Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Chile vor der kommenden Konfrontation

Inprekorr Nr. 12, 5. Februar 1972 · S. 9-20 · 6.496 Wörter

Chile Jugend und Studenten Bolivien, Peru und Anden

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CHILE VOR DER KOMMENDEN KONFRONTATION +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ +++++++ Die folgende Resolution wurde vom Vereinigten Sekretariat der IV. Internationale Ende Dezember einstimmig angenommen:

Organisiert demokratische räte der Arbeiter, der Bauern, der Slumbewohner und der Studenten!

Kämpft für die Bewaffnung des Proletariats und dem Aufbau einer Volksmiliz!

Schafft eine Revolutionäre Partei!

Vor vierzehn Monaten wurde als Ergebnis der Wahlen vom 4. September 1970 und der Übereinkunft der Parteien der Unidad Popular (Volkseinheit) mit der Christlich-Demokratischen Partei Salvador Allende als chilenische Präsident eingesetzt und die Volksfrontregierung gebildet. An diesem bedeutenden Ereignis hatten sich alle Bewegungen sowohl in Chile selbst als auch in ganz Amerika zu messen. Von Anfang an war es ein Prüfstein für die verschiedenen Richtungen innerhalb der Arbeiterbewegung. Das Experiment von Chile wird in der ganzen Welt beachtet und als Versuch gewertet für den friedlichen parlamentarischen Weg zum Sozialismus, wie er von den Reformisten verfochten wird.

Bei der unerbittlichen Mobilisierung von gegensätzlichen sozialen und politischen Kräften wird die Krise in Chile immer akuter. Besonders seit der Niederlage, die die Massen von Bolivien im August hinnehmen mußten, bekamen die lateinamerikanischen Widersprüche und Kämpfe in Chile einen Brennpunkt. Somit ist es für revolutionäre Marxisten unbedingt Bolivien im August hinnehmen mußten, bekamen die lateinamerikanischen Widersprüche und Kämpfe einen Brennpunkt in Chile. Somit ist es für revolutionäre Marxisten unbedingt notwendig, die Natur der Ereignisse zu erfassen und die sich entwickelnden Strömungen sowie die sich zuspitzenden Streitpunkte zu verstehen. Ebenso müssen sie ihre Stellung eindeutig festlegen, um in der Lage zu sein, wirksam eingreifen zu können. 1. - Der Sieg der kubanischen Revolution - der zusammenfiel mit der irreversiblen Krise der bürgerlichen oder kleinbürgerlichen revolutionären Bewegungen, die eine ganze Periode der politischen Kämpfe in vielen lateinamerikanischen Ländern bestimmten - veranlaßte den Imperialismus der USA und der einheimischen herrschenden Klassen zu einer Überprü- Fung ihres St andpunkts. Einerseits verstärkten die Imperialisten ihre militärischen Vorbereitungen, um der Gefahr revolutionärer Kämpfe, die sich am kubanischen Beispiel entzünden konnten, zu begegnen, und andererseits faßten sie einen reformistischen Kurs ins Auge,

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dessen Ziel sein sollte, diejenigen Wirtschaftsbranchen zu stärken, die als die dynamischen angesehen werden. Damit sollte eine Verschiebung der Macht innerhalb der herrschenden Klassen in Richtung auf die neven bürgerlichen Schichten begünstigt werden, es sollte fer ner, wenn auch nur wenig, die Massenbasis des Systems verbreitert werden. Dieser Versuch • zu dem Washington jedoch nur lächerlich kleine Geldbeträge unter der sogenannten Allianz für den Fortschritt verteilte - endete mit einem völligen Fehlschlag. Reformistische Experimente oder solche, die in diese Richtung gingen (z. B. Goulart in Brasilien, Belaunde in Peru) wurden unterdrückt oder endeten im Bankrott. Eine der Konsequenzen war das Aufkommen von Militärregimen, meist reaktionäre, und die Tendenz, die Armee in zunehmendem Maße als Ersatz für die traditionellen politischen Mechanismen zu gebrauchen, da diese in der Lösung ihrer Aufgaben versagt haben.

Die Diktatur der brasilianischen Gorillas war eine der Varianten, die gewählt worden war, um ein relatives politisches Gleichgewicht herzustellen und die Wirtschaft durch verstärkte Ausbeutung der Arbeiterklasse und der arbeitenden Massen allgemein neu zu beleben. Eine andere Variante war die Errichtung von reformistischen Regimen, die darauf hinzielten, die ökonomischen und sozialen Strukturen zu modernisieren und zu rationalisieren, indem innerhalb der herrschenden Klassen selbst auf Kosten der traditionellen Oligarchie ein neues Gleichgewicht geschaffen sowie mit den Massen oder bedeutenden Bevölkerungsschichten bessere und wirksamere Beziehungen angestrebt werden sollen. Die Probe aufs Exempel dafür war das Militärregime, das im Oktober 1968 durch Velasco Alvaredo in Peru eingesetzt worden ist.

Der relative Erfolg des peruanischen Systems wie auch die Niederlagen, die andere Regime erlitten oder die Sackgassen, in die sie geraten waren, begünstigten ähnliche reformisti sche Strömungen militärischer oder ziviler Natur in anderen Ländern, sogar dann, wenn sie im Anfangsstadium steckenblieben. Insgesamt warfen diese Strömungen die Frage auf nach Modernisierung der Agrarstrukturen durch Landreformen gegen die konservativen Schichten der Großgrundbesitzer zugunsten der Schichten von kleinen und mittleren Landbesitzern. Sie wollten eine substantielle Verschiebung des Kapitals hin zu den industriellen und zu den städtischen Wirtschaftsbereichen allgemein erreichen und die direkte imperialistische Vor herrschaft in den Grundstoffsektoren brechen. Entgegen der früher üblichen Haltung begünstigten sie als Befürworter energischer Eingriffe des Staates in die Wirtschaft, dem sie ein zunehmende Rolle als Stabilisator der Wirtschaft zuschrieben, die Kollaboration mit den sogenannten mordernen industriellen Sektoren. Diese Orientierung sollte die Beziehungen mit den Massen verbessern, damit diese innerhalb strikt festgelegter Grenzen eine gewisse Rolle zur Unterstützung des neuen Regimes gegen den Widerstand und gegen die Gegenan- 2. - Die Ereignisse der letzten Jahre in Chile zielen in diese Richtung. Man darf nicht vergessen, daß es die Regierung Frei (vor Allende) war, die als reformistisches Experiment begann, die sozio-ökonomischen Strukturen zu reformieren, insbesondere durch eine Agrar reform, durch wachsende Eingriffe des Staates und schließlich durch die Absetzung der alten oligarchischen herrschenden Schicht. Somit scheint - allgemein gesehen - die Volksfrontregie rung die Politik der vorhergehenden Regierung fortzusetzen. Es war kein Zufall, wenn in der Zeit vor den Wahlen vom 4. September Teile der Volksfront und die christlichen Demo kraten es nicht gänzlich ausschlossen, einen gemeinsamen Kandidaten aufzustellen, und wenn die christlichen Demokraten ein Programm ähnlich dem der Volksfront vertraten. Und noch deutlicher: der neue Präsident verfocht keine neue Agrarreform, sondern beschränkte sich auf die Durchführung der von Frei eingeschlagenen Reform.

Der in seinem Wesen reformistische Charakter der Allende-Regierung stimmt überdies mit dem Programm überein, das vor und nach den Wahlen aufgestellt wurde. Grundsätzlich sieh S. 10

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dieses Programm die Ausführung der christlich-demokratischen Landreform vor, die Beendigung der direkten imperialistischen Verfügungsgewalt über die Ausbeutung der Rohstoffe, die Verstaatlichung einer Reihe von Industriezweigen und die Nationalisierung der Banken. Dieses Programm - voll durchgeführt - würde Chiles ökonomische Struktur wesentlich verändern und bedeutende Modifikationen im Kräfteverhältnis der Klassen und in der Verteilung des Nationaleinkommens mit sich bringen. Aber es würde keine qualitative Änderung enthalten - Chile würde weiterhin ein kapitalistisches, vom Profitgesetz beherrschtes Land sein, eingegliedert in die imperialistische Welt. In seiner Landwirtschaft wirden sich in zunehmendem Maße kapitalistischer Unternehmergeist und eine Schicht von landbesitzenden Kleinund Mittelbauern , die stabilisierend wirken würden, breitmachen. Die Industriebourgeoisie würde weiterhin ökonomisch die stärkste und dynamischste Klasse bleiben, sie würde ihre Bindungen mit dem internationalen Kapitalismus bewahren, ja sogar verstärken, und sie würde schließlich der Hauptnutznießer des neven ökonomischen und politischen Gleichgewichts und der Rationalisierung des Systems sein, auch über den starken vom Staate kontrollierten Sektor.

Die Beibehaltung der kapitalistischen Grundstruktur wird besonders dadurch gewährleistet, daß die Volksfront nicht nur ausschließlich durch Wahlkampf um die Präsidentschaft focht, sondern daß sie sich obendrein verpflichtet hat, im Rahmen des übernommenen Staatsapparates zu handeln (Parlament, Behörden, verfassungsmässig verankerte Kontrollorgane wie Polizei und Armee). Das ist der Grund, warum Alessandri und Tomic, die zu jener Zeit von so ziemlich allen bürgerlichen Wählern unterstützt wurden, damit einverstanden waren, das Wahlergebnis anzuerkennen und Allende die Amtsgeschäfte aufnehmen zu lassen ( nur wenige Gruppen innerhalb der Armee befürworteten einen Staatsstreich).

3.- Zwar müssen die Ereignisse in Chile im allgemeinen Zusammenhang analoger Strömungen gesehen werden, die entweder potentiell oder schon aktiv in anderen lateinamerikanischen Ländern bestehen, aber sie besitzen dennoch sehr wichtige, besondere Merkmale, die das Allende-Regime deutlich von jedem anderen in Lateinamerika unterscheiden. Erstens: Während der peruanische Reformismus von einer militärischen Führung durchgeführt wird, die die traditionellen bürgerlichen Parteien verdrängt hat, ist in Chile die Führung in Händen einer Koalition, die ihre Basis hauptsächlich unter den Arbeitern, den Bauern und den Bewohnern der Slums Findet, und in der die Arbeiterparteien zweifelsohne das Übergewicht haben. Der chilenische Reformismus wird also unter der Führung der Arbeiterbürokratie durchgeführt. Es erhebt sich die Frage, inwiefern die Allende-Regierung eine Volksfront- Regierung im herkömmlichen Sinne des Wortes ist. Manche weisen darauf hin, daß die Bour geoisie als solche, politisch durch die Christlichen Demokraten und zu einem geringeren Grade durch die Nationalpartei vertreten, nicht direkt in der Regierung vertreten ist. Aber auch wenn man die Tatsache unberücksichtigt läßt, daß mindestens eine der Parteien in der Koalifion ursprünglich eine bürgerliche Partei war, so übt die Bourgeoisie ihren Einfluß doch mitfels der kleinbürgerlichen Parteien aus, die sowohl an der Volksfront als auch an der Regierung beteiligt sind. Hinzu kommt, daß Allende ständig gezwungen ist, mit dem Mehrheitsblock im Parlament zu verhandeln, der von der Christlich-Demokratischen Partei beherrscht wird, einer Partei, die zwar seine Wahl gestattete, aber alle seine Initiativen lähmen kann, wann immer es ihr gefällt. Schließlich - und das ist entscheidend - war der Rahmen für die Klassen zusammenarbeit der Koalition bestimmt durch die Zustimmungzur kapitalistischen Wirtschaftsstruktur und zum bürgerlichen Staatsapparat.

Eine soche Einschätzung sollte nicht dazu verführen, die Massenbewegung mit der Koalition zu identifizieren oder die Frage der Beziehungen zwischen Allende und den Massen zu sehr zu vereinfachen. Allendes Sieg war das Ergebnis einer langen Serie harte Kämpfe mit Aufund Abschwüngen, das Ergebnis des langsamen Reifeprozesses eines Proeltariats, das zu den ältesten und homogensten in Lateinamerika gehört. In den Augen der Arbeiter, Bauern und

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Slumbewohner repräsentiert die Wahl vom 4. September 1970 einen Sieg über die Bourgeoi. sie, einen Schritt vorwärts im Kampf um die Beseitigung der kapitalistischen Ausbeutung. Das Wahlergebnis drückt ein neues Kräfteverhältnis aus, das für die Massen günstiger ist Das alles setzte sich nach dem 4. September um in einen außergewöhnlichen Aufschwung: in eine breite Mobilisierung der arbeitenden Klassen und der Bauernschaft, in eine Radikalisierung der Kleinbürgerschicht und einem Anstieg des politischen Bewußtseins in den proletarischen Stadtvierteln. Weite Kreise der Avantgarde, die durch die Mobilisierung der Massen angespornt wurden und unmittelbaren politischen Entscheidungen gegenübergestellt waren, begannen, die grundlegenden Fragen einer revolutionären Strategie und die des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus zu diskutieren. 4. - Eine wichtige Ursache der Spannungen in Chile ist die unvermeidliche Tendenz jeder Massenmobilisierung, den von Allende abgesteckten Rahmen der Reformen und der Klassenzusammenarbeit zu durchbrechen. Genau das führt zu den schärfsten Konflikten und alarmier die einheimische Bourgeoisie und auch die Imperialisten. Der Gefahr, entmachtet zu werden, sind sie entkommen, aber jetzt sehen sie sich einer unvermeidlichen Konfrontation gegenüber Anders ausgedrückt: Aufgrund der Notwendigkeit reformistischer Operationen war die Bour geoisie geneigt, diese zu bejahen und sogar zu unterstützen. Nach der Niederlage von Frei konnte das nur noch unter der Führung der Arbeiterparteien versucht werden. Aber die Bourgeoisie fürchtet die Dynamik einer Massenbewegung, die den Rahmen der Reformen durchbrechen, eine echt revolutionäre Situation herbeiführen und die Frage der Macht auf die Tagesordnung setzen kann. In gleicher Weise fürchtet der Imperialismus, daß die Dynamik der chilenischen Situation explosive Auswirkungen auf den ganzen Kontinent haben könnte, indem sie neue Aufstände des Proletariats und der Bauernschaft entzündet. In der Tat haben die Arbeiter und Bauern in der Zeit seit der Wahl sich nicht darauf be schränkt, Allende zu unterstützen und auf Maßnahmen der Regierung zu warten. Sie haben oft die Initiative ergriffen und die Regierung gezwungen, das bereits vollzogene nachträg- Was noch wichtiger ist: die praktischen Aktionen der Massen sind oft über die Grenzen des Volksfrontprogramms hinausgegangen. Bauern haben sich Land angeeignet, ohne auf offizielle Entscheidungen zu warten, und sie haben sich sogar Besitzungen angeeignet, die nach dem Gesetz unberührt bleiben sollten. Arbeiter haben Aktionen in die gleiche Richtung unternommen, die den Prozess der Verstaatlichung beschleunigten und Unter nehmen trafen, die imgrunde im Privatbesitz bleiben sollten. Für die Bourgeoisie entstand daraus eine entscheidende Frage: eine wesentliche Auseitung der Enteignungen über die geplanten Grenzen hinaus konnte ihr geselİschaftliches Gewicht entscheidend schwächen und das Kräfteverhältnis zu sehr verändern. Dadurch konnte es ihr unmöglich gemacht werden, die geplante Neustrukturierung der Wirtschaft effektiv zu ihren Gunsten durchzuführen. Gleichzeitig wurde die Bourgeoisie gewahr, daß bei einer Fortführung dieses Kurses die Ar beiterklasse und die Bauernschaft durch die Macht der Umstände unweigerlich auf die Machtfrage stoßen würden, wenn sie die Grenzen der Verfassung durchbrechen und qualitativ neue Organe proletarischer Macht schaffen.

In den augenblicklichen Konflikten reagieren die Protagonisten immer schärfer auf die Streit fragen, die in relativ kurzer Zeit entschieden werden müssen. Die Massen - wenigstens die Schichten an vorderster Front - sind nicht bereit, ihre Offensive aufzugeben, sie versuchen, den größeren sozialen und politischen Einfluß, den sie errungen haben, geltend zu machen. Die Bourgeoisie ergreift defensive Maßnahmen und solche, die die eigenen Truppen ermutigen sollen. Für die Bourgeoisie ist es wesentlich, eine exakte Abgrenzung der drei Wirtschaftsbereiche (staatlich, privat, gemischt) zu erzielen und die politische Struktur des Systems aufrecht zu erhalten. Letzteres ist als Garantie gegen jeden Versuch, über den Rahmen des reformistischen Experiments hinauszugehen, notwendig. Allende und seine Koalition können es sich nicht leisten, Maßnahmen zuzustimmen, die einen Bruch mit der Masse oder

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mit beträchtlichen Teilen der Masse provozieren könnten, sie sind daher genötigt, auf die Angriffe der Bourgeoisie zu antworten. Doch gleichzeitig versuchen sie beständig, die Massen zu zügeln und dem Druck von links standzuhalten. Sie müssen sich einen beträchtlichen Spielraum für Manöver freihalten und jede wesentliche Konfrontation vermeiden oder vor schieben. Das ist die Bedeutung der weithin angewandten, 'intervencion' nahme: die Einsetzung eines von der Regierung ernannten Direktors in den Betrieben soll şoll den Arbeitern eine gewisse Befriedigung liefern, ohne gleichzeitig notwendigerweise die Enteignung zu beinhalten; sie erhält alsc die kapitalistischen Eigentumsbeziehurgen. Das ist ebenfalls der Sinn des gplanten, aus einem einzigen Hause bestehenden Parlaments, das, wenn der Plan angenommen wird, der Regierung gestatten würde, ihr Programm schne! ler durchzuführen, und das auch die bestehenden Machtverhältnisse in Chile besser wider spiegeln würde, während es andererseits der Bourgeoisie garantieren würde, daß die parlamentarischen Strukturen völlig innerhalb der bürgerlichen Tradition gehalten würden. 5. - In einer Situation, wie wir sie heute in Chile haben, sind die verschiedenen Kräfte nicht immer in der Lage, genau das wählen zu können, was sie gerade haben wollen, oder gemäß einem ausgekügelten, alles einbeziehenden Plan zu handeln. Die Widersprüche und 2222323 und schwer vorhersehbar sind, können praktisch zu jedem Augenblick sich dramatisch zuspit zen. Das darf man nie vergessen, und es wäre ein schwerwiegender Irrtum der Arbeiterbewegung, sich der Illusion hinzugeben, die Ereignisse würden sich schmerzlos entfalten. Es ist jedoch unwahrscheinlich, daß es in nächster Zukunft zu einer entscheidenden Konfrontation kommen wird. Die Regierung versucht ihrerseits, die Initiative zu behalten, während sie ihren Balanceakt weitermacht und Aktionen von der Basis, die sie von ihrem Standpunkt aus für gefährlich hält, zu bremsen sucht. Was die Bourgeoisie angeht, so provoziert sie etliche Spannungen, um einerseits der Volksfrontregierung Schwierigkeiten zu bereiten und sie andererseits zu veranlassen, ihren Kurs noch mehr zu verändern (sie weiß aus Erfahrung, daß Reaktionen dieser Art typisch für Reformisten und Zentristen sind). Aber sie ist weder in der Lage, einen sofortigen Entscheidungskampf herbeizuführen, noch wird ein solther von ihr gewünscht.

Es muß nun vor allem daran erinnert werden, daß die chilenische Bourgeoisie eine ziemlich lange parlamentarisch-demokratische Tradition aufweist, und daß ihre politischen Persön lichkeiten in dieser Schule ausgebildet wurden. Daher gibt es auch eine ganze Reihe von Strukturen und flexiblen, wirksamen Mechanismen, die Verteidigung und Gegenschlag ungestört ermöglichen. Die Lösung in der Art eines 'starken Staates', d. h. eines militärischen Putsches, setzt jedenfalls Vorbereitungen voraus, mit denen die Armee selbst kaum begonnen hat. Diejenigen Kräfte, die schon putschistische oder faschistische Neigungen äußern, und die Vorbereitungen für eine solche Orientierung treffen, sind gegenwärtig völlig in der Minderheit, auch wenn sie an Boden gewinnen. Schließlich - und das ist das wichtigste sind sich die Bourgeoisie und die sie am besten repräsentierende Partei, die Christlichen Demokraten, ganz genau bewußt, daß sie kaum ohne eine ausreichende Massenbasis eine Konfrontation ins Auge fassen können. Jüngste Ereignisse zeigen, daß die Zeit für sie ar beiten kann, und zwar dank der Schwächen und Widersprüche der Volksfront sowie der wirt schaftlichen Schwierigkeiten, die dadurch gefördert wurden. In der Tat haben die Christlichen Demokraten in der Bauernschaft Positionen hinzugewonnen oder ausgebaut, die man keinesfalls unterschätzen darfı sie haben wieder Einfluß unter den Studenten gewonnen, und sie haben ihren Manövrierspielraum erweitert, auch in der Arbeiterklasse dere bei solchen Kreisen, die sich lange Zeit vom blinden Okonomismus der Reformisten haben verführen lassen, und die nun auf die Tricks gesisser demagogischer Versprechungen hereinfallen). Und wie die Ereignisse vom November und Dezember in Santiago gezeigt haben, sind die Reaktionäre in der Lage, beträchtliche Kräfte für ziemlich aggressive Stras

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Nichtsdestoweniger ist es nicht notwendiger weise zum Nachteil für die Arbeiterklasse, wenn die entscheidenden Auseinandersetzungen verschoben werden, da sie ihre Positionen ausbaus en, eine Offensive organisieren und das entscheidende Problem ihrer Bewaffnung ins Auge fassen und lösen muß. Aber das trifft nur in dem Maße zu, wie jeder Versuch, die Massenbewegung zu beschränken und zu kanalisieren und den politischen Manövern an der Spitze der bürokratischen und staatlichen Institutionen den Vorzug geben, entschieden bekämpft wird, in dem Maße und mit der Schnelligkeit, mit der der ökonomischen Sabotage begegnet wird, in dem Maße, in dem die Arbeiterklasse fühlt, daß sie keine /arpflichtung hat, die Last der ökonomischen Schwierigkeiten zu traçen, ohne in der Lage zu sein, sich selbst zu verteidigen, aktiv einzugreifen und zu kontrellieren, und in dem Maße, in dem die Illus sion zurückgewiesen wird, daß man durch Mäl igung und Loyalität gegenüber der bürgerlichen Verfassung am besten einen reaktionären Gegenangriff und einen faschistischen Putsch vermeiden könne.

6.- In der jetzigen Zeit der strategischen Wiederaufrüstung ist es von größter Dringlichkeit, daß die arbeitende K/ asse sich freimacht von jeglicher Art und jeglicher Form von reformistischen Ideen und von parlamentarischm Kretinismus. Sie muß verstehen, daß Chile keine In einem Land, dessen ökonomische und soziale Strukturen im Vergleich zum durchschnittlichen Niveau der neokolonialen Welt besonders gut entwickelt sind, ist es klarer denn je, daß die Perspektive einer bürgerlich-demokratischen Revolution, getrennt von einer sozialistischen Revolution, nicht die geringste objektive Rechtfertigung findet. Die in Chile einzig mögliche Revolution ist eine Revolution mit sozialistischer Dynamik ohne jedweden Bruch in der Kontinuität und mit einer verhältnismäßig schnellen Entwicklung. Und Emanzipation vom Imperialismus kann angesichts der engen Verknüpfung zwischen Imperialismus und nationaler Bourgeoisie nur durch vollständige Enteignung der einheimischen herrschenden Klassen erreicht werden. Jede Unsicherheit, jedes leichtsinnige Übergehen dieser Tatsache kann verheerende Folgen haben, kann die revolutionären Kräfte an der Basis entwaffnen, die ein klares Verständnis von dem erlangen müssen, was sie intuitiv begreifen und versuchen, empirisch auszuführen.

An die Vorstellung zu glauben, daß eine revolutionäre Dynamik dieser Art bis zum siegreichen Ende führen könnte, ohne die politischen Institutionen der alten Gesellschaft zu sprem gen, dank einer 'friedlichen' Evolution, ohne die alten Strukturen des Staates aufzubrechen sowohl die Verwaltung als auch die militärischen Institutionen, das würde heißen, sich selbs zu betrügen, die lange Geschichte der Arbeiterbewegung zu vergessen, sich unfähig zeigen, die unerbittliche Logik der Situation, die sich im Lande entwickelt, zu begreifen. Das Konzept eines 'chilenischen Weges' ist keineswegs eine theoretische Neverung, wie es die Schar latane aller Schattierungen behaupten und jene, die aus Empirismus und Opportunismus die marxistische Methode mit den Füßen treten. Es ist nur eine Neuauflage jener reformistischen Ideologie, die der Marxismus seit der Jahrhundertwende bekämpft, und die die Arbeiterbe gung in anderen Teilen der Welt in entscheidenden Momenten verheert hat. Der wesentliche Punkt ist der, daß in Chile das Problem der Machtergreifung noch nicht gelöst ist, ja daß noch nicht einmal eine Lösung in Angriff genommen wurde. Dieses Problem kann nur auf dem revolutionären Wege angegangen und gemeistert werden.

Aus all dem Vorangegangenen folgt, daß jegliche Form von Klassenverbrüderung mit der Bourgeoisie oder mit Teilen der Bourgeoisie energisch abgelehnt werden muß. Das heißt, daß die Massen in Chile für die Ersetzung der Koalitionsregierung der Volksfront durch eine Regierung der Arbeiter und Bauern kämpfen müssen, die jegliche Teilnahme von Parteien oder Gruppen, die direkt oder indirekt die Interessen der Bourgeoisie oder anderer Ausbeuferschichten vertreten, ausschließt. Das bedeutet, daß der Prozeß der Revolution durch Bil- S. 14

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dung von Doppelherrschaftsorganen intensiviert und beschleunigt werden muß, von Organen echter proletarischer Demokratie, die direkt in den Fabriken, auf den Feldern, in den Slums und in den Schulen und Universitäten gebildet werden, und deren Mitglieder gewählt wer den, jederzeit abberufbar sind und keinerlei materielle Privilegien genießen. Diese Organe werden das Proletariat und die Bauernschaft als ganzes repräsentieren, sie werden die Mobilisierungswerkzeuge für die entscheidenden Sektoren der Massen im revolutionären Kampf um die Eroberung der Macht bilden. Die Gewerkschaften werden davon getrennt bleiben und weiterhin ihre spezifische Rolle auf der Grundlage weitester in. urner Demokratie für alle Tendenzen der Arbeiterbewegung und völliger Unabhängigkeit von der Regierung und vom Staate spielen.

Die revolutionären Marxisten sind sich der Schwierigkeiten, die der Aufbau und die Ausweitung solcher Organe mit Rätecharakter mit sich bringen, bewußt, aber wenn diese nicht geschaffen werden, dann wird ein wesentliches Element für die Eroberung der Macht fehlen, und die keimende Revolution kann abgewürgt werden. Im Kampf um Arbeiter- und Bauerndemokratie muß eine scharfe Trennungslinie zwischen den Ausbeuterklassen und ihren polifischen Werkzeugen gezogen werden, dabei aber die breiteste Demokratie für die Massen und all die Organisationen und Tendenzen der Arbeiterbewegung kompromiß los verteidigt werden. Die Verteidigung der Arbeiterdemokictie ist umso notwendiger, als dieser Begriff ja in den Jahrzehnten sozialdemokratischer und stalinistischer Vorherrschaft in der Arbeiter bewegung entstellt worden ist. Das ist eine dringende praktische Notwendigkeit, die leider von den Organisationen, die den Kampf gegen die opportunistischen, bürokratisierten Parfeien führen, noch nicht erfaßt worden ist.

Für eine positive Entwicklung der revolutionären Krise in Chile ist eine fortwährende sehr breite und tiefgehende Mobilisierung der Massen unbedingt notwendig. Eben weil die reformistischen Führungen - die von der großen Mehrheit der Arbeiterklasse und der Bauernmassen weiterhin anerkannt werden - diese Mobilisierungen zu beschränken und zu kanalisieren suchten und Entscheidungen aufzwingen wollten, die ausschließlich von der Regierung und vom Parlament getroffen worden waren, wurde die Bewegung geschwächt und dem Feind ermöglicht, initiativ zu werden und zum Teil Schichten in Bewegung setzen, deren Interessen eigentlich gar nicht mit denen der Reaktion übereinstimmen. Wenn diese kurzsichtige Politik weitergetrieben wird - und, was noch schlimmer ist, wenn die Regierung gegen gewisse Avantgardesektoren der Arbeiterklasse und des Proletariats vorgeht, wie sie das bei bestimmten Gelegenheiten schon getan hat - dann können dadurch Verwirrungs- und Demobilisierungstendenzen nur gestärkt werden, was einen rechten Gegenangriff und einen reaktionären Staatsstreich erleichtern würde.

7.- In einer Strategie für den revolutionären Kampf um die Macht müssen verschiedene Schlüsselziele herausgestellt werden. Ohne den Anspruch zu erheben, auf alle Probleme, die bisher auftauchten oder in den verschiedenen Phasen sich stellen werden, Antworten zu Finden, betonen die revolutionären Marxisten folgendes:

a) die armen Bauern und die Landarbeiter können sich nicht mit dem von der Frei-Regierung. das heißt von einer bürgerlichen politischen Führung aufgestellten Rahmen der Agrarreform zufriedengeben. Die Veränderungen der Agrarstruktur müssen müssen die völlige Vertreibung der Großgrundbesitzer und die Enteignung der kapitalistischen Unternehmer beinhalten. Die Höchstgrenze für Landbesitz muß auf einem Niveau festgelegt werden, das einerseits das Entstehen einer Schicht von reichen Bauern, die gefährlich für die Revolution sind, unmöglic macht und andererseits den Bauern, die ein eigenes Stück Land besitzen wollen, die notwen digen Ressourcen garantiert. Dazu müssen sehr genaue Normen aufgestellt werden ( insbeson dere hinsichtlich des Kaufs und Verkaufs von Land), um das Äquivalent einer Nationalisierur des Landes zu erreichen und jede Tendenz zu einer neven Konzentration von Landbesitz zu

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blockieren. Wenn man in der Agrarreform davor zurückschreckt, die kapitalistischen Unternehmen anzurühren, dann wird die Alleinherrschaft über den dynamischsten Sektor der Land wirtschaft Privatpersonen überlassen, und die Landarbeiter werden sich von dem revolutionä ren Prozeß abwenden. Deshalb ist es notwendig, daß auf das Programm einer Arbeiter und Bauernregierung auch die Enteignung kapitalistischer Landeigentümer und die Bildung von Kollektivfarmen geschrieben wird. Letztere spielen dank ihrer fortgeschrittenen Technik ein zentrale Rolle in der Entwicklung der Wirtschaft während der Übergangsperiode. b) Was die Industrie betrifft, so ist es hier wichtig, das Konzept du drei ""Bereiche", nach dem ein Sektor für das Privatkapital reserviert wird, zurückzuweisen. Ein solcher Sektor, der die modernsten und dynamischsten Bereiche des bestehenden kapitalistischen Systems umfaßt, wurde unweigerlich zum Nervenzentrum des Akkumulationsprozesses und zum Treffpuni des In- und ausländischen Kapitals werden. Es ist nötig, durch allgemeine Enteignung das Rückgrat des chilenischen Kapitalismus zu brechen und damit gleichzeitig die einheimische Un terstützung für die imperialistische Penetration zerstören. Es ist doch selbstverständlich, daß, solange dieser voll und ganz alle Schlüsselsektoren der Industrie und der Landwirtschaf direkt kontrolliert, eine Arbeiter- und Bauernregierung keinerlei Interesse daran hat und keinerlei Notwendigkeit dazu verspürt, die kleinen Geschäfte und die Handwerksunternehme c) Die Nationalisierung des Bankensystems und die Errichtung des staatlichen Außenhandelsmonopols müssen vollständig durchgeführt werden. Diese Maßnahmen sind umso notwendiger, als Chile in der Lage eines halbkolonialen Landes der imperialistischen Ausbeutung unterworfen ist.

d) Die Arbeiterkontrolle spielt eine Schlüsselrolle in der revolutionaren Strategie für die Eroberung der Macht. Sie führt zur Bildung einer Doppelherrschaft, zur aktiven Mitarbeit der Massen und zu einer tieferen Erfassung der laufenden Ereignisse. Durch die Arbeiterkontrolle wird das Proletariat konkret in der Produktionssphäre mobilisiert, so daß immer breitere Schichten in der Praxis die Notwendigkeit lernen, das Problem der Macht zu stel- "Mitbestimmung" der Arbeiter, die sie in Wirklichkeit der Macht der Bosse oder der Technokraten der Regierung unterordnet, muß verworfen werden. Man muß Arbeiterkontrolle über die Produktion fordern, die von demokratischen, direkt von den Arbeitern gewählten Organen ausgeführt wird. Das Problem der Arbeiterselbstverwaltung stellt sich erst nach einem qualitativen Sprung, nach dem revolutionären Sturz der bürger lichen Macht und nach dem Entstehen von prdetarischer Macht.

Gleichzeitig setzt die Arbeiterkontrolle die Arbeiter in die Lage, alle Aspekte der Arbeitsbeziehungen zu überwachen. Sie sind fähig, die von den Bossen durchgesetzte Arbeitsorganisation infrage zu stellen und aktiv bei der Festlegung des Akkords, der Arbeitsteilung und der Arbeitspausen zu intervenieren. In nationalisierten Betrieben wird durch Arbeiterkontroll vermieden, daß Technokraten einfach in die Fußstapfen der Unternhmer oder kapitalistischen Manager treten. Arbeiterkontrolle kann gleichsam wie eine Schule wirken, wo , wo man die technischen Verwaltungsaufgaben lernt, die die Arbeiterklasse können muß nach der Machtergreifung, wenn sich nicht die bürokratischen Tendenzen durchsetzen. Und schließlich kann Arbeiterkontrolle als Kampfinstrument gegen wirtschaftliche Sabotage von ausländischen und chilenischen Kapitalisten dienen. In Zu sammenhang damit müssen allgemeine Planungs- und Kontrollmaßnahmen von der Regierung gefordert werden, wie die Aufhebung des Geschäftsgeheimnisses, die Offnung der Bücher, und strikte Kortrolle sowohl über die Bankgeschäfte als auch über Preise, Dividenden usw. Die Kapitalflucht, die Betriebsschließungen und das Horten von Gebrauchsgütern machen diese Maßnahmen dringeno notwendig.

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e) Der Kampf für eine Arbeiter- und Bauernregierung, um die Eroberung der Macht muß vor allem durch die Bidlung und ständige Mobilisierung von Organen proletarischer Demokratie, die aus den Massen entstanden sind, geführt werden. Der Aufbau solcher Organe ist ist in diesem Stadium eine absolut zentrale Aufgabe, und das Schicksal der Revolution hängt in letzter Analyse davon ab. Als Übergangslosung ist es notwendig, gegen Allendes Plan eines Ein-Kammern-Systems - das in den bürgerlichen Parlamentarismus paßt - die Losung einer Ver- Fassungsgebenden Volksversammlung auszugeben, deren Aufgaben wären, neue politische und Verwaltungsstrukturen auszuarbeiten. Diese Versammlung muß so gewählt werden, daß in ihdie Arbeiter und Bauern das Übergewicht haben, wozu sie aufgrunu ihres sozialen Gewichts auch berechtigt sind, um so dem gegenwärtigen verlogenen Wahlsystem mit all seinen Betrügereien ein Ende zu setzen.

8. - Die hier aufgezeigte Strategie und die hier umrissenen Richtlinien wären völlig abstrak und könnten zu spontaneistischen Abweichungen führen, wenn zwei wesentliche Themen ausgelassen würden - deren Fehlen bis heute die Hauptschwäche des chilenischen Proletariats ausmacht: nämlich die Bewaffnung der Arbeiter und Bauern und der Aufbau einer revolutionäfen Partei. Für eine richtige Strategie kämpfen kann nur heißen, für die Bewaffnung des Proletariats und für den Aufbau einer revolutionären Partei kämpfen. Nur dadurch können die Massen zu einer weitsichtigen Führung und zur tatsächlichen Durchführung von der Strategie und Taktik kommen, die für den Sieg rötig sind.

Die Erfahrung anderer Länder, vor allem in Lateinamerika - von der Invasion Guatemalas im Jahre 1954 bis zu Banzers Staatsstreich in Bolivien im letzten August - zeigen, daß die Arbeiterklasse ihre Bewaffnung als elementare Aufgabe ansehen muß. Diese Erfahrung wur de mit blutigen Buchstaben geschrieben - mit dem Blut von Arbeitern, Bauern und Studenten. guten Absichten" des Feindes ist selbstmörderisch. Angesichts

Jegliche Illusion über die der Klassennatur der Regierung und der Beziehungen zwischen der Volksfront-Koalition und der breiten Mehrheit der Massen stehen die Arbeiter und Bauern vor der Aufgabe, sich zu bewaffnen, politische und militärische Selbstverteidigungsorgane zu bilden, eine eigenständige Volksmiliz zu organisieren und revolutionäre Propaganda unter den Soldaten zu treiben. Beginnt man nicht mit diesen Maßnahmen, so würde man praktisch von der "demokratischen Loyalität" der Armee und der spezialisierten Repressionsorgane abhängen. Man würde sich unfähig zeigen, den Notwendigkeiten gerecht zu werden, die von immer breiferen Schichten der Massen, von den Ereignissen in Bolivien aufgeweckt, gefühlt werden. Allendes Proklamationen, nach denen die Volksfront jeglicher reaktionären Gewalt begegnen wird, sobald sie auftaucht, sind nichts anderes als demagogische Prahlerei und enthalten keinerlei praktische Maßnahmen. Statt sich auf Spontaneismus und Improvisationen zu ver lassen, müssen jetzt die notwendigen Instrumente geschaffen werden, um den Klassenfeind daran zu hindern, sich für den entscheidenden Kampf, der kommen muß, ein überlegenes materielles Übergewicht zu verschaffen. Um jegliches Miß verständnis zu vermeiden, betonen die revolutionären Marxisten, daß die Arbeiter und Bauern ihre Bewaffnung auf die Tagesordnung setzen müssen nicht gegen Allende, sondern gegen Bedrohungen von rechts, um jedem Angriff von Seiten bürgerlicher Repression gewappnet zu sein. 9.-Auch in anderer Hinsicht wird sich Chile nicht als Ausnahme in der Geschichte erweisen das kapitalistische System in Chile wird nicht ohne entscheidende Intervention einer revolutionären Partei, der bewußten Avantgrade der Massen, gestürzt werden. Man kann es nicht der Kommunistischen Partei Chiles überlassen, die Aufgaben einer solchen Partei durchzuführen. Diese Partei ist durch eine lange stalinistische Tradition geprägt und stellt das Instrument einer einheimischen Arbeiterbürokratie und relativ konservativer Schichten des Proletariats dar, die in der gegenwärtigen Krise nicht mit derselben Dynamik mobilisiert worden sind wie die jüngere Generation. Sie hat all die traditionellen Konzepte beibehalfen und in keiner Weise die Nabelschnur zur Sowjetbürokratie abgeschnitten. Auch der So-

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zialistischen Partei können die Aufgaben der revolutionären Partei nicht übertragen werden Zwar hat die SP größeren Einfluß gewonnen, vor allem unter den jüngeren Arbeitern, und in den von ihr kontrollierten Organisationen linkere Positionen als die KP, einem echten Sammelbecken des Reformismus, angenommen - aber sie besitzt nicht die Struktur einer Kampfpartei, sie hat keine soliden und kontinuierlichen Verbindungen mit den von ihr beeinflußten Massen, sie ist mehr ein Konglomerat von Tendenzen und Gruppen als ein homogenes Gebilde, und letztlich trägt sie die charakteristischen Züge einer zentristischen Organisation. Auf jeden Fall ist jedes Konzept abzulehnen, daß auf der Annahme beruht, daß dank der Dynamik des revolutionären Prozesses und dank der Macht der Massenbewegung sowie dank der Schwäche der Bourgeoisie und ihrer höchstwahrscheinlichen weiteren Auflösung und in einer Situation, in der der Imperialismus gezwungen sein würde, auf militärische Intervention zu verzichten, das Proletariat ohne eigene revolutionäre Partei zur Macht gelangen könne. Es ist ebenso notwendig, die Variante zurückzuweisen, die von der Hypothese ausgeht, daß eine revolutionäre Ersatzpartei sich als ausreichend erweisen könne, das heißt eine Art Front, in der sich die Revolutionäre sammeln würden, oder ein Kartell, in dem sich die verschiedenen Organisationen der äußersten Linken zusammenschlie sen.

Die Aufgabe, eine Partei aufzubauen, ist zweifelsohne schwierig, selbst in einem aus mancherlei Gesichtspunkten sehr günstige n objekliven Kontext. Aber sie muß auf alle Fälle ge löst werden. In dieser Phase des Klassenkampfes in Lateinamerika hängt die Schnelligkeit, mit der sich die revolutionäre Krise in Chile ihrer Lösung nähert, letztlich von der Schnelligkeit ab, mit der die Partei aufgebaut wird.

10. - Der gespannte und dramatische Verlauf der Ereignisse wird unweigerlich zu wachsenden Differenzierungen unter den Massen führen und beträchtliche Schichten der Avantgarde politisch reifer machen, so daß sie die Natur des reformistischen Regimes, die Widersprüche innerhalb der Arbeiterorganisationen und die Notwendigkeit einer revolutionären Strategie verstehen werden. In Wirklichkeit ist diese Entwicklung schon klar erkennbar. Seit seinem Amtsantritt sieht sich Allende wachsendem Druck von links und manchmal militanfer Demonstrationen gegenüber. Unzufriedene Tendenzen haben sich beträchtlich verstärkt und geraten nun in Konflikt mit den Schranken des Reformismus. Konkret äußerte sich das auf der Ebene der Klassen so, daß Teile der Arbeiter und Bauern über die programmatischen Richtlinien der Volksfront hinausgegangen sind und der Regierung vollzogene Tatsachen vor die Nase gesetzt haben. Auf der Ebene der Politik äußert sich das im wachsenden Einfluß der links von der KP und SP stehenden Organisationen. Die Frage des Aufbaus einer revolutionären Partei muß in Hinblick auf diese Differenzierungen und objektive Tendenzen gestellt werden und nicht mit der absurden Hoffnung, daß man sie mit Deklamationen und halbherzigen Aktivitäten lösen könne.

Es ist kein Zufall, daß eine Organisation wie die MIR (=Movimiento de la Izquierda Revo lucionaria, Bewegung der revolutionären Linken), zur Zeit die einzige ihrer Art in Lateinamerika, gerade in Chile entstehen sollte. Die MIR hat beträchtlichen Einfluß. Sie ist in studentischen und kleinbürgerlichen Kreisen entstanden und hat es, wie die Demonstrationen der vergangenen Monate klar zeigen, fertiggebracht, unter den bäuerlichen Kräften, die sind, Ansehen zu gewinnen. In der die Führung der Refor misten zu akzeptieren gewillt politischen Bewußtseins von ziemlich breiten Schichten, die bisher von der Volksfront geführt worden waren, verspricht, wird die von der MIR verkörperte Tendenz wahrscheinlich weiter anwachsen.

Der Einfluß der MIR erklärt sich aus ihrer Fähigkeit, sich in ihrer Anfangsphase mit den dyna mischsten Schichten der Studentenbewegung zu verbinden, und als beständigst und effektivste S. 18

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Organisation der äußersten Linken aufzutreten, indem ein ziemlich solides organisatorisches Gerüst errichtet wurde, das auf Zellen von Berufsrevolutionären basiert, und das trotz der Yon bis zur spekularen ultralinken Abweichungen, die die MIR bis zur spektakulären Wendung vom September 1970 während einer ganzen Periode kennzeichneten. Gleichzeitig wußte die MIR den Einfluß der kubanischen Revolution auf Chile seit Anfang der sechziger Jahre zu kapitalisieren. Die Widersprüche in der MIR liegen in ihrer Unfähigkeit, eine umfassende, genaue Definition der Probleme revolutionärer Strategie im Weltmaßstab zu liefern, in ihrem Empiris mus, der ihre Orientierungen kennzeichnet und zu plötzlichen Wendungen von ultralinken zu opportunistischen Positionen führte, in ihrem Parteikonzept, das vom demokratischen Zen tralismus Lenins weit entfernt ist, vor allem in der Praxis, und in ihrer bürokratischen Auf- Fassung der Beziehungen zwischen der Partei und den Massenorganisationen. Das äußerte sich in der Periode nach 1970 in der klar heraustretenden Tendenz, sich den Konzepten und Notwendigkeiten der Volksfront anzupassen, in ihrer völligen Schweigsamkeit gegenüber internationalen Ereignissen, sogar solchen von höchster Bedeutung (z. B. hat die MIR noch nie eine Analyse der Politik von Moskau und Peking publiziert), in ihrer 'vertikalistischen' Organisationspraxis, wo wichtige Entscheidungen nur von der Spitze getroffen werden (bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, daß seit Jahren kein Kongreß mehr abgehalten worden ist), und in den Bemühungen, Entscheidungen, die vom Parteiapparat für Organisationen getroffen wurden, die als Transmissionsriemen zu den Massen angesehen werden, durch administrative Wege und ohne Befragung durchzuseizen. Das führte zu folgenden Konsequenzen: Reibungen innerhalb der Organisation, Austritt von ganzen Gruppen, insbesondere von Studenten, und Verlust wichtiger Positionen in den Slums. Hält man sich den Einfluß der MIR vor Augen, dann kann man sagen, daß sie wegen ihrer Orientationslosigkeit in großem Ausmaß die Verantwortung für die Krise der Studentenbewegung trägt. Im letzten Jahr war die Studentenbew egung nicht in der Lage, eine grös sere Rolle zu spielen, stattdessen lieferte sie Rekruten für reaktionäre Bewegungen. Die Kräfte, die von der MIR organisiert oder beeinflußt werden, werden zweifelsohne eine wichtige Rolle beim Aufbau der revolutionären Partei, der unabdingbaren Vorbedingung für den Sieg der chilenischen Arbeiter und Bauern, spielen. Aber auch andere Kräfte, die noch zu den traditionellen Parteien gehören, werden daran teilnehmen. Die Sozialistische Partei bildet aufgrund ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung und ihrer Struktur ein Saatbeet für Genossen und kämpferische, politisch bewußte Kader, die viel zum Aufbau beitragen können. Man darf nicht vergessen, daß ein entscheidender Wandel im Kräfteverhältnis zugunsten der Revolutionäre ebenfalls tiefe Differenzierungen unter den Schichten der Arbeiterklasse, beinhaltet, die noch die Basis der Kommunistischen Partei bilden. Die revolutionären Marxisten müssen bei der Durchführung ihrer elementaren Aufgabe, eine leninistische Partei zu schaffen, sowohl sektiererischen Dogmatismus als auch oppor tunistische Anpassung vermeiden; sie müssen sich in die reale Bewegung integrieren und ihr Programm kühn als selbständig organisierte Kraft in Konfrontation mit all den anderen Tendenzen der Linken vorbringen.

Das bedeutet, daß sie ohne Zweideutigkeiten oder Konzessionen die reformistische Natur des Regimes und der Kräfte, die es unterstüzen, angreifen müssen. Gegenüber der Volksfrontkoalition muß völlige Unabhängigkeit bewahrt werden. Revolutionäre können bei einer solchen Koalition auch nicht dadurch teilnehmen, daß sie ihr Wahlunterstützung gewähren. (Revolutionäre Marxisten können in bestimmten Situationen für einen Arbeiterkandidaten stimmen, aber nicht für den Kandidaten einer Front, die kleinbürgerliche und bürgerliche Partei mit einschließt. ) Sie müssen jedoch progressive Maßnahmen des Allende- Regimes unterstützen und eine Einheitsfront gegen die Attacken der Reaktionäre aufrechterhalten.

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Die notwendige Kritik der Widersprüche und Schwächen der MIR darf nicht verhindern, daß man nicht die wichtige Rolle anerkennt, die die MIR als Katalysator zur Zeit spielt, oder daß man nicht die Verbesserungen ihrer Programmatik oder ihrer politisch-theoretischen Fort schritte richtig einschätzt ( vergl. z. B. die Rede von Miguel Enriquez im letzten November). Ein kontinuierlicher, hartnäckiger Kampf muß zur Konkretisierung der oben skizzierten revolutionären Strategie und zur Propagandierung der daraus abgeleiteten Parolen geführt werden.

11. - Der Ausgang der Krise in Chile wird nicht nur durch die Dynam: der inneren Situation, sondern auch von mächtigen internationalen Kräften bestimmt. Das muß man sich vor Augen halten, umso mehr, als die These der chilenischen "Ausnahme" Hand in Hand einhergeht mit einer ins Auge springenden Unterschätzung dieser Kräfte. In Wirklichkeit stehen hinter dieser Haltung äußerst gefährliche Illusionen und eingewurzelter Opportunismus. Es ist doch klar, daß der Imperialismus, wenn nötig über seine Satelliten, alles in seiner Macht stehende tun wird, um die Entwicklung in Chile zu beeinflussen und zu verhindern, daß Santiago zur Hauptstadt des zweiten Arbeiterstaates in Lateinamerika wird. Auch die Sowjetbürokratie wird durch ihr internationales Gewicht und ihre Verbindungen mit der chilenischen Kommunistischen Partei mächtigen Druck ausüben. Die chinesiche Bürokratie hat nur eine völlig zweitrangige Rolle in Chile bisher gespielt, und das wird sich kaum ändern. Was Kuba betrifft, so nimmt sein Einfluß widersprüchliche Formen an. Fidel Castros Besuch war in dieser Hinsicht symbolisch. Einerseits kamen die Massen zu riesigen Demonstrationen, um ihn zu grüßen und die kubanische Revolution zu ehren. Andererseits warfen Castros fast bedingungslose Unterstützung Allendes und seine Übernahme des Geschwätzes der Volksfront Hindernisse auf für die Entwicklung des Verständisse bei den Massen, daß der Aufbau einer leninistischen Partei und die Entwicklung einer revolutionären Strategie für die Machtergreifung notwendig sind.

Deshalb ist es eine dringende Aufgabe für die Revolutionäre, die Beziehung zwischen der Weltsituation und dem, was in Chile vorgeht, zu begreifen und es klar auszudrücken. Die Notwendigkeit einer internationalen revolutionären Perspektive ist heue akuter als je zuvor. Deshalb betrifft die Schlacht, die sich heute in Chile entwickelt, nicht nur die Genossen, die im Lande selbst zum revolutionären Marxismus stehen, sondern die IV. Internatio nale als ganzes. In diesem so wichtigen Stadium für Lateinamerika muß sie ihre 'theoretische Tradition, ihre politischen Analysen, ihre Erfahrung und ihre Weltorganisation einsetzen.