"Die Staatsmacht und die Gesellschaft müssen sich auf einer realistischen Basis aufeinander zubewegen, Von seiten der Staatsmacht erfordert dies die Ausräu mung der Hinderni sse auf dem Weg der Wiederversöhnung mit der Nation und eine überlegte Demokratisierung, die einen authentischen Dialog und das Einvernehmen mit allen Schichten der Cesellschaft erlaubt. Von seiten der Gesellschaft erfordert es Maßigung bei ihren Forderungen und Sinn für Verantwortung, die sich in der Hinnahme der Grundrealitäten des Systems ausdrücken müssen. Ich möchte, daß ich gut verstanden werde: wenn es um ideologische Entscheidungen geht, befürworte ich den politischen Pluralismus. Doch glaube ich, daf in der gegenwärtigen Situation unseres Landes diese Ideale keine Chance haben, Wirklichkeit zu werden, und daß der Versuch, sie zu verwirklichen, die Krise nur verschärfen und die Suche nach einer Lösung erschweren würde. Die übergeordneten Werte des Bestands der Nation erfordern gegenwärtig, daß maximalistische Postulate den Erfordernissen des politischen Realismus untergeordnet werden, Kein Postulat ist heute nur Akt eines ideologischen Ausdrucks und der Überzeugung, sondern vor allem ein Akt der politischen Praxis, der aus der gegenwärtigen Situation folgt. Aus diesem Grund geht es wie ein roter Faden durch diesen Brief durch, daß er sich sowohl in seinem kritischen wie in seinem vorausschauenden Teil auf die gegenwärtige Gesellschaft, und nicht gegen sie stellt. Das ist eine Perspektive des Realismus und nicht der Ideologie. Es geht darum Lösungen zu finden, die einen Ausweg aus der Krise und eine Überwindung der Widersprüche, die sie hervorgerufen haben, ermöglichen; es geht darum, den Mechanismus des Dialogs und der sozialen Integration dauerhaft in unser öffentliches Leben einzuführen, und zwar so, daß die Führungsrolle der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei und der Einparteiencharakter des Systems nicht in Frage gestellt werden, "
- 2 faltung einer mächtigen Solidaritätsbewegung im Westen können diesen politischen Preis für eine Invasion der UdSSR ins Unermeßliche treiben, Eine Oppositionsbewegung, die gleichzeitig in mehreren Ländern Osteuropas anschwillt, kann eine sowjetische Intervention äußerst erschweren, Die Gefahr, daß eine Intervention in einem Land sofort eine explosive Situation in einem oder mehreren Nachbarländern beraufbeschwört, wird der sowjetischen Barokratie sicher zu denken geben : daher die entschei dende Bedeutung einer Koordination zwischen den Oppositionsbewegungen in den verschiedenen Ländern Osteuropas.
Schließlich rollen auch die gefürchteten sowjetischen Panzer nicht von allein, Vielen polnischen Oppositionellen fallt es nicht leicht, ihre stark nationalistisch gefärbten Positionen zu revidieren und ihren Kampf gegen die bürokratischen Machthaber des Kreml auszuweiten, um die Unterstützung der Bürger der UdSSR zu suchen, Aber ist es wirklich undenkbar, daß eines Tages auch der sowjetische Soldat begreift, daß er in Warschau nichts zu tun hat, aber sehr viel in Moskau?
20. Mai 1977