GRIECHENLAND: BILANZ EINER DIKTATUR • BILANZ EINES WIDERSTAND +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Die Proteste und Demonstrationen gegen die griechische Diktatur erinnern in jedem Frühling an die Existenz eines Regimes, dessen Hauptaufgabe es war, alle Arbeiterorganisationen zu liquidieren und ihre Aktivisten in den Strafanstalten von Ägina, von Korfu und auf den Inseln Es ist wahr, daß von einem 2l. April zum anderen 2l. April ( Tag der Machtübernahme durch die Obristen) die Proteste immer weicher und weniger überzeugend werden. Die Herrschenden von Athen verfehlen es nicht, zu betonen, wie sehr die Aufgeregten des 22. April sich inzwischen wieder abgeregt haben, und dem griechischen Volk die "demokratische Opposition" vorzustellen, wie sie ist: unfähig, sich über ihr utopisches politisches Konzept zu einigen, ja sogar immer mehr gespalten in politische Gruppierungen, die mit wachsenden Mißerfolgen noch weiter zerfallen.
Bei der Bourgeoisie der westeuropäischen Staaten tritt an die Stelle der scheinbaren Überzeugungstreue immer mehr das "Verständnis". Nach und nach beabsichtigen jene, die sich beeilt hatte, die Obristen zu verurteilen, mit Papadopoulos zu diskutieren, sie tun es bereits, ja sie fragen ihn sogar, wie er es gemacht hat!
Für die europäischen und griechischen Revolutionäre ist diese Entwicklung genau wie die an Ort und Stelle ebenso wenig ein Schlag des Schicksals wie die Diktatur selbst. Sie untersuchen all das in Funktion der sozialen Auseinandersetzungen, der Spannungen zwischen den Klassen und den Bemühungen der Bourgeoisie, diese einzudämmen und abzubauen. Wenn man es heute unternimmt, eine Bilanz der letzten fünf Jahre zu ziehen, so ist das nicht nur die einzige Art, aufzuzeigen, welchen Weg die Organisation der Aktivisten der Arbeiterklasse in Griechenland beschreiten muß ( und damit gleichzeitig alle reformistischen Illusionen hinwegzufegen), sonden das zeigt auch, in welchem Maße der proletarische Kampf in Griechenland konkret mit dem Kampf verbunden ist, der sich in Westeuropa immer deutlicher entfaltet. WOHIN GEHT DIE DIKTATUR?
Das Urteil, das man über ein historisches Phänomen fällt, hängt letzten Endes nicht von der Untersuchung des unmittelbaren Willens der an diesem Ereignis Beteiligten ab. Die Ergebnisse der bürgerlichen Politik oder richtiger der Mittel, die sie empirisch anwendet, um die Arbeiterbewegung in Schranken zu halten und die Akkumulation des Kapitals sicherzustellen, müssen anhand der Prüfung des Kräfteverhältnisses während der Gesamtentwicklung begriffen werden und nicht als Fortsetzung des Kräfteverhältnisses, das diese Periode einleitete. Diese Bemerkungen sind nötig, weil die Diktatur zweifelsohne eine ganze Periode im politischen Leben eröffnet hat. Hauptsächlich aber darum, weil aus verschiedenen Gründen die Mehrheit der Kräf te der griechischen Linken sich dadurch auszeichnet, daß sie sich weigert oder unfähig ist, die in der griechischen Gesel Ischaft bewirkten Veränderungen zu begreifen. Für alle, die die Jahre des Kampfes kennen, die dem Staatsstreich vorangegangen sind, ist es klar, daß es seine unmittelbare Funktion war, den Aufstieg der Volksbewegung durch Gewalt aufzuhalten und durch Lager, Foltern, Gefängnisse jede Organisation zu zerstören, die ihr Ausdruck verleihen konnte. Die Unterdrückungsmaßnahmen sparten die nichtkommunistischen Kräfte nicht aus. Sie erstreckten sich bis zu den royalistischen Gruppen hin, weil jede Agitation als Mittel für eine sich steigernde Mobilisierung der Massen dienen konnte, die als vor raussehbares Ergebnis haben mulite, daß nicht nur bürgerliche Gruppierungen, sondern selbst die Kommunistische Partei überholt werden würde. Es ist für niemanden ein Geheimnis, daß während der fast ununterbrochenen Volksdemonstrationen, die dem königlichen Staatsstreich von Juli 1965 folgten (die Absetzung des "liberalen' G. Papandreou durch den König), die reformistische E. D.A. es schwer hatte, ihre Truppen zurückzuhalten. Angesichts dieser deutlichen Gefahr, daß immer entschlossenere Massen auf die Straße gehen und die eigentlichen Ursachen ihrer Unzufriedenheit infrage stellen, nämlich die Herrschaft des Kapitals und seiner Institutio nen, hat der bewußteste Teil der Bourgeoisie mit wohlwollender Unterstützung der NATO die Initiative zum Staatsstreich ergriffen.
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Wenn man sich daran hält, weiche Stellungnahmen die politischen Gruppierungen unmittelbar nach dem 21. April veröffentlichten, dann wird • man eine fast durchgängige Opposition zum neuen Regime feststellen. Bürgerliche Politiker, die man kaum verdächtigen konnte, Sympathien für die Linke zu haben, wurden eingesperrt und gaben zahlreiche Erklärungen gegen das Regime ab. Die Reformisten der Kommunistischen Partei Griechenlands (KPG) konnten nur aufgrund dieser Eindrücke die Fiktion einer allgemienen demokratischen Opposition, jenes bepassiven Widerstandes , aufrechterhalten, aber auch dank dem Nichtvorhandensein rühmten einer organisierten revolutionären Kraft bei den Massen. Nur eine soche Kraft hätte die unbestreitbar vorhanden gewesenen Gefühle gegen die Diktatur ausnutzen, die Errungenschaften vergangener Kämpfe kapitalisieren und einen wirklichen Ausweg zeigen können. Wieder einmal erweist sich die Logik des Reformismus, dieses permanenten Gespanns der Arbeiterbewegung am Wagen der 'demokratischen' bürgerlichen Politiker als jämmerlicher Fehlschlag. Denn die Meinungsverschiedenheiten, die zwischen den verschiedenen Tendenzen der Bour geoisie auftauchen, gehen nicht von der abstrakten Aufspaltung aus in: Reaktionäre, weniger Reaktionäre, Demokraten. Diese in jeder Periode, in jedem historischen Augenblick vorhandenen Kräfte entspringen entweder unterschiedlichen wirtschaftlichen Interessen, oder aber es geht darum, welche Tendenz die Führung der bürgerlichen Klasse erringen wird, und zwar durch den Sieg ihrer eigenen Interessen über zeitweilige Meinung verschiedenheiten hinsichtlich der Verteidigung des Gesamtinteresses der Bourgeoisie angesichts der Gefahren einer Volksbewegung. Um die Geschichte der sozialen Kämpfe der letzten zehn Jahre in Griechenland zu begreifen und um die letzte Entwicklung der kapitalistischen Herrschaft erfassen zu können, muß man vor allem die wirtschaftliche Macht der Bourgeoisie untersuchen. Während dieser ganzen Periode ging es in der Tat nur um den Ubergang des griechischen Kapitalismus von einer Randexistenz in Bezug auf die internationalen Märkte zu einer immer betonteren Integration in den Welt- Die griechische Bourgeoisie befand sich Anfang der sechziger Jahre in einem zer Kreislauf.
Binnen markt mit kleinen un verstreuten Produktionseinheiten. Das war das Ergebnis stückelten der Nachkriegsentwicklung als Folge einer Politik hoher Zölle und der Uninteressiertheit aus ländischer Investoren. Seither wurde die Lage aber durch den wachsenden Zufluß von ausländischen Kapitalien und Produkten und das Wiedernufflackern der wirtschaftlichen Kämpfe der Arbeiterklasse infrage gestellt. Es drohte die Gefahr, daß die internationalen Kopitalisten über Importe und ihre Installierung an Ort und Stelle den griechischen Markt an sich reissen; die geringen Möglichkeiten der kleinen Unternehmer, die wirtschaftlichen Forderungen der Arbeiter zu befriedigen, schufen überdies für ihre Kämpfe ein Terrain der Radikalisierung. Seit dieser Zeit haben die weitsichtigsten Indsutriellen begriffen, daß die einzige Lösung für ihr Uberleben darin liegt, die Konzentration des Kapitals voranzutreiben und sich mit dem ausländischen Kapital zu verflechten. Auf der Ebene der Interessen der Gesamtbourgeoisie hat jedoch das Zusammenfallen der wachsenden Unzufriedenheit des Volkes mit der strukturellen Krise der Wirtschaft zu einer politischen Krise geführt, die noch nicht einmal heute völlig gelöst ist. Die ganze Periode, die der Diktatur voranging, wurde so zur Manifestation wiederholter Versuche, die bürgerlichen Fraktionen, die aus dieser Krise entstanden, miteinander zu versöhnen, sowie von Bemühungen dieser Fraktionen (die vor allem darüber uneinig waren, man dem einheimischen Kapital in der industriellen Entwicklung einräumen welche Bedeutung sollte), sich nicht nur als Garanten des wirtschatlichen Uberle bens der Bourgeoisie auszuweisen, sondern auch als ihre Retter vor den Arbeiterkämpfen. Die Periode, die danach folgte, war die eines objektiven Vereinheitlichungsprozesses der Gesamtinteressen der Bourgeoisie auf der Grundlage der gewaltsamen Demonstage der Arbeiterbewegung.
Die Regierung Papadopoulos läßt keine Gelegenheit verstreichen, ohne ihre Erfolge im Rahmen der Industrialisierung und des wirtschaftlichen 'Fortschritts" hervorzukehren. Der griechische Ar beitgeberverband verlangt seinen Platz in der auf zehn nationale Mitgliederverbände erweiter ten europäischen Arbeitgeberorganisation (UNICE). Wir überlassen es denen, hiergegen zu polemisieren, die den wirtschaftlichen Zusammenbruch des Regimes vorausgesehen oder vielmehr denen, die ihnen geglaubt hatten. Für uns bestand die historische Rolle der Diktatur darin,
diesen 'Fortschritt' durchzusetzen und durch Zwang sogar gegen die Bourgeoisie selbst die industrialisierung zu verwirklichen, aber auch die Vereinigung von ausländischem und griechischen Kapital, die Integration Griechenlands in den Weltmarkt der Waren und Kapitalien zu erreicher - und all das, obwohl es die von der KP so gelobte 'nationale Bourgeoisie' in Rauch aufgehen läßt.
Darum fühlen sich nach auch nach fünfjähriger Unterdrückung, nach dem wiederholten Fehlschlag der 'repräsentativen' Organisationen, die Massen zu mobilisieren und Perspektiven gegen die tägliche Unterdrückung der Arbeiter zu eröffnen, die Herrschenden Athens so wohl, daß sie das Manover der 'Demokratisierung' unternehmen können. Das können sie um so eher tun, als sich die gestern noch unbeugsamen Gegner bereit zeigen, zu diskutieren und - wie die Tageszeitung 'To Vima' (früher Zentrum, heute op ositionel|) - sogar so weit gehen, daß sie eine Debatte über die Anwendung der Verfassung von 1968 beginnen ( also der von den putschenden Obristen für ihre Zwecke geschaffene Verfassung!).
Es ist wahr, daß diese Operation ziemlich riskant ist, und man kann ernsthafte Zweifel hegen, ob eine solche Institutionalisierung überhaupt Erfolg haben kann (Anm.: Inzwischen gibt es Gerüchte über die Absägung von Papadopoulos, der Vertreter dieser 'Demokratisierungs' - Tendenz ist, und dem Sieg von Pattakos, der hiervon nichts hält. Das Mißtrauen unseres griechischen Genossen über die Erfolgsaussichten eines solchen manövers scheint also mehr als gerechtfertigtl). Trotz des offensichtlichen Willens und der Möglichkeit, die Sackgasse, in die der Widerstand geraten ist, auszunutzen und die Volksopposition in eine intensive Debatte zu kanalisieren, sozusagen also die Repression allein auf die isolierten Fälle der Reorganisation der revolutionären und Arbeiterkräfte zu begrenzen, sind die sozialen Spannungen so stark, ist die Notwendigkeit, die Arbeiterklasse zu knebeln, für die Bourgeoisie so groß, daß die Operationden Charakter eines gefährlichen Akrobatenaktes gewinnt.
Es ist wahr, daß man angesichts der Perspektive eines Eintritts in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft der europäischen Arbeiterklasse das Bild eines 'relativ demokratischen' Griechenlands vorgaukeln muß. Der Augenblick, in den Massen Illusionen zu verbreiten, indem man ihnen eine 'neuen' Reformismus anbietet, ist auch darum günstig, weil man so versucht, dem jetzigen Regime eine minimale soziale Basis zu schaffen. Aber dieser schüchterne Beginn eines politischen Lebens bietet den militanten Revolutionären beträchtliche Möglichkeiten. Sie können durch Ausnutzung der kleinsten Sprünge im Mechanismus, durch Verschärfung seiner Wider sprüche, sich in die Bewegung integrieren und nicht nur sehr rasch diese Maskerade zum Scheitern bringen, sondern sie auch beiseite schieben, um jene Probleme auf die politische Sühne zu heben, die verborgen werden sollen: die wirtschaftlichen und politischen Forderungen der Arbeiter und in der Dynamik dieser Kämpfe das Problem der Macht.
DIE KRISE DER GRIECHISCHEN KOMMUNISTISCHEN PARTEI
Die Wende im politischen Leben Griechenlands, die wir erleben, wurde nach einer Entwicklung der Gesamtheit der politischen Kräfte ermöglicht, die durch die KPG bedingt, aber auch von ihr erlitten wurde. Es ist ganz besonders wichtig, die Krise zu untersuchen, die sie durchmacht, und die wohl die tiefste ist, die in den letzten Jahren von einer europäischen Kommunistischen Partei durchgemacht worden ist. So kann man auch die Verwundbarkeit des Stalinismus angesicht bestimmter Termine begreifen, die durch den Klassenkampf gesetzt werden; aber so kann man auch die Aufgaben besser deutlich machen, die den Revolutionären zufallen, und die sie zugun sten der Arbeiterklasse ausnutzen müssen.
Die erste Spaltung innerhalb der KPG Fand 1968 statt, nach dem Einmarsch der Streitkräfte des Varschauer Pakts in die CSSR. Das gleichzeitige Vorhandensein der Spannungen, die in der Partei als Folge der Niederlage von 1967 auftauchten, mit denen, die aus den unterschiedlicher Auffassungen in der tschechoslowakischen Frage herrührten, führte zum Auseinanderplatzen der Partei. Aber die Tendenzen, die sich zu jenem Zeitpunkt voneinader trennten, taten dies nicht 1ur wegen dieser beiden Punkte. Sie Spaltung (das zeigen die internen Diskussionstexte, die hinterher veröffentlicht wurden) war bereits vollzogen, und zwar nicht über die griechische Fro 14 INPREKORR 15. 72
ge, sondern gemäß einer von der Bürokratie insgesamt abgesteckten Linie, die anfangs in örtlichen Problemen und nach dem August 1968 in internationalen Problemen ihren Ausdruck Fand. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen Neo-Stalinisten und Nationalreformisten, die in allen Kommunistischen Parteien eine ganze Periode hindurch koexistierten, konnten in diesem besonderen Fall nicht nebeneinander bestehen bleiben. Nicht etwa, weil die einen oder die anderen in der Lage gewesen wären, eine Erklärung für die Probleme zu geben , vor denen sie standen, sondern weil es für sie zur Erhaltung ihrer Basis nötig war, sich als diejenigen darzustellen, die die Partei wieder ins Lot bringen und säubern können.
So wurde die Pro-Moskau Fraktion als von der griechischen Wirklichkeit weit entfernt, als bürokratisiert, als dogmatisch usw. durch die 'innere' griechische Fraktion hingestellt. Diese wiederum wurde als reformistisch, Liquidatorin i es Marxismus-Leninismus, als Kapitulantin vor der Bourgeoisie von der anderen Fraktion abgetan. Wie groß die Unzufriedenheit der Basis war, wird durch die Tei/wahrheiten sichtbar, die hier über beide ausgesprochen wurden. Daß sie im übrigen nur die Politik aus der Vergangenheit fortsetzten, wurde durch jene Art von Bündnissen bewiesen, die beide Tendenzen schlossen, sowie durch ihre Perspektive einer 'wirklichen' Demokratie.
Dennoch konnte eine solche Spaltung, auch wenn sich in der strategischen Ausrichtung beider Gruppen grundsätzlich nichts geändert hatte, keineswegs ihre ursprüngliche Form beibehalten. Wenn man in der Pro-Moskau KP alle Bürokraten findet, die in den Arbeiterstaaten leben und die sich so eine soziale Basis sichern, so finden sich in der innergriechischen KP von Anfang an Elemente zusammen, die auf der Linken einen Bruch mit der Bürokratie ansteuerten und auf der Rechten einen Bruch mit dem Arbeitercharakter der Partei. In der inneren KP können wir dank der Tatsache, daß sie notgedrungen alle Rückwirkungen der Krise des Stalinismus zu spüren bekam, eine entscheidende Entwicklung feststellen, während andererseits die Bande mit der Staatsbürokratie eine gewisse politische Stabilität garantierte, die synonym ist mit dem bürokratischen Zentralismus und der Bindung zentrifugaler Kräfte.
Einen Bruch mit den Interessen der sowjetischen Bürokratie kann eine kommunistisc he Partei nichi Er kann nur dann durchgeführt werden, wenn diese Partei über genügend ungestraft vollziehen.
Macht durch beträchtliche Integration in den gewerkschaftlichen und administrativen Apparat verfügt, um eine nationale Rolle zu spielen und auf dieser Ebene die Interessen ihrer Bürokratie garantieren zu können. Die italienische KP konnte dank ihrer Macht zeitweilig mit Moskau brechen. Es ist sicherlich kein Zufall, daß die Innere KP Griechenlands bei dieser sowohl ihr Prestige als auch ihre Gelder geschöpft hat.
In der gesamten Periode, die seit der Spaltung verflossen ist, haben die bestehenden Tendenzen miteinader koexistiert und so die Krise weiter bestehen lassen, aber sie waren unfähig, sich abzusondern und ihre politischen Pläne unabhängig voneinander zu verfolgen. Diejenigen, die eine Kritik der Strategie der KP unternahmen und eine Linke am Rande eines Bruchs mit ihr bildeten, waren unfähig, ihren Differenzen mit der Bürokratie der inneren KP theoretischen Ausdruck zu verleihen. Sie nahmen deren Behauptungen ernst, man stünde vor einer "neuen Problematik', und sie verwechselten ihre revolutionäre Phraseologie mit einer radikalen Änderung der Führung. Die selbstmörderische und unverantwortliche Art, in der die innere KP bewaffnete Aktionen durchführte, so etwa die Explosion auf dem Parkplatz der amerikanischen Botschaft in Athen (die den beiden darin verwickelten Militanten das Leben gekostet hat), zeigt, wie wenig Zusammenhang es zwischen dieser Phraseologie und ihren wirklichen Absichten gibt. Ihre Funktion war es vielmehr, eine große Zahl von Militanten in der Partei zu halten, die durch die Strömung angezogen wurde, die sich auf den bewaffneten Kampf berief. Es ist wahr, daß nur eine existierende revolutionäre Linke, die nicht nur fähig gewesen wäre, die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes zu behaupten, sondern ihn auch ernsthaft in Angrifl zu nehmen. Eine globale Kritik beider Kommunistischen Parteien hätte diese Genossen aus der Vormundschaft der Bürokratie befreien können. Wie wir noch aufzeigen werden, konnte die revolutionäre Linke keinen solchen Anziehungspol bilden. Darum haben alle diese vor allem
durch die Kämpfe vor der Dıktatur radikalisierten Mitglieder keinen Bruch mut der KPG vollzogen, der hätte entscheidend sein können. Seit einem Jahr, wenn nicht bereits länger, ist der Prozeß der Wiedergewinnung dieser Mitglieder beendet, was einen Sieg für die Rechten in der inneren KP darstellt.
Die Folgen für den Aufbau einer revolutionären Vorhut waren ernst, aber auch für die. Rettung der Arbeiterbasis der inneren KP selbst. Denn diese Tendenz, die politisch und 'theoretisch" durch die restlose Verwirrung gekennzeichnet war, die dem Staatsstreich folgte ( es ist bezeichnend, daß ein beträchtlicher Teil von KP-Mitgliedern, die sich weigerten, während der Spaltung von 1968 Stellung zu beziehen, sich selbst den Namen 'Chaos zulegten), und sozial durch die bedeutende kleinbürgerliche Basis der KPG, neigt immer mehr dazu, mit jeder proletarischer Reform zu brechen. Schlimmer noch, der stet: Mißerfolg der seit fünf Jahren geforderten refor mistischen Strategie, der heute die Versuche zur 'Legalisierung' durch das Regime ermöglicht, stölt eine ganze Reihe von Mitgliedern in eine legale Opposition, die erstens nicht aus sich selbst heraus zu einem wirksamen Kampf gegen die Diktatur fülen kann und die sie zweitens völlig von der Arbeiterbasis abschneidet, welche trotz aller "Liberalisierungs'- Maßnahmen sehr wohl weiß, daß die Haltung der Staatsmacht ihren Organisationen gegenüber unverändert ist und bleibt.
Die kürzlichen Erklärungen von Theodorakis sind, trotzim sich diese Persönlichkeit nicht durch allzu große Ernsthaftigkeit auszeichnet, in Wirklichkeit ( und wir haben hierfür ernstere Quellen) die Bestätigung für diese neue de-facto-Spaltung in den Reihen der inneren KP. Aber auf diese Weise wird die gesetzte Grenze überschritten. Die Bürokratie kann solche Stellungnahmen nicht mehr zulassen, nicht weil sie reformistisch sind, sondern weil das sie von ihrer Klassen basis abschneiden würde. Ohne die Müglichkeit zu erhalten, die Bürokratie einer legalen Ar beiterbewegung zu bilden, kann die Führung der inneren KP diesen Weg nicht billigen. Andererseits scheinen die Kommunistischen Parteien angesichts der Verschärfung der Kämpfe auf internationaler Ebene näher aneinander zu rücken, da die schwerwiegenden sozialen Spannun gen und die Entwicklung revolutionärer Organisationen, die unmittelbar im politischen Leben mehrerer Länder eine Rolle spielen, ihre Privilegien in einem doppelten Sinne gefährden. Die immer offenere Unterstützung der Pro-Moskau KP durch die französische und die belgisch Kommunistische Partei sowie die Anwesenheit von Vertretern beider Tendenzen und eines Abgeordneten aus der Sowjetunion, der warmen Applaus erhielt, auf dem letzten Kongreß der italienischen KP beweisen, daß die seit 1968 entstandene Lage unhaltbar geworden ist. Die Wieder vereinigung der KPG steht deshalb auf der Tagesordnung. Die legale Opposition der enthemmten kleinbürgerlichen Tendenz wird vielleicht die Pläne der Regierung schwieriger machen, abe sie wird ihnen auch, wenn sie gelingen, eine zusätzliche Glaubwürdigkeit verleihen. DIE REVOLUTIONARE LINKE IN DER SACKGASSE
Die Entwicklung revolutionärer Avantgarden im Weltmaßstab, die man seit einigen Jahren bea bachten kann, ist das kombinierte Ergebnis aus dem Aufstieg der sozialen Kämpfe und der Nie dergangskrise des Stalinismus. Um dies zu verstehen und ihre Dynamik zu begreifen, muß man dies als einen internationalen. Prozeß untersuchen, in dem jede politisch-theoretische und orga nisatorische Errungenschaft sich in einem Land nach dem anderen niederschlägt. Dort, wo die Verwirrung der Bürokraten angesichts dieser Entwicklung, die auch die Arbeiterstaaten erfaßt, ihr eine offensichtlich antibürokratische Perspektive eröffnet, bietet sich die noch niemals dagewesene Möglichkeit einer Internationalisierung nicht nur der Kämpfe, sondern auch der Kri- Die Wirklichkeit zeigt uns so zur Genüge, wie sehr dieses grundsätzliche Phänomen nicht das arithmetische Resultat von Teil-Entwicklungen ist, sondern daß im Gegenteil die Teilerfolge Faktoren der Beschleunigung auf naheliegenden oder sogar weit entfernten Kampffeldern dar stellen. Im Falle Griechenland müßte man es aufgeben zu begreifen, wieso es eine revolutio näre Linke gibt, wenn man nicht von diesen Feststellungen ausgeht. Die Mobilisierungen des Jahres 1965 waren die Wiege dieser Strömung. Die Tatsache, daß die organisatorische Kristal• 1 k EKORR 15 5 72
lisierung erst nach dem April 1967 erfolgte, ist nicht nur auf die Schwere der Niederlage zurückzuführen, auf den Umfang, den die Bewußtwerdung des Mißerfolgs der KPG einnahm, sondern auch auf den Aufschwung der Avantgarden in Europa und ihre Antriebskräfte: die vietnamesische Revolution und die Rückwirkungen der kubanischen Revolution. Die Herausbildung revolutio närer Gruppen, die mit den traditionellen politischen Formationen brechen, weil sie deren Mißerfolge feststellten, drückt sich ideologisch so aus, daß fast automatisch das Stadium übernomme wurde, auf das die Kritik des Reformismus in den nicht-imperialistischen Ländern international angelangt war: der Foquismus ( Bildung eines bewaffneten 'Brennpunktes' = Focus - oder Herdes, von dem aus man den Kampf um die Macht antreten kann, eine Theorie, die besonders von Debray vertreten wurde), der Glaube an die kleine Gruppe, die den bewaffneten Kampf als Katolysator beginnt.
Man braucht nur die Texte dieser Gruppen zu lesen, um festzustellen, wie sehr die umstrittenen Theoretisierungsversuche Debrays und dann die Schriften Marighelas sie beeinflußt haben. Die mit dem Ausland in Verbindung stehenden Revolutionäre haben hierbei als Transmissionsriemen eine äußerst wichtige Rolle gespielt. Aber die Herausbildung einer in den Massen wenn auch nur in begrenztem Maße verwurzelten Avantgarde, die mit der Vergangenheit abgerechnet hat und fähig ist, bei jeder Gelegenheit politisch zu intervenieren, ist auf diese Weise nicht automatisch zu folgern.
Die Ablehnung einer bürgerlich-demokratischen Opposition und die Verurteilung der KPG beruhten in Wirklichkeit nur auf empirischen Feststellungen. Die Globalisierung dieser Erfahrungen • ihre Verallgemeinerung im Weltmaßstab - konnte hieraus nicht automatisch entspringen. Hier zu bedurfte es vielmehr theoretischer Kenntnisse, politischer Erfahrung und vor allem des Ver ständnisse für den Stellenwert dieser empirischen Feststellungen in der Kontinuität der Arbeiterbewegung und der internationalen Wirklichkeit. Hingegen ist es wahr, und das wurde auch verifiziert (bei den Tupamaros, der FDPLP), daß eine simultane Entwicklung spontaneistischer Avantgarden und einer Massenbewegung durch die Erfahrungen mit denen die Revolutionäre dann konfrontiert werden, die Uberwindung des vulgären Empirismus und die Annäherung an den revolutionären Marxismus gewaltig beschleunigen kann. So kann das Wurzelfassen in den Massen sichergestellt wirdon, was wiederum durch das Entstehen einer Arbeiterbasis den Druck der kleinbürgerlichen Ideologie auf diese Gruppen begrenzt.
In Griechenland sind diese beiden Dinge nicht zusammengefallen. Vor allem als Folge des Umfangs, den die frise der politischen Formationen angenommen hat, insbesondere bei der Kommu nist schen Partei, mögen vi leicht jene sehr zahlreichen 'linksextremen' Gruppen entstanden sei. , aber die Massen winden tief demoralisiert. Die aktiven Elemente waren dazu verurteilt, in i rem theoretischen stalmistischen oder sogar im ( bürgerlichen) linken Zentrums- Gepäck Rot zu suchen, isoliert von den Massen, einer Ideologie ausgesetzt, von der sie zumeist durchdrunc in war: die kleinbürgerliche Revolutionsnarrheit.
Das tes' . zer einigermaßen entwickelten marxistisch-revolutionären Organisation hat diese Ent: :. die man sogar bis in den Rückschritt des theoretischen Niveaus der spontaneistischi Texte • arfolgen kann, tief gekennzeichnet. Eine solche Organisation hätte zwar nicht die Lärme a r Probleme anbieten können, aber sie hätte den Verbindungspunkt zur Tradition der Arbeiterie vegung in Griechenland selbst wie auch international bilden können, die sowohl theoretisch wie auch politisch nicht nur unausgeschöpft blieb, sondern der Mehrzahl der aktiver Elemente völiig unbekannt blieb.
Die Schwäche der revolutionären Marxisten, die während des letzten Weltkriegs durch die Rea fion und die Stalinisten, die für die Beseitigung ihrer besten Kader verantwortlich sind, buchst lich dezimiert und die hinterher durch die Repression und das Vorhandensein einer relativ möch tigen KP während der langen Rückzugsperiode der fünfziger Jahre zerrieben wurden, konnte vor der Machtergreifung der Diktatur nicht überwunden werden. Hinterher, als sie sofort in de Kampf geworfen wurden, haben sie alles in allem die entschiedensten Kämpfer geliefert, denen die einzigen waren, die vor den Richtern der Junta die Perspektive der proletarischen Revolution verteidigten. Es gelang ihnen jedoch nicht, die organisatorische Verbindung wit de
radikalsten Gruppen in der entscheidenden Periode herzustellen, die dem Staatsstreich unmittelbar folgte. In der Periode danach hat die Unfähigkeit der revolutionären Linken insgesamt, die Massen zu mobilisieren, dazu geführt, was wir als das Wiedereinfangen der linken KP-Frak fion durch ihre innergriechische Partei beschrieben haben.
Heute ist die Sackgasse dieser revolutionären Strömung offensichtlich, und das bildet eine ernstliche Gegebenheit der Problematik insgesamt. Da sie die Notwendigkeit eines gewaltsamer Zusammenstosses mit der Bourgeoisie - nicht nur langfristig gesehen, sondern bereits in den ersten Anfängen der Massenbewegung - mit der Notwendigkeit der Bombe als einzige und end gültige Aktion verwechselte, da sie jegliche Ablehnung des bewaffneten Kampfes mit einer obs jektiven Einreihung auf Seiten der Regierung verwechselte, da sie unfähig war zu begreifen, da die Änderungen in der Form der Repression u s eine Anpassung uns erer Taktik aufzwingen, wei. gert sich diese revolutionäre Strömung, die Möglichkeiten, die durch das Manöver der 'Demo kratisierung' entstehen, auszunutzen und betrachtet es lediglich als eine riesige Verschwörung, an der jedermann, einschließlich der KP, beteiligt ist. Sie versperrt sich so das Verständnis da- Für, wie sich das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen konkret ausdrückt, wodurch sie auch um Fähig wim!, hierauf einzuwirken.
Es ant zwar, daß diese Strömung nicht homogen ist, und daß es bedeutende Unterschiede is ihr gibt. Jetzt aber geht es nicht mehr darum, eine aufsteigende Bewegung zu untersfützen und ihr zu folg en, sondern um den Versuch, die fortgeschrittensten Elemente und Gruppen einer sich zersetzenden Bewegung zu retten. Diejenigen, die druch die Erfahrungen dieser letzten Jahre dahin gelangt sind, die Strategie der proletarischen Revolution vorwärtszutreiben, bilden sowohl politisch wie auch organisatorisch ein beträchtliches Positivum. DIE AUFGABEN DER INTERNATIONALISTEN UND DIE INTERNATIONALISIERUNG DER AUFGABEN Das Überleben des Regimes von Papadopoulos ist weder ein Wunder noch ist es ein Beweis für seine Popularität. Da es sich einem Volk aufgezwungen hat, das sich seiner Kraft immer mehr bewußt wurde, da es die Mittel, dieses Volk zu unterdrücken, beständig anwendet, verdankt er seine fünf Jahre Anwesenheit auf der politischen Bühne alleim dem Fehlen eines organisier ton Ausdrucks der Kraft des Volkes. Langfristig betrachtet wird die Verwirrung, die herrschte, Für die Obristen kein Gewinn sein. Bereits in den Ritzen der lächerlichen Freiheiten, die man gewährt, setzt sich die angesammelte Unzufriedenheit der Arbeiter fest sowie die Reaktion der Jugend auf den Verdummungseifer einer Ideologie, die sich aus einer seltsamen Mischung von Weihrauch und westlichen Abfallprodukten zusammensetzt.
Den im Gang Lefindlichen Prozeß beschleunigen, die Begrenzung der Bestrebungen des Volkes auf den engen Spielraum der "legalen' Opposition vermeiden, alles kapitalisieren, was die Krise des Spalinismus nach links gedrängt hat, hierin bestehen die Aufgaben der revolutionären Marxisten. So kann man die augenblickliche Zerstückelung nicht nur durch schriftliche und münd liche Polemik überwinden, sondern man muß die Entwicklung der Kämpfe fördern, die die politische Klärung beschleunigen wird. Im übrigen kann man unmöglich die unmittelbar internatio nale Dimension des Kampfes fes griechischen Proletariats übersehen, wenn der Aufbau des Euro pas des Kapitals unmittelbar die Haltung der griechischen Bourgeoisie beeinflußt, wenn der Kampf der türkischen Revolutio, äre das östliche Mittelmeergebiet erzittern läßt, wenn der ame rikanische Imperialismus sich 'so'ide' Basen in Griechenland und in der Türkei gegen die palästinensische und arabische Revciution sichert und wenn die formale W a hängileit Zyperns lästinensische und arabische Revo: tion sichert und wenn die formale Unabhängigkeit Zyperns durch die Strategie des Imperialismus infrage gestellt wird.
Die revolutionär-marxistischen militanten Elemente Griechenlands sind dank ihrer Zugehörigke zur IV. Internationale in der Lage, im Rahmen ihrer Kräfte die Aufgaben durchzuführen, die sich im jetzigen Stadium des Prozesses zellen, der zum Sturz des Kapitalismus in ihrem Lande Führen muß.
( M. V. Aus LA GAUCHE Nr. 18 vom 5. Mai 1972)
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FRANKREICHs DER KAMPF VON JOINT FRANCAIS +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Während der letzten zwei Monate standen zwei Ereignisse im Vordergrund der politischen Szenerie in Frankreich: der Mord an Pierre Overney vor den Toren von Renault und das Referendum über Großbritanniens Eintritt in den Europäischen Markt. Mit der Mobilisierung von mehreren Zehntausend Demonstranten konnte die revolutionäre Linke eine wirksame Antwort auf die Eskalierung der Repression geben, während die Arbeiterklasse sich weigerte, die bei dieser Ge legenheit von der KPF gestartete antigauchistische Kampagne (gegen die revolutionäre Linke) zu decken. Alle kämpfenden Schichten der arbeitenden Klasse haben das falsche Referendum rechi liegen lassen. Aber das Kräfteverhältnis, das in Frankreich zwischen den Klassen besteht, wurde am klarsten aufgedeckt durch einen 8 - wöchigen Streik in einem Unternehmen von 900 Arbeitern von Joint Français in Saint Brieuc ( Bretagne).
Diese Region gehört zu jenem Teil des Landes, den man die Wüste Frankreichs nennt: eine fradifionel! agrarische Zone. Die auf die Spitze getriebene Rationalisierung der französischen Landwirtschaft führt hier zu sehr großer Arbeitslosigkeit, und jedes Jahr versuchen ehemalige Bauern zu Zehntausenden, Arbeit in Paris zu finden. In einer Periode der Hochkonjunktur haben die Monopole - trotz der fehlenden Infrastruktur - mit der finaziellen Hilfe des gaullistischen Staates eine Reihe von Unternehmen dorthin verlegt, um die billigen Arbeitskräfte ausbeuten zu können: Renault, Cit roen. Das ist auch bei der CGE so, dem bedeutendsten französischen Trust für elektrische Apparate, zu dem auch Joint Français gehört. Die Löhne bei Joint gehörten zu den niedrigsten in der ganzen Region: 850 Francs monatlich bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 47 Stunden.