Die Ausgabe vom 8. August der Wochenzeitung Kargar" (Arbeiter) war die letzte, die die iranischen Trotzkisten von der HKS offen publizieren konnten. Sie gibt ein dramatisches Bild von der Konfrontation, die sich zwischen den Massen und der kapitalistischen Regierung von Khomeini und Basargan entwickelt. Gleichzeitig zeigt diese letzte Nummer der Kargar, wie die Trotzkisten versuchen, die Forderungen eines jeden Sektors der arbeitenden Massen zu formulieren, klären, entwerfen und verteidigen. Auf der Titelseite sind drei Fotos zu sehen. Ein der beiden großen zeigt Kurden, die ihre Stadt vor dem Angriff der Truppen der Zentralregierung verteidigen. Auf dem anderen großen Foto sind Tausende von Arabern zu sehen, die gegen die Repression der Khomeini- Basargan-Regierung in Khusistan protestieren. Die Schlagzeilen lauten: „Hände weg von Kurdistan" und „Laßt die fünftausend gefangene Revolutionäre in Khusistan frei"
Ein drittes, kleineres Bild zeigt Nurik Aghazaryan, den einzigen Soldaten, der für die Wahl der Expertenversammlung kandidierte. Er war auf der Liste der Sozialistischen Arbeiterpartei (HKS), der trotzkistischen Organisation im Iran. Solidarität mit den kurdischen Werktätigen
Zwei Leitartikel findet man in dieser Ausgabe: Im ersten wird der sich verschärfende Angriff der Zentralregierung auf das kurdische Volk mit folgenden Worten verurteilt:
„Nach den Massakern von Sanandasch und Naqadeh hat die Regierung die Garden der Imam-Komitees und die Armee gegen das Volk von Marivan losgeschickt. Das ist der dritte größere Versuch der Regierung, den Kampf des kurdischen Volkes um Selbstbestimmung zu zerschlagen.
von Gerry FOLEY:
Was diesen neuen Angriff und die Erschießungen durch die „revolutionären Garden" auslöste, das war eine geordnete Demonstration des Volkes von Marivan gegen die Art, wie in Radio und Fernsehen die Informationen über Kurdistan zensiert und verdreht werden... Die Regierungsattacke auf Kurdistan ist ein direkter Angriff auf die arbeitende Klasse des Iran. Mit ihr wollte man die Arbeitenden spalten und verhindern, daß sich ihre Solidarität und Einheit stärkt. Angesichts dieser Angriffe ist es die Aufgabe der iranischen Arbeiter, eine solide Einheitsfront mit den kurdischen Werktätigen aufzubauen."
Der Leitartikel über die Repression in den arabischen Geşenden beginnt so: „Trotz der scharfen Zensur der Massenmedien wird allmählich bekannt, welche Verbrechen und Grausamkeiten die Zentralregierung gegen: das arabische Volk begeht in ihrem Versuch, dessen Kampf zu zerschlagen.
Die Regierung hat den ganzen Gefängniskomplex mit den Leuten übernommen, welchen Monarchie und Imperialismus errichtet hatten, und sie ist entschlossen, ihn aufrechtzuerhalten. Das arabische Volk, das die ärmsten, ausgeblutetsten und ausgebcutetsten Schichten unserer Gesellschef: stellt, wurde zur Zielscheibe unglaubüci. heftiger Attacken der Regierung.
Nach den Attacken der Garden des Imam Kosmitees auf das Kulturelle und Politische Zentrum des Arabischen Volkes in Khorramschar und den darauffolgenden Gemetzel und Grausamkeiten wurden Hunderte von arabischen Aktivisten ins Gefängnis geworfen. Bis jetzt sind nach Informationen arabischer Organisationen siebzehn von ihnen durch ein Gericht des früheren Staatsanwalts von Khusistan, Satarian, verurteilt und dann einige Stunden später hingerichtet worden. Aus glaubhaften Quellen wird bekannt, daß jetzt an die 5.000 revolutionäre politische Gefangene in den Gefängnissen von Khusistan sitzen...
Die Verhaftungen, Einkerkerungen, Folterungen und Exekutionen, die alltäglich vorkommen, sind ein direkter Angriff auf alle Arbeiter und Werktätigen des Iran, auf die Arbeiter und Werktätigen, die in einem Aufstand sich erhoben, um die Mauern der Gefängnisse Pahlewis niederzureißen. Diese Verbrechen dürfen nicht unbeantwortet bleiben. Aktionen sind nötig, die Aktionen von Millionen Unterdrückter und Ausgebeuteter, die ihre Macht schon gezeigt haben, als sie die Pahlewi-Monarchie stürzten. " Einen großen Teil in dieser Ausgabe von Kargar wird von Stellungnahmen der HKS-Kandidaten zu den Wahlen eingenommen. Bei den meisten hieß der Kernpunkt: Mobilisierung der Werktätigen zur Verteidigung der Aktivisten der Arbeiterklasse und der unterdrückten Nationalitäten gegen die repressive Kampagne der Regierung.
Gefangene HKS-Genossen als Kandidaten
Die dramatischste dieser Erklärungen stammt von drei Kandidaten in Khusistan - Mahsa Hashemi, Mustafa Gorgzadeh und Hamid Shahrabi - die sie aus dem Karun- Gefängnis von Ahwas heraus abgaben. Die erstere wurde dann zu lebenslänglicher Haft verurteilt, die beiden anderen zum Tode. Alle Anklagepunkte waren politischer Natur und basierten auf Meinungen, wie sie von ihnen auch in der Erklärung zu den Wahlen geäußert wurden. In dieser Erklärung heißt es:
„Brüder und Schwestern von Khusistan. Wir drei Kandidaten der HKS werden seit nun mehr als zwei Monaten gefangen gehalten wegen des Verbrechens", sozialistische Ideen zu haben... Es ist eine Schande, daß nach dem Sturz des despotischen Regimes Sozialisten
gezwungen sind, durch Gitter hindurch zu den Iranern zu sprechen.
In drei Tagen jetzt werden die Wahlen für die Expertenversammlung ablaufen. Diese Körperschaft soll eine neue Verfassung für den Iran ratifizieren... Mit dieser Verfassung müssen die Errungenschaften der Revolution verteidigt und erweitert werden.
An dieser Wahlkampagne nehmen Gruppen und Individuen teil, die unterschiedliche und antagonistische Interessen und Ziele haben. Die Kapitalisten, Offiziere und Großgrundbesitzer, deren Interessen durch die iranische Revolution schwer in Gefahr geraten sind, versuchen bei dieser Gelegenheit, eine Position zu erobern, von wo aus sie alles, was sie verloren haben, zurückbekommen können. Die Arbeiter und Werktätigen erhoffen sich etwas anderes von dieser Versammlung. Sie hoffen, daß sie den Weg zu einem besseren Leben für sie öffnet. Die Kandidaten der Kapitalisten werden alle möglichen demagogischen Versprechungen abgeben, um Stimmen zu fangen... Aber wie kann eine Verfassung wirklich die Rechte der arbeitenden Massen schützen und gleichzeitig den Wohlstand der Kapitalisten wahren? Die fünfundzwanzigjährige Herrschaft Pahlewis hat doch gezeigt, daß die Arbeiter und Bauern nichts mit den Kapitalisten gemein haben.
Während eines ganzen Jahres gingen Millionen auf die Straße, um zu streiken und zu demonstrieren, und Tausende der besten jungen Leute des Landes opferten ihr Leben, um den Schah zu stürzen. Das alles, weil das Volk von einer Regierung von Parasiten genug hatte und eine eigene Regierung wollte. Die neue Verfassung muß den Weg zu einer solchen Regierung der unterdrückten Mehrheit ebnen." Die Kandidaten von Ahwas solidarisieren sich und ihre Partei völlig mit dem unterdrückten arabischen Volk, das jetzt angegriffen wird.
„Der ehemalige Staatsanwalt der Provinz Khusistan, Satarian, warf uns ins Gefängnis, weil wir uns mit den Arabern solidarisch erklären. Aber er sollte wissen. daß die Sozialistische Arbeiterpartei die Partei der Kämpfer für das arabische Volk ist, daß sie unauflösbar mit dem arabischen Volk verbunden ist. "
„Kargar"-Verkäufer festgenommen In Khusistan wurde Manucher
Suleimani von Garden des Imam-Komitees festgenommen. weil er ein Bündel der Zeitung Kargar in seinem Auto hatte. Er wollte es in Khorramschar, dem größten arabischen Zentrum, verkaufen. Für dieses „Verbrechen" wurde er in ein Gefängnis geworfen, das zu einem Konzentrationslager für das arabische Volk geworden ist. Später wurde er wieder freigelassen.
Kargar widmet eine Seite dem Interview mit dem festgenommenen Zeitungsverkäufer. Suleimani erzählte, daß die Gefängnisbeamten ihm Fragen stellten wie Welche Rolle hat deine Partei beim Komplott der Araber gespielt?" und „Haben die Leute, die dir das Bündel Zeitungen gaben, irgendetwas mit der Explosion in der Moschee zu tun?" (wo während der ersten größeren Attacke der Regierung auf die Araber eine Granate losging).
Etliche Male sagte man ihm, daß er erschossen werde. „Sogar als meine Mutter und mein Vater mich besuchten, sagten die Beamten zu mir: Du bist ein arabischer Bastard, und du wirst erschossen werden. "
Hinrichtungen von Arabern
In der Zeit. wo Suleimani im Gefängnis war, erfuhr er von der Hinrichtung fünf arabischer Gefangener, die „ohne jegliche Untersuchung oder jeglichen Beweis dafür, daß sie ein Verbrechen begangen hätten", exekutiert wurden. „In der Nacht, wo die Granate in der Moschee explodierte, wurden innerhalb von vier Stunden 300 Araber ins Gefängnis gebracht. Es gab keinerlei Beweise gegen diese Leute. Wahllos wurden Araber in den Straßen angegriffen und geschlagen. Am gleichen Tag wurden fünf Leute verhaftet, einer, weil man Patronen in seinem Haus gefunden haben soll, ein anderer war sein Bruder, und die Ein „Wächter der Revolution" erklärt, daß hier kein Platz für Folterknechte der SAVAK wäre, da das Gefängnis mit Ölarbeitern, HKS-Mitgliedern und anderen gefüllt ist.
übrigen wurden nur verhaftet, weil sie bekanntermaßen seine Freunde waren. Nach der Verhaftung wurden sie in die Wüste hinausgebracht und geschlagen. Einer von ihnen wurde in den Fuß geschossen. Er wurde ins Hauptquartier der Armee gebracht. Die anderen kamen zurück ins Gefängnis.
Am gleichen Tag um 4 Uhr nachmittags kamen Staatsanwalt Satarian und Admiral Medan (der Provinzgouverneur) im Gefängnis an. Satarian schlug diese Leute persönlich, wobei er Boxhandschuhe benutzte. Und wurden ohne jegliche Untersuchung, ohne jegliche Begründung vier dieser Gefangenen erschossen. Im Gefängnis sagte man, daß der eine, der zum Armee-Hauptquartier gebracht worden war, auch erschossen worden ist."
Suleimani beschreibt, wie die anderen arabischen Gefangenen behandelt wurden: „Es war schrecklich. Wenn ihre Verwandten sie besuchten, durften sie nicht in ihrer eigenen Sprache sich unterhalten. Sie durften nicht aus den Zellen herausgehen. Sie durften nicht mit ihren Mitgefangenen sprechen. Alle Gefangenen außer mir waren Araber.
Es gab auch fürchterliche Foltern. Ich sah, wie man die Gefangenen herausführte und vor Exekutionskommandos aufstellte. Dann kam der Befehl: „Feuer'. Aber es stellte sich heraus, daß die Gewehre mit Platzpatronen gefüllt waren. Diese Art psychologischer Tortur war in der Tage der SAVAK sehr üblich gewesen. " Die Garden des Imam-Komitees verglichen, wie Suleimani erzählt, alle arabischen Gefangenen mit Bildern arabischer Protestdemonstrationen. Er beschreibt auch, wie sie sich damit brüsteten, den Hafenarbeiterstreik von Khorramschar dadurch gebrochen zu haben, daß sie die Arbeiter niederschossen. Die Herausgeber von Kargar betonen, daß sie dieses interview veröffentlichten, um „die Verbrechen, die die Regierung in diesen Gefängnissen begeht, bloßzustellen und zu veröffentlichen, um den Vorhang. mit dem sie diese Verbrechen zu verdekken versucht, wegzureißen."
Kampagne für die Rechte der Soldaten
Der Soldatekandidat der HKS, Aghazaryan, wurde von der Wahl ausgeschlossen. Kargar kommentiert:
…Regierung und Offizieren befürchten, daß die von Nurik Aghazaryan erhobene oppositionelle Stimme die Soldaten in Khusistan und Kurdistan erreichen könnte, die derzeit von der kapitalistischen Regierung und einen Bruderkrieg gegen die Kurden und Araber geschickt werden. Aghazaryan fordert „volle demokratische Rechte für die Soldaten innerhalb und außerhalb der Kasernen, Wahl der Offiziere und Abschaffung der Hierarchie in der Armee".
Die Kampagne der Kandidatinnen der HKS
Unter den Hunderten von Kandidaten für die Wahlen waren nur achzehn Frauen. Fünf davon gehörten der HKS an. Indes wurden einige der HKS-Kandidatinnen nicht für die Wahlen akzeptiert. Zum Beispiel wurde Ashraf Manubivand, eine der beiden HKS-Kandidatinnen in Aserbeidschan, von der Liste gestrichen, weil sie das von der Regierung vorgeschriebene Mindestalter noch nicht erreicht hatte. Kargar kommentierte:
Die Wahlkampagne dieser sozialistischen Frauen zog die Aufmerksamkeit von Tausenden von Frauen im Iran auf sich. Zum ersten Mal legten iranische Frauen ihre Forderungen und ihre Aktionsbeispiele eiser breiten Zuhörerschaft dar. Zum ersten Mal legten sozialistische Frauen ein crnsthaftes Programm für die Frauenbeffziung und die Gleichheit vor."
Eine dieser Kandidatinnen, Sadeeqeh Nabuvi, konnte im Rundfunk eine Rede halten. Kargar veröffentlichte daraus ausführliche Pa:sagen. Sie sagte: „Fast fünf Monate sind seit dem Sieg der Revolution vergangen, aber der Status der Frauen in unserer Gesellschaft •ist immer noch nicht geklärt worden; die Frauen haben immer noch nicht ihre Freiheit gcwonnen. Die Frauen sind gespannt darauf, wie die Verfassung und die Regierung, die nach ihr gebildet wird, die Frage ihres Status angeht. Mit der Frauen. Mit der neuen Verfassung versucht man, die Frauen in ihrem Haus einzusperren...
Frauen nahmen an allen Phasen der Revolution teil, aber jetzt enthält man uns die Früchte unseres Kampfes vor." Kargar berichtet, wie schwierig es für die HKS war, ihre Kampagne durchzuführen, weil die Khomeini-Basargan- Regierung so restriktive Gesetze erlassen und Rechtsextremisten sie unter dem Schutz der Religion dauernd störten und angriffen. Fast eine ganze Seite wird von der Aufzählung aller Attacken auf HKS. Genossen während der Kampagne eingenommen, darunter die Belagerung des HKS-Büros in Isfahan.
Trotzkisten im Rundfunk
In einer in Kargar veröffentlichten Rundfunkrede macht Babak Zahraie, einer der zentralen Führer der HKS und Kandidat in Teheran, auf die Kampagne für die drei getangenen HKS-Kandidaten in Khusistan aufmerksam. Er fährt fort: „In den Zeitungsüberschriften heißt es, in Khusistan würden konterrevolutionäre Agenten Sabotage verüben, Separatisten seien dort am Werk, es gäbe Saboteure in Khusistan, und in Turkmenistan genauso. Überall im Iran gäbe es Saboteure, Separatisten und Komplotte. Das sagen die Kapitalisten. Aber wenn man diese Berichte etwas näher anschaut, wenn man die Wahrheit sucht, dann merkt man, was wirklich los ist.
Die Wahrheit ist, daß die Massen des Iran eine gigantische Revolution durchgeführt haben, aber nur wenig Vorteile daraus gezogen haben."
Die Regierung, so erklärt er, versucht die Massen daran zu hindern, die Früchte ihrer Revolution zu fordern. Sie versucht zu verhinder, daß ihre Forderungen vorgebracht werden, und jeglichen Versuch zu unterdrücken, den Widerspruch zwischen dem, für was die Massen gekämpft haben, und dem, was die Regierung, die als Ergebnis ihres Kampfes an die Macht kam, macht, zu verdeutlichen. In der letzten öffentlich erschienenen Ausgabe von Kargar werden furchtlos diese Widersprüche, wie sie in allen Bereichen der iranischen Gesellschaft erscheinen, bloßgelegt. Das ist der Grund, warum die Verteidiger der kapitalistischen Herrschaft versuchen, diese Zeitung zu unterdrücken.
Gleichzeitig zeigt diese letzte öffentliche herausgegebene Kargar, warum diese Rechtskräfte keinen Erfolg haben werden. Die trotzkistische Zeitung im Iran ist zum mutigsten Verteidiger für all die iranischen Massen geworden, die von der Khomeini-Basargan-Regierung und ihrer offiziellen und inoffiziellen Polizei um ihren Sieg gebracht worden sind. Diese • Massen sind nicht besiegt worden. Sie beginnen erst zu kämpfen, und sie werden es nicht zulassen, daß die, welche sich am offensten für sie einsetzten, zum Schweigen gebracht werden.
aus: Intercontinental, Press/Inprecor (2.7.1979)