Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Unterstützung der Sandinisten durch die Massen

Inprekorr Nr. 95, Januar 1979 · S. 18-19 · 719 Wörter

Mittelamerika

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DIE UNTERSTUTZUNG DER SANDINISTEN DURCH DIE MASSEN Die Sandinistische Front erfreute bildeten sich keine Organisationen, nicht sich auf allen Kampfschauplätzen totaler einmal in Ansätzen. Es gibt keine Anzei- Sympathie und solidarischer Unterstüt- chen für eine unabhängige Aktivität der zung durch die Massen. Aber es war eine Massen während der militärischen Konzersplitterte Unterstützung; sie war nicht flikte. In Masaya und Esteli, wo die organisiert. In den meisten Fällen war Aktionen der Sandinisten auf größten Ensie nur passiv. Nur in Ausnahmefällen tra- thusiasmus trafen, gab es einige wenige ten die Massen direkt in Aktion. Spontan Anzeichen für einzelne Nachbarschaftskomitees, um einige Stadtviertel zu verteidigen.

Die Popularität der sandinistischen Offensive steht in krassem Gegensatz zum Mangel an organisierter Massenaktivitat. Es gibt verschiedene Gründe für diesen Kontrast. In erster Linie der: die Offensive der Sandinisten fand gleichzeitig mit der Aussperrung staat. Die Arbeiter wurden voll ausbezahlt und nach Hause geschickt.

Darüberhinaus war der Zeitpunkt für den Aufstand willkürlich von den Sandinisten gesetzt worden, ohne die Entwicklung der Eigenaktivität der Massen mit in Betracht zu ziehen.

Die Oktoberrevolution und die Partei Lenins haben uns auf diesem Gebiet wichtige Lehren hinterlassen. Die Zeitbestimmung des Aufstandes ist entscheidend und muß der Entwicklung der allgemeinen politischen Aktivität entsprechen. Es ist auf dem Höhepunkt der eigenen, autonomen Aktion der Massen, wo die revolutionäre Partei mit dem Aufstand losschlägt, das heißt wenn feststeht, daß die Organe der Massenbewegung selbst den Punkt erreicht haben, an dem sie allgemein fähig sind, in organischer und koordinierter Weise in die Offensive zu gehen. In Nikaragua erfolgte die sandinistische Offensive mitten in einem Aufschwung der Kämpfe, aber ohne daß vorher der Aufstand verallgemeinert worden wäre bzw. bevor sich unabhängige Klassenorgane bildeten. Schließlich eröffnete die Art der Aktion, die sich in den Städten abspielte, wenig Raum für die aktive und organische Beteiligung der Massen. Kommandogruppen nehmen Häüser ein und konzentrieren sich darauf, Waffen in den Städten zusammenzuraffen und der Nationalgarde durch Hekkenschützen Hinterhalte zu legen. Während der jüngsten Ereignisse stand die FSLN im Zentrum des politischen Geschehens und der internationalen Aufmerksamkeit, die sich auf Nikaragua richtete. Keine Analyse des revolutionären Prozesses in Nikaragua ist von Wert, die nicht die FSLN untersucht und nicht eine Haltung ihr gegenüber bebestimmt.

Man muß jedoch erklären, daß es etwas schwieriger ist, die FSLN als eine geschlossene Einheit zu betrachten. Man

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weiß, daß die Sandinistische Front keinen homogenen Block bildet. Drei offen bekannte Fraktionen sind mit der Fahne und dem Namen der Front verbunden. Die als "terceristas' (Dritte Kraft) bezeichnete Gruppe wird hauptsächlich geführt von Daniel Ortega, Victor Tirado und Humberto Ortega. Normalerweise bezeichnete sich diese Gruppe nicht als Tendenz, sondern beanspruchte, die gesamte Front zu vertreten; schließlich hat sie kürzlich den Namen 'Aufstandstendenz' (tendencia insurreccional) angenommen.

Eine andere Tendenz ist die GPP (Guerra Popular Prolongada = langandauernder Volkskrieg), die hauptsächlich von Henry Ruiz und Tomas Borge geleitet wird. Und schließlich die Proletarische Tendenz', deren Hauptfigur Jaime Wheelock ist.

Obwohl die Proletarische Tendenz' einen gewissen Bruch mit der Bourgeoi. sie ausdrückt. sind die Unterschiede hinsichtlich des Programms und der politischen Linie zwischen den drei Tendenzen nicht von solcher Art, daß es zulassig wäre, irgendeiner dieser Tendenzen mehr politischen Kredit zu gewähren als den beiden anderen.

Die Terceristas sind diejenigen, welche die unmittelbare Verantwortung tragen sowohl für die Unterstützung der bürgerlichen Gruppe der "Zwölf" als auch für die militärische Septemberoffensive. Die anderen Tendenzen leisteten aktive Unterstützung, wenn auch in untergeordneter Bedeutung und wenig enthusiastisch. Die Regierungsformel der "Zwölf", die jetzt von den Terceristas vorgebracht wurde, fand rasch die 'kritische' Unterstützung der GPP-Tendenz.

Als Ergebnis der entgegengesetzten Einschätzung der Septemberoffensive werden sich zweifellos neue Spaltungen in der Front entwickeln. Gegenwärtig gelingt es den verschiedenen Fraktionen allerdings noch, zur Durchführung von Aktionen zu praktischen Vereinbarungen zu kommen. Keine Linie hat sich bisher in drastischer Form davon gelöst, in ihrer Strategie und und ihrer allgemeinen Einschatzung vom ablaufenden Prozeß als einem im wesentlichen bürgerlich-demokratischen auszugehen. Aufgrund dessenund aufgrund der allgemeinen Auffassung der Massen vom Sandinismus ist es zulässig, von der Sandinistischen Front als einem Ganzen zu sprechen.