedienen, um sie Handel in großer Zahl, und sie werden viele und Fischerei betreiben und für das Menschen antreffen, die an Tuberkubritische Empire kämpfen zu lassen. lose oder Silikose erkrankt sind. „Wir hatten zwei europäische US-amerikanische oder der So- Mächte, die die jeweiligen örtlichen mozafamilie gehörende Fischereige- Bevölkerungen anhielten, sich gegen- sellschaften wurden gegründet, um seitig zu hassen", , erklärt uns der san- Krabben und Hummer in die USA zu dinistische Führer Hooker, der selber exportieren. Für jedes Kilo Krabben in Bluefields geboren und die Schule mußte ein Vielfaches an anderen der Moravischen Kirche (Böhmisch- Fischen gefangen werden. Aber da sie Mährische Brüder, d.Red.) besucht sich nur für den Exportmarkt intereshatte. sierten, befahlen die Fischereigesell. Bis 1894 wurde die Atlantikküste schaften den Fischern, diese wieder noch in gewissem Maße von ihren ins Meer zu werfen. So nahmen sie den eigenen Traditionen und Gebräu- Costeños systematisch eine wichtige chen regiert. In diesem Jahr kamen Proteinquelle." Truppen und Kriegsschiffe der USA, Während dieser Zeit gab es auch um der Regierung der Pazifikküste zu keine Krankenhäuser oder Schulen, helfen, sich die Atlantikküste ein- und der Kontakt zur Außenwelt war zuverleiben. extrem schwierig. Die Costeños verloren so nicht nur ihre Traditionen, sondern fast sämtliche natürlichen Vorkommen durch
bulrehon. ils; Teile und herrsche „Was Somoza tar," sagt Ray Hooker, „war die wechselseitige Isolierung aufrechtzuerhalten, die Arlantikküste von der Pazifikküste isoliert zu halten. Teile und herrsche — das war sein Gedanke. Gegen Drogenschmuggler und -konsumenten schritt er nicht ein. Möglicherweise war die Atlantikküste damals ein Zentrum des internationalen Drogenhandels geworden.
So war hier nach dem Sieg ein ganz schöner Schlamassel. Was ist dann passiert?
Die Bewohner der Atlantikküste gehören verschiedenen Kulturen an: der Miskitos, der Sumos, der Ramas und der Englischsprachigen. Am Pazifik ist die Bevölkerung im wesentlichen spanischsprachig. Zwei Völkerschaften — Leute, die nursehr wenig voneinander wissen. Und es ist der Mangel an Kenntnissen, dereinen Fehler machen läßt. Wenn man eine Gegend regieren will, muß man sie verstehen, ihre Kultur begreifen. Es ist der Mangel an Verständnis, dieser Mangel an Kenntnissen voneinander, der Probleme geschaffen hat, Probleme, die wir sogar heute erst anfangen zu lösen.
zunehmend verständlich eu macens wie die US-Gesellschaften die Küste zerstört haben, sagt Ray Hooker. Imperialistische Ausbeutung haften mit der nationalen Regie Die Art Vertrag, den die Gesell rung hatten, war solcherart, daß sie so viel an Bier, Schnaps undanderen ausländischen Waren ins Land bringen konnten, wie sie wollten, ohne irgendwelche Steuern dafür bezahlen zu müssen. Jede dieser Gesellschaften stellte sicher, immer gut gefüllte Konzessionsläden zu betreiben — ein Gegenstück zu euren Supermärkten gewissermaßen. Was geschah also? Die Löhne der Beschäftigten flossen in die ausländische Firma zurück. Sie brachten Dinge wie den amerikanischen gelben Käse (Cheddar) und Konserven ins Land, an die wir nicht gewohnt waren. Hier hatten unsere Leute massenhaft Pabst Blue Ribbon Beer, Schlitz - damals das beliebteste - Budweiser und andere solche Sachen. Und was ließen sie für das Volk zurück?
Gehen Sie in den Norden und sehen Sie sich dort um - Sie werden nichts finden. Als sie die Bäume vernichtet hatten, haben die Gesellschaften ihre Siebensachen gepackt und sind fort. Und jetzt haben die Leute nicht einmal mehr ihre Bäume, ihren Wald, der eine traditionelle Nahrungsquelle gewesen war, da sie in vielen fällen von der Jagd leben mußten. Als man aber die Bäume abholzen ließ, verschwanden auch die Tiere.
Dennoch können Sie eine ganze Reihe Menschen der älteren Generation treffen, die sagen: ,Ach, wenn doch nur wieder eine andere Gesellschaft nach Nikaragua kommen würde!' Das ist das Tragische an der Situation, daß sie niemals verstanden haben, was geschehen ist, wer ihnen die Mittel zu ihrem Lebensunterhalt weggenommen hat, und dals die zukünftige Generation in Gefahr gebracht wurde, daß die Zukunft ihrer eigenen Kinder gefährdet sein kann, daß jede Flasche Whiskey, die sie konsumiert haben, ein Weniger für ihre Kinder bedeutete." Ein Faktor, der diese Aufklärungsarbeit verkomplizierte, war die Tatsache, daß nach dem Sieg der Revolution von 1979 die sandinistischen Führer, die mit dem vollen Ausmaß der imperialistischen Verwüstung nicht vertraut waren, unrealistische Pläne bezüglich des Tempos wirtschaftlicher Verbesserungen machten.
„Wenn man darangeht, dieses Land zu kultivieren," erklärt Hooker, „muß man beachten, daß man für die Kokosnuß acht und für die Afrikanische Palme acht bis neun Jahre braucht. Und auch wenn man die Fischindustrie von Grund umstellen möchte, braucht man Zeit dazu.
Wenn sie also unmittelbar nach der Revolution versprechen, daß all diese Dinge in Bälde wahr werden, dann schaffen sie Erwartungen, die sie nicht erfüllen können, und nicht nur schaffen Sie Erwartungen, sie legen auch den Grundstein zukünftiger Gegensätze.
Dies war eine der schwierigen Situationen, durch die die Revolution hindurch mußte. Und der Mangel an Kenntnissen, den einige Führer der Revolution von manchen Kulturen der Atlantikküste hatten, kam noch dazu."
In Anbetracht der Vielzahl der Probleme, die die gegenwärtige Regierung hier geerbt hat, wollte einer der Gäste wissen, was Hooker als kurz-, mittel- und langfristige Ziele der Regionalregierung von Süd-Zelaya ansieht.
„Wir werden versuchen, die Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen; das ist unser kurzfristiges Ziel," begann Hooker. Genügendes, nahrhaftes, preiswertes Essen, angemessene Kleidung, Behausung und Bildungsmöglichkeiten für die ganze Region und das Gesundheitswesen, waren die Punkte, die Hooker
als grundlegende Bedürfnisse aufzählte.
Um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, versucht jede Region Zelayas mehr Nahrungsmittel vor Ort anzubauen, um die hohen Kosten für den Transport von Lebensmitteln von der Pazifikseite zur Atlantikseite zu sparen.
Als mittelfristig angelegtes Ziel arbeitet die Regierung an einem Programm zur Schnellausbildung von Technikern und Facharbeitern. Hooker sagte, das würde in etwaacht Jahre in Anspruch nehmen, fünf Jahre Studium und drei Jahre Praktikum, da ein Student „nach Verlassen der Universität praktisch immer noch nichts weiß." Ihre Experten würden die Erfahrungen des hiesigen Alltags benötigen, bevor man wirklich von ihnen sagen könne, sie hätten sich ein Wissen angeeignet.
Für diese Gegend ist dies ein essentielles Problem, da viele Fachleute das Land verlassen haben. „Das sind Leute, die aus den Fähigkeiten Geld machen wollen, die sie sich erworben haben. Nun, wenn Sie heute im revolutionären Nikaragua arbeiten, würden Sie durch materielle Vergütung oder das Gehalt nicht reich. Was Ihre Uberzeugung angeht, ja. Was ihre Selbstverwirklichung angeht, ja. Hier gibt es viele Reichtümer, die man gewinnen kann, aber wenn Sie das große Geld machen wollen, dann werden Sie das hier nicht finden. Landwirtschaftliche
Projekte
Ein langfristiges Ziel sei, betonte er, der Anbau ganzjähriger Kulturen, die der zehnmonatigen Regenzeit hier besser angepaßt sind. Dazu haben sie bereits mit der Anpflanzung von Kokosnuß auf 4300 ha und Afrikanischer Palme auf 24 000 ha begonnen. Diese Bäume müssen zwar acht bis neun Jahre wachsen, halten dann aber 75 bis 80 Jahre.
Andere Ziele sind:
* Den Hafen El Bluff bei Bluefields in den bedeutendsten Nikaraguas umzuwandeln. Dies würde für die Pazifikküste die Notwendigkeit verringern, für den Handel mit Europa und Amerika den teuren Panama- Kanal zu benutzen.
* Ein Straßensystem zu schaffen, das die zwei Städte an der Atlantikküste, Bluefields und Puerto Cabezas, mit Managua verbindet.
* Die Fischindustrie zu modernisieren, sowohl für den Eigenverbrauch als auch für den Export.
* Die Wiederaufforstung.
* Die Vergabe von Stipendien an Schüler aus kleineren Orten zum Besuch höherer Schulen, wo es solche nicht gibt.
Zum Schluß sagte Hooker: , Was moralische Werte betrifft, versuchen wir der etwas jüngeren Generation und der kommenden zu lehren, jedes andere menschliche Wesen hochzuschätzen und die Rechte und Vorrechte aller Individuen zu achten. Wir versuchen, die Verhaltensweise zu verankern, daß jemand, wenn er mehr Talente hat als sein Nachbar, diese nutzt, um anderen zu helfen und nicht nur selber Vorteile daraus zu ziehen. Aber das ist wieder keine einfache Sache."
Die nikaraguanische Revolution hat einige besondere Probleme an der Ostküste gehabt. Aufgrund der Tragweite dieser Schwierigkeiten, ist es eine Priorität für die Revolutionals ganzer, diese Probleme zu lösen, nicht nur für die regionale Regierung. Dazu einige Beispiele:
* Der Bau einer Straße, die auch bei jedem Wetter ihren Zweck erfüllen kann, von Managua nach Puerto Cabezas in den Nordosten. Dies wurde das bisher größte Einzelprojekt in Nikaragua nach dem Sieg der Revolution. Jetzt kommt die Straße nach Bluefields dran. Es ist dreimal so teuer, Straßen an der Atlantikküste zu bauen wegen den starken Niederschlägen.
* Seit dem Sieg der Revolution gehen viermal soviele Menschen zum Arzt wie vorher. Das Krankenhaus in Bluefields, das vorher nur vier bis fünf Stunden am Tag geöffnet war, ist nun ganztägig. Außerdem wird ein neues gebaut, wonach das alte wahrscheinlich in eine Poliklinik umgewandelt wird.
* Die Minenarbeiter, die wegen ihrer Erkrankung an Tuberkulose von den US-Gesellschaften gefeuert worden waren, erhalten nun monatliche Renten.
Herangehensweise bei der Anpas- InPreKorr, : Nr.158, 10.11.83 sung der aut der estküste existierenden Massenorganisationen an die abweichenden Bedürfnisse und Traditionen des Ostens. Über die Sandinistischen Verteidigungskomitees, die an der Pazifikküstefunktionieren, sagte Hooker: „Wir haben festgestellt, daß einige der Dinge, die an der Pazifikküste funktionieren, an der Atlantikküste scheitern. Wir kamen zu dem Schluß, daß wir von der konkreten und unterschiedlichen Lage in den einzelnen Gemeinden ausgehen müssen, die deren meisten Mitgliedern am Herzen liegen, daß wir mit den Menschen der Gemeinden selber die Lösung ihrer Probleme suchen müssen. Aber wenn wir zu ihnen gehen und ihnen Modelle überstülpen wollen, die ihnen fremdartig sind, werden wir keinerlei Erfolg aufweisen, " erklärte Hooker. Später in der Diskussion zu den Wandlungen in der Regierung seit der Revolution sagte er uns noch: „In einer Revolution werden einige Dinge einfach nach dem Prinzip von trial and error gemacht. Das ist sicher nicht immer die beste und wissenschaftlichste Herangehensweise. Jedoch manchmal bleibt einem nichts anderes übrig."
blickorr.
Libanon