GROSSBRITANNIEN: DIE ARBEITSLOSEN ORGANISIEREN SICH ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Ende November demonstrierten in London 20 000 Arbeiter gegen die Arbeitslosigkeit. Das ist umso bedeutsamer, als Großbritannien heute, was die Zahl der Arbeitslosen angeht, an der Spitze der europäischen Länder steht. Im August zeigten die offiziellen Statistiken des Arbeitsamtes 904 190 Arbeitslose an. So hat also England trotz aller demagogischen Proklamationen der Tory-Regierung einen Höchststand seit 1940 erreicht. Diese offizielle Zahl steht noch unterhalb der Wirklichkeit; tatsächlich hat die Zahl der Arbeitslosen die Millionengrenze schon längst überschritten. Aber was die offiziellen Zahlen nicht ausdrücken: die Perspektiven für die Zukunft sind noch viel dunkler. So plant die British Steel Corporation, im Jahre 1972 100 000 Arbeiter (3 der Beschäftigten) zu entlassen. Für den Elektrizitätssektor wird mit 10 000 Entlassungen im kommenden Jahr gerechnet. Ähnlich sieht es aus im Schiffbau, in der Textilindustrie, usw... Der britische Kapitalismus steckt in einer tiefgehenden Krise, und entsprechend radikale Maßnahmen werden heute vom Unternehmertum und von der Tory-Regierung getroffen. Die Krise kann man an einem entscheidenden Punkt feststellen: die Gesamtprofite verringern sich, und die Profitrate im Vergleich zu den Investitionen fällt stark. So ist der Anteil der Unternehmergewinne am Nationalprodukt von 1964 bis 1969 von 21,2 % auf 14 % gesunken. In der gleichen Zeitspanne ist die Profitrate von 7.1 % auf 3,2 % zurückgegangen... Die Rentabilität des Kapitals ist nicht mehr sichergestellt, wodurch die Investitionen sehr zurückgehen. Drei Faktoren haben zur Verschlimmerung der Situation des britischen Kapitalismus beigetragen: INPREKOR R 15.12.71 S. 19
- die enormen Profite aus den Zeiten des Booms waren nicht reinvestiert worden. je z stehen die britischen Unterneiner mit einem veralteten Produktionsar ar0 da, der der Nachfrage nicht mehr entspricht; - nach dem Veriun seines Empires sieht sich Großbritannien in einer Position der Schwäche in der internationaler Konkurrenz; - schließlich ha die bemerkenswerte Entwicklung der Arbeiterkämpfe in den 60er Jahren dazu beigetragen, die Profitrate etwas zu kürzen. In dieser Situation ist die britische Unternehmerschaft fest entschlossen, das Kapital der alten. wenig rentablen Industriezweige (Schiffbau, Textil Freizusetzen und es in die Industrien, die an der Spitze liegen, 2u investieren. Genau das tat die Tory-Regierung, als sie es vorzog, 5 Millionen Plund für die Schließung der Clyde-Schiffswerften auszugeben, als 6 Millionen Prund zu investieren, um sie wieder in Gang zu bringen. Dann werden, um Druck auf die Arbeitskraft und yuf die Löhne auszuüben, die sogenannten "Produktivität sabkommen" mit den Gewerkschaftsbürokratien ausgehandelt: mit den Gewerkschaftsbürokraten diskutiert man die "wissenschaftliche" Reorganisierung der Arbeit und läßt sie dann Abkommen unterschreiben, in denen "natürliche" Herabsetzungen der Zanl der Arbeitsplätze vorgesehen sind. Diese "Reorganisation" der Produktion bringt also massive Reduzierung der Arbeitsplätze und beträchtliche Erhöhung der Produktivität mit sich. Was die Löhne betriff • so bemüht sich die Unternehmerschaft, neue Lohnfinduneeeyateme einmorthren - Arbeitsplatzbewertung usw. - , die ihr erlauben. die Gesan:lonsumme eines Betriebs festzulegen und dann auf die Teilung der Arbeiterochalt zu setzen. In diesem Zusammenhang handeln die Gewerkschaftsbrokraten Lohnerhöhungen aus, die durch Entlassungen finanziert werden. So ha: 2.B. die Unternehmerschaft in der Elektrizitätsgewinnung Lohnerhöhungen von 20 % akzeptiert, die für sie nur 6 bis 7 % Mehrkosten bedeuten, da sie g. ichzeitig 10 200 Arbeiter entlassen. Das zeigt, daß die Gewerkschaftsführungen, die sich auf ein solches Spiel einlassen, nichts gegen die Arbeitslosigkeit tun und noch weniger etwas zur Organisierung der Arbeitslosen tun.
Darauf organisierten sich die Arbeitslosen selbst. Vor zwei Jahren wurde die "Claimant Union" (Gewerkschaft der Bedürftigen) geschaffen, die heute 70 Ortsbezirke zühlt. Als die Arbeitslosigkeit anstieg, haben sich revolutionäre Genossen wie die unserer britischen Sektion, der International Marxist Group, drangemacht. sie zu entwickeln und ihnen eine Plattform zu geben. Das Ziel der Claimant Union ist, in der organisierten Arbeiterbewegung integrier zu werden. Deshalb führen die Ortsbezirke systematische Kampagne für ihren Anschluß an die Ic alen Gewerkschaftsräte. Ihre täglich Agitationsarbeit ist auch auf die arbeits- und Sozialümter gerichtet, damit die Arbeitslosen auch alles erhalten. wozu sie berechtigt sind. So wurden schon mehrmals Besetzungen von Arbeitsämtern organisiert.
Dazu müssen aber Forderungen gestellt werden, die alle Arbeiter im Kampf gegen Arbeitslosigkeit vereinen können. Deshalb schlagen unsere Genossen in der Claimant Union und in den anderen Gewerkschaften folgende Ziele vor: Überstunden, keine Abkommen, die Entlassungen vorsehen, Schaffung neuer Arbeitsplätze, Garantie auf 5 Tage Arbeit oder 5 Tage Lohn; dazu propagieren unsere Genossen Kampfformen gegen Entlassungen wie die Fabrikbesetzungen von Clyde oder vom River Don in Sheffield.
Im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit geht es nicht nur darum. die davon betroflenen Arveiter zu schützen, sondern a ch darum, die Arbeiterkämpfe allgeme in zu entwickeln. Wenn sich die Beschäftigungslage weiterhin verschlechteri, ohne daß die Arbeiterklasse entsprechend antwortet, kann das nur die Kombativität der gesamten Arbeiterklasse untergraben. Die Streikstatistiken der letzten Zeit sind schon beunruhigend: in den ersten 6 Monaten von 1971 zählte man : 76 Streiks mit 120 000 Arbeitern. im selb en Zeitraum des Vorjahres 2355 mit 978 200 Arbeitern. Zum ersten Mal hat der Gewerkschaftsbund TUC in London eine Demonstration gegen die Arbeitslosigkeit ganisiert. .ver das genügt nicht. Schon heute ist der Kampf gegen die Arceitslosigkeit eine Aufgabe für die ganze Arbeiterklasse, und die revolutionären Genossen müssen in den Gewerks• haften für die Aufhebung der traurigen Trennung zwischen Arbeitenden und Arbeitslosen kämpten. (A.Libera, aus ROUGE vom 11.12.71) T N P REKORR 15.12.7: s. 20
ERNEST MAN DE L: