Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Entführung Sallustros: Anstoß zu einem neuen Aufschwung der Kämpfe

Inprekorr Nr. 14, 15. April 1972 · S. 6-8 · 964 Wörter

Argentinien Frankreich

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ANSTOSS ZU EINEM NEUEN AUFSCHWUNG DER KAMPFE +++++++++ *++++++++*+*++++++++ + Im Augenblick, da es trotz der größten in Argentinien jemals durchgeführten Suchaktion von Militär und Polizei nicht gelang, den Generaldirektor des FIAT - Konzerns wiederzufinden, brach in Mendoza ein neuer "Cordobazo" (1) aus mit einer vorläufigen Bilanz von zwei Toten, Dutzenden von Verletzten und Hunderten von Verhafteten. Die Provinz und die Stadt sind militärisch besetzt. Nach dem Schlag der Stadtguerilla geben nun Zehntausende von De monstranten die richtige Antwort gegenüber des GAN, des FC, des ENA (2) und all der ande• ren Abkommen, welche in aller Eile und mithilfe der peronistischen Gewerkschaftsbürokratie der CGT, die auf den Rat Perons hin die meisten Kämpfe abbremst, alle Bereiche der nationalen Bourgeoisie einen. Die peronistische CGT weiß, wenn sie bei diesem Spiel mitmacht, S. 6 INPREKORR 15.4.72

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daß ihr Schicksal eng an das des gegenwärtigen Systems gekoppelt ist. Unter diesem Gesichtspunkt bedeutet die Entführung Sallustros eine Aktion, die durch ihre nationale und interna tionale Rückwirkung dem Sandkorn im Getriebe gleicht, welches die ganze Maschine lahmle gen kann. Es ist symptomatisch, daß die CGT die Entführung immer noch nicht verurteilt hat, und zwar offensichtlich nicht etwa deshalb, weil sie sie billigt, sondern einfach deshalb, weil eine Verurteilung für die CGT bedeuten würde, daß sie sich noch mehr ihrer Basis entfremdet. Seit 15 Jahren sind sämtliche Arten legaler Kämpfe durchgemacht worden ( mit erdrückender Stimmenmehrheit gewonnene Wahlen, Streiks, die das ganze Land stillegen, Fabrikbesetzun gen und Massendemonstrationen). Jeder dieser Kämpfe hat dem argentinischen Proletariat die begrenzte Wirksamkeit dieser Aktionen aufgezeigt. Die verschiedenen Militär- und Zivilregie rungen haben die Repression immer gezielter dafür eingesetzt, die Avantgarde zu isolieren und zu liquidieren. Das sogenannte "Verschwinden' von Personen und die von den inoffiziellen Polizeibanden durchgeführten Entführungen sind an der Tagesordnung, ebenfalls wie das Zu-Tode-Foltern und die entsprechende Gesetzgebung, die den verschiedenen folternden Polizeibanden volle Straffreiheit garantiert.

Dje Entführung Sallustros und die außergewöhnlich: Wirkung, die sie in allen Kreisen des Landes gefunden hat, müssen in diesem Zusammenhang gesehen werden. Die Regierung mußte alle verfügbaren Mittel einsetzen, um der politischen Wirkung dieser Aktion entgegenzuarbeiten. Sie hat sich geweigert, mit "gewöhnlichen Verbrechern" zu verhandeln, wogegen FIAT dies akzeptierte. Und so kam es, daß einmal sogar die argentinische Regierung FIAT Befehle erteilte. Was den FIAT - Konzern betrifft, so wandte er sich unter Mißachtung der ausdrücklichen Anweisung der Regierung mithilfe großer Plakate an die öffentliche Meinung und versuchte, diese aufzurütteln. Daraus kann man ersehen, wie sehr der Entführung die Sympathien breiter Bevölkerungsschichten zukommen. Lanusse selbst konnte die Reaktionen messen an den Antwortfristen und dem Inhalt der sogenannten "Solidaritätskommuniques' für FIAT, seinen Generaldirektor und die christliche Moral. Die schnellsten stammten natürlich von den Unternehmerorganisationen, den Industriellenverbänden, den Export- und Handelskammern, dem argentinischen Bauernverband und ... von der katholischen Hierarchie. Er konnte das Schweigen all der Organisationen, die auf irgendeine Weise mit den ausgebeuteten Massen verbunden sind, zur Kenntnis nehmen. Es muß in diesem Zusammenhang auf ein bezeichnendes Ereignis hingewiesen werden: Bei der Beerdigung eines im Kampf gefallenen Guerilleros, des jungen Arbeiters Jorge Gustavo Rossi, eines ehemaligen Miglieds der JOC (=Katholischen Arbeiterjugend), hat diese nicht nur dessen Handeln nicht verurteilt, sondern im Gegenteil darauf hingewiesen, daß es die JO gewesen war, die diesen Kämpfer dazu erzogen hatte, stets nach seiner Überzeugung zu handeln, und daß er starb, weil er gemäß seinen Ideen handelte.

Die verschiedenen Formen des bewaffneten Kampfes haben sich in Argentinien durchgesetzt und sind längst zu einem integrierten Bestandteil des gegenwärtigen politischen Lebens geworden. Dennoch ist die Entführung des Generaldirektors von FIAT wegen ihrer Auswirkungen ein Markstein für die politische Zukunft Argentiniens. Der Schatten des revolutionären Kampfes, des revolutionären Bürgerkriegs, droht. Das Land erlebt eine richtiggehende militärische Okkupation, auch wenn die Repression vorerst selektiv zuschlägt. Der Umfang der Operation 'rastrillo' (=feiner Kamm) kann niemanden täuschen. Die letzte Verurteilung von Revolutionären zu sehr schweren Strafen, die Deportation politischer Häftlinge in den äus sersten Süden des Landes noch vor ihrer Gerichtsverhandlung, der Druck auf die Rechtsanwälte und Richter machen die Angst und die Ohnmacht des Regimes deutlich. Über die Abkommen der traditionellen politischen Parteien hinaus mehr zu tun, um eine Lösung der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Krise zu finden, ist für die Bourgeoisie, die mit dem amerikanisch-europäischen Imperialismus liiert ist, praktisch unmöglich. Der Imperialismus kann bei der gegenwärtigen Konjunkturlage seine massiven Investitionen nicht so verwirklichen, wie er es anderswo vermag. Die Wahlen sind noch in weiter Ferne, wenn man * die Geechwindigkeit des wirtschaftlichen Niedergangs und die zunehmende Unruhe der Masser de Rechnung stellt.

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Die gewalttätigen Tumulte von Mendoza sind ein mehr als aufschlußreiches Zeichen. Sie können sich an anderen Orten wiederholen, in viel wichtigeren Zentren. Das Zusammenfallen von bewaffneten Aktionen der Stadtguerillas mit den gewaltsamen Aktionen der ausgebeuteten Massen können für Argentinien eine neue historische Phase einleiten. Die offizielle Integration des Peronismus kann sich als eine zu späte politische Operation erweisen, mit der versucht werden sollte, die Situation für die Bourgeoisie wieder in Ordnung zu bringen. Aber die Initiativen der Basis haben ihre eigene Dynamik. Die organisierte Avantgarde wird, wenn sie ihre Verbindung zu den Massen verstärkt, immer besser in der Lage sein, ihre Ziele zu er reichen. (Jorge Antonio Echeverria. Aus ROUGE Nr. 152, 8. 4. 72)

( 1) "Cordobazo': wörtlich "Coup von Cordoba' , bezeichnet den begrenzten Aufstand von Cordoba im Mai 1969, allgemein bezeichnet es begrenzte Aufstände.

( 2) GAN: Großes Nationales Abkommen, eine vom Präsidentengeneral Lanusse betriebene Po• litik der nationalen Einheit, um die bürgerlichen Parteien und die, Bürokratie der CGT in das Spiel der Institutionen zu reintegrieren.

FC: Zivile Front. Abkommen zwischen dem General Peron und seiner Justizialistischen Be wegung mit dem Ex-Präsidenten Frondizi und der Radikalen Partei.

ENA: "Nationale Begegnung der Argentinier, Front der reformistischen Parteien mit der KP an führender Stelle.