Folgendes Interview mit Ali Ahmadi, einem Universitätsführer von Teheran, wurde Mitte November aufgenommen. Es erschien in INTERCONTINENTAL PRESS am 27.November 1978. Wir veröffentlichen es aus- Frage: Die Solidaritätswoche mit den streikenden Arbeitern' an den Universitäten soll eine der bestorganisiertesten Aktionen bisher gewesen sein? Antwort: Diese Solidaritätswoche begann am 28. Oktober und wurde von einer nationalen Organisation von Universitätsprofessoren geplant, in der die radikalsten Professoren ideologisch verschiedener Gruppen sich vereinigt haben. Sie ist so neu, daß sie noch nicht einmal ein Statut hat. Aber sobald wir uns trafen, beschlossen wir, eine Solidaritätswoche durchzuführen.
In unserer Universität beschlossen wir Reden und eine Demonstration - innerhalb des Campus, weil draußen die Soldaten standen mit auf die Universität gerichteten Gewehren. Die Nachmittage wurden freigehalten; da konnten die Studenten selbst Reden halten oder Unterricht oder sonstwas.
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Zwei Tage lang gab es Sit-Ins und Teach-Ins, an denen die Studenten und alle Angestellten der Universität, die Professoren und auch die Verwaltungsangestellten teilnahmen, kleinere Gruppen bildeten und ihre Meinungen diskutierten. Dann beschlossen wir, einige andere Organisationen aufzufordern wie das 'Komitee zur Verteidigung der Gefangenen' und die Rechtsanwaltkammer, Reden zu halten.
Am ersten Tag kamen alle Gruppen, die religiösen und die linken, um den Eröffnungsreden zuzuhören. Die linken Studenten hatten rote Fahnen gehißt und ihre Parolen an die Wände des Fußballstadions, wo die Reden gehalten wurden, angebracht, Alle religiösen Studenten und Professoren verließen den Platz; sie sagten, sie wollten nicht unter roten Flaggen sitzen.
Wir wollten eine Solidaritätswoche, aber gleich am Anfang drohte eine Spaltung, genau das Gegenteil. Deshalb forderten wir die linken Studenten auf, ihre roten Fahnen abzunehmen. Man schlug vor, auch die religiösen Studenten sollten ihre Fahnen aufhängen. Aber das wollten sie nicht. Schließlich nahmen die linken Studenten ihre Fahnen weg, und die Reden konnten beginnen.
bis 3000 Viele, sogar une ine enten 2 berschule.
Was forderten die religiösen Studenten?
Sie fordern eine 'Partei Gottes", etwas Utopisches. Sie haben die Parole 'Eine Partei, nur Gottes Partei". Du siehst, sie wissen nicht, was eine Partei ist. Wenn sie weiter sagen, sie wollten eine "islamische Regierung', und du fragst sie, was das denn sei, dann können sie es dir nicht erklären.
den linken dad den religiösenis vienten an der Universität?
An meiner Universität sind viemal so viel religiöse Studenten wie linke. Aber unter den 40 Leuten, die den Aufruf zur Gründung einer Professoren- Vereinigung unterschrieben haben, waren vielleicht acht oder neun religiöse.
Oberseiter auf eure campus als did der Solidaritätswoche?
Ich glaube, eine richtige Erziehung hat auf unserem Campus begonnen. Wir begannen mit dieser Solidaritätswoche, unsere Universitäten allen Leuten zu öffnen. Keinerlei Kontrolle an den Eingängen, niemand mußte den Personalausweis zeigen. Sie mußten zu keiner bestimmten Zeit kommen. Es war eine ganz offene Universität, eine wirkliche Erziehung was die Leute auch lernen wollten. Deshalb kamen sie zum Campus. Deshalb machten sie mit.
Sogar Kinder aus den Grundschulen konnte man in den Campus kommen sehen, um verschiedene Parolen abzuschreiben und sie in ihre Schule mitzunehmen, um die Bewegung zu verbreitern helfen. Ältere Frauen in Schleiern kamen mit ihren Kindern, um den Reden zuzuhören. Es gab alle möglichen Leute aus allen Schichten der Gesellschaft. Das ist es, was die Regierung so aufgeschreckt hat.
Einige Zeitungen verglichen das, was in dieser Woche in unseren Universitäten, vor allem in Teheran, passierte, mit dem, was ihr vielleicht im Hyde Park sehen könnt. Jeder konnte eine Rede halten. Die Wände waren bedeckt mit Flugblättern aller möglichen Gruppen - sowohl der linken als auch der rechten. Es gab sogar Studenten mit Führer' - Armbinden, die den Leuten halfen, zu den verschiedenen Aktivitäten zu finden. Sie sagten z.B., wenn du beten willst, kannst du in die Moschee gehen, aber hier ist eine Sitzung der Linken.
Welchen Anteil hatten die Frauen? Ich denke, sie machten 10 bis 20 % aus. Egal, ob sie religiös oder links waren, sie machten mit. Alle Sekretärinnen der Universität kamen und machten mit. Mütter politischer Gefangener hielten Reden. Sie kamen zum Mikrophon und erzählten uns, wie ihre Söhne und Töchter verhaftet worden sind, was mit ihnen passiert ist, wieviel Jahre sie im Gefängnis waren, wie sie gefoltert wurden. Vielleicht 5 000 oder 6 000 Leute hörten zu, und alle weinten. Manchmal kannst du dich selbst nicht zurückhalten, zu weinen, wenn diese Leute erzählen.
Weißt du, was an den größeren Universitäten geschah, an der Teheran- oder Aryamehr-Universität?
Das gleiche wie bei uns. An der Teheran-Universität gab es viel mehr Teilnehmer, vielleicht 20 000 bis 25 000. Wie sind die linken Studenten organisiert?
Sie unterschreiben ihre Flugblätter meist mit 'militante Studenten. Aber es gibt alle möglichen verschiedenen Ideologien. Es gibt maoistische Gruppen. Es gibt liberale Linke. Es gibt die alten Guerilla- Guppen. Es gibt ein paar unabhängige Gruppen. Die Jugend der Kommunistischen Partei nimmt im allgemeinen nicht mit den anderen linken Studenten teil. Sie hält sich davon raus. Sie macht ihre eigene Arbeit.
Es gibt auch 'Sozialdemokraten", die nehmen aber auch nicht teil. Sie stehen der Nationalen Front am nächsten; die aber wird von den Studenten als einen 'Haufen von Verrätern' angesehen. ****** ****** Könntest du etwas über die gegenwärtige Situation in der Armee sagen, wie das Volk die Soldaten sieht?
Ich war auf einer der Demonstrationen vom 4. September und auf der Demonstration, die am 7. September stattfand. An diesem Tag hoffen die Leute wirklich, daß die Armee sich im Kampf zu ihnen schlagen werde. Ich habe nie soviel Blumen auf der Straße gesehen. Keiner konnte vermeiden, daß ihm die Tränen kamen, wenn er sah, wie vielleicht 500 Frauen in Schleiern Blumen über die Armeelastwagen waren. Die Leute bearbeiteten die Soldaten und sogar die Polizisten. Das hat wirklich auf mich einen großen Eindruck gemacht. Ich glaube, diese Augenblicke werde ich in meinem Leben nicht vergessen. Aber nach all den riesigen Demonstrationen an diesen zwei Tagen begannen die Soldaten am Schwarzen Freitag, als die Regierung das Kriegsrecht ausrief, zu schießen. Es war unglaublich. Am Tage zuvor hatten wir die Militärs mit Blumen überschüttet, und am nächsten Tag schossen sie auf uns.
Die Leute verloren ihren Mut für eine Zeit lang. Sie wußten nicht mehr, was sie tun sollten. Sie dachten, nun hätten sie verloren. Ich habe Freunde, die zu mir kamen, Tränen vergossen und dachten, daß jetzt alles vorbei sei.
Aber mit der Zeit schöpften die Leute wieder Vertrauen. Zwei Wochen oder so danach gab es eine Demonstration. Ein riesiger Zug von 250 000 Leuten mar- DE JOSTiCE (Dessin de CHENEZ.)
schierte zum Haus von Ayatollah Thiaghani, um ihn nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis zu begrüßen. Und das war unter Kriegsrecht. Nach dem Kriegsrecht durften sich nicht mehr als zwei Personen versammeln; es war also für diese Zeit ausser Kraft gesetzt.
Ich kann dir eine weiteres Beispiel dafür geben, wie die Leute denken. Die jungen. Männer müssen einen zweijährigen Wehrdienst ableisten. Sie hassen diese zwei Jahre, aber sie können nichts dagegen tun. Sie müssen zur Armee gehen. Aber seit dem Schwarzen Freitag hat sich ihre Haltung völlig geändert. Jetzt wollen die jungen Leute in die Armee gehen, um sie von innen zu bearbeiten. Und sie wollen lernen, wie man schießt.
Ich glaube, die Regierung hat ihre Spione unter den Leuten und wußte, welche Stimmung herrschte. So wurden 330 000 Wehrpflichtige nicht eingezogen, und sogar viele Wehrpflichtige, die schon eingezogen waren, wurden wieder entlassen.
Am Sonntag letzter Woche (5.November), kurz vor der Einsetzung der Militärregierung, hörte ich Gerüchte, daß die J - Kaserne (beim Mehrabad-Flughafen von Teheran) mit den Gewehren zum Volk übergelaufen sei. Und später hörten wir, daß die Farahabad-Kaserne (östlich von Teheran) einen Streik begonnen hatte.
Der ganze Campus, wo ich aktiv war, bebte. Jeder rief: Die Armee ist zum Volk übergelaufen'. Ich ging zu einigen Soldaten, die ich kannte, um sie zu fragen, was in den verschiedenen Kasernen los sei. Sie sagten, daß es in der J - Kaserne eine Meuterei gegeben hätte. Später hörte ich, daß acht der Führer erschossen worden seien. Andere sagten, daß 23 getötet worden seien.
Abgesehen von diesen Vorfällen hörten wir von einigen Nachrichtenagenturen, daß am Schwarzen Freitag einige Soldaten sich selbst getötet haben. Es wird gesagt, daß in der Mashad - Kaserne einer der Wehrpflichtigen den kommandierenden Offizier erschossen hätte. In Kerman soll das gleiche passiert sein. Mir ist gesagt worden, daß in Laschkarak (nördlich von Teheran) der Chef der G 2 (dem Armee-Geheimdienst) der Kaserne eine Rede gehalten hat, in der er sagte: 'Haltet euch von den Meutereien und Demonstrationen fern'. Und die Soldaten hätten ihn ausgebuht. Zwölftausend Soldaten haben ihn ausgebuht! Mein Freund erzählte mir, daß sie in den Kasemen jede Nach Diskussionen haben, politische Diskussionen über das, was draußen vor sich geht.
Wie groß ist der Anteil der Soldaten, die die Bewegung in ihrem Herzen unterstützen?
ne meisten Leute. die ich kenn ind Wehrpflichtige. Die Regierung kan auf die wehrpflichtigen überhaupt nicht bauen.
Unter den Wehrpflichtigen gibt es viele ehemalige Studenten?
Ja, und sie sind ziemlich radikal. Deshalb ist die Regierung so besorgt und stellt so viele von ihnen frei Später habe ich gehört, daß sie keinen Wehrpflichtigen Wache schieben lassen, damit sie ihnen keine Gewehre geben müssen. Diejenigen, die gewöhnlich auf das Volk schießen, sind gut ausgebildet. Es waren Royal Guards", die auf die Studenten in der Universität von Teheran schossen. Sie werden dazu extra ausgebildet. Und werden sie gut bezahlt, diese "Royal Guards"?
Ihr regulärer Sold ist vielleicht nicht so hoch. aber sie kriegen hohe Zuschüsse für Wohnung, Essen und vieles mehr. Die • Regierung hat die besten Häuser für sie gebaut.
Ich möchte was über die Wachen auf dem Campus und auf der Straße sagen. Wenn sie einen Knüppel benutzen müssen, bekommen sie eine Zulage. Wenn sie den Helm aufsetzen und das Schild nehmen müssen, um das Volk zu bekämpfen, krie- ===== S. 15 | Inprekorr_19781201_094_015.jpg ===== gen sie Zulagen. Wenn sie Gasmasken be- Bestimmt. Eines der ersten Beispiele nutzen, kriegen sie Zuslagen. Selbst war das des Schriftstellerbundes des Iran. Kannst Du etwas über Binfluß und wenn sie sie nur mitnehmen müssen, ohne Eine ihrer ersten Forderungen war, daß Starke der Tudeh-Partei sagen? sie aufzusetzen, kriegen sie Zulagen. Eini- sie selbst zuständig sein wollten für alle ge unter ihnen, die Armen, sind also froh Schriften, die in ihre Hand kamen. Wenn Die Demokratische Volksunion des darüber, diese Ausrüstung zu benutzen. man, ein Buch herausgeben oder einen Iran, die kürzlich verkündet wurde, ist neuen Buchladen eröffnen will, soll die Tudeh-Partei unter einem anderen man das also mit dem Schriftstellerbund Namen. Sie hat ihre Haltung zum Schah allein ausmachen, ohne daß man von den in den letzten sechs Monaten gewechselt. Behörden eine Genehmigung braucht. Sie war für die Beibehaltung der Monar- Sie wollten auch die Zensur aufheben. chie, aber jetzt ruft zu zu einer Republik auf. Jetzt unterstützt sie die religiösen Bin zweites Beispiel ist das der An- Führer und sagt von ihnen, sie könnten waltkammer. Sie wollten selber Gesetze eine revolutionäre Kraft sein. Sie rufen machen, weil die Regierung nach ihrer dazu auf, den Schi'ismus zur nationalen Ansicht schlechte Arbeit geleistet hat. Religion des Iran zu machen. Sie un- Und sie begannen, die Regierung zu be- terstützen die Integrität der nationakämpfen. len Grenzen des Iran, was bedeutet, das sie sich dem Selbstbestimmungsrecht Der Nationale Bund der Universitäts- der unterdrückten Nationalitäten widerprofessoren verlangt, daß das ganze Hoch- setzen. schulwesen des iran in die Hände der Studenten und Professoren gelegt werde. Sie Ich glaube, sie arbeiten sehr hart wollen Demokratie auf dem Campus, und - sehr, sehr hart. Sie veröffentlichen eine in dieser Richtung sind schon große Menge Bücher, und sie haben zahlreiche Schritte getan worden. Buchläden im Iran. Sie haben 300.000 Exemplare des "Kommunistischen Mani- Jetzt spuren wir alle geheimen Kana. fests' verkauft in den letzten beiden Mole auf, die Korrespondenz zwischen der naten (nicht in den Laden, denn das ist SA VAK und den Behörden über das, was eine illegale Publikation). sie mit uns tun.
Z.B. haben wir einen Bericht, den der So arbeiten sie, um ihre Defekte zu lokale Chef der SAVAK über mich verfaß- verdecken und wie sie die iranische Re. te, um mich aus der Universität heraus- volution verraten haben. Sie bemühen zu werfen. Sie haben schon eine Menge sich sehr, das zu verdecken. Von den Und was geschieht jetzt mit der Wirt- Leute aus der Universität geworfen über 1 400 Studenten an meiner Universität schaft? solche Korrespondenz. Nun habe ich den haben sie vielleicht 10. An anderen Uni- Bericht, mit dem Stempel secret" darauf. versitäten mögen es 30 oder 40 sein. Ich glaube, die traner erwarten jetzt Mehr nicht. An den Universitäten sind einen Bürgeriorieg. Sie kaufen große Men- Jeder im Lande, alle Vereinigungen, sie isoliert; aber sie arbeiten sehr hart. gen von Lebensmitteln und horten sie. die Arbeiter wollen an den Entscheidun- Die Lebensmittelläden sind vollig leer. gen ihrer Behörde oder ihrer Fabrik teil- Sie haben Binfluß im Schriftstellerhaben. Als z.B. aufünserem Campus die verband, in der Anwaltskammer und bei Was die Wirtschaft insgesamt betrifft, Angestellten streikten, forderten sie, daß der Nationalen Vereinigung der Universo funktioniert gar nichts mehr. Die einer von uns dem Rechnungsbüro vor- Sitätsprofessoren. Arbeiter haben gestreikt, aber auch wenn sitzen sollte. Es sind auch kleine Gruppen sie an den- Arbeitsplatz zurückkelten, sit- organisiert worden, um die Halbstarken Was, denkst du, wird in Zukunft • zen sie nur und reden über Politik. des Schah zu bekämpfen. geschehen? Deshalb geht es der Wirtschaft sehr Wie steht's mit den Kommunika- Ich denke, daß die iranische Revoluschlecht. Wenn du auf die Straße gehst tionsmitteln? Du hast erwähnt, daß Pla- tion eine neue Welle von Revolutionen in Teheran, glaubst du, du seist auf einem kate gemacht werden, Flugblätter usw. in der Welt einleiten wird, daß das der Be- Kriegsschauplatz, wie in Beirut. Die Stras- ginn einer anderen klassischen Revolution sen sind leer. Viele Läden sind einge- Auf einer engen Straße vor der Uni- ist. Und wenn die iranische Revolution drückt. Alle Kinos sind verbrannt. Eine versität konnte man früher Schmuggler siegt, dann wird es nicht viel brauchen, große Spannung herrscht unter den Leu- ausländische Zigaretten, Kaugummi usw. um den ganzen Nahen Osten in Brand zu ten. Es ist ganz anders als zwei Monate verkaufen sehen. Jetzt verkaufen diessel- setzen. Pakistan, Irak, Kuweit, Bahrein, zuvOr. ben Leute das Kommunistische Manifest' alle Scheichtümer, später vielleicht Libaoder Das Kapital'. Oder du siehst, wie non und Jordanien - alle diese Länder Entstehen denn Organisationen ir- Leute Flugblätter verteilen. Alle linken werden sich entzünden. gendwelcher Art - Komitees oder sowas Gruppen haben ihre eigene Druckerei - die beginnen, die Regierungsautorität oder vielleicht Kopiermaschinen, die Es wird ein weiteres Beispiel für die infrage zu stellen oder gar zu ersetzen? illegal sind. sozialistische Revolution in der Welt sein.