Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Konferenz von Washington hat die Währungskrise nicht beigelegt

· Inprekorr Nr. 10, 15. Dezember 1971 · S. 21-23 · 1.254 Wörter

USA und Kanada Weltwirtschaft und Krise

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DIE KONFERENZ VON WASHINGTON HAT DIE WÄHRUNGSKRISE NICHT BEIGELEGT ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Als die Finanzminister der zehn reichsten imperialistischen Länder für das Familienphoto posierten, zeigten sie strahlende Gesichter. Nach vier Monaten monetärer Unordnung und Unsicherheit über die Zukunft des internationalen Währungssystems hat die kapitalistische Weltwirtschaft endlich wieder ein festes Wechselkurssystem zwischen den imperialistischen Währungen. Es muß schon Panikstimmung in den Aufsichtsräten und Ministerien geherrscht haben, wenn sich die Hauptinteressierten über einen so jämmerlichen Kompromiß wie den, der in Washington ausgehandelt wurde, befriedigt zeigen. Zwar sind die Wechselkurse neu festgelegt worden, aber • dadurch wurde kein einziger der eigentlichen Gründe für die Währungskrise eliminiert. DER KOMPROMISS SPIEGELT DAS VERÄNDERTE KRÄFTEVERHÄLTNIS WIEDER Was Nixon am 15. August verkündet hatte, war ein Diktat. Was am 18. Dezember abgeschlossen wurde, das war ein regelrechter Kompromiß, den man nach mühsamen Verhandlungen erreicht hatte. "Weder Sieger noch Verlierer", hat Nixon selbst proklamiert. Dieser Kompromiß spiegelt die Veränderungen im Kräfteverhältnis zwischen den imperialistischen Mächten im Laufe der letzten 10 Jahre wieder.

Das amerikanische Großkapital erreicht, daß alle imperialistischen Währungen gegenüber dem Dollar aufgewertet werden. Zwar ist der Aufwertungssatz bei gewissen Währungen beträchtlich (15,5 % beim Yen, 12,5 % bei der Deutschen Mark), aber erliegt im allgemeinen niedriger, als die Nixon-Regierung erhofft hatte. Er begünstigt die Ausfuhr amerikanischer Waren, aber erschwert die Ausfuhr amerikanischen Kapitals, und vor allem erleichtert er die Ausfuhr europäischen und japanischen Kapitals in die Vereinigte Staa- Dagegen ist der Dollar trotz der Verprechen und Prahlereinen Nixons in der Tat abgewertet, sowohl gegenüber dem Gold als auch gegenüber allen anderen Währungen, die nicht mit ihm abwerten. Diese Abwertung erschüttert das schwindende Vertrauen der Bankiers in der ganzen Welt in den Dollar (einige osteuropäischen Regierungen erleiden dadurch einen Verlust, weil sie unvorsichtigerweise ihre Devisenreserven in Dollar konvertiert hatten, so wie die chinesische Regierung verlor, weil sie ebenso unvorsichtig ihre Devisenreserven vor der Francabwertung in Francs angelegt hatte.) Und je nach der Anzahl der halbkolonialen Länder, die ebenfalls ihre Währungen abwerten werden, verteuert die Dollarabwertung mehr oder weniger die Einfuhren von Rohstoffen und Produkten der Leichtindustrie aus diesen Ländern. DIE WÄHRUNGSKRISE BESTEHT WEITER

Das internationale Währungssystem steckt weiter in der Krise. Die zwei Hauptgründe der Krise sind keineswegs beseitigt. Nach wie vor kann der lar nicht in Gold konvertiert werden. Wenn die kapitalistischen Zentralbanken weiterhin den Dollar als Reservedevise ablehnen - und warum sollten sie das nicht tun, nach einer regelrechten Abwertung! - , dann muß die internationale kapitalistische Wirtschaft ohne eine internationale Wechselwährung auskommen.

Andererseits floriert die amerikanische Inflation weiter, da die Nixon-Regierung auf alle Fälle vermeiden will, daß die Rezession zu einer schweren Wirtschaftskrise wird. Und das Defizit in der amerikanischen Zahlungsbilanz besteht ebenfalls fort, auch wenn es sich etwas verringern sollte. In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, daß die von Nixon am 15. August beschlossene Zusatzsteuer von 10 % auf die Einfuhr sich als wenig wirksam erwiesen hat, um die Einfuhren in die Vereinigten Staaten, die durch den Überfluß an liquiditäten angezogen wurden, zu bremsen. Das führte zu einer allgemeinen Verteuerung der Preise als Folge der Verteuerung der Einfuhren. Gewisse Einfuhrgüter, insbesondere des Maschinensektors, sind im übrigen uner- INPREKOR R 15.12.71 s. 21

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setzbar, da der amerikanische Maschinenbau eine Reihe von Ausrüstungsgüdie insbesondere aus Deutschland und aus Japan eingeführt werden, überhaupt nicht mehr produziert.

Die aus kapitalistischer Sicht vernünftigste Lösung, um aus den Schwierigkeiten herauszukommen, wäre, das Gold durch eine internationale Reservewährung zu ergänzen, die von der Nationalwirtschaft eines jeglichen kapitalistischen Landes völlig losgelöst wäre: eine Zentralbankenwährung, die nach ausschließlich objektiven Kriterien von einer Zentralbank der Zentralbanken verwaltet würde. Aber das ist eine reine Utopie. Um einen solchen Plan zu verwirklichen, wäre eine kapitalistische Weltregierung nötig, die von den großen kapitalistischen Mächten unabhängig wäre, was die Aufhebung der inter-imperialistischen Gegensätze zur Voraussetzung hätte. Nun ist aber i rade die Verschärfung dieser Konkurrenz vom Ausbruch der Weltwährungskrise an offenbar geworden.

Alles, was die imperialistischen Machte in Ermangelung einer Globallösung erhoffen können, ist eine langsame Erweiterung des Systems der Sun erziehungsrechte (das Papiergold, das nach dem Prinzip verteilt wird, daß die reichsten Länder den Löwenanteil bekommen). Hinzukommt, daß die Länder des Gemeinsamen Marktes, durch Großbritannien, das in der Währungskrise immer eine einheitliche Haltung mit den Sechs gezeigt hat, verstärkt, eine gemeinsame Währung zu schaffen versuchen, die, wenn die übrigen Umstände gleich bleiben, eine internationale Reservewährung zusätzlich zum Dollar bilden könnte, wenn nicht diesen sogar ersetzen. Aber das ist keine kurzund auch keine mittelfristige Perspektive.

Währungskrise und Wirtschaftsrezession

Die Kapitalisten Europas und Japans haben es nicht gewagt, an dem Ast zu auf dem sie selbst sitzen: auf das Diktat Nixons mit entsprechenden Vergeltungsmaßnahmen zu antworten, hätte eine Kettenreaktion hervorrufen können, die mit einer Verringerung des Welthandels und einer Vertiefung der amerikanischen Rezession auch ihre eigenen Absatzmärkte schließlich empfindlich getroffen hätte.

Heute machen sie nach dem Kompromiß von Washington jute Mine zum bösen Spiel, mit Ausnahme der deutschen Industriellen. Für diese bedeutet das die dritte Aufwertung innerhalb von kurzer Zeit. Sie befürchten, daß der deutsche Markt von billigen amerikanischen Produkten überschwemmt wird, während der deutsche Export zurückgeht.

"France-Soir", die französische Bild-Zeitung, kommt mit dem triumphierenden Titel heraus: "Krise und Arbeitslosigkeit vermieden". Diese Demagogik muß doch etwas erstaunen, selbst wenn sie von einer solchen Zeitung kommt. Die Arbeitslosigkeit ist ganz und gar nicht vermieden, im Gegenteil, sie hat in Frankreich eine Rekordhöhe erreicht, wie man sie seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat, und das vor der Rezession. Diese Rezession (d.h. diese Krise) bedroht Frankreich nicht infolge der Währungskrise, sondern infolge der anlaufenden westdeutschen Rezession. Und es gibt überhaupt kein Anzeichen dafür, daß nach dem Abkommen vom 18. Dezember die westdeutsche Rezession absorbiert werden könne. Alles scheint dafür zu sprechen, daß sie sich in diesem Winter und Frühjahr noch ausweiten wird. Denn die forschlechterung der internationalen wirtschaftlichen Situation des Kapitalismus ist nicht die Konsequenz der Währungskrise, sondern ist dieser vorausgegangen und hat ihren Ausbruch zum Teil beschleunigt. Die Gründe für die gegenwärtige Rezessionliegen tiefer: in der Verlangsamung der technischen Erneuerungen, in den überschüssigen Produktionskapazitäten der Schlüsselindustrien wie der Autoindustrie, der Petrochemie, den Kunstfasern, der Werftindustrie und sicher auch der elektronischen Industrie, im Fall der Durchschnittsprofitrate und der daraus resultierenden Verlangsamung der Investitionen, in der wachsenden Diskrepanz zwischen der Produktionskapazität und der Kaufkraft, wozu noch kommt, daß die Haushalte und Unternehmen immer mehr verschulden.

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Kurz - al! die klassischen Widersprüche des Kapitalismus treten wieder in Erscheinung: die monetären und finanziellen Manipulationen können höchstens ihre unmittelbaren Ausdrucksformen glätten, aber sie können dadurch weder ausgesch tet. noch auf die Dauer entschärft werden. Unter diesen Umständen bleiben die unmittelbat nach dem 15. August genachten Voraussagen (s. :. 8/Sept.71) weiter gültig: Auf der einen Seite wird die int ra ionale Bourgeoisie alles dransetzen, um den Schaden von den Arbeitern bezahlen zu lassen. Die Offensive gegen die Beschäftigung und gegen die Reallöhne weitet sich immer mehr aus. Die machtvolle Antwort der wentdeutschen Metaller zeigt, daß ein Erfolg dieser Offensive keineswegs gesichert ist. Auf der anderen Seite verschärft sich die internationale Konkurrenz und unterminiert die Grundlagen für jedes Abkommen, auch monetärer Art. Das System von Bretton-Woods hat 25 Jahre lang gelebt, die letzten 5 davon im Todeskampf. Das in Washington geschaffene System wird kein Jahrzehnt halten. Es kann sich schon bei der nächsten Reszession oder bei der nächsten sozialen Explosion in einem wichtigen imperialistischen Land auflösen.

(20. Dezember 1971)