Editorial: POLEN
Warum am 10. November nicht gestreikt wurde •von Jacqueline Allio, 13. November 1982.
Drei anscheinend voneinander unabhän- Gunsten war, die Schiedsrichterrolle auf gige Informationen haben das Mißlingen der politischen Szene Polens zu spielen. Verbindungsmöglichkeiten von einer Redes Streiks vom Mittwoch den 10. No- gion zur anderen, ja sogar von einer Favember 1982 in Polen in den Hintergrund Es ist jedoch das erste Mal seit zwei Jah- brik zur anderen in der gleichen Stadt gedrängt: die Entscheidung des Papstes ren, daß sie so eindeutig gegen die Hoff- sich als sehr schwer herausstellten. Diese Johannes-Paul des II., im Juni kommen- Arbeitermassen Zweifel werden noch durch die relative den Jahres Polen zu besuchen, der Tod nimmt. Denn wie sehr auch immer viele Lahmung der nationalen Soldiaritätslei- Leonid Breschnews in der UDSSR und unter ihnen am Gelingen dieses Streiks tung anlaßlich des jüngsten Streiks in die Freilassung Lech Walesas. zweifeln mochten, so sahen sie es nichts- Gdansk deutlich, der mit der Wiederaufdestotrotz als unmöglich an, nahme der Arbeit endete, wahrend gera- Sicherlich steht die Entscheidung General scheidung der Bürokratie, de Unterstützungsstreiks und Demonstra- Jaruzelskis, der Haft des Solidaritätfüh- außer Kraft zu setzen, unbeantwortet zu tionen überall vereinzelt im ganzen Land rers, der seit Monaten isoliert im Gefang ausbrachen, die seitens des TKK ohne nis in Arlamowo festgehalten worden Der Aufruf des Primas von Polen Glemp klare Anleitung bleiben. war, ein Ende zu setzen, in Verbindung Streik vom 10. November Noch dazu erschien vielen die Idee eines mit dem schwachen Echo, den dieser 1982, der so weit ging, sein Gespräch mit achtstündigen Generalstreiks, der als Streik in Polen hatte, und mit dem plötz- dem General Jaruzelski als »sehr kon- Warnstreik verstanden werden sollte, ohlichen Verschwinden Leonid Breschnews. struktiv« zu beurteilen unter dem Vor- ne klar anzugeben, was die nächste Etap- Dieses letzte Ereignis hat dem Juntachef wand, daß die Behörden das Prinzip des pe der Mobilisierung sein sollte, als ein des polnischen »Rats zur Nationalen Er- Papstbesuches in Polen für den kommen- Abenteuer, vor allem nachdem es zu taurettung« (WRON) gegenüber den ständi- den Juni akzeptierten, hat in den Rängen senden Entlassungen und zahllosen Vergen Angriffen des harten Flügels der Ver- der aktiven Solidarnosmitglieder viel haftungen, womit die Solidaritätsuntereinigten Polnischen Arbeiterpartei Entrüstung und Arger ausgelöst. stützung mit den Gdansker Werftarbei- (PVAP) einen kurzfristigen Aufschub ge- Es ist heute noch unmöglich zu wissen, tern bestraft wurde, gekommen war. Wie währt. Die »Orthodoxen« von der Art ei- ob dieser Schritt mit Lech Walesas Ein- konnte man den Ordnungskräften acht nes Grabski haben in den vergangenen verständnis vollzogen worden war und ob Stunden lang die Stirn bieten - ohne daß Monaten nicht genug harte Worte finden die Freilassung des Letzteren sich in eikönnen, um die »Weichheit« und den nem mit General Jaruzelski abgesproche- drückung endete, in Anbetracht »Liberalismus« des Generals gegenüber nen Plan einfügt. Mangels an Vorbereitung in den Fabriken den »Konterrevolutionären« der Solidar- Eins ist klar, diese Lawine von »sensatio- auf dem Gebiet der Selbstverteidigung? nosc anzuprangern. nellen« Neuigkeiten traf eine ganz gehorig verwirrte Arbeiterklasse. Nicht die. Angst und die Entmobilisic- Die Geste General Jaruzeiskis läuft also die Freude, Lech Walesa frei zu wissen, rung, wie es in oberflächlichen Kommendarauf hinaus, sich mit jener Fraktion andererseits hatte man Zweifel über die taren der westlichen Presse zum Ausdes Apparats zu vereinigen, die überzeugt Bedeutung dieser plötzlichen Entschei- druck kam, haben zum Mißlingen dieses ist, daß es unmöglich sei, die Wirtschaft dung. Obwohl sie zahlreich an Messen Streiks geführt, sondern vor allem die anzukurbeln, ohne die straffen Zügel zu und Versammlungen teilnahmen, um die von den kämpferischsten Arbeitern auslockern, ohne die Arbeiter anzuziehen Erfüllung einer der wichtigsten Forde- gedruckte Vorsicht, da sie sich nicht auf und ohne daß die Idee der »nationalen rung der Widerstandsbewegung seit 11 eine Aktion, die sie als abenteuerlich be- Verständigung« eine gewiße Glaubwür- Monaten zu feiern, brachten viele von ih- trachteten und deren Einsatz sie nicht digkeit bekommt. Diese Verständigung. nen deutlich ihre Befürchtung zum Aus- einsehen konnten, einlassen wollten. die die Kirchenhierarchie seit dem Putsch druck, noch einmal von einer Minderheit Die Kamptkraft der polnischen Arbeitervom 13. Dezember 1981 ständig wie ein der Machthaber manipuliert worden zu bleibt weiterhin aufrecht und Papagei anpries, ging sogar bis zum Auf- drückt sich noch immer in breitem Boy.
ruf vor dem 10. November 1982, den so- kott der neuen Gewerkschaften, den sozialen Frieden zu wahren und die Arbei- Die Verwirrung ist umso größer, da man gar die offizielle Presse offen zugeben ter aufzufordern, den Streik nicht zu be- die Streikniederlage nicht nur muß, aus. In diesem Sinn kommı dies cifolgen. Für alle, die die Ereignisse seit Entmobilisierungsappelle von ner Volksabstimmung gleich, eine Volksdem Auguststreik 1980 verfolgt haben, ist Glemp zurückführen kann. Die Arbeiter - abstimmung gegen die an der Macht bediese Haltung nicht neu und bestätigt die und insbesondere jene in den Großbetriefrüheren Stellungnahmen von den polni- ben - haben die Aufforderungen der Unschen Kirchenverantwortlichen, die stän- tergrundführung der Solidarnosc. trotz Mehr denn je haben die polnischen Ardig zwischen ihren Unterstützungserklä- des wiederholten Aufrufs, nicht befolgt, beiter und die außer Kraft gesetzte Solirungen für die Solidarnosc und den Auf- im ganzen Land den achtstündigen Streik darnoscgewerkschaft unsere Unterstütrufen zu »Frieden« und »Vernunft« an vorzubereiten, obwohl in etlichen Betrie- zung nötig, um die organisatorischen- und die Arbeiter hin und her schwankten. Die ben eigene Aufrufe zu Mobilisierungen politischen Hindernisse, denen sich die »offensichtlich« zweischneidige Politik an die ganze Bevölkerung erfolgten, wie Widerstandsbewegung gegenübersieht, der Kirchenhierarchie gegenüber der Ar- dies z.B. im Stahlwerk von Nowa-Huta in überwinden zu können. beitermobilisierung spiegelt nur den Wi- der Nähe von Kracow der Fall gewesen derspruch, in dem sie sich seit den Au- Montag der 13. Dezember, dem I. Jahguststreiks von 1980 befindet, Dies ist auf mehrere Gründe zurückzu- restag der Kriegsrechtsausrufung, muß einerseits steht sie unter dem Druck der die Gelegenheit sein, den polnischen Ararbeitenden Massen, die die Basis auf die Gleich als der Aufruf der Provisorischen beitern zu zeigen, daß wir an ihrer Seite ihre Autorität gegenüber den Machtha- Koordinationskommission am 9. Okto- stehen, und zu beweisen, daß die internabern gründet, darstellt und andererseits ber herauskam, drückte so mancher Ar- tionale Arbeiterbewegung bereit ist, mit will sie bei den Bürokraten nicht in Un- beiter seine Zweifel darüber aus, ob über- ihrem ganzen Gewicht die Rechnung. gnade fallen. Seit Jahrzehnten hat die haupt die Möglichkeit bestand, daß ein der uniformierten Bürokratenclique zah- Kirche niemals gezögert, immer wenn es im ganzen Land koordinierter Streik ge- len zu lassen. zur Wahrung ihrer eigenen Interessen von lingen könne, da sich die Kontakte und Solidarität lebt und wird leben!
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