Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Polen

»Die Linke und wir«

· Inprekorr Nr. 3 (153), 15. März 1983 · S. 21-22 · 1.474 Wörter

Polen Gewerkschaften und Streiks Sowjetunion

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von David Warszawski.

Dieser Artikel wurde zuerst im Untergrund-Bulletin der Solidarność in Lódz Kos Nr. Wir wissen: hier ist Kommunismus, die an- 12, 27.7.1982 veröffentlicht. Er wurde danach im Bulletin d'Information Nr. 37 der Solidarność-Auslandsleitung wiedergegeben. Als der sowjetische Dissident Wladimir Bukowski, die viele Jahre lang ein Gefangener des Gulag gewesen ist, nach seinen politischen Ansichten gefragt wurde, antwortete er: »Ich bin weder im Lager der Linken noch im Lager der Rechten, sondern im Konzentrationslager. « Diese Erklärung wirbelte damals im Westen Staub auf. Aber für jeden politisch bewußten Bewohner des Ostens, nimmt man die Elbe als Scheidelinie, ist sie sofort klar und verständlich.

Die Kategorien Rechts und Links sind nur dann sinnvoll, wenn ihnen unterschiedliche politische Programme und Visionen einer Gesellschaft entsprechen. Wenn das herrschende politische System es verunmöglicht, solche Programme oder Vorstellungen zu formulieren, können politische Konflikte sich nicht in den Kategorien von Links und Rechts ausdrücken. Es muß zuvor einen Kampf darum geben, daß Rechts und Links überhaupt existieren können. Genau das ist der Kampf, den Solidarność ihrerzeit geführt hat. Er brachte in der allerletzten Zeit vor ihrer militärischen Niederschlagung eine Kristallisation verschiedener politischer Initiativen mit sich. Jedoch war die Gewerkschaft selber weder links noch rechts. Das ist für einen westlichen Beobachter, besonders wenn er der Linken angehört, schwer zu verstehen und erst recht schwer zu akzeptieren. Er kennt zu viele Organisationen, die sich wie Solidarność weder für rechts noch für links erklären, dies aber in übler Absicht tun - um ihren wahren Charakter zu verbergen, gewöhnlich einen rechten.

Hinzu kommt, daß unsere Gewerkschaft den Kampf gegen ein System führte, das die Begriffe und Parolen des Sozialismus benutzt. Sie tat es unter anderem im Namen religiöser und nationaler Werte, die sie klar auf die rechte Seite stellen würden. Aber auf der anderen Seite war Solidarność eindeutig eine Arbeiterorganisation, die kämpfte und Streiks organisierte, um die politischen und ökonomischen Interessen der Arbeiterklasse zu verteidigen - in den Augen der Linken ihr Kampf par excellence. Während man zu diesem Thema von den Gewerkschaftsaktivisten diese oder jene Antwort bekommen konnte, stellte sich heraus, daß sie auf jeden Fall strikt antisowjetisch und oft pro-amerikanisch waren. Mehr als ein Theoretiker raufte sich die Haare...

Auf internationaler Ebene bekam Solidarność die entscheidende Unterstützung der AFL-CIO(I), , die in ihrer Praxis ziemlich reaktionär ist (z.B. unterstützte sie bedenkenlos die US-Politik in Vietnam), und auch die von Leuten wie Duarte, dem Führer der salvadorianischen Junta. Nach dem Prinzip, daß die Freunde unserer Feinde unsere Feinde sind, reichte dies, um sie als entschieden im Lager der Rechten stehend zu bezeichnen. Bei einer Gesamtbetrachtung der Welt, in der die Kräfte der Reaktion denen des Fortschritts gegenüberstehen, wollte Solidarność auf keinen Fall eine eindeutige Position beziehen. Für einige Leute war diese Situation Anlaß zu manchmal grundlegender Revision der Kriterien ihrer politischen Analyse, für eine viel höhere Zahl eine Quelle der Verwirrung. Der polnische Leser mag fragen: »Aber was geht uns das an, wir leben in Polen, besetzt von pragmatischen Marxisten? B CHEDER 21dere Linke kennen wir nur vom Hörensagen, und die intellektuelle Seelenprüfung von Leuten, die in Wohlstand und Sicherheit leben, ist wirklich die geringste unserer Sorgen.« Ich glaube, daß diese Einstellung zwar verständlich, aber aus mindestens Der erste ist zwar unmittelbarer bedeutend, jedoch letztlich weniger grundlegend. Er besteht darin, daß ein erheblicher Anteil der materiellen Hilfe, die aus dem Westen kommt, von verschiedenen Organisationen der Linken stammt, ganz besonders aus den Gewerkschaften. Diesbezüglich gab es eine unangenehme Verschwörung des Schweigens in Polen. Das Regime erwähnte es nicht, da ihr diese Tatsache aus ideologischen Gründen unzupaß kam. Und die Gesellschaft als Ganze war an der Herkunft der Hilfe nicht interessiert, da die Linke für (1) US-amerikanischer Gewerkschaftsdachverband (d. Red.)

Dessin de Viatcheslav Syssoiev.

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ans unangenehme Nebenbedeutunger wecki und wir ihr nichts schuldig sein wollen. Es ist wichtig für uns, daß Fragen der Ideologie und der Doktrin, die für die Linke von besonderer Bedeutung sind, nicht zu einem Nachlassen der Hilfe geführt haben. Aber das könnte passieren, wenn die, die sie schicken, unsere Indifferenz sehen und zu dem Schluß kommen, daß Solidarnosć doch Mist ist. Das gilt auch für die Komilees 'Solidarität mit Solidarnosć' im Aus-' land, die schließlich ihre Existenz den verschiedenen linken Organisationen verdanken. Auf der anderen Seite ist der zweite Grund fundamental. Das Schicksal von Solidarność und der europäischen Linken sind unauflöslich miteinander verwoben - obwohl das auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs bisher nur wenige Leute kapiert haben. Ein Sieg des Militärrats zur Nationalen Errettung (WRON) auf Dauer würde Tür die Linke den politischen Tod uber viele Jahre hinweg bedeuten. Denn das erste Ergebnis dieses Sieges würde eine entschiedene Schwächung des Kommunismus als Lehre in den Augen aller bedeuten. Man könnte sich darüber freuen, würde das nicht alle, die links von Franz Josef Strauß stehen, treffen. Eine heftige Stimmenverschiebung nach rechts und die apokalyptische Vision vom WRON als dem höchsten Stadium des Kommunismus würden nebenbei Sozialişten, Sozialdemokraten, Eurokommunisten und die übrige Linke zerstören. Über eine solche Aussicht kann man sich auch in Polen nicht freuen. In der Tat kann nur die Linke unser politischer Verbündeter sein, da nur diese die polnische Gesellschaft und ganz besonders die polnische Arbeiterklasse als ein unabhängiges politisches Subjekt betrachtet. Die Rechte interessiert nur Moskau selbst, und Polen zählt nur insofern, als es Moskau stört. Ein von Moskau besiegtes Polen würde aufhören, die Recht zu berühren, wie ja Jalta(2) schon zeigte. Und die Industrie- und Finanzkreise, soziale Basis der Rechten, unterstützen schon jetzt Jaruzelski in der Hoffnung, aus uns 28 Mrd. Dollar herausquetschen zu können. Dagegen würde der Sieg von Solidarność für die europäische Linke einen enor- 'men Erfolg darstellen. Er würde die Stärke und Widerstandsfähigkeit der Arbeiterklasse beweisen. Er würde die Hoffnung auf eine politische Zusammenarbeit innerhalb der europäischen Arbeiterbewegung wieder anregen, die die einzige Aussicht auf politi- 'sche Unabhängigkeit für unseren Kontinent ist, auf dem im Moment Politik ja nur eine :Funktion der Globalstrategie der beiden Mächte ist. Dieser Sieg würde schon in kurzer Zeit die Theorie und Praxis der Arbeiterbewegung • wiederbeleben, die, vom Scholastizismus Moskaus erstickt, mehr und mehr zu einer Methode geworden war, wie man in Fabrikwaschräumen für rosa Marmorbecken kämpft, und andererseits zu einer Brutstätte des Schwachsinns.. Was heißt das in der Praxis? Es wäre gut, wenn wir unsere polnischen Besonderheiten in für die europäische Linke ver- (2) Während des Zweiten Weltkriegs legten die Alliierten auf der Konferenz von Jalta die Einflußspären des Westens und der UdSSR fest. Dies bedeutete allerdings In erster Linie den Arkauf der Revolution im We. sten durch Stalin (d. Red.)

ständliche Kategorien fassen würden. Aber tigkeit senkt. Nur die Linke gedenkt heute das ist eine Aufgabe für unsere Kämpfer im . Chiles, Eritreas oder der Krim-Tartaren. Ausland. Für uns bleibt es, zu verstehen, Die Linke braucht umgekehrt unseren Sieg, daß Präsident Reagan nicht unbedingt ein damit sie icht von der Bildfläche verschwinso fester Verbündeter ist, wie er gern er- del. scheint. Und die westlichen Kommunisten Ein Postscriptum für die, die die Linke sind nicht unausweichlich Schweine oder nicht mögen: Dieser Artikel wurde von einem geschrieben, der der Linken nahesteht Andererseits wäre es gut, wenn man im und hofft, in der Zukunft einer ihrer Mili- Westen in der Linken und deren Umfeld im tanten zu werden. Das heißt auch, daß ich Auge behalten würde, daß der Kampf im gerne in einer freien und demokratischen Lager des Fortschritts auf Tod oder Leben Gesellschaft mit politischen Methoden, heute schon an den Ufern der Weichsel z.B. gegen die Gesellschaftsvorstellung, die stattfindet. Denn wir haben zunehmend das von der Konföderation Unabhängiges Po- Gefühl, daß in diesen Kreisen eine gewisse len (KPN, eine nationalistische und pro- Ermattung, was Polen betrifft, eingetreten westliche Organisation) repräsentiert wird, ist, während Unterstützung für die Opfer kämpfen möchte. Aber damit das möglich der türkischen oder salvadorianischen Jun- wird, muß ich heute Seite an Seite mit den ten - ist ist natürlich weiter von großer Leuten von der KPN, unter der Besatzung Wichtigkeit - zu einer politischen Alternati- und im Ausland, gegen das totalitäre Regive zur Solidarität mit Solidarność, dieser ir- me kämpfen. Zurzeit sind die Kategorien ritierenden und zweideutigen Bewegung, Rechts und Links in Polen bedeutungslos. geworden ist. Die politische Unterstützung Der Kampf geht weiter, damit sie eines Tader Linken ist heute für uns unersetzlich, ges ihre Bedeutung haben. In diesem damit sich über unseren Kampf nicht der Kampf ist die europäische Linke ein Ver- Vorhang des Vergessens und der Gleichgül- bündeter von uns allen!