Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Brasilien

Die Stunde der Wahrheit

Inprekorr Nr. 118, 31. Januar 1980 · S. 26-31 · 3.385 Wörter

Brasilien Weltwirtschaft und Krise USA und Kanada

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Die Stunde der Wahrheit von A. JOS.

Brasilien, das ist das Land mit einem werden: und zwar in Form sozialen ausgeliehen, daß es ihr heute nur mehr militärischen Elends, blutiger Unterdrückung und kul- möglich ist, diese Schulden zu begleichen, Geheimdiensts• • als Präsidenten: tureller Gleichschaltung. Aber die Dikta- wenn sie sich gleichzeitig noch weiter General Joao Figuereido. Besagter Präsi- tur hat sich noch anderes zuschulden verschuldet. Um einen Ausdruck, der in dent konnte es sich leisten, öffentlich zu kommen lassen: das Wirtschaftswachstum Bankkreisen geläufig ist, zu verwenden erklären, daß er den Geruch von Pferden wurde teilweise durch Kredite ausländi- und gleichzeitig zum anfänglichen Bild den der Menschen vorziehe. Seit dieser scher Regierungen und Banken erkauft. des „Reiters" zurückzukehren, kann man Erklärung vor rund einem Jahr hat Bra- Auch auf diesem Gebiet wird es Zeit, die sagen, daß die Diktatur nunmehr „Wechsilien die höchste Zahl an Streiks in seiner Rechnung zu begleichen. Die Diktatur hat selreiterei" betreiben muß. ganzen bisherigen Geschichte erlebt. Zu sich dermaßen viel Geld im Ausland

Hunderttausenden, noch zahlreicher als 1978 und in wesentlich deutlicherer Vor einer Wirtschaftsexplosion?

Form haben die Arbeiter ihr Nein zur Diktatur zum Ausdruck gebracht - auch wenn bei den Streiks an ökonomischen Seit Jahren schon munkeln die inter- haben sich die Exporte seit der Macht- Erfolgen diesmal weniger herausgeschaut nationalen Bankiers in kleinem Kreis und übernahme durch die Diktatur im Jahre hat. Ihr innigster Wunsch: den arroganten hinter den Kulissen darüber, daß ihr brasi- 1964 verzehnfacht. Eines Tages wird Bra- Reiter mitsamt seines ganzen Systems zu eigentlich zahlungs- silien Devisen sparen und sich aus dieser Fall zu bringen, damit er endlich nach- unfähig ist. Natürlich kann man einen Verschuldung befreien." Ein internatioprüfen kann, ob der Staub, in den er Geschäftspartner dieser Größenordnung nales Bankenkonsortium hat sogar im beißen wird, angenehmere Düfte als das nicht in aller Öffentlichkeit bloßstellen. vergangenen Oktober Brasilien den größeinfache Volk verbreitet. Ihre offiziellen Stellungnahmen beschrän- ten Kredit in seiner ganzen Geschichte ken sich also • in etwa auf folgendes: überhaupt gewährt: 1,2 Milliarden Dollar

Für das brasilianische „Wirtschafts- „Gewiß, die Auslandsverschuldung hat zu günstigen Bedingungen (12 Jahre wunder", das durchschnittliche Wach- sich innerhalb der letzten zehn Jahre von Schonfrist, 0,625% Zinsen für 4 Jahre stum von rund 11% zwischen 1968 und 5 auf S0 Milliarden Dollar erhöht, aber und 0,75% für den Rest unterhalb des 1973 und von ungefähr 7% seither - Brasilien verwendet diese Gelder zu Pro- LIBOR) (1). dafür mußte ein gewaltiger Preis bezahlt duktions • und Exportzwecken Auch

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Das US-Magazin „Newsweek" stellte aber trotzdem in seiner Ausgabe vom 12. Tabelle I: INVESTITION DER AUSLÄNDISCHEN KAPITALIEN Oktober gleich auf der Titelseite die Frage: „Befindet sich die brasilianische (in Milliarden Dollar) Wirtschaft vor dem Zusammenbruch?"

Ein Monat später fragte Business Week": Jahr Kumulierte ausländische Investitio- „Werden die ausländischen Banken Brasi- nen - in der Zentralbank registriert lien eine Lektion erteilen?" Und die Schlagzeile der Financial Times" vom 1967 2,6 23: November lautete: ,Das brasilianische 1968 2,8 Wirtschaftswunder steht still". Wodurch 1969 3,5 sind diese gegensätzlichen Einschätzungen 1970 3,9 erklärbar? Die Geldschöpfung hat es er- 1971 4,4 1972 5,2 möglicht, die 1974 ausgebrochene Welt- 1973 6,6 wirtschaftskrise abzuschwachen, aber sie 1974 8,1 hat gleichzeitig zwei explosive Krisenfaktoren wiederum genährt: die wachsen- 1975 9,6 de internationale Inflation (2) und die 1976 11,3 Verschuldung sämtlicher vom Imperialis- 1979 13,0 mus beherrschten Länder, die sich heute 1978 13,7 auf rund 300 Milliarden Dollar beläuft. 1979 15,2 Nun hat aber Brasilien mehr noch als (Schätzung) jedes andere Land diese beiden explosiven Faktoren gefördert: die Infragestellung Zahlungsfähigkeit kann deshalb Tabelle II: ... UND IHRE HERKUNFTSLÄNDER auch eine richtige Panik auslösen. Selbst (in Milliarden Dollar, am 30. Juni 1979) wenn die Situation immer schlimmer Gefahren herunterzuspielen bis zu dem wird, werden die Bankiers versuchen, die BRD 2191 Augenblick, in dem dramatische Maßnah- Niederländische Antillen 0364 Kanada 0576 men einfach nicht mehr zu vermeiden sein werden. USA 4076 Frankreich 0610 Wirtschaftswunder auf Kredit Niederlande 0309 Japan 1459 Ein zusätzlicher Grund also, um die Luxemburg 0338 Dimensionen des Problems genau zu Panama 0400 untersuchen. Der Sturz des populistischen Großbritannien 0829 Regimes von Joao Goulart durch die Schweden 0354 Armee 1964 hat im Verlauf weniger Jahre Schweiz 1684 zu einer spektakulären Erholung der Andere 1131 Mehrwertrate geführt und das Vertrauen der Kapitalisten in die wirtschaftliche Insgesamt 14543 Zukunft des Landes gesichert. Die Instal. lierung einer relativ kompetenten Verwaltung und die Durchrationalisierung des bereits bestehenden Wirtschaftsappa- den 1973 an. Heute beläuft sich diese bloß 25% ausmachte, übertraf er ab 1975 rats ließen die Wachstumsrate ab den Summe auf 15 Milliarden Dollar (siehe schon 33%. Heute beläuft sich dieser ersten Jahren der Diktatur wieder an- Tabellen I und II). Anteil auf 39% (siehe Tabelle III). Auch steigen. Den rasanten Abfall der Löhne die Zusammensetzung der Exporte wurde während dieser Zeit feierte Norman Die durch Subventionen und Steuer- gänzlich verändert. Der Export von ver- Macrae im Londoner Wirtschaftsjournal erleichterungen geförderten Exporte arbeiteten Produkten, der anfänglich „Economist" als „einen der größten stiegen ihrerseits von 1,9 Milliarden außerst schwach gewesen war, was typisch makro-ökonomischen Erfolge der lezten Dollar im Jahre 1968 auf 6,2 Milliarden ist • für ein unterindustrialisiertes Land SO Jahre". Ab 1967 trat das eigentliche 1973 an. 1979 beliefen sie sich auf 15 (204 Millionen Dollar 1964), hat mit brasilianische Wirtschaftsmodell" in Milliarden Dollar. Und die Wachstums- einer außerordentlichen Geschwindigkeit Kraft: dem ausländischen Kapital wurde rate, die zwischen 1962 und 67 bloß zugenommen, sodaß er 1979 rund 8 Tür und Tor geöffnet, während gleich- 3,7% betragen hatte, kletterte zwischen Milliarden Dollar betrug. Brasilien ist also zeitig alle Kräfte für den Export mobili- 1968 und 73 auf. 10,8%. Gleichzeitig zu einem halbindustrialisierten Land siert waren. Angelockt durch die „Sicher- kam es zu einschneidenden Veränderungen* geworden. heitsgarantie"* der Diktatur und eine in der Struktur der brasilianischen Wirtaußerordentliche Rentabilitätsrate stürz- schaft, die heute, von ihrem Bruttosozial. In der Periode zwischen 1968 und ten die Investoren herbei. Resultat: Die produkt her (192 Milliarden Dollar) an 1973, in der das brasilianische ,Wirt- Gesamtsumme der registrierten ausländi- •zehnter Stelle im internationalen Ver- schaftswunder" gemeinhin angesiedelt schen Investitionen stieg von 2,6 Milliar- gleich steht. Während vor 1960 der Anteil wird, errang der damalige Finanzminister den Dollar im Jahre 1967 auf 6,5 Milliar- der Industrie am Bruttosozialprodukt Delfim Neto sein internationales Renomee

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1979 - 2300 15500 -17800 - 7500 • - 9800 1978 -938 12651 - 13639 - 4975 72 - 5891 1977 97 12120 - 12023 -4134 • 4037 1976 - 2255 10128 - 12393 -3763 - 6017 1975 -3162 - 6700 1974 • 4,890 7951 -12641 • 2433 - 7122 1973 6199 - 6192 • 1722 27 - 1688 Tabelle TV: ZAHLUNGSBILANZ - UNGLEICHGEWICHTER UND ZUNEHMENDE ABHANGIGKEIT (in Millionen Dollar) 1972 • 244 3991 • 4235 - 1250 - 1489 1971 - 341 2904 - 3245 - 980 14 • 1307 1970 232 2739 - 2507 - 815 21 - 562 1969 318 2311 • 1993 - 630 31 - 281 1965 655 1696 • 941 - 362 75 368 A. Handelsbilanz Exporte Importe B. Dienstleistungsbilanz C. Transferts 8300 - 1500 10500 9439 332 3880 12000 5289 - 602 630 7256 6806 403 1192 6544 5189 - 439 - 950 4040 6254 - 68 - 936 5269 3513 354 2179 6116 3492 436 2439 4183 1846 - 9 530 1746 1015 92 545 1187 850 549 656 - 20 - 6 - 31 331 E. Bilanz der Kapital- operationen F. Irrtümer und Versäum nisse •. G. Uberschuß oder Defizit (D+E+F) Internationale Reserven Quelle: Banco Central do Brasil (1) Geschätzt

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Tabelle III: DIE PRODUKTIONSSTRUKTUR EINES INDUSTRIESTAATES (in % des Bruttosozialprodukts) Produktive Sektoren 1950 1960 1970 1975 1980 Landwirtschaft 27 23 • 17 12 7 Industrie 23 25 30 33 39 Dienstleistungen SO 52 53 S4 als „großer Manitu" der brasilianischen chene brasilianische Handelsbilanz ins Wirtschaft. Aber bereits zu dieser Zeit Defizit gerutscht. Seit damals erzielt die konnten die Tricks, die das Wunder Bilanz der laufenden Zahlungen Brasi- Wunder sein Ließen, ebenso durchschaut liens (Handelsdefizit + Dienstleistungswerden wie die strukturellen Schwächen defizit) Jahr für Jahr den Weltrekord des „Modells Brasilien". So führte der auf diesem Gebiet. Während der Periode massive Zufluß von Investitionen umge- zwischen 1974 und 1978 haben die ankehrt auch zu einem wachsenden Transfert gehäuften Defizite die Gesamtsumme von von Devisen ins Ausland. Diese Devisen- 30 Miliarden Dollar erreicht. In dieser ausfuhren entsprachen den Gewinnen der Sparte kommt nach Brasilien Kanada, das multinationalen Gesellschaften und den aber nur ein Defizit von 18,5 Milliarden Gebührenzahlungen für Patentlizenzen, aufzuweisen hat, gefolgt von Mexiko mit die mit der Niederlassung der ausländi- 14,4 Milliarden Dollar. schen Firmen einhergingen. Die Dienstleistungsbilanz wurde ebenfalls ziemlich Die brasilianische Diktatur versuchte, aus dem Gleichgewicht gebracht durch dieser Situation durch dreierlei Methoden die wachsenden Zahlungen, die sich aus Herr zu werden: erstens durch protektioder zunehmenden Auslandsverschuldung nistische Maßnahmen, um das Wachstum ergaben (diese • stieg von 5 Milliarden der Importe zu bremsen; zweitens, indem Dollar im Jahre 1970 auf 12,6 Milliarden noch massiver als jemals zuvor an auslän- 1973 an). Aus all diesen Gründen wuchs dische Finanziers appelliert wurde; das Defizit der Dienstleistungsbilanz von drittens wurde versucht, durch die Ent- 630 Millionen Dollar 1970 auf 1722 faltung der Aktivitäten des öffentlichen Millionen 1973 an (siche Tabelle IV). Sektors und durch eine Unterstützung Weltrekord im Zahlungsbilanzdefizit

Das ganze Ungleichgewicht wurde aber noch durch die Vervierfachung des Ölpreises entscheidend verschärft. Brasilien verfigt zwar im internationalen kapitalistischen Konkurrenzkampf über zahlreiche „komparative Kostenvorteile"

„komparative Kostervorteile", um einen Ausdruck des US-Ökonomen und Pinochet-Berater Milton Friedman zu verwenden: ein beinhartes und brutales Regime, das die maximale Ausbeutung garantiert, eine immense industrielle Reservearmee der Bevölkerungszuwachs beträgt 1,5 Millionen Einwohner pro Jahr), ein riesiges Territorium (16 mal so groß wie Frankreich) und folglich auch bedeutende Rohstoffvorkommen. Aber es gibt nur wenig Erdöl. Die Ölproduktion stagniert seit 10 Jahren. Von den 1,1 Millionen Barrels, die Brasilien täglich verbraucht, werden bloß 200.000 im Lande selber gewonnen.

Durch die Vervierfachung des Ölpreises ist auch die bis dahin ausgeglider Privatwirtschaft den Wachstumsrhythmus des Bruttosozialprodukts und der Exporte aufrecht zu erhalten.

Die erste Maßnahmenkette, nämlich die Restriktionspolitik gegenüber den Importen, provozierte unangenehme Gegenmaßnahmen insbesondere der USA (Beispielsweise auf dem Gebiet der Textilien und Schuhe). Nach harten Verhandlungen innerhalb des GATT (3) gab Brasilien seine protektionistische Politik wieder auf. Diese : Kehrtwendung fiel umso leichter, als Delfim Neto nach seinem neuerlichen Amtsantritt im August 1979 die Auswüchse des Protektionismus konstatieren konnte. Zahlreiche brasilianische bzw. in Brasilien installierte Unternehmen profitierten von dieser Politik und florierten bestens trotz ihrer nur sehr mittelmäßigen Produktivität. Die nunmehrigen Maßnahmen, die Brasiliens regierender General am 7. Dezember 1979 ankündigte, öffnen wieder das Tor für Importe und die intemationale Konkurrenz.

Heißhunger nach Krediten

Die zweite Maßnahmenkette, die in einem massiven Rückgriff auf ausländische Kredite bestand, hat direkt zu jener Situation geführt, die von Finanzkreisen als höchst alarmierend eingestuft wird. Die Auslandsverschuldung Brasiliens beträgt rund 52 Milliarden Dollar. Das entspricht der Größenordnung der Auslandsverschuldung sämtlicher COMECON. 5-180911-20

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Tabelle V: EIN AUF KREDIT ERKAUFTES WACHSTUM (1974-1978; in Prozenten)

1974 1975 1976 1977 1978 1 - Anteil der Zinsen der Auslandsschuld 12,64 25:31• 41,11 72,33- 65,50 + Transfert der Dividenden am Defizit der laufenden Transaktionen 2 -' Verhältnis der Zinsen der Auslands- 7,42 15,20 18,26 17,9 22:79 schuld zum Export 3. Verhältnis der Gesamtbelastung 29,26 37,20 44,35. 47,58 58,04 durch Auslandsschulden zum Export 4 - Nettoverschuldung zum Export 1,48 1,% 2,15 2.04 2,50 S - Verhältnis der Verschuldung 16,22 17,25 18,09 19,77 23;10 zum Bruttosozialprodukt

Quelle: Joral do Commercio, Rio de Janeiro, 19. November.

N.B.: Da die Auslandsverschuldung 1979 um 20% zugenommen hat, also schneller gewachsen ist als das BSP und die Exporte, haben sich diese Relationen noch mehr verschlechtert.

Staaten zusammengenommen (wobei Treibstoff auf dem freien Markt von lianischen Wirtschaft die Rede, wovor der diese Staaten zumindest mittelfristig als Rotterdam Tag für Tag zu besorgen. In aber einstweilen noch zurückpolitisch stabiler als Brasilien erscheinen). diesem Fall (derzeit zahlt man rund 40 schreckt, würde doch diese „Entnationali- Das Ausmaß der brasilianischen Auslands- Dollar pro Barrel in Rotterdam) würde sierung " hauptsächlich den Multis zugute verschuldung - ein wahrer Weltrekord - sich die brasilianische Ölrechnung eher kommen. Der Staat hat in ebenso massierscheint bereits unter dem Blickwinkel den 13 Milliarden Dollar nähern. Unter ver Weise in die Finanzierung der ökonotraditioneller Banken-Kriterien als höchst solchen Bedingungen ist eine zusätzliche mischen Aktivitäten eingegriffen. Großbeunruhigend (siehe Tabelle V). Verschuldung von ungefähr 20 Milliar- zügige Steuererleichterungen und Kreditden Dollar 1980 nicht ausgeschlossen. vergütungen wurden dem Agro-Business

Diese • Netto-Auslandsverschuldung Die eher vorsichtige „Financial Times" gewährt. Noch mehr gefördert wird der (Bruttoverschuldung minus Devisenreser- sprach in ihrer Ausgabe vom 7. Dezember Export: ein Industrie-Exporteur hat autoven) ist 2,5 mal so hoch als die Export- 1979 von 17,5 bis 23 Milliarden. Das ist matisch Anrecht auf einen Kredit zu 8%. masse - sie liegt also eindeutig oberhalb der Todesstoß für die Illusionen ins brasi- Wenn die Inflation einmal brasilianische der von den Bankiers normalerweise als lianische „Wirtschaftswander"; das Land Höhen erreicht, gestattet es einem diese „Vernunftsgrenze" eingestuften Summe, tritt nun in die Ära der Wechselreiterei. Form von Finanzierung, auch bei Verlustnämlich: 2m'al die Exportmasse: 1979 geschäften eine Menge Geld zu verdienen machte der diesbezügliche Schuldendienst Die Inflation nähert sich (offiziell betrug die Inflation 1974: 34%. (Rückzahlung von Kapital und Zahlung der 100%-Marke 1975: 31%, 1976: 45%, 1977: 43%, von Zinsen) den Gegenwert von rund 1978: 38% und schließlich 1979... fast 80% des gesamten Exports aus. Da das Die dritte Maßnahmenreihe betrifft die 80%!) : Die Vervielfachung der Steuer- Land nicht ohne Importe auskommen Intervention des Staats. Der öffentliche Finanzierungen kann (und sei es nur wegen der Nahrungs- Sektor Brasiliens trägt nunmehr die Ver- Negativraten und diversen Subventionen mittelversorgung - ein weiteres negatives antwortung für 42% der İndustrieproduk- hat das Budget ruiniert und die in diesem Resultat des „Modells Brasilien"), können tion (gegenüber 46% ausländischer Firmen Jahr in Gang gekommene Inflationsspirale die Zahlungsfristen nur eingehalten 12% heimischen Privatkapitals). verschuldet. Zu diesem Preis konnte ein werden, wenn man sich noch mehr Wobei allerdings angemerkt werden muß, Wachstum von rund 6% pro Jahr aufrecht ausleiht... was freilich die Schuldenbe- daß die nationale Bourgeoisie wesentlich erhalten werden (siehe Tabelle VI). Das lastung des darauf folgenden Jahres nur bedeutender ist, als es diese Zahlen ver- ist viel im Vergleich mit dem Wirtschaftsnoch vergrößert. muten lassen. Die Interessen der natio- wachstum der anderen lateinamerikaninalen Bourgeoisie sind nämlich nicht nur schen Staaten (ganz zu schweigen vom 1980 wird sich dieser Prozeß weiter mit dem Bruttosozialprodukt verstärken und an Tempo gewinnen. Geht Sektor, sondern auch mit dem als auslän- wenig im Verhältnis zum Bevölkerungsman von einem durchschnittlichen Öl- disch bezeichneten Sektor aufs engste ver- Wachstum (2,9%), es ist gar nichts im preis von 30 Dollar pro Barrel aus, so bunden. Die Multis werden in immer Vergleich mit den vorhergehenden Resulwird Brasilien 1980 eine Ölrechnung von systematischerer Weise dazu gezwungen, 10,8% in der insgesamt 11,5 Milliarden Dollar zu be- in Form von „joint-venture "Projekten zu Periode zwischen 1968 und 1973). gleichen haben, gegen 4,4 Milliarden 1978 investieren. Darüberhinaus wird das Geund 7,5 im Jahre 1979. Da aber mehrere wicht des Staates im wirtschaftlichen Obwohl bedeutende Mittel eingesetzt Öllieferverträge auslaufen werden, könnte Bereich stark kritisiert: es ist andauernd werden (gigantische Verschuldung und Brasilien gezwungen sein, sich seinen von einer „Entnationalisierung" der brasi- Hyperinflation), ist das Wachstum bisher

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sehr gemäßigt ausgefallen und tendiert nunmehr zu einer regelrechten Verlangsamung. Gewisse Konjunktur-Indikatoren weisen auf die Gefahr gines allgemeinen Rückgangs der Aktivität hin. Laut Angaben der BNDE (Nationale ökonomische Entwicklungsbank) sind derzeit bereits nur mehr 50% der brasilianischen Industriekapazitäten ausgelastet. Dieselbe Politik fortzusetzen, erscheint unmöglich. Die aktuelle Inflationshöhe nähert sich der psychologischen Grenzmarke von 100%, die zur Rechtfertigung des Militärputsches von 1964 wesentlich beigetragen hat. Diese • Inflationshöhe begünstigt bereits die verschiedensten Spekulationsmanöver und desorganisiert den Produktionsapparat. Der davon ausgehende Schneeballeffekt kann sich als sehr gefährlich erweisen. Schließlich wird der nunmehr erreichte Grad der Auslandsverschuldung von immer mehr Beobachtern und Kreditinstituten als nicht überschreitbare Obergrenze betrachtet. Wird Brasilia also jetzt zu einer Austeritätspolitik übergehen? Davon kann heute weniger als jemals zuvor die Rede sein. Sowohl der Präsident als auch sein Finanzminister betonen, daß sie fest auf verstärktes Wachstum setzen und geben ganz offen zu, daß nur so eine soziale Explosion vermieden können wird. Denn eine solche Explosion würde die Politik des „Distensao", also der politischen „Öffnung", gänzlich in Frage stellen. Die letzte Flucht nach vorne Weil sich die Diktatur aus innenpolitischen Gründen keine Austeritätspolitik leisten und die Schulden eines Wachstums auf Kreditbasis • nicht begleichen kann, hat sie • Delfim Neto damit beauftragt, ein neuerliches „Wunder" zustande zu bringen: zumindest hofft sie auf Netos Verhandlungstalent und seine Begabung als Illusionist, um ihre Flucht nach vorne zu gewährleisten.

Tabelle VI: JÄHRLICHES WACHSTUM DES BSP (7.1% SEIT 1948 IM DURCHSCHNITT)

Periode Landwirtschaft Industrie Handel Transport- Inlandswesen produkt 1948-55 4,8 9,1 5,3 9,4 6,8 1956-61 4,5 10,0 6,8 8,2 7,4 1962-67 4,0 3,9 3,5 5 3,7 1968-73 5,3 13.F 11,1 11,4 10,8 1974-78 4,8 1.7 6,2 8,6 7,0 1948-78 4,7 8,8 6,5 8,7 7,1 Quelle: Fondation Getulio Vargas. Am 7. Dezember verkündete der Präsi- Importe und das Gesetz, das die Einfuhr dent sein Programm: die Abwertung des von Waren, die im Lande selber hergestellt brasilianischen Cruzeiro wird noch mehr werden, unter Verbot stellte. Statt eine vorangetrieben: mit einem Schlag minus Austeritätspolitik, wie sie der Welt- 30% Gemeinsam mit den vorhergehen- währungsfonds einigen Ländern diktiert den Mini-Abwertungen wird der Cruzeiro hat, auferlegt zu bekommen, zieht es die dann innerhalb eines Jahres die Haltte Diktatur vor, das Land noch ein wenig seines Werts eingebüßt haben... Die Ex- mehr als bisher den Multis zur freien Ausporte werden dadurch nur noch begünstigt plünderung zu überlassen. Und im selben werden. Das Aufkaufen der örtlichen Atemzug neue Kreditmöglichkeiten zu Industrie durch das ausländische Kapital erhalten. wird dadurch nur noch günstiger sein. Aber dieses Programm ist illusorisch. Zweitens wird den Finanzierungen durch Es bietet insbesondere keine Garantie das Ausland das Tor noch weiter geöffnet: dafür, daß das Gleichgewicht der Zahlungsdie Resolution 432, die eine Depotver- bilanz mittelfristig wiederhergestellt wird. pflichtung von 50% der im Ausland auf- Delfim Neto verspricht eine leichte Vergenommenen Anleihe für ein Jahr bei der besserung der Handelsbilanz durch dje Zentralbank vorschrieb, wird annulliert. Entfaltung der Exporte dank der Ab- Gleichzeitig werden Bohrgenehmigungen wertung des Cruzeiro und der Wiederfür die Ölfirmen erleichtert. Bereits seit ankurbelung der für den Export produeiniger Zeit sind die Ölgesellschaften, die zierenden landwirtschaftlichen Kulturen. im Amazonasgebiet auf der Ölsuche sind, Das ist alles. nicht mehr auf jene Areale beschränkt, die ihnen der Staat ausdrücklich bewilligt Die unmögliche Demokratisierung" hat, sondern gehen ungehindert „auf die Jagd". Die Öffnungsabsicht gegenüber 1984 sollten laut Neto die Exporte den ausländischen Interessen hat auch in sogar die Höhe von 40 Milliarden Dollar der Aufhebung zweier protektionistischer erreichen. Nun wird aber die galoppieren- Maßnahmen ihren Ausdruck gefunden: de Inflation sehr schnell den Wettbewerbsdie Depotverpflich tung für ein Jahr bei vorteil der brasilianischen Erzeugnisse, der Zentralbank von 80% des Betrags der der durch die 30-prozentige Abwertung entstanden ist, wieder zunichte machen. Gleichzeitig wird eine neuerliche Rezes- ... DEM ABER DIE LUFT AUSGEHT, TROTZ MASSIVER sion der Weltwirtschaft dafür sorgen, daß AUSLÄNDISCHER KREDITSPRITZEN

Jahr Wachstumsrate des BSP 1973 14,0% 1974 9,8% 1975 5,6% 1976 9,0% 1977 4,7% 1978 6,0% 1979* 5-6% *: Schätzung das brasilianische Warenangebot nicht auf die erhoffte Nachfrage stoßen wird. Das Wachstum der Nettoverschul- Defizit der Handelsbilanz will Neto auch dung (in Milliarden Dollar) durch die Senkung der Ausgaben für die Ölimporte verringern: hier soll der plus 0,8 berühmte „Alkohol-Plan" wirksam plus 5,8 werden, der die Ersetzung des Benzins plus 5:2 durch Alkohol vorsieht; von Alkohol, der plus 2,4 durch die Verwertung von Zuckerrohr, plus 5,3 Holz oder anderen Kulturen gewonnen plus 8:6 werden soll. Aber die Investitionen, die plus 8,4 für diese Alkohol Produktion notwendig sind, sind sehr kostspielig, und die Ausbreitung des Zuckerrohrbaus hat bisher