Liebe Genossinen und Genossen, Ich wollte am V. Kongress der LCR selbst teilnehmen; aber aufgrund meines prekären Gesundheitszustands ist digen, und möchte Euch durch diesen Brief mitteilen, was ich gesagt natte, wenn ich unter Euch hätte sein können.
DIE POLITISCHE SITUATION UND
UNSERE AUFGABEN IM ALLGEMEINEN
Als erstes möchte ich in Erinnerung rufen, dass die politische Intervention nicht danach ausgerichtet werden darf, was in der Vergangenheit genauso war, sondern danach, was sich von der Vergangenheit unterscheidet; denn die Geschichte wiederholt sich nie. Deshalb fin de ich es sehr ungut, wenn man einfach an die Vergangenheit erinnert, ein- Insbesondere mit der Volksfront der fach mit der Vergangenheit vergleicht, die die beiden Perioden so atmlich sin de dass sie sie miteinander verwechselt.
dass die derzei- Frankreich derzeit macht, in der gangenheit noch nie dagewesen ist, unc das nicht nur in Frankreich; sie ist der früheren Situationen und Erfahrungen auf fast allen Ebenen entgegengesetzt, insbesondereder von 1936.
ich in der damaligen Volksfront mit der Arbeiterpartelen die radikale Partei zusammengeschlossen kein zusammengewürfelter Haufen von eine Partel, die Grüppchen war wie heute, sondem die des la des innehare in desoder im ersten Weltkrieg, der immerhin mit erent, Eouard Dalader Camille für sie endete. Edouar Chautemps - das waren Leute, die die sehr grossen Telle des französischer Kapitalismus auch wirklich repräsentierten.
Für die Radikale Partel fing damals die Perlode des Rückgangs erst an. Sämtliche damaligen bürgerlichen politischen Formatfonen waren intakt. Daregen waren sie schon zur Zeit vor De Gaulle nach 1945 zerrissen und haben sich sefther auch nie wieder richtig festigen können: mit dem Wahlsies der Linken vom 10. Mai 1981 verlorer onseil National du Patronat Francals" (CNPF, der französische Untemehmerverbank) in len letzten Monaten gezwungen war auf der politischen Bühne offen in der Vordergrund zu treten: damit bewies er dass der französische Kapitalismus zwar die reformistischen Partelen geschickt zu seinen Gunsten auszunützen versteht, aber in der derzeitigen Regierung nicht die Seine erkennt, weder in der gesammten Regierungsmannschaft noch in Massen-Kampfverbänden, um individuellen Mitgliedern, auch nicht Front der Arbeiterorganisationen anin denen, die bürgerlichen Grüppchen zugreifen, ist noch ziemlicher Weg angehören: in Wirklichkeit sind das po- in Frankreich, der nicht so ohne weilitische Parasiten. die vor allem daraut teres zu durchschreiten scheint. aus sind, ihren eigenen Hunger zu befriedigen, egal ob mit einer linken oder Was die Arbeiterklasse und ihre Orgamit einer rechten Polftik. nisationen angeht, so sieht hier das Bild (gegenüber 1936) ganz anders aus, darin wis mecharch wien gen 1938 auch wenn bei den Wahlen die Sozialistische Partei die Kommunistische werden, wie das die Partei überholt hat. Ich möchte auch Communiste Internationaliste" (OCI) daran erinnem, dass 1936 die Arbeitertut: es muss den verschiedenen Situa- klasse zum ersten Mal mehrheitlich ionen, die auftreten, angepasst wer für die Arbeiterparteien stimmte, dass len. Natürlich darf man die Parole sie trotz dem Juni 1936 voller Illusionen Weg mit den bürgerlichen Ministem in die parlamentarische Demokratie licht vergessen. iber es ist doch klar, dass sie ungeheures Vertrauen in lass die Zeit kommen kann, die Arbeiterpartelen und ihre Führungen "Weg mit Delors! Weg mit Her- hatte, und schliesslich, dass sie zum wenn diese aufgrund ihrer Funk- ersten Mal als Klasse in den Betrieben tion in der Regierung unpopuläre Mass- anerkannt wurde (das war ja die wichnahmen ergreifen, viel mobilisieren- tigste Errungenschaft vom Juni 1936 geder für die Massen wirken als "Weg mit Crepeau ! Weg mit Jobert! " Wahr- schein lich ist doch, dass bevor man Später werde ich noch einmal auf die loch zu Losungen gegen die gesamt Arbeiterklasse im allgemeinen zurück- Regierung kommt, Situationen auf- kommen, Jetzt möchte ich nur noch tauchen können, wo man der Regie- drei wichtige Punkte erwähnen: rung eine mehr nach links gerichtete Linie aufzwingen kann. a) Vor Juni 1936 hatten sich die Gestimmte einzelne Mitglieder aus ihr werkschaften wieder vereinigt, wähausgeschaltet werden. rend heute die Gewerkschaftsspaltung mehr denn je von den Führungen der Was die Mittelklassen und -schichten Verbände gepflegt wird: jede sorgt nur angeht, so ist der Unterschied zu 1936 für ihr eigenes Haus. So schlimm diese doch ziemlich deutlich. Damals ge- Spaltung auch sein mag, gegen die hörten sie in der Mehrheit zu den al- wir hartnäckig kämpfen müssen, so ten Mittelklassen. die durch die Ent- ›remst sie zwar den Autschwung der wicklung des Kapitalismus immer mehr Kämpfe, aber sie lähmt ihn nicht. an den Rand gedrängt wurden.
ist ihr Anteil viel geringer(Bauem, b) Die KPF setzte damals gerade an, an Kleinhändler, Handwerker, liberale Einfluss und Stärke zu gewinnen, die Mehrheit derer, die sie zur grössten Arbeiterorganisatior heute zwischen den Hauptklassen ste- Sie fühlte sich in einer Posihen, sind Techniker, Führungskräfte, tion der Stärke. und der Stalinismus ingenieure usw. Sicher kann man auch in der Sowjetunion war in vollem Aufbel ihnen die ganze Palette finden: an- schwung. Genau in dieser Situatior relangen bei denen, die sich aufgrun fie es damals ab, in die Regiehres Einkommens kaum von Kapita rung Léon Blum einzutreten. Heute listen unterscheiden die nur vom Verkauf ihrer Arbeitskraft bis hin zu denen, stagniert sie, ihr Einfluss geht seit einigen Jahren deutlich zurück, und leben, Die Mitglieder der alten Mit- bef den Wahlen vom Mai 1981 verbr telklassen lebten mit der traurigen Aus- sie 20 bis 25 % ihrer Wählerschaft; beim Gericht Ihre Zahlungsun- Moskau wirkt wie ein schwerer Klotz fähigkeit erklären zu müssen; die Mit- an ihrem Bein, Diesmal sah sie sich lieder der derzeitigen Mittelklasser aufgrund ihrer Schwächeposition gelagegen werden übers Arbeitsamt ver- zwungen, in die Regierung Pierre mittelt, Andererseits wurde vor bald Mauroy einzutreten, um damit zu fünfzig Jahren der Aufschwung der verhindem versuchen, dass ihr Nie- Arbeiterklasse in Frankreich und einí- *archima to Bus auf di Mite- dergang sich noch beschleunigt. c) Vergessen wir uns selbst nicht bei klassen ausübte; letztere stellten dem der wie ai Sig so wach. Grosskapital ja massiv Fusstruppen und die stalinistischen Verleumdungen egen die Arbeiterbewegung (Moskauer Prozesse, Anschuldigung Jurch die derzeitige Krise erhalter des "Hitler-Trotzkismus" usw.) stíesle eigentlichen. traditionellen fa- sen damals - leider - auf beträchtschistischen Organisationen sicher Zu- liches Echo. Jetzt sind wir zwar imlauf. Natürlich darf man nicht zulassen, ner noch viel zu klein im Verhältdass sie sich ungehindert entwicke in. nis zu unseren Aufgaben aber an lass sie ungestraft zuschlagen. Mar Zahl und Einfluss sind wir doch uncann derzelt damit rechnen, dass sie vergleichlich grosser, und die stali- Ihre Unzufriedenhelt mit der Regle - nistischen Lügen über uns klingen rung zum Ausdruck bringen werden etwas anders als damals. Man glaubt • 24
ihnen nicht mehr so richtig. Tatsächlich ist doch der Haupteinwand uns gegenüber der, dass die Trotzkisten so zerstritten und gespalten sind..... DIE AKTIVITATEN DER LCR
Ich nehme nicht mehr intensiv an der täglichen Arbeit tell und kann deshalb auch kein konkretes Urteil über diese fällen. Aber vielleicht erlaubt mir der Abstand, eine bessere Gesamtsicht un serer Aktivitäten, die in unserer Wochen- Nun, ich , insbesondere ihre Kampagnen zur 35-Stunden-Woche, zur Reduzierung der Wehrpflicht auf 6 Monate, finde ich sehr gut, Was ich ihr vorwerfen würde. ist eher das, was nicht drin steht. Rouge wird den Bedürfnissen der alltäglichen Agitation und Propaganda gerecht. Aber das genügt nicht. (...) Deshalb erfährt die Krise der KPF in unserer Presse nicht die Aufmerksamkeit, die ihr gebührt. Seit bald sechs Wochen veröffentlicht die "Humanité" jeden lag eine ganze Seite mit Diskussions- ›eiträgen zum kommenden KPF-Kon gress. und in diesem Zeitraum widmeten wir in "Rouge" nicht eine einzige Seite. nicht einen einzigen Artikel dieser Vorbereitung. Gewiss werden diese Diskussionsseiten der "Humanité" von der Leitung manipuliert. Sie bringt die Beiträge der KP-Funktionäre, ohne diese als solche zu kennzeichnen, son- Jem vermerkt nur deren Zellenzuge hörigkeit. Oder sie druckt, um "Demo. kratie" zu heucheln, den Brief eines Oppositionellen, darauf aber ein paar Dutzend Beiträge von Linientreuen als Antwort. Vor allem das muss gezeigt werden, mit überzeugenden Beweisstücken. Selbst die KPF-Genossen blicken nicht mehr durch, die akzeptieren, was die Leitung als Pseudo- Selbstkritik vorbringt. um die Niederlage der KPF bei den Wahlen zu erklären (die früheren Führungen unter Maurice Thorez und Waldeck-Rochet hätten war, bis Georges Marchais. .). Bis zum heutigen Tag fand ich in der Humanité nicht einen einzigen Artikel über die frühere und derzeitige Politik der KPF in der CGT. Dabei ist las einer der empfindlichsten Punkte ir aktive Cewerkschalter. die in der PF sind. Dass darüber geschwiegel vird, ist sicher sehr bezeichnend Sicher wird auch der nächste Parteitag der KPF ein meisterhaft dirigiertes bürokratisches Spektakel sei n; aber wir dürfen uns deshalb nicht täuschen lassen. Wir hatten vor nicht allzulanger leit das Beispiel des Kongresses de panischen Kl . wo sich Santiago Carrillo durchsetzen konnte, und doch fällt die Partei jetzt, wenige Monate Es stimmt schon, KPF-Apparat ist zersetzt, die Apparatschiks sind voller Zweifel, thre Perspektiven, ihren Posten zu behalten oder Abgeordneter, Bürgermeister usw. zu werden, sind düster. Sicher gibt es Leute wie Henri Fiszbin im Zentralkomitee, wenn auch nicht im Politbüro, die sich mehr oder weniger Bewusst sind. Wir müssen in diese Krise intervenieren. Meiner Ansicht nach hatte man abgesehen von dem Platz, den man in 'Rouge" dieser Frage widmen sollen, nach dem Mai 1981 eine Broschüre über die Krise in der KPF veröffentlichen müssen. Jetzt muss das unbedingt zum KPF-Kongress getan werden.(.....) DAS FRANZÖSISCHE EXPERIMENT UND DIE LAGE IN EUROPA
Ich bin der Ansicht, dass das französische Experiment den Schlüssel zur Lage in Europa lietert. Dieser Gedanke müsste in der LCR und in der Intemationale entwickelt und diskutiert werden (in dieser Frage sind die Publikationen unserer Schwestersektionen genauso ungenügend zum Warum wird so wenig über die neue Erfahrung, welche diefranzösische Arbeiterklasse derzeit durchmacht, geschrieben ? Seit dem Mai 1968 haben sich die europäischen Arbeiter von der Passivität, die eine ziemlich lange wirtschaftliche Prosperität verursacht hatte, erholt, und trotz widerpristien und teckschen en tann nicht die Rede davon sein, dass der Kapitalismus seine alten Positionen wieder zurückerobert hätte. Aufgrund der Wirtschaftskrise sowie komplexer Phanomene (Arbeitslosigkeit Kriegsgefahr) werden in widerspruchlicher und neuer Art und Weise immer wieder Telle der Massen-stossweise radikalisiert. Das beste Beispiel auf europäischer Ebene wurde kürzlich von den grossen Demonstrationen gegen Atomwaffen gegehen. Aus bestimmten Gründen waren diese Demonstrationen in Frankreich nicht so massiv wie anders. wo. Aber wenn man unter die Oberfläche dringt, wenn man den Hintergrund der politischen und okonomischen Klassenkämpfe, vor dem diese Mobilisierunger stattfanden, berücksichtigt dann muss man zu dem Schluss kommen, dass die französische die politisierteste der Arbeiterklassen Ist, auch wenn sie nicht zu jeder Gelegenheit die grösste Kampfbereitschaft zelgt.(.....)
Zurecht sprechen wir seit einigen Jahren von einer "Neustrukturierung" ("recomposition "), die in der Arbeiterklasse vor sich geht: bei Wahlen wirkt sich das so aus, dass die KPF an Stimmen verliert, Diese abt ihre Vorherrschaft während mehr als vierzig Jahren über die französische Arbeiterbewegung aus. In dieser Zeit machte die Arbeiternan durch die veRdick, sat de. das "Gemeinsame Programm " und die "Linksunion" . Bei all diesen Gelegenheiten erfüllte die KPF die Hoffnungen, welche die Arbeiter in sie gesetzt hatten, nicht. Und schliesslich stürzte sich diese Partei, als sie sah, wie die Sozialistische Partei immer mehr an zept der gewann weil sie auf das Kon- Dritten Kraft" von Guy Mollet verzichtete und sich für die "Linksunion" mit ihr entschied, mit Haut und Haar in einen sektiererischen, den Massen unverständlichen Kurs, um durch übersteigerte Forderungen wieder Bin hasen, deren et i plie de Perspektive nur die Wahlen boten, zogen die Arbeiter-Partei vor, der sie mehr zutrauten, über Wahlen einen Ausweg zu tinden. Insotem wahlten sie "nützlich"
Was aber nicht heisst, dass die Arbeiter die Revolution aufgegeben hätten, dass sie mit ihr nichts mehr anzufangen wüssten oder dass sie die Erfahrungen und Lektionen der Vergangenheit aus ihrem Gedächtnis ge- Löscht hätten. Man braucht nur zu sehen, was seit der Wahl von Francois Mitterand geschehen ist. Wenn es heute keine Kämpfe gibt, die direkt Experiment gemacht wird; sie verhält sich dabei aber nicht als unbeteiligter Zuschauer. Zwar zeigt sie ein gewisses Mass an Geduld, weil sie weiss, welche Schwierigkeiten die Wirtschaftskrise mit sich bringt. Aber regenüber den Kapitalisten und der Spitzen der Verwaltung zeigt sie zuerst offene Feindseligkeit sowie antibürokratische Gefühle gegenüber der Apparaten der Arbeiterorganisationen. (.....
Der neue Aufschwung der Arbeiterklasse geht noch langsam vor sich, aber er wird zweifelsohne anwachsen und bei bestimmten Gelegenheiten Sprünge machen, um höhere Ebenen als in der Vergangenheit zu erreichen. Wenn er sich derzeit nicht so schnell entwickelt, dann kann uns las zugute kommen. Denn ich sage es noch einmal: wir dürfen auf keiner Fall darüber hinweggehen, dass wir selbst auch da sind und dass wir auf den Lauf der Ereignisse Einfluss nehnen. Im Vergleich zu den vorliergehen den aufsteigenden Phasen der Arbeiterklasse sind unsere Kräfte zwar immer noch unzureichend für die unmittelbaren Aufgaben, aber doch un vergleichlich stärker und einflussreicher; die LCR ist heute die einzige Avantgarde-Organisation, die von sehr vielen Leuten direkt mit dem Mai 1968 in Zusammenhang gebracht wird, Wir müssen noch zahlreicher werden, uns noch besser in der Arbeiterklasse verankem, um besser in der Lage zu sein, hier eine führende Rofle zu spielen. Wir brauchen Zeit, um so weit zu kommen. Je mehr Zeit wir haben, bevor neue Krisen ausbrechen, um so besser ist das für uns - unter der Voraussetzung natürlich, dass wir die Zeit zu nutzen wissen.
Ich hoffe, dass dieser Kongress, dessen Arbeiten ich den besten Erfolg wünsche, viel dazu belträgt, uns zu helfen bei der Lösung der vor uns liegenden Aufgaben unc uns auf die Höhe der Möglichkeiten und Fähigkeiten der Arbeiterklasse dieses Landes trägt.
Hoch die Ligue Communiste Revolutionnaire (L.CR). die französische Sektion der Vierten Intemationale !
Pierre Frank - Paris, 9. Dez. 1981