Im vergangenen Mai ist in Finnland eine turbulente, von Präsidentialbonapartismus durchgesetzt und die zweimonatige Streikwelle zu Ende gegangen; im Ce- Wirklichkeit wurde mehr und mehr hinter dem folge dieses "heißen Frühlings" ergriff Staatspräsi- Schleier einer "über den Klassen stehenden" Ideolodent Kekkonen die Initiative zur Bildung der dritten gie verborgen. Dieser Schleier wird von allen großen Volksfrontregierung seit Mitte der f0er Jahre. Die- Parteien getragen, von den Konservativen bis zur se beiden widersprüchlichen Ereignisse (Symbol KP-Minderheit (1), jeweils des Klassenkampfs und der Klassenkoopera- wenn in letzter Zeit die harte Wirklichkeit diesen tion) veranschaulichen gut den paradoxen Charakter Schleier mehr und mehr durchbrochen hat. Um dies der finnischen Politik in den letzten zehn Jahren, zu verstehen, muß man genaueres über die Entdie man nur verstehen kann als das kombinierte Zu- wicklungstendenzen der finnischen Klassengesellsammenwirken zweier Faktoren, schaft in den letzten Jahren wissen, und auch über die ideologischen Mystifikationen, die als Teil der Einerseits ist Finnland ein typisches Land an der im- Wirklichkeit diese Tendenzen beeinflussen. perialistischen Peripherie : es hat eine relativ einseitige und verwundbare Wirtschaft, es ist politisch unstabil und in der Arbeiterklasse gibt es eine radi- DAS DILEMMA DES FINNISCHEN KAPITALISMUS kale Tradition (die sich niederschlägt in der Stärke der KP). Andererseits hat Finnlands politisch - geo- Seit Beginn der internationalen kapitalistischen Regraphischer Sonderstatus zwischen dem kapitalisti- zession 1974 ist der finnischen Bourgeoisie immer schen Europa und der Sowjetunion nachhaltige Wir- klarer geworden, daß die großen Modernisierungen kungen auf die Formen des politischen Überbaus und der 60er Jahre und das Freihandelsabkommen mit das Bewußtsein gehabt, Ersteres schlägt sich in der EG 1973 in keiner Weise ihre Probleme gelöst häufigen Regierungskrisen nieder, in der relativ haben. Der finnische Kapitalismus ist immer noch tiefen Klassenpolarisierung an der Basis und in mili- viel zu einseitig abhängig von gewissen traditionellen tanten wirtschaftlichen Streiks, Letzteres verzerrt Schlüsselindustrien, die sehr konjunkturanfällig sind. den Druck von der Basis und das Kräfteverhältnis Die Produktivität der Industrie hinkt ebenfalls weit im Klassenkampf auf Regierungsebene; in den 70er hinter der der andern skandinavischen Länder hinter Jahren hat sich hier zunehmend eine besondere Art her, was die Konkurrenzfähigkeit des finnischen Ka- - 11 -
pitalismus ständig schwächt und zu einer hohen Innationsrate führt (15%). Die massive Abhängigkeit vom Import an Rohstoffen und Energie hängt zusätzlich wie ein Mühlstein am Hals der Industrie und schafft chronisch Zahlungsbilanz schwierigkeiten für die ganze Wirtschaft.
Das Ergebnis all dieser Schwächen war, daß die interationale Rezession 1974/75 Finnland etwas verspätet,aber mit voller Wucht traf, und erst Ende 1976 die ersten Anzeichen für einen Aufschwung sichtbar wurden, Im ganzen Jahr 1976 stagniertedas BSP und der Aufschwung hat in den verschiedenen Sektoren ungleichmäßig eingesetzt. Während sich die Aussichten für die Holz- und Papierindustrie und für einige andere Industrien, die in die Sowjetunion exportieren zeitweise gebessert haben, stecken Metallindustrie, Chemie-, Bau- und die Konsumgüterindustrie im allgemeinen noch tief in der Rezession. Die Arbeitslosigkeit ist in den ersten Monaten von 1977 sogar noch gestiegen : im April schlug sie alle Rekorde: 1S0. 000 Menschen, das sind 7% der Erwerbstätigen, waren ohne Arbeit (dazu kommen noch diejenigen hinzu, die nach Schweden ausgewandert sind). Die Inflation betrug während der ganzen Rezession Jahr für Jahr 15% und es sieht nicht aus, als ob sie sinken würde. Die Entwertung der finnischen Mark zusammen mit den schwedischen Kronen kann sie in den kommenden Monaten eher noch beschleunigen. Der einzige Pluspunkt für die Bourgeoisie war,daß das Zahlungsbilanzdefizit durch die äußerste Krisenpolitik der Bank von Finnland auf ein "erträgliches" Maß geschrumpft ist, aber niemand weiß, wie das Ni veau zu halten ist, wenn man wieder zu einer normalen Politik zurückkehrt, Die Tatsache ist einfach, daß trotz der momentanen Erleichterung in der Situation der finnische Kapitalismus unter einer Struk turkrise leidet, die mindestens genauso schwer ist wie die der "sciwachen Glieder" der imperialisti schen Welt (Großbritannien, Italien, Portugal, Dänemark, usw.). Diese Krise kann nur durch die aggres sive Wiedergewinnung der verlorenen Märkte oder durch die Eröffnung völlig neuer Märkte überwunden werden, In der Praxis greifen beide Auswege ineinander über und erfordern grundsätzlich dieselbe Art von Maßnahmen : eine straffe Konzentration, neue staatlich finanzierte Investitionen, drastische "Rationalisi erungen" im bestehenden Produktionsapparat und eine qualitative Anhebung der Mehrwertrate durch verschiedene "Stabilisierungs"- und Repressionsmaßnahmen gegen die Arbeiter. DIE STRATEGIE DER BOURGEOISIE IN DER
REZESSION
Seit 1974 war die Strategie der Bourgeoisie mehr und mehr die eines "Aussäuberns" der Industrie durch eine selektive und knappe Geldpolitik, einer Senkung der Verbrauchernachfrage, einer drastischen Karzung der Sozialausgaben im Staatshaushalt und einer Verwendung der dadurch freien Ressourcen für ausgewählte Subventionen an die Industrie (vor allem an die Exportindustrie). Zusammen damit hat sie eine massive Maschinerie für eine Einkommenspolitik aufgebaut, die von einem System verschiedener Strafmaßnahmen unterstützt wird, Ein aualitativ neuer Aspekt bei de: Durchsetzung der Einkommenspolitik war die systematische Koordination der Regierungspolitik mit der Bank von Finnland, den Unternehmerverbänden und praktisch allen Massenmedien (Radio und Fernsehen inbegriffen) vor jeder Tarifrunde. Diese mächtige Koalition ist jedes Jahr geschlossener und aggressiver gegen die Arbeiterklasse aufgetreten, Eine große Schwäche der Friedmanschen Politik der Bourgeoisie war, daß sie nicht nur den Willen und die Stärke ihrer Betreiber, sondern auch den Konsens(oder die Zerschlagung)ihrer Opfer erfordert. Beides aber fehlt wegen der extremen Instabilität der Regierung und des starken Widerstands der Arbeiter. Die Bourgeoisie hat eine zweifache Antwort auf dieses Dilemma gegeben, Einerseits hat sie mehr und mehr zur schärfsten Repression gegriffen - - so zu organisierten Streikbrechermaßnahmen, gewaltsamen Polizeieinsätzen, extrem hohen Geldstrafen und Anti-Streikgesetzen, Das allgemeine Ziel eines "starken Staats" steht nun in den Tagesgesprächen im Vordergrund. Unter finnischen Bedingungen nimmt dieser Marsch in den starken Staat vor allem die Form eines Präsidentialbonapartismus an, verkörpert durch die Person Kekkonens. Sein Einfluß auf die finnische Politik war zwanzig Jahre hindurch sehr groß, ist aber in den 70er Jahren eindeutig auf eine neue Stufe gestiegen. Seit 1974 hat er tagtäglich die Funktion des souveränen obersten Richters über die finnische Politik ausgelbt, der die Zusammensetzung, die wichtigsten Beschlüsse und den Sturz von Regierungen diktierte, durch den Einsatz seiner persönlichen Autorität große Streiks brach und die häufig bitteren Zwistigkeiten zwischen den großen politischen Parteien auf paternalistische Weise regelte.
Andererseits hat die Bourgeoisie nicht all ihre Karten auf eine verschärfte Repression gesetzt. Sie hat gleichzeitig das Zuckerbrot der Integration benutzt und auch hier hat Kekkonen wieder eine entscheidende Rolle gespielt. Mitten in einer Phase der scharfen Klassenpola risierung und des Dahinwelkens des Reformspielraums der Bourgeoisie ist es dieser unter der Führung Kekkonens gelungen, die Führungen der Arbeiterklasse weitestgehend fir sich einzuspannen und den sozialdemokratischen und kommunistischen Parteiapparat als Hebel zur Schwächung der kollektiven Stärke der Arbeiterklasse und zum Abbau ihrer erkämpften Errungenschaften zu gebrauchen.
Der Schlüssel für das Verständnis dieses Zusammenspiels liegt nirgendwo anders als in der "besonderen Beziehung" Finnlands zur Sowjetbdrokratie und in der unumstrittenen Autorität Kekkonens beim Kreml. In den letzten zwanzig Jahren seiner Präsidentschaft hat Kekkonen diese seine Autorität maximal genutzt, um sich die Arbeiterparteien geflgig zu machen, Bei der KP liegt dies daran, daß für beide Flügel das Wort des Kremls immer noch Gesetz ist, und bei der SDP an der frustrierenden Erfahrung ihrer inneren Spaltung und langen politischen Isolierung in der Zeit ihrer streng pro-westlichen und antikommunistischen Orientierung (1957-66). Nach diesen Erfahrungen haben die Sozialdemokraten und Stalinisten erkannt, daß es unmöglich ist, an der Verwaltung des finnischen Kapitalismus teilzunehmen ohne die Erlaubnis sowohl der Sowietbdrokratie als auch Kekkonens. Das hat sie dazu geflihrt, daß
sie sich massiv am Aufbau eines Nimbus um ihn als eines "progressiven" Politikers beteiligt haben, der über den Klassen steht; daß sie Jahr um Jahr seine schiedsrichterliche und tatsächliche Macht gesteigert und wiederholt seine Kandidatur unterstützt haben, So ist Kekkonens Bonapartismus der Brennpunkt, in demdie repressive und die integratio nistische Strategie der finnischen Bourgeoisie zusammenkommen, Ein bezeichnender Ausdruck daftr ist die kommende Präsidentschaftswahl. 1978, in der alle großen politischen Parteien, von den Konservativen bis zur KP- Minderheit Kekkonen ein sechs-jähriges Mandat geben wollen.
REGIERUNGSKRISE UND SOZIALE KÄMPFE
Zwar ist die Stabilität des Präsidenten bemerkenswert, aber die der Regierung in den letzten Jahren dagegen null. Eine Krise nach der andern ist ausgebrochen und die politische Couleur des Kabinetts hat extreme Schwankungen durchgemacht. Auf den Sturz der Volksfrontregierung 1971 folgte vier Jahre lang eine schwache und zerstrittene Koalition aus Sozialdemokraten und bürgerlichen Zentrumsparteien, Diese Koalition brach im Frühjahr 1975 zusam men; es folgte ihr eine kurzlebige "nicht-politische' Regierung. Ende 1975 gab Kekkonen Anweisungen zur Bildung einer neuen Volksfrontregierung, und alle Parteien vom Zentrum bis zur KP stimmten dem zu (wenn auch die KP-Minderheit teilweise in Opposition dazu stand). Diese Koalition spaltete sich bei der Streikwelle im Frühling 1976; sie hielt bis Herbs nur, weil Kekkonen sie nicht gehen lassen wollte. Danach blieben beide Arbeiterparteien in der Opposition und es wurde ein zentrumsbürgerliche Minderheitsregierung gebildet, Im Herbst wurde diese de facto ausgeweitet zu einer bürgerlichen Koalitionsregierung, da die Konservativen sich verpflichtet sie von außen zu unterstützen. Von Anfang an schlug die bürgerliche Regierung eine harte Gangart ein, sowohl in Bezug auf ihre wirtschaftlichen wie auf ihre gesetzlichen Maßnahmen, Sie bereitete sich auch auf die Tarifverhandlungen im Frühjahr 1977 vor und trat geschlossen auf mit den Unternehmern, der Bank von Finnland und den Massenemdien, Der Hauptverantwortliche fir die finnische Einkommenspolitik, Keijo Liinamaa, bereitete einen Vorschlag für ein gemeinsames Abkommen über alle Löhne und Agrarpreise vor. Danach sollten Verträge im Zwei- Jahres-Rhythmus abgeschlossen werden, die Nominallöhne um die Hälfte der Inflationsrate steigen und keine Cleitklauseln vorgesehen sein, Eine massive Propaganda wurde gegen alle "Rebellen" geführt, die sich trauten, Forderungen aufzustellen, die über die Vorschläge Liinamaas hinausgingen, und die Unternehmer setzten gegen die Hartnäckigsten noch viel schärfere Waffen ein. Aber die bürgerliche Regierung war nicht so stark, wie sie vorgab. Der Druck an der Basis zwang die meisten Gewerkschaften, den Plan Liinamaas zu Fall zu bringen. So begann ein neuer heißer Frühling und wiederum mußte sich die Bourgeoisie an Kekkonen und an die Arbeiterführungen um Hilfe wenden.
DER HEISSE FRÜHLING. . • Als der Dachverband der Gewerkschaften (SAK) und die anderen Gewerkschaftsverbände Liínamaas "Lösung" zu Fall gebracht hatten, entschieden sich Unternehmer und Regierung für eine Salamitaktik: sie unterzeichneten Abkommen mit den willfährigster Gewerkschaften und spielten sie so gegeneinander aus. Es ist sehr bezeichnend für. die Politik der SAK-Führer, daß sie zu keinem Zeitpunkt eine Einheitsfront der Gewerkschaften zum Kampf gegen die neuen Tarifverträge überhaupt in Betracht gezogen haben und auch nicht versucht haben, ihre Mitglieder wirklich zu den kommenden Kämpfen zu mobilisieren. So trat ein großer Teil der finnischen Arbeiterklasse gespalten in den Kampf, mit sehr bescheidenen Zielen und unter einer Führung, die nicht wirklich kämpfen wollte, sondern nur wegen der unnachgiebigen Haltung der Unternehmer dazu gezwungen war. Trotzdem waren die Arbeiter in der Lage, zwei Monate lang einen massiven Kampf zu führen, der gegen Ende sich zu einer regelrechten Kraftprobe ausweitete und zeigte, daß Massenarbeits losigkeit und Hetzpropaganda der Arbeiterklasse nicht das Rückgrat gebrochen hatten.
Die Streikbewegung begann Anfang März mit der Arbeitsniederlegung der Gummi- und Lederarbeiter (die einzige Gewerkschaft, die von der KP-Minderheit kontrolliert wird). Bald darauf folgten die Elektrizitätsarbeiter, die Bus- und Lastwagenfahrer, die Angestellten der Reisebüros, die Restaurant-und Hotelangestellten, die Telephonangestellten und viele kleinere Gruppen, Selbst die größte Einzelgewerkschaft, die sozialdemokratisch kontrollierte Metallarbeitergewerkschaft, mußte sich dem Streik anschließen, ließ den Entschluß aber wieder fallen, als die Unternehmer von ihrer unnachgiebigen Haltung etwas abrückten, Aber der härteste und militanteste Streik war der zweimonatige Streik der Technikergewerkschaft. Er begann in den Elektrizitätsbetrieben und weitete sich nach und nach aus, bis auf den gesamten Luft- und Schiffahrtsverkehr und viele Industrien. Schließlich waren 50, 000 Mitglieder dieser Gewerkschaft im Streik, Die Unternehmer gebrauchten extrem provokative Methoden, angefangen vom systematischen Einsatz von Streikbrechern (Mitglieder einer konkurrierenden Gewerkschaft)bis zum Aufhetzen der "öffentlichen Meinung" durch mehrere schmutzige Tricks. Aber der Streik konnte dadurch nicht gebrochen werden. Als sowohl die Techniker wie auch die andern sfreikenden Gewerkschaften Ende April immer noch im Ausstand waren, wurde klar, daß mehr notwendig war als ein Stellungskrieg.
Die 'zweite Front' eröffnete Kekkonen, der sich selbst zum Festival anläßlich des 70. Jahrestags des SAKs einlud und einen demagogischen Angriff gegen die streikenden Arbeiter führte, besonders gegen das Streikrecht im allgemeinen; die Gewerkschaftsführer hörten ruhig dabei zu. Kekkonen ritt seinen Angriff vor allem gegen den vermeintlich privilegierten Status der Streikenden und dagegen, streiken sei "altmodisch"; aber er sprach sich in seiner Rede auch für einige Zugeständnisse aus, die die Gewerkschaftsbürokraten natürlich nicht unbeeindruckt lassen konnten, Erstens forderte er die Verwirklichung der vieldiskutierten "Werkstattdemokratie" (Mitbestimmung) und forderte implizit die Arbeiterparteien auf, wieder in die Regierung einzutreten, um sie einzuführen, Zweitens malte er ein rosiges Bild über die Vielzahl von Arbeitsplätzen, die das geplante Kooperationsprojekt und 3-
die Handelsabkommen mit der Sowjetunion bringen würden ... wenn nur die finnischen Arbeiter mithelfen würden, die Konkurrenzfähigkeit "ihrer" Industrie aufrechtzuerhalten.
Bald danach trat eine Wende im Streikein, Ende April und Anfang Mai unterzeichneten die streikenden Gewerkschaften, auch die der Techniker, Abkommen, die für einige Gruppen von Arbeitern stärkere Lohnsteigerungen vorsahen, als Liinamaas urspünglicher Plan, die meisten aber auf dem niedrigen Niveau beließ und die Verfallszeit des Vertrags auf zwei Jahre festlegte, ohne Gleitklauseln aufzunehmen. So endete der Kampf in einer Art Sackgasse. Die meisten Streikenden bekamen ihreForderungen nicht erfüllt, aber andererseits konnten auch die Unternehmer ihre unnachgiebige Haltung nicht ganz durchziehen und die streikenden Gewerkschaften nicht endgültig in die Niederlage zwingen, In dieser verfahrenen Situation ging Kekkonen zum nächsten Schritt über, Er zwang die bürgerliche Regierung zum Rücktritt, übte Druck aufs Zentrum aus, daß es einen Kompromiß mit der Sozialdemokratie suche, und lud die Arbeiterparteien ein, in die Regierung einzutreten, Überraschend fir fast jedermann sagten nicht nur die Sozialdemokraten, sondern auch die KP-Mehrheit ohne weitere Vorbedingung zu. .. UND SEIN KÜHLES ENDE
In dieser Volksfrontregierung haben die Bürgerlicher eine kleine Mehrheit, aber der Premierminister und andere zentrale Wirtschaftsministerposten werden von der Sozialdemokratie gestellt, während die KP nur drei unbedeutende Sitze hat, Das Programm der Regierung besteht aus äußerst vagen Phrasen und ist mehr oder weniger ein Abklatsch des Programms der kurzlebigen Volksfrontregierung von 1975-76, Natürlich taucht die Veränderung des sozialen Systems darin nicht auf, aber abgesehen davon fehlt auch völlig die Perspektive einiger bedeutender Reformen. Die einzige Ausnahme sind vage Versprechungen über die "Werkstatt-Demokratie" und einige unwesentliche Änderungen in der Verfassung, die - wie Premierminister Sorsa sagte - ins Programm aufgenommen werden können, weil sie nichts kosten.
Aber was für eine Lösung kann eine solche Regierung der Krise des finnischen Kapitalismus bieten? Wird sie länger oder weniger lang dauern als ihre Vorgängerinnen? Was die "Lösung" betrifft, so ist keine grundsätzlich neue Linie eingschlagen worden. Die Regierung kann nur ihren grundsätzlich anti-reformerischen und repressiven Kurs als Agentin der finnischen Bourgeoisie fortsetzen, denn das System bietet heute keine Alternative. Das bedeutet nicht, daß die neue Regierung nur ein Abziehbild der früheren Regierungen sein wird, ohne irgendwelche Änderungen, Einige neue Tendenzen zeichnen sich ab. Die eine ist, daß die vorübergehende Verbesserung der Zahlungsbilanz , der ungleicheaber reale Konjunkturaufschwung und die zweijährigenTarifverträge eine leichte Lockerung der Geldpolitik und das Auftreiben neuer internationaler Kredite möglich gemacht haben, Damit will die Regierung wahrscheinlich Schwierigkeiten bei der Finanzierung einiger "unterprivilegierter" Sektoren der Industrie Aberwinden und deren Verstimmung begegnen, aber mit Sicherheit wird dies nicht die Aufgabe der "Friedmanschen" Politik und die Rückkehr zu einer "neo-keynesianischen" Wirtschaftspolitik bedeuten, da die Zahlungsbilanz noch äußerst unstabil ist und die Inflation und die Förderung "wirklich konkurrenzfähiger" Industrien die zentralen Fragen in dieser Situation sind.
Der zweite neue Trend ist die große Offensive gegenüber den Ostmärkten, Von Beginn der großen Rezession an gab es bei großen Teilen der finnischen Bourgeoisie einen wachsenden Trend zur Kompensierung ihrer verlorenen Positionen im Westen durch ein bedeutendes Eindringen auf dem Markt der Sowjetunion, Dieser Trend trat vor allem bei der Metallund der Bauindustrie hervor. Diese Hoffnungen wurden zum Teil Wirklichkeit, als Mitte Mai Kekkonen einen offiziellen Besuch in Moskau abstattete und ein Handels- und Industrieabkommen für die nächsten 15 Jahre mit den sowjetischen Führern unterzeichnete. Das Abkommen sieht einige bedeutende Baupro. jekte und Abnahmen, von Exportgütern der finnischen Industrie vor. Aber auch diese Erfolge sind der finnischen Bourgeoisie nicht sicher, wenn sie nicht in der Lage ist, "zu Hause reinen Tisch" zu machen, indem sie die Inflationsrate senkt und ihre Strukturen rationalisiert.
So wird die gegenwärtige Regierung keine grundsätzliche Wende in der Strategie der Bourgeoisie einleiten, Wenn sie lange genug am Ruder bleiben kann, kann sie höchstens eine gewisse Erholungspause im Klassenkampf bringen, die die Bourgeoisie nach dem sozialen Patt im Frühjahr 1977 und dem Scheitern der "harten" bürgerlichen Regierung 1976-77 dringend nötig hat. Hinter diesem Schild kann sie viel effektiver Vorbereitungen treffen für kommende und entscheidendere Kämpfe, spätestens im Frühjahr 1979, wenn die nächste Runde der Tarifverhandlungen beginnt, wahrscheinlich mitten in einer wirtschaftlichen Rezession, Inzwischen werden die Minister der Arbeiterparteien als Marionetten in der Regierung handeln, die objektiv und/oder subjektiv der Bourgeoisie bei ihren Vorbereitungen helfen und die Arbeiter ökonomisch, politisch und ideologisch entwaffnen.
EINIGE PERSPEKTIVEN
Für die Sozialdemokratie ist diese Rolle nicht neu, aber die KPhaußerhalb von Finnland können an der jetzigen Regierung viel lernen darüber, was der "historische Kompromiß" von ihnen verlangen wird. Dies ist das vierte Mal seit dem II. Weltkrieg, und das dritte Mal seit Mitte der 60er Jahre, daß die KP in die Regierung eingetreten ist, Neu daran ist diesmal, daß sie keinerlei Bedingungen für ihre Teilnahme gestellt hat, nicht einmal daran gedacht hat. Im Gegenteil, als die Regierung vereidigt wurde, versprach der Generalsekretär der KP "völlige Loyalität und eine durch und durch konstruktive Haltun!! Die alten Forderungen nach einei' Änderung der Wirtschaftspolitik" wurdenstill und leise fallen gelassen und der Generalsekretär sprach seine tiefe Befriedigung darber aus, daß die Regierung "ernsthaft sich daran machen will, die Arbeitslosigkeit zu senken" , indem sie die staatlichen Subventionen an die Industrie erhöht und die Körperschaftssteuern herab- 4-
setzt. Diese bedingungslose Kapitulation der KP war verdammt, aber sie hat es deutlich vermieden, die eine große Überraschung für ihre jetzigen Partner KP-Mehrheit explizit zu verurteilen und auch nicht, und auch noch für viele andere, da sie nicht nur wie sonst, mit einer neuen Eskalation des Fraktionsgegen alle marxistischen Prinzipien verstieß (denen kampfs gedroht. Es ist daher wahrscheinlich, daß sie schon vor Jahren den Rücken gekehrt hat), auf die Minderheit Druck ausgeübt worden ist, daß dern auch die elementarsten, "vernünftigsten" re- sie vorsichtige Halbstille wahrt. Sie wird außerhalb formistischen und elektoralistischen Kalkülle in der der Regierung bleiben und als halbherzige Opposition gegenwärtigen Situation verletzte. agieren. Dies wird die Partei zugleich gegenüber den kämpferischsten Arbeitern entlasten und helfen, So gibt es nur eine logische Erklärung für das Ver- ihnen Sand in die Augen zu streuen, indem der halten der KP : ihre Wende muß direkt oder indirekt Kekkonen-Kult verstärkt und so das System, das er ergebnis des Drucks ihrer sowjetischen "Bruderpar- vertritt, verklärt wird. gewesen sein, wahrscheinlich um die Stabilitat
Finnlands zu wahren, Kekkonens Autorität auch und um den reibungslosen Ablauf der neuen Wirtschafts- (1) Eine Minderheit in der KP formierte sich nach projekte nicht zu stören. Hinzu kommt, daß auch den Erklärungen der Parteimehrheit aber die Invadie KP-Minderheit eine sehr ungewöhnliche Haltung sion in die Tschechoslowakei 1968 de facto zu einer eingenommen hat. Diese Minderheit hat in der Ver- Fraktion, Einen formalen Bruch hat es jedoch nie gangenheit immer eine fanatische pro-Kreml-Hal- gegeben, es gibt noch ein gemeinsames Zentralkomi. tung mit einem gewissen "militanten" Ökonomismus tee, doch jede Fraktion hat ihre separate Leitung. und einer "linken" Kritik an der Regierungsbeteili- Sie stellen zu Parlaments- und Gewerkschaftswahgung der KP- Mehrheit an früheren Regierungen ge- len gemeinsame Listen auf, aber in der Tagesarbeit paart; diesmal war ihre Reaktion ungewöhnlich weich arbeiten sie in getrennten Fraktionen, Die Minder- Sie stellt keine Minister in dieser Regierung und heit hat in der gemeinsamen Jugendorganisation die hat auch routinemäßig deren "bürgerliche Linie"
20. Mai 1977 Polen