Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Krisenpunkte in Südafrika

Inprekorr Nr. 11, 15. Januar 1972 · S. 6-9 · 2.169 Wörter

Südafrika Großbritannien Faschismus und Rassismus Afrika

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

DIE KRISENPUNKTE IN SÜDAFRIKA +++++++4+++++++++++++++++++++++++++ +++ Die Krise, der sich Südafrika heute gegenübersieht, ruft in allen Schichten der Bevölkerung Konvulsionen hervor. Die Auswirkungen dieser Krise reichen weit über die Landesgrenzen hinaus. Sie manifestiert sich in verschiedenen Ereignissen, die zunächst ohne Beziehung zueinander zu sein scheinen. Wir haben die folgenden Ereignisse herausgegriffen:

a) Die politischen Prozesse gegen Führer und Mitglieder des Unity Movement von Südafrika und der gleichzeitige Prozeß gegen den Dekan der anglikanischen Kirche von Johannesburg.

b) Der jüngste diplomatische Vorstoß des rassistischen Südafrika in Form eines "Dialogs" der die O.A. E. ( Organisation Afrikanischer Einheit) zu erschüttern droht. ( Die Idee eines "Dialogs" entsprang nicht dem Hirn der südafrikanischen Rassisten. Sie ist ihrer Denkart fremd, obwohl sie sich logisch aus den objektiven Bedingungen des Landes und seiner ökonomischen Stellung gegenüber dem Imperialismus entwickeln mußte.) c) Die "Gespräche" zwischen der britischen Regierung und den rhodesischen Usurpato ren (diese erhielten von ihren Herren und Komplizen die euphemistische Bezeichnung "Rebellen"").

Alle diese Ereignisse lassen sich auf einen Nenner bringen: Sie sind Zeugnisse einer immer tiefer werdenden Krise in Südafrika, die wiederum die Krise des britischen Imperialismus wiederspiegelt. Als sich die rassistische Polizei auf die Führer und Mitglieder des Unity Movement stürzte, gleichzeitig den Dekan von Johannesburg festnahm und fortwährend die Angehörigen der Kirche belästigte, machte die englische Presse viel Aufhebens von dem Dekan und kam merkwürigerweise zu dem Schluß, daß die Verhaftung des Geistlichen in keinem Zusammenhang mit der Verhaftung der Mitglieder des Unity Movement stehe. Selbst jetzt, da beide Gerichtsverhandlungen zur gleichen Zeit stattfinden, widmen die englischen Pressekonzerne dem Prozeß des Dekans höchste Aufmerksamkeit; doch wenn sie auch einmal den anderen Prozeß erwähnen, so ist das für sie ein Prozeß von 13 namenlosen Leuten. Einem oberflächlichen Beobachter mag dies sonderbar vorkommen, da ja der Dekan und die 13 Mitglieder des Unity Movement unter derselben Anklage stehen: ihnen wird Terrorismus vorgeworfen. Liegt es daran, daß die 13 Männer Schwarze sind, wäh rend der Dekan weiß ist? Nein. Die imperialistische Presse läßt sich nicht durch die Hautfarbe blenden. Der wahre Grund liegt viel tiefer. Die Angeklagten der beiden Prozesse repräsentieren zwei verschiedene politische Kräfte: die eine ist die offizielle Opposition und die andere die illegale, der Feind. Aus taktischen Gründen wirft Premierminister Voster alle seine Gegner zusammen in einen Topf und stellt sie alsvon der Wählerschaft gehaßte hin. Der Imperialismus dagegen versucht, sie auseinanderzuhalten, seine Repräsentanten von den anderen zu trennen. Die Verfolgung des Dekans wird als Höhepunkt des Kampfes der offiziellen Opposition angesehen, der allgemein Antiapartheidskampf genannt wird. Seit über einem Jahrzehnt hat die Presse diesen Kampf in die Mitte alles politischen Geschehens in Südafrika gestellt in der Absicht, die 'Afrikaner Party" , die die Regierung stellt und die Burenmehrheit vertritt, von der Macht zu vertreiben und durch den englischsprechenden Teil der herrschenden Klasse zu ersetzen. Die 13 Namenlosen, die in Pietermaritzburg vor Gericht stehen, repräsentieren den Freiheitskampf des unterdrückten Volks in Südafrika. Dieser Kampf richtet sich seinem Charakter nach gegen jegliche Form des Rassismus, ob dieser nun unter den Namen Rassentren mung, Apartheid, "Entwicklung nach ihrer Eigenart" *, Bantustans für Afrikaner oder andere • stans erscheint. Kurz, es ist ein Kampf gegen Neokolonialismus und Imperialismus. Er prligt das Geschehen in Südafrika und beeinflußt auch Gesamtafrika-und die ganze 3. Welt Die berühmte Konferenz von Bandung läutete den Beginn einer neuen Epoche der politischi Unabhängigkeit für die alten Kolonien ein, jedoch verschanzte sich der Imperialismus hinte

Seite 7

der ökonomischen Abhängigkeit. Das ist die Epoche des Neokolonialismus. Und heute setzt der beginnende Kampf des unterdrückten Volkes in Südafrika das Zeichen für eine neue Ara, zu einer Zeit, wo der Imperialismus Afrika wiedererobern will.

Südafrika steckt in einer sich vertiefenden ökonomischen und politischen Krise. Eine Krise, die wie eine fortschreitende Lähmung mit der Zeit jede Faser des Staatsorganismus erfaßt. Es ist nicht mehr möglich, die gegnerischen Kräfte zu versöhnen. Die Herrschenden müssen offen Gewalt anwenden, um ihr System zu erhalten. Alle demokratischen Regeln und die Herrschaft des Gesetzes sind aufgegeben worden. Gewalt bewirkt Gegengewalt - ein tückischer Teufelskreis, der die Stabilität des Systems unterhöhlt. Doch ein unstabiles System vertreibt das für die Wirtschaft nötige Kapital und stürzt das Land noch tiefer in die Krise. In dieser Situation geben die scharfsinnigen englischen Imperialisten den beschränkten, kurzsichtigen rassistischen Herrschern Südafrikas Anweisung, ihre Politik mehr auf Schwarzafrika auszurichten, um dort Unterstützung zu gewinnen.

DER DIALOG

Die Idee eines Dialogs mit einem Schwarzen kommt den südafrikanischen Rassisten nicht von selbst. Im Gegenteil, der Gedanke ist ihnen zutiefst widerwärtig: Als die 'Verkramptes' (der extrem rechte Flügel der Afrikaner Party) einen Politiker auspfiffen, der in Malawi fürstlich bewirtet worden war, erwiderte dieser: "Für das Wohl meines Landes werde ich selbst mit einem Kaffer essen. ' Die harte Wirklichkeit zwingt selbst eine stolze Nase, sich in den vermeindlichen Dreck zu stecken.

Obwohl Südafrika nicht mehr Mitglied des Commonwealth ist, hat es sich doch immer einer Vorzugstellung erfreut. England ist der Hauptabnehmer südafrikanischer Ware und der größte Investor in Südafrika. Doch nun steckt England in einer tieferwerdenden ökonomischen Krise und will daher dem Gemeinsamen Markt beitreten. Die sechs Mitglieder des Gemeinsamen Marktes stellen als Bedingung für den Beitritt, daß England seine Verbindungen und Anhängsel des Commonwealth wie Südafrika, Australien und Neuseeland aufgibt. Nun sitzen also die bevorzugten Handelspartner auf dem Trocknen. die südafrikanische Wirtschaft hat ein Stadium erreicht, wo sie expandieren muß, um nicht zugrunde zu gehen. Aber wohin exportieren? Der technologische Stand macht es Südafrika unmöglich, mit den hochentwickelten Industrieländern auf dem europäischen Markt zu konkurrieren. Der natür liche Handelspartner wäre der afrikanische Kontinent. Südafrika könnte das industrielle Herz des Kontinents sein, indem es ihn mit Industriegütern versorgt und Rohstoffe impor fiert. Es wäre auch tatsächlich in der Lage, den größten Teil seines europäischen Exporthandels nach Afrika umzuleiten und sich damit die Position des obersten Bankiers auf dem Kontinent zu erobern. Doch zuerst müßte eine Vorbedingung erfüllt werden: Südafrika müßte aufhören, ein Sklavenstaat zu sein, wo ein Schwarzer seiner Hautfarbe wegen zu lebenslänglicher Sklaverei verdammt ist und der Sinn seiner Existenz darin besteht, den Winken seines weißen Herrn zu gehorchen. Die Staaten Afrikas fühlen, daß der politische und ökonomische Aufbau Südafrikas schon an sich ein Anschlag auf die Würde aller Schwar zen Südafrikas bedeutet.

Südafrika muß sich afrikanische Märkte erobern, um zu überleben; da jedoch gleichzeitig die politischen, soziologischen und ökonomischen Strukturen beibehalten werden sollen, ist das ein fast unlösbares Problem. Anders ausgedrückt: wie kann Südafrika die Koopera tion anderer afrikanischer Staaten gewinnen, ohne das Herren-Sklaven - Verhältnis im eigenen Lande anzugreifen, das ja die unabdingbare Grundlage für seine florierende Wirt schaft und den luxuriösen Lebensstandard der Weißen ist? Um diesem Ziel näher zukommen, wird Voster selbst mit einem Kaffer zu Tische sitzen. Dies ist der Kern des Problems, aus dem die Idee des 'Dialogs' entstand. Wer den Dialog mit Südafrika aufnimmt, sollte sich darüber im klaren sein, daß er damit das Geburtsrecht seiner schwarzen Brüder in Südafrika

Seite 8

für ein Linsengericht verkauft, und daß er letzten Endes auch das Geburtsrecht seines eigene Volkes aufgibt, das dann einen minderwertigen ökonomischen und politischen Status im Einfluß bereich des rassistischen südafrikanischen Empires ein nehmen wird. UNTERREDUNGEN IN RHODESIEN

Um die Gespräche zwischen den Usurpatoren und den Repräsentanten des britischen Imperialismus richtig einschätzen zu können, ist es unumgänglich, die Ereignisse zu kennen, die zu diesen Gesprächen geführt haben, und auch die allgemeine Strategie des Imperialismus gegenüber Afrika seit Ende des II. Weltkrieges zu durchschauen. Als die 'Zentralafrikani sche Föderation' ihr wahres Gesicht zeigte, überließ Großbritannien beim Abzug praktisch die gesamte militärische Ausrüstung der weißen Minderheitsregierung. Zu jener Zeit erkann ten nur wenige die volle Bedeutung dieses Akts, und noch weniger sahen seine Einordnung in die Gesamtstrategie für den ganzen Staatenkomplex im Süden Afrikas. Churchill, der imperialistische Held des II. Weltkriegs, erklarte einmal, daß er nicht gewill sei, bei einer Auflösung des britischen Empire zu präsidieren. Doch auch ohne seine Erlaub • nis verdrängten ihn die historischen Kräfte vom Ruder und machten das alte Empire überflüssig. Der Krieg, diese Lokomotive der Geschichte, hat eine unwiderstehliche Flut nationaler Befreiungsbewegungen ins Rollen gebracht, die sich vom Fernen Osten über den Nahen Osten bis nach Afrika hin ergoß. Der Krieg hat England in die Knie gezwungen, und es war ihm nicht mehr möglich, das riesige Weltreich mit Waffengewalt zusammenzuhalten. Man überlegte sich daher eine neve Strategie, die es ermöglichen sollte, weiterhin auszubeuten, ohne die Länder militärisch besetzen zu müssen. England versucht nun also, die Führer der nationalen Bewegungen in den verschiedenen Kolonien für sich zu gewinnen, ihnen in ihren Gebieten politische Macht anvertraute, sie als 'Junior Partners an der Ausbeutung der eingeborenen Bevölkerung teilhaben ließ. Der amerikanische Imperialismus wendet diese Taktik seit über einem Jahrhundert erfolgreich in Lateinamerika an. Es gab scheinbar keinen Grund, warum das nicht auch in Afrika gehen sollte. Und doch gingen diese Pläne daneben, da die idyllische Zeit des Neokolonialismus historisch vorbei ist. Aber die schlauen Imperialisten haben Vorbereitungen getroffen, um sich vor solchen Eventualitäten zu schützen: Sie haben auf der Karte von Afrika eine Trennungslinie gezogen vom südlichen Atlantik bis zum Indischen Ozean: von der nördlichen Grenze von Angola im Westen, dem Sambesi entlang im Süden bis zum nördlichen Zipfel von Moçambique im Osten, diese Linie grenzt jene Länder ab, die von den weißen Minderheitsre gierungen im Süden unabhängig sein sollten. So erklärt sich auch, daß England militärische Ausrüstung nach Rhodesien sandte zu einem Augenblick, wo die Föderation sich gerade auflöste.

Südafrika ist eine imperialistische Bastion in Afrika. Von dieser Position aus soll der Angriff auf Afrika losgehen. Der Staat wird als Sprungbrett für Operationen gegen Afrika ausgebaut Diese können die Form ökonomischer Durchdringung, sie können aber auch die Form militärischer Aggressionen annehmen. Das rassistische Südafrika ist also zu einem vollwertigen Verbündeten des Imperialismus im Kampf um die Wiedereroberung von Afrika geworden. Die portugiesischen Kolonien stellen eine Art Sicherheitsgürtel dar. In diesem Rahmen müs sen die Gespräche zwischen Smith und Heath gesehen werden. Das ist kein Schattenboxen. Das sind reale und aggressive Gespräche, bei denen ein Komplott gegen Afrika geschmiedet wird. Ihre Dringlichkeit resultiert aus den ökonomischen Schwierigkeiten Englands und dem Wunsch, in einen Konflikt im südlichen Afrika nicht offen verwickelt zu werden. Die NATO- Mächte halten militärische Unterstützung wie bisher für hinlänglich, und die USA pumpen Dollars in die ökonomischen Arterien Portugals, um die Sicherheit seiner Kolonien zu garantieren. Trotz alledem scheinen die Belastungen für das wankende portugiesische Regime zu groß zu sein, was an den jüngsten Ereignissen ersichtlich wird. Als der Papst Freiheitskämpfer aus den portugiesischen Kolonien empfing, hat er allen Betroffenen gezeigt, daß es Zeit wird für den Imperialismus, seine Taktik, wenn nicht gar seine Strategie, zu ändern. Neue S. 8

Seite 9

Methoden müssen entwickeit werden. Der britische Imperialismus arbeitet nun mit der Hypothese, daß die beiden Flanken, die von Portugal gehalten werden, bald zusammenbrechen. Daher sind die rhodesischen Unterredungen so dringlich. England muß feste Deiche errichten, bevor die Dämme weiter oben nachgeben, um dann das Gebiet wieder leerpunpen zu kön nen. Die Gespräche sind nicht bilateral, da drei Nationen betroffen sind: in der Rangfolge England, Südafrika und Rhodesien. Rhodesien ist eigentlich immer noch britische Kolonie, doch die Besatzungstruppen werden von Südafrika gestellt - eine peinliche Situation für England, jedoch seiner Interessen wegen nicht zu vermeiden. Die langen Diskussionen gehen nicht um die Rechte der Schwarzen in Rhodesien - so was wird nicht einmal beiläufig erwähnt. Dort taucht kein schwarzes Gesicht auf. Sie versuchen, für England einen ehren vollen Rüc'-zug zu finden und es Rhodesien zu überlassen, südafrikanische 'Militärberater' einzuladen - ein Begriff, der heutzutage gremdes Militär bezeichnet, das ein Land besetzt Es wäre unklug zu glauben, daß die Streitfrage, ob mit Südafrika zu verhandeln sei, bei der letzten Konferenz der O.A. E. endgültig beigel egt worden ist. Das Problem wird bleiben und sich auf vielerlei Art zeigen. In der kommenden Periode werden große Schwierigkeiten auf Afrika zukommen. Eines ist sicher: England und Frankreich werden ihre ganze Macht und ihren Einfluß auf wenden, um die afrikanischen Staaten durch Überredung, Einschüchterung und notfalls durch Zwang auf ihre Linie zu bringen. Wenn ein Staat sich wi dersetzt, so wird er ökonomisch unter Druck gesetzt, und seine innenpolitische Situation wird zerrüttet, bis sie reif ist für einen von außen eingeleiteten Staatsstreich. Zusätzlich können auch noch andere Formen der Erpressung für jene Staaten, die an die rassistischen Regime grenzen, angewandt werden. Man wird das Klima in diesem Gebiet mit Invasions drohungen, Luftraumverletzungen und einer Reihe von Grenzzwischenfällen anheizen. Sobald sich Großbritannien aus diesem Gebiet zurückgezogen hat, fällt Südafrika die Aufgabe der Verteidigung der rhodesischen Flanke zu. Aus sicherer Entfernung werden dann Großbritannien und seine europäischen Verbündeten Südafrika bis zu den Zähnen bewaffnen. Dies sind einige der Schwierigkeiten, denen Afrika in der nächsten Zukunft gegenüberstehen wird. Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, ihnen zu begegnen. Afrika ist in der Lage, dieser Herausforderung zu begegnen. Die große historische Flutwelle ist immer noch zu seinen Gunsten.

(Lusaka/Sambia, Sept. 1971. I.B. Tabata, Präsident des Unity Movement of South Africa)