Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Erdöl

Die Auswirkungen des schwarzen Goldrauschs auf die neokoloniale Wirtschaft Afrikas

· Inprekorr Nr. 5 (155), 15. Juni 1983 · S. 29-32 · 4.021 Wörter

Afrika Frankreich Weltwirtschaft und Krise USA und Kanada

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Die Auswirkungen des Erdöl:

schwarzen Goldrauschs auf die neokoloniale Wirtschaft Afrikas - von Claude Gabriel, Dez. 1983- Die OPEC-Sonderkonferenz im März 82 in Wien zeigte beson- duktion schwere Konsequenzen für die Wirtschaft des Landes. So ders deutlich, wie zerbrechlich dieses Kartells von Produzentenlan- fielen Nigerias Valutareserven 1981 um zwei Drittel. Die im Entdern angesichts der Manöver der großen imperialistischen Länder wicklungsplan vorgesehenen Kredite mußten um 2,4 Mrd. Dollar ist. Die Taktik, die Ölproduktion etwas zu senken, um den Ver- gekürzt werden. Nigerias Abhängigkeit vom kapitalistischen Weltkaufspreis hoch und die Deviseneinnahme dadurch auf gleichem markt nimmt zu.

Niveau zu halten, hat nur begrenzte Wirksamkeit. Einmal noch konnte die OPEC einen neuen Preisschnitt bei Das liegt vor allem daran, daß die imperialistischen Länder nigerianischem Öl abhalten, indem sie dem Land eine Unterstütvon Nicht-OPEC-Mitgliedern kaufen können, aber auch, daß Sau- zung von 1 Mrd. Dollar durch Saudiarabien und die Emirate verdiarabien als eine der Hauptstützen imperialistischer Politik im Na- schaffte, die aber nur Nigerias Auslandsverschuldung erhöhen, die hen Osten bei der OPEC die Trümpfe in der Hand hält. Es produ- schon bei 7 Mrd. Dollar liegt. Und die Abhängigkeit des Landes ziert allein fünfmal soviel an Rohöl wie der zweitgrößte Exporteur verminderte sich schon gar nicht. Venezuela und etwa zehnmal so viel wie Algerien oder Libyen. Das blieb also von den Illusionen, die man in Afrika über die Diese Konferenz enthüllte auch die extreme Abhängigkeit der Möglichkeiten »unabhängiger« Entwicklung durch das Öl hegte. nigerianischen Wirtschaft vom Weltmarkt und den großen impe- Der folgende Artikel zeigt nicht nur deren Hohlheit, sondern ananrialistischen Unternehmen. Die Konkurrenz des billigen Nordsee- lysiert auch die Konsequenzen der durch das Öl geschaffenen wirtöls, aber zweifellos auch die Manöver der Ölmultis erzwangen ei- schaftlichen Differenzierung zwischen den afrikanischen Ländern nen scharfen Rückgang der nigerianischen Olproduktion von 2 im Einzelnen. Ein ausgeprägtes »Modell der Entwicklung« auf der Mio. Barrel pro Tag im Januar 1981 auf 700 000 im August des glei- Grundlage von Erdöl hat sich herausgebildet, das aber keineswegs einen Bruch mit der strukturellen wirtschaftlichen Abhängigkeit

Da Nigeria 90% seiner Exporteinnahmen und 80% seines In- vom Weltmarkt und vom Imperialismus darstellt. landseinkommens aus Öl bezieht, bedeutet jeder Verfall der Ölpro- Die verschiedenen Abschnitte der Aus- Unter anderem zum Zweck der Vertu- kommerziell ausbeutbarer Ölfelder ermanplünderung Afrikas betrafen nicht alle schung dieser Verhältnisse wurde das Kon- gelt, an die Spitze des Rudels bringen könnund Regionen des Kontinents zept der »am wenigsten entwickelten «Län- te. Wir wissen auch schon , daß eines Tagleichmäßig. goldene Zeitalter der geboren. Diese werden aus bewußt im ges westliche Bohrfirmen aus politischen Bergbaus und der kolonialen Extraprofite Dunklen gelassenen Gründen als die Arm- Gründen dort größere Reserven entdecken brachte schon eine bestimmte Differenzie- sten der Armen beiseitegestellt. Von den 31 könnten, wo sie Jahrelang scheinbar verrung zwischen den Ländern mit sich. Mit Ländern dieser Kategorie liegen 21 südlich geblich suchten (5). der Entkolonisierung und besonders mit Nach den vier Ölexporteuren kommen dem Beginn der Industrialisierung der sieb- Dieses Ungleichgewicht hat nach den der Rangordnung einige Länder, ziger Jahre wandten sich die Imperialisten großen Ölpreissteigerungen 1973/74 noch schon kieine, selbst für den Inlandmarkt dem bewußten Ziel zu, die ungleiche Ent- zugenommen. Die meisten unzureichende Olmengen hervorbringen, wicklung der afrikanischen Länder zu stei- Schwarzafrikas produzieren, wenn über- die aber genügen, die Hoffnung ihrer Rehaupt, nur sehr wenig Ol. Brennstoffe ma- gierungen und das Interesse der Investoren

Zum Beispiel wurde im Rahmen des chen zwischen 13 und 15% ihrer Importe aufrechtzuerhalten. Dazu gehören Kameersten Abkommens von Lomé, das 44 afri- aus. Am schlimmsten stehen in dieser Hin- run, Elfenbeinküste, Ghana und Zaire. kanische, pazifische und karibische Länder sicht Zimbabwe und Uganda da. Bei ihnen Diese Möglichkeit hat in den imperialistider EG verband, das CECI (Europäisches beträgt der Anteil 30% (2, schen Plänen beachtliche B edeutung ge- Zentrum für Internationalen Handel) gebil- Zum Vergleich: die vier Hauptölpro- wonnen und sich auf die Chancen der verdet. Dessen Vorsitzender Giscard d'Estaing duzenten südlich der Sahara, Nigeria, Ga- schiedenen afrikanischen Länder, Investowies recht eindeutig auf die Politik bevor- bun, Kongo und Angola, zahlen nur 2% ih- ren zu interessieren, ausgewirkt. zugter Behandlung durch das imperialisti- rer Importausgaben für Brennstoff. Das Dafür gibt Kongo ein gutes Beispiel sche Europa hin. Er sagte, es sei Aufgabe Ölproblem hat die Auslandsverschuldung ab. Dieses Land hatte traditionell immer des CECI, »die ökonomischen Beziehun- Jer Importländer stetig in die Höhe getrie- nur mäßige Anziehungskraft auf französigen einer ausgewählten Gruppe von Län- ben. Das derzeitige Handelsbilanzdefizit sche Investoren. Inzwischen werden diese dern in Afrika, Lateinamerika und Asien dieser Länder stieg von 1970 1,2 Mrd. auf es wohl etwas verlockender finden. Es ließ mit europäischen Firmen auf ein höchstmö- 1980 8 Mrd. Dollar (3), einen aufhorchen, den Entwicklungsminigliches Maß zu steigern, um profitable und Über die negative Handelsbilanz hin- ster der Giscard-Barre-Regierung Robert dauerhafte Arrangements einzuführen«'!). aus scheint die An- oder Abwesenheit von Diese Selektion nach ökonomischen, Öl in Afrika eine zusätzliche Basis diskrimipolitischen und sozialen Kriterien seitens nierender Investitionspolitik zu sein. Viele (1) AFP, Abidjan, 12.4.1975 der Investoren ließ die Nachteile bestimm- Regierungen haben nun wie wild die Suche (2) Weltbankbericht (»Berg-Report«):»Indicative Acter Länder noch mehr zum Tragen kom- nach Öl begonnen, während es noch vor fion Program for Black Africa, 1981, S.175 men, die sie ursprünglich Dingen wie iso- wenigen Jahren als ausgemacht galt, daß (3) Ibid, S.21, (in Dollarwerten 1978) lierter Lage, geringen Rohstoffvorkommen die meisten dieser Länder keine Öllager ausgedehnten (4) Für ganz Schwarzafrika werden die Reserven auf et- Aufgrund der Ungleichheit bei der Verfüg- Die heute bekannten Reserven sind was mehr als 19 Mrd. Barrel geschätzt. » Berg-Reporte, barkeit der Absatzmärkte und beim Kapi- ziemlich bescheiden. Die augenblicklich talzufluß haben regionale Industriepläne ei- produzierenden Länder haben auch davon (5) Z.B. hat die Regierung des Kongo sich mehrmals be nes der Länder immer den Nachteil der an den Hauptteil (4). Aber man muß diese An- wenn die ELF-ERAP die Produktion mit der gaben natülich cum grano salis nehmen. mangeinder Reserven zurückschraubte.

Ein überraschender Fund kann nie ausge- dies das Offshore-Öl des Kongo attraktiver werden ließ, Als es dann durchgängig zu Preiserhöhungen kam, und schlossen werden, der ein Land, das heute »entdeckten die Gesellschaft größere Vorräte.

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Galley sagen zu hören, Kongo könnte ein Land mit Zukunft werden. Bis dahin war die selbsternannte »marxistischleninistische« Junta des Landes immer ein angebliches Schreckgespenst französischer Investoren gewesen. Das Vorhandensein von Öl scheint über die ideologische Fassade das Übergewicht bekommen zu haben. Zumindest ist das wohl der Hintergedanke, wenn ein Direktor der SCOA-Handels- und Indusiriegesellschaft, deren Aktionmehrheit die Paribas-Bank innehat, sagt: »Nicht Beauce oder Brie (Käsesorten, d.Red.) sind es, die die Solidarität der Franc-Zone erhalten. Es ist der Franc der Französisch-Afrikanischen Gemeinschaft, der durch das Ausmaß der afrikanischen Ölüberschüsse in den letzien Jahren stabilisiert wurde«(6)

Mit anderen Worten, der Franc CFA ist nichts anderes als die Währung des Mutterlandes , von den Zentralbanken in den ehemaligen französischen Kolonien unter anderem Namen herausgegeben. Das Öl wird von französischen Firmen in ein und derselben Währungszone gepumpt, sei es in Gabun, das lange von gaullistischen Söldnern kontrolliert wurde, sei es in Kongo, dessen Regime sich als revolutionär brüstet und seinen sowjetischen »Bruder«nachäfft. Dieses Öl könnte, im Seine-Becken gewonnen, nicht französischer sein. Wenn Länder wie Kongo die internationale Finanzwelt wegen ihrer Ölreserven anlocken können, kann die Hierarchie der ungleichen Entwicklung leicht durcheinandergebracht werden. Ist die von Giscard d'Estaing 1975 aufgestellte Klassifizierung für sein CECI 1982 also noch gültig? Wenn das Öl solch eine Rolle spielt, werden Länder wie Senegal und Kenia viel von ihrer Anziehungskraft verlieren, obwohl sie bislang bei imperialistischen Industrieprojerkten vorneanstanden.

Wir müssen zwar damit vorsichtig sein, die Entwicklungsmöglichkeiten auf einem Sektor wie Öl zu extrapolieren - sollten aber dennoch die Vorteile, die afrikanisches Rohöl den Imperialisten bietet, und die strukturelle Rolle, die es in den Wirtschaftsprojekten der Subsahara spielen könnte, beherzigen.

PLÄNE WERDEN GEWÄLZT

Erstens gilt afrikanische Rohöl, besonders das nigerianische und das gabunesische, als qualitativ hochwertiges Öl, das leicht ist und bei der Raffinierung nur wenig Verunreinigung produziert. Zweitens liegt dieses Öl aus unschwer zu verstehenden Gründen in eher als die des Nahen Ostens zu kontrollierenden Ländern. Die politische Schwäche der herrschenden Klassen und der Regime Afrikas ermöglicht es den . westlichen Regierungen, die Versorgungsquellen dieser Länder fest im Griff zu behalten. Trotz einigen hart klingenden Positionen zu Südafrika hat z.B. die nigerianische Regierung es nie gewagt, so etwas zu tun wie die arabischen herrschenden Klassen während des Krieges von 1973 mit Is- Sowohl aus politischen als auch aus ökonomischen Gründen scheinen die afrikanischen Ölländer auch nicht nach einer Mitgliedschaft in der OPEC zu streben. Gabun und Nigeria sind Mitglieder, aber Kongo und Angola nicht; Kamerun und Elfenbeinküste zeigen noch weniger Interesse. Zweifellos wird afrikanisches Erdöl bei den Importen des Westens niemals die Rolle spielen wie das aus Arabien oder Lateinamerika. Diese Möglichkeit steht bei der Frage der Bedeutung afrikanischen Öls nicht zur Debatte. Aber Länder wie Frankreich oder die USA haben ein Interesse daran, ihre Quellen zu diversifizieren. Daher hängt Frankreich so zäh am gabunesischen oder kongolesischen Rohöl und die USA am nigerianischen.

Tatsächlich scheint afrikanisches Öl vor allem eine Rolle betreffs des »Entwicklungsmodells« zu spielen. Da es wie von selbst bestimmtes Industrie- und Handelskapital anzieht, wird es zum Auslöser bestimmter Entwicklungsprozesse. Öleinkünfte verändern das gesamte politische und ökonomische Verhalten. Um die durch das Öl befeuerte Hoffnung gewinnen Pläne für andere Bereiche, auch den sozialen, Form.

Das Grundschema, das imperialistischen und afrikanischen Regierungen gemeinsam ist, kann wie folgt zusammengefaßt werden: Die Öleinnahmen maximieren, um die ökonomische und soziale Entwicklung dieser Länder anzukurbeln. Zumindest wird dies von beiden als politische Absicht öffentlich kundgetan.

Da aber, wie oben gesagt, die afrikanischen Regime politisch schwach sind, waren die tatsächlichen Einnahmen pro Barrel verkauften Öls für nationalen Haushalte sehr wechselhaft. Die allgemein erwartete Einkommenssteigerung konnte bei weitem nicht überall realisiert werden. Dies hing von der Vielfalt der zum Transport des Öls eingesetzten Techniken, von der Vielzahl neuer Bohrverträge und von den großen Unterschieden bei den fiskalischen Systemen ab.

In einigen Fällen hat die überwältigende politische und ökonomische Macht dieses oder jenes imperialistischen Landes, das bisweilen alleiniger Abnehmer und Konzessionshalter des Öls ist, die lokale Bourgeoi-. sie auf einen Kompradorenstatus reduziert, obwohl sie theoretisch die Vorkommen besitzt. Am deutlichsten ist das in Gabun. Außer diesen im Kontext der kapitalistischen Weltwirtschaft »natürlichen« Risiken kann das Wachstum der Ölproduktion in einem solchen Land noch andere katastrophale Auswirkungen haben, worauf Experten und sogar Regierungen selber regelmäßig hinwiesen, die aber von niemandem besonders beachtet wurden (8) Schon bei einer groben Betrachtung der Wirtschaften Nigerias und Gabuns über die letzten zehn Jahre hinweg springen einem folgende strukturelle Auswirkungen (6) Le Matin de Paris, 19.12.1980 (7) 1979 beschloß die nigerianische Regierung, das Vermögen von BP zu verstaatlichen, nachdem sie deren Komplizenschaft mit Südafrika entlarvt hatte. (8) Siehe z.B. die Dokumente des Seminario Internacional sobre Petroleo e Desenvolvimento, Luanda, Angola, 5.-8.S.1981, Ministerio dos Petroleos

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ins Auge: handle es sich um Öl oder andere Bergbau- dem Land nicht ermöglicht, sich auf unab- - Landflucht und sprunghaftes Anwachsen erzeugnisse. Ein Teil der Einnahmen geht hängige und souveräne Weise zu entder Städte; in Spekulationsgeschäfte und Luxuskon- wickeln. Der aus einem Rückgang der - Verfall der Landwirtschaft und wachsen- sum der herrschenden Klasse, die Nachfrage nach leichtem nigerianischem de Abhänigkeit von Lebensmitteleinfuh- noch unter dem Deckmantel der »Afrikani- Rohöl resultierende zeitweilige Fall der Einren; sierung« der Verwaltungskörper und des nahmen zeigte außerdem, wie risikoreich - beschleunigte Inflation; Betiebsmanagements rasch anwächst. diese Quelle angesichts der internationalen - Entwicklung von Industrien ohne Zusam- Die Öleinnahmen erhöhen auch Konkurrenz mit dem Nordseeöl ist. Im letzmenhang mit den Bedürfnissen des einhei- politische und wirtschaftliche Gewicht des ten Drittel 1981 verdrängte Großbritannien mischen Marktes, sondern im Sinne des Im- Staates. Auf dem Kontinent, wo die herr- Nigeria bei den Importen der USA von seiperialismus zu den örtlichen Energiequelien schenden Klassen so von Einnahmen aus nem Platz. Diese Entwicklung hängt direkt passend. der Staatskasse abhängig sind, überrascht mit den weitgespannten Fluktuationen des es nicht, wenn deren Erhöhung auch eine Rohölpreise zusammen. Die Amerikaner DAS BEISPIEL NIGERIA Erhöhung bei jenen nach sich zieht. wechselten zum billigeren britischen Öl. So Nigeria ist der führende afrikanische Olproduzent, noch vor Libyen und Alge- Oleinkommen 25 Mrd. Dollar gegenüber 15 Mrd. 1978.

Hauptabnehmer waren die USA mit Mobil TEXAC

In den sechzehn Jahren zwischen 1964 und 1980 stieg die nigerianische Ölproduktion von 6 Mio. auf 103 Mio. Tonnen. Diese wenigen Daten reichen, um Umfang und Dynamik dieser Industrie in Nigeria zu um- Mit solchen Einnahmequellen verwundert es nicht mehr, daß Nigeria eines der wenigen Länder Scharzafrikas ohne Zahlungsbilanzdefinzit war.Trotz oder besser wegen dieses Wohlstands hat das Land das klassische Ungleichgewicht des Außenhandels, das alle neokolonialen Staaten kennzeichnet. Öl macht 90% des niegerianischen Exports aus. Importe sind vor allem Maschinen und Transportmittel (43,7%, In einem Land wie Nigeria behalten mußte Nigeria seinen Ölpreis in den letzen 1978), Fertigwaren, Nahrungsmittel und die Regionen und daher die verschiedenen Monaten reduzieren und damit seine Ein- Chemieprodukte. Stagnation oder relativer kleinbürgerlichen Gruppen und örtlichen Verfall des Öimarktes müßten Nigeria in ei- Honoratioren großes Gewicht. Für einen Die Wackligkeit des Ölmarktes hat die ne schwere Finanzkrise stürzen. Teil der Bourgeoisie, die Staatsbürokratie Imperialisten nicht daran gehindert, den Ohne darauf erst warten zu müssen, und die Armee ist es daher oberstes Ziel, ei- um das Wunder versprechende Schwarze leidet die nigerianische Ökonomie heute nen stabilen und starken Bundesstaat auf- Gold herum aufgebauten Wirtschaften schon an den üblen Auswirkungen dieser zubauen. Der Ölboom hat den Aufbau ei- Kredite zu geben. Die multinationalen Gehohen Öleinkünfte. Seit 1977 hat das Land nes Bundesheeres von mehr als 250 000 sellschaften sind sehr gut in der Lage, aus mehr als 100 000 Tonnen Getreide pro Jahr Mann ermöglicht. Er hat einer zunehmen- dem von einer solchen einseitigen Wirtimportiert. Der durchschnittliche tägliche den Vermischung dieser Kraft mit dem Ver- schaft geschaffenen Ungleichgewicht zu Verbrauch von Lebensmitteln ist gesunken, waltungsapparat den Weg geebnet. Das Mi- profitieren. Um wieder Nigeria als Beispiel und einige Jahre lang wuchs die Stadtbevöl- litärregime hat die Zahl der Bundesstaaten zu nehmen, so eröffnete der Nidergang des kerung jährlich um 10%. Ja, für die Bau- erhöht und damit die Polarisierung zwi- Getreideanbaus einem Unternehmen wie ern bedeutete das Ol den Ruin. 1968 mach- schen den drei großen regionalen Völker- Flour Mills einen bedeutenden Markt: es ten landwirtschaftliche Produkte 627 der blöcken gedämpft - den Haussa und Fulani hat inzwischen quasi das Monopol der Exporteinnahmen aus. Schon 1974 waren im Norden, den Ibo im Osten und den Yo- Korneinfuhr und besitzt alle Silos im Lanes nur noch 5%, allerdings von einem ruba im Westen (14).

15mal so hohen Gesamtvolumen. Aber die- Die Hungerwaffe, wie das imperialistiser relative Rückgang bedeutet den Zusam- EIN NEUES ANGRIFFSZIEL DES IM- sche Saatgutmonopol heutzutage schon gemenbruch des Marktes, was die Bauern rui- PERIALISMUS nannt wird, ist keineswegs der kleinste Vornierte(10). teil, den die Imperialisten aus dem Ölge- Das Lebensmitteldefizit ist mit der Auch die enormen finanziellen Res- schäft gezogen haben. Im Laufe der Zeit gleichen Rate wie die Bevölkerung und die sourcen, die das Öl verschaffte, haben es wird es immer unwahrscheinlicher, daß der Landflucht gestiegen. 1960 lebten 13% der Bevölkerung in der Hauptstadt Lagos. 1980 waren es 17%; aber auf das ganze Land gesehen lebten nun 58% der Nigerianer in den (9) Nigeria Department of Information bei der nigeria- (13) Als Beispiele seien Kupfer für Zaire und Zambia geneun Städten mit einer Bevölkerung von nischen Botschaft in Paris nannt. über 500 000, während 1960 nur 227 in (10) Jonny Egg, » Un effet de la rente petroliére au Nige- (14) Le Monde Diplomatique, November 80 den zwei Städten lebten, die damals schon rio« Le Monde Diplomatique, Mai 81. Der Kakaoabsatz so groß waren(!). fiel von 1965 320 000 Tonnen auf 1980 152 000 Tonnen. (15) Es ist nicht auszuschleßen, daß es für die Entschei- Einher damit ging die inflationäre dung der USA auch eine politische Grundlage gab, da Tendenz einer ölzentrierten Wirtschaft. (11) Die Einwohnerzahl der Hauptstadt Lagos ist in 20 Nigeria inzwischen Bestrebungen an den Tag gelegt hat, Jahren von 1 Mio. auf 4 Mio. gestiegen, und zwar we- mittels der Olwaffe die westliche Politik gegenüber Su- Zwischen 1970 und 1977 stiegen der Preis- gen der kombinierten Wirkung der Industrialisierung dafrika zu beeinflussen. Umgekehrt kann Washington index um 200 %, der Index der Lebensmit- und des gestigenen Geldumlaufs in städtischen Kreisen. den Umfang seiner Käufe in Nigeria erst recht als Mittel tel um 500 % (12), Zum Vergleich sei festgehalten, daß die Hauptstädte der zur Erpressung nutzen. industrialisierten afrikanischen Staaten im Jahr um 18% Nigeria zeigt für Afrika im Großmaß- steigen. Siehe »Berg-Reporta, S.203 stab, was in Ländern mit hohem Einkom- (16) Siehe Jonny Egg, art. cit.

men aus dem Rohstoffabbau geschieht, (12) Le Monde Diplomatique, November 80, S.27 -31

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Nahrungsmittelmangel einen ansehnlichen behaupten, »progressiver« als Angola zu Teil der Einnahmen aus der Rohstoffaus- sein, das ja auch in der Exklave Cabinda eibeutung aufsaugen wird. Das jährliche ne Partnerschaft mit Gulf Oileingegangen Wachstum des Nahrungsbedarfs beträgt in ist mit viel geringerer Eigenbeteiligung. Nigeria 3,5%. Aber die Nahrungsmittel- Etwa 80% von Angolas Einkünften produktion steigt nur mit 1%. Aufgrund entstammen dem Öl. Es ist nicht ausschlagdieser Daten kann man den Nahrungsmit- gebend, ob der angolanische Staat oder die telfehlbetrag 1990 auf 20 Mio. Tonnen Ge- Unternehmen die gößten Profite machen. treide schätzen. Zu heutigen Preisen ent- Das Schlimme ist die Tatsache allein, daß sprechen 20 Mio. Tonnen Reis 10 Mrd. eine ganze Wirtschaft vom Ölmarkt ab- Dollar, d.h. 50% der Öleinkünfte des Landes(?). Öl ist keineswegs mehr als andere GUter eine Waffe zur Erlangung wirtschaftli- ZERSTÖRERISCHE KAPITALISTI- cher Unabhängigkeit. Die Erzeugerländer SCHE ENTWICKLUNG üben nicht ausschließlich Kontrolle dieser Ressourcen aus - trotz allen Anläufen der Alle betroffenen Regierungen - die Ni- OPECseit 1973. Die Imperialisten konnten gerias, Gabuns, Kongos, Angolas und der die Zirkulation der Petrodollars zu ihren Elfenbeinküste schwören Stein und Bein, Gunsten wenden, genauso wie sie bei den daß sie einen Großteil ihrer Olprofite in die heutigen fluktuierenden Preisen den Markt Landwirtschaft investieren werden. zur Maximierung ihrer Profite organisieren zwischen Worten und Taten ist ein langer Jene Regierungen, die behaupteten, Vielleicht ist es nocht wichtiger, sich sich nach und nach von imperialistischer genauer anzugucken, was die schon vor- Beherrschung zu befreien, ohne mit den handenen Agrarprojekte bedeuten. Zum Gesetzen des Marktes zu brechen, waren Beispiel legt der »Interimplan« in Gabun die ersten, die in die Falle gingen. Gerade für 1981/82 wert auf die Umwandlung der die angolanische Regierung ist ganz deuttraditionellen Bewirtschaftungsmethoden, lich vom Ölmarkt abhängig. In den USA um die Landflucht einzudämmen. Aber selber sehen das bestimmte Kreise durchaus dieses Ziel soll dann ausgerechnet durch die und verstehen es, diese Situation zu ver- Förderung des großen Agribusiness erreicht schärfen und auszunutzen. Gulf Oilund Texaco setzten 1981 ihre Lobbies in Bewe- Auch Nigerias »4 .Entwicklungsplan« gung, um den Kongress von der Aufhebung erstrebt den Aufbau einer großen Agrarin- des Clark-Amendmentsabzuhalten, das seit dustrie, um ausländische Investitionen an- 1976 Hilfsleistungen an die angolanischen zulocken. Er stellt ausdrücklich fest, es sei Oppositionsbewegungen ohne Bestätigung ein Unglück, daß die Planer der Vergan- des Kongresses verbietet (21). genheit sich mehr um die Ausdehnung der bewirtschafteten Fläche als um die Produktivität pro Arbeiter oder pro Hektar ge- VERSTÄRKUNG DER UNGLEICHEN kümmert hätten. (19) Solche Feststellun- ENTWICKLUNG gen machen ausreichend deutlich, daß der gefeierte Ölboom nur dabei ist, den Weg Abschließend können wir feststellen, für brutalere, kapitalistische Einbrüche daß das Ölgeschäft die Ungleichmäßigkeit aufs Land zu ebnen, geschweige, daß er die der Entwicklung in Afrika zweifach ver- Landflucht bremst. Das große Agribusiness schärfen wird. In einem Ölland wird es ein hat kaum ein Interesse daran, der ganzen wachsendes Ungleichgewicht zwischen eiländlichen Bevölkerung Arbeit zu bieten. ner modernen kapitalistischen Wirtschaft Und sein Wachstum wird nur mit größerer und einer draußen gelassenen Bauernschaft Geschwindigkeit die dörflichen geben. Und es wird die ungleiche Entwickstrukturen dm Zusammenbruch näher- lung von Öl- und Nichtölländern geben. bringen. Zu den vier in diesem Artikel am häu- Die geballte Wirkung dieser Verände- figsten erwähnten Ländern wird bald die rungen wird für die Jugend den Anreiz stei- Elfenbeinküste treten, die ab 1983 Ol exgern, in die Städte zu ziehen und dort von portieren soll, und später Kamerun. In Mo- Krümeln zu leben, die von den Ölgewinnen zambique, Mali, Senegal und anderen Länabfallen, indem sie drittklassige Arbeiten dern wird zunehmend nach Ol gebohrt. für die parasitären Schichten der Staatsbü- Laut einer Studie der italienischen Ölgesellrokratie annnimmt. schaft AGIPkönnte sich die nördliche Im Kongo ist der Nordteil der Hauptstadt, das Beteke-Plateau, nahezu eine Landschaft menschlichen Elends geworden. Und es gibt allen Grund zu der An- (17) Machés Tropicaux et Mediterranéens, 12.2.1982. nahme, daß mit der gleichen Geschwindig- Zwischen 1970 und 1980 stiegen die Lebensmitteleinfuhkeit, mit der die wenigen Familien an der ren um 1 200 %. Macht die Ölgewinne verprassen, die Flut von Jugendlichen nach Brazzaville an- (18) Ibid, 27.11.1981, S.3137 schwellen wird, um dort von dieser künstli- (19) Ibid, 12.2.1982, S.369 chen Ökonomie mitzuleben (20).

Es ist übrigens ziemlich egal, einen wie (20) Über die Natur des Regimes und der Wirtschaft in Kongo siehe von Claude Gabriel großen Anteil die eine oder andere Regierung an den Geschäften mit den imperiali- (21) David Rockefeller, der ehemalige Präsident der stischen Ländern hat. Zaire hat bei seinem Chase Manhattan Bank, sagte bezüglich Angolas, wo Abkommen mit Gulf Oil76% für sich bean- seine Bank aktiv ist, Afrikanischer Marxismus sei eher »eine Sache von Etiketten und Außerlichkeiten« als der sprucht und könnte mit dieser Begründung Wirklichkeit. Le Monde, 6.3.1982 - 32 Randzone des Golfs von Guinea als eines der sieben breitesten, mit Saudiarabien vergleichbaren Ölfelder der Welt erweisen.

Das zwischen 1975 und 1979 an die zwanzig größten Ölgesellschaften vergebene Land umfaßt insgesamt 1,8 Mio.qkm oder 52,2% der gesamten in dieser Zeit für Oloperationen vergebenen Flächen (22).

Olgewinnung in Afrika bietet den Multis ein neues Absatzgebiet. Da diese Länder noch andere natürliche Reichtümer haben und auch für eine neue industrielle Arbeitsteilung wichtig sind, könnten sich die imperialistischen Interessen demnächst auf diese Länder konzentrieren. Die klassischen kolonialen Extraprofite kombinieren sich mit einer zunehmenden Ungleichheit der Handelsbeziehungen. Die Industrien, die auf der Basis der Olgewinnung wachsen, erscheinen zu genehmer Zeit, um das gesteigerte Bedürfnis der imperialistischen Metropole nach Export von Industriegutern zu erfüllen.

Wo die Elfenbeinküste schon Raffinierieprodukte an Mali und Obervolta verkauft, desgleichen Nigeria an Benin und Ghana, sehen wir eine neue Etappe der ungleichen Entwicklung Afrikas Gestalt annehmen. Öl wird so eine Kapitalbewegung in einige wenige Länder auslösen und dabei die Hoffnungen der anderen zerstören.

Zweifellos stellt das Ölzeitalter in Afrika noch deutlicher die Frage wer vom Reichtum der Natur profitier (23).

Statistiken über Budgets und Zahlungsmittelumlauf zeigen nicht, was von essentieller Bedeutung für die afrikanischen Massen ist, nämlich daß die herrschenden Klassen den Löwenanteil dieser Einkünfte einheimsen und parasitär verzehren.

(22) Nicolas Sarkis, Direktor des Arab Petroleum Research Çenter, Rede beim Seminar in Luanda Mai 1981, siehe (8)

(23) Zweimal schon wurde Nigeria schwer erschüttert, wobei die Ölfrge eine durchaus wichtige Rolle spielte. Der eine Fall war die Abspaltung Biafras, wo die wichtigsten imperialistischen Länder einen Ibo-Staat um die Ölfelder herum zu stabilisieren versuchten. Der zweite war der kano-Aufstand Oktober 1980 im Norden, wo eine islamische Sekte den Heiligen Krieg proklamierte, die ihre Anhänger unter den vom Ölboom Marginalisierten rekrutierte. Wir sehen, der beginnende Ölrausch hat den Bundesinstitutionen durchaus schwere Probleme gebracht.