Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Frauenbewegung

Mobilisierungen zum 8. März

Inprekorr Nr. 78, 15. April 1977 · S. 17-19 · 1.714 Wörter

Frauen Italien Frankreich Großbritannien

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Am 8. März kam es in verschiedenen Ländern zu wegen Abtreibung, Ehebruch oder Prostitution ge- Demonstrationen, Veranstaltungen und Besetzungen fangen sind. Am Nachmittag desselben Tages folgten über die Frage der Abtreibung und der Arbeitsbedin- Diskussionsveranstaltungen über die Lebens- und gungen für Frauen. Diese Fragen stehen überall auf Arbeitsbedingungen der Frauen. Am 8. März demonder Tagesordnung, aber es sind nicht die einzigen. strierten 1. 000 Menschen vor dem Frauengefängnis; Was an diesen Mobilisierungen auffällt ist die Ent- die Polizei griff die Demonstranten an und verhafteschlossenheit der internationalen Frauenbewegung. te 3 Menschen. In Bilbao gab es am 8. März eine um diese beiden zentralen Fragen herum alle Aspekte der alltäglichen Unterdrückung der Frau im Be- Veranstaltung der Frauenversammlung des Stadtteils ruf und in der Familie aufzuwerfen. Sicher hat man Santucho. Die streikenden Arbeiterinnen der Galeriar an mehr als einem Ort tiefe Spaltungen in der Bewe- Preciados und des Unternehmens Artiach, eine gung beobachten können. Vor allem in Großbritan- Haushälterin, eine Hausfrau und eine gerade aus nien und in Italien standen die Vertreterinnen der dem Gefängnis entlassene Frau haben hier vor 1000 Priorität des Geschlechterkampfs denen gegenüber, Leuten gesprochen. Danach hat die Veranstaltung die diesem Kampftag einen Klassencharakter geben einen Demonstrationszug gebildet, dem sich noch wollten und zeigen wollten, daß die Unterdrückung zahlreiche weitere Menschen angeschlossen haben. der Frauen im Kapitalismus direkt mit der der ge- Auch sie wurden von der Polizei angegriffen. In Masamten Arbeiterklasse zusammenhängt. Überall laga fand eine Veranstaltung über die Scheidung wo es ging haben die Reformisten versucht, die Mo- statt. In Madrid hat die gesamte Linke zu Versammbilisierung zu kanalisieren, ihre Form und ihre In- lungen in den Betrieben aufgerufen, deren Thema halte zu kontrollieren. Aber die Fragen, die die die Solidarität mit den Arbeiterinnen von Induyco Frauenbewegung in allen Ländern aufgeworfen hat, sein sollte. Die Arbeiterkommissionen unterstützten die Forderungen, die die Frauen hinausgeschrien, den Aufruf für die Veranstaltung der "Plattform der skandiert, auf ihre Transparente gemalt haben sind Frauengruppen von Madrid", deren Hauptparole war: ebenso explosiv für eine klassenversöhnlerische Poli "Nicht eine Frau im Gefängnis, nicht eine Frau ohne tik der traditionellen Arbeiterorganisationen wie für das kapitalistische System selbst.

GROBBRITANNIEN

SPANIEN

Auf Initiative der Frauenbefreiungsbewegung hat es In ganz Spanien haben am 8. März Versammlungen in den meisten britischen Städten am 5. und am 12. und Demonstrationen stattgefunden. In Vigo gab es März auf örtlicher Ebene Versammlungen und eine Versammlung mit 1000 Leuten, vor allem Ar- Aktionstage gegeben. In London hat die Nationalverbeiterinnen, gegen die sexistischen Angriffe in den sammlung der Frauen (KP-orientiert) mit Unter- Betrieben. In Valencia fand eine Versammlung mit stützung des Londoner TUC, der National Abortion 2. 000 Leuten statt, vor allem Arbeitern und Arbei- Campaign, der Working Womens Charter Campaign terinnen aus dem Gesundheitswesen, den Banken und und eines Teils der Frauenbefreiungsbewegung zu der Textilindustrie, und eine verbotene Demonstra- einer Demonstration aufgerufen, deren zentrales tion für gleichen Lohn, freie Verhütungsmittel und Thema die Frauenkämpfe waren, die in letzter Zeit freie Abtreibung und für die Amnestie; an der Demon in Großbritannien und im Ausland stattgefunden hastration beteiligten sich trotz des Verbots 1.000 Leu- ben. Zur Zeit besetzen die Frauen im Fernmeldebetrieb Plessey in Liverpool gerade den Betrieb und te. In Barcelona fand am Sonntag, dem 6. März, ein werden von den Arbeitern zahlreicher anderer Be- Tribunal für die Amnestie aller Frauen statt, die triebe in dieser Region unterstützt. Parallel dazu

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hat es am 12. März ein Festival nur für Frauen gegeben, das von einem andern Teil der Londoner Frauenbefreiungsbewegungorganisiert worden ist. BELGIEN 7. 000 Menschen haben sich am 5. März an einer Demonstration für die Straffreiheit der Abtreibung beteiligt. Dazu haben in Brüssel 28 lokale Komitees einen zentralen Aufruf herausgegeben, der von der SP, der KP, verschiedenen Gewerkschaftsverbänden, der maoistischen Organisation AMADA und der LRT unterstützt wurde.

SCHWEIZ

Etwa 1500 Personen sind zu einem Fest der MLF in Lausanne gekommen; sie haben sich an Diskussionskreisen zu verschiedenen Fragen über die Unterdrückung der Frau beteiligt. Die nationale Demonstration der Frauenbewegungen fand am 12. März in Basel statt; ihr Ziel war die Besetzung eines Hauses, aus dem ein Frauenzentrum gemacht werden sollte. Eine Woche später wurden die Frauen von der Polizei wieder aus dem Haus vertrieben, aber im Anschluß danach hat sich sofort ein Unterstützungskomi tee gebildet.

ITALIEN

ImRahmen der Streikbewegung an den Universitäten haben die Studentinnen Massendemonstrationen in Rom, Turin und Mailand organisiert, um ihren besonderen Problemen als Studentinnen Ausdruck zu verleihen. In den Frauenbetrieben in Norditalien hat es zahlreiche Versammlungen gegeben; zum ersten Mal ist das Problem der Arbeitslosigkeit in zentralisierter Form angegangen worden. In Mailand und in Rom haben die Frauengruppen der UDI zu gesonderten Demonstrationen aufgerufen, deren Hauptthema die Abtreibung und die Beschäftigungslage der Frauen sein sollte. In Rom hat die CRAC, (Koordination der Abtreibungsgruppen in Rom), die in dieser Frage gespalten war, zu beiden Demonstrationen aufgerufen. Am 12. März fand in Turin eine Demonstration statt, deren Ziel die Besetzung des EntbindungsheimsSt. Anna war: Damit sollte das Problem der Abtreibung und die Notwendigkeit der Einrichtung von Beratungsstellen, für die die Frauen seit einem Jahr kämpfen vor eine breite Öffentlichkeit getragen werden. Dies Ziel hat gegenwärtig eine besondere Bedeutung, denn die Beratungsstellen, die es heute gibt, müssen wahrscheinlich schließen, wenn sie keine Kredite mehr bekommen, und die Christdemokratie versucht, den Kampf der Frauen umzubiegen indem sie erklärt, sie unterstütze es, daß die Frauen, die bei einer Kommission vorsprechen müssen, um abtreiben zu können, Beratungsstellen aufsuchen (d. h. solche Beratungsstellen, die von den Christdemokraten und der Kirche errichtet, finanziert und kontrolliert werden, denn die andern sind ja wegen Geldmangel eingegangen).

FRANKREICH 3. 000 Menschen sind am 5. März in Paris dem Aufruf der Frauenbewegung zu einer Demonstration für die Abtreibung gefolgt. Zuvor sind in mehreren Stadtteilkrankenhäusern Aktionen organisiert worden und einige Tage vorher hatten sich schon 1. 500 Menschen versammelt, um gegen die drohende Schlie- Bung der Klinik "des Lilas" zu protestieren, wo die natürliche Entbindung praktiziert wird. Am 9. März haben mehrere tausend Menschen in Aix, im Süden Frankreichs, demonstriert, um so ihre Solidarität mit den sechs Frauen, die wegen illegaler Abtreibung angeklagt sind, zum Ausdruck zu bringen. In den meisten Städten des Landes hat es Demonstrationen gegen das Gesetz Veil über die Abtreibung, aber auch gegen die Arbeitslosigkeit, für Kinderkrippen, Recht auf Arbeit und auf einen existenzsichernden Lohn gegeben.

Wegen der Probleme, die sie aufgeworfen haben, haben all diese Mobilisierungen die Bedeutung und die Aktualität des Internationalen Frauenkongresses gezeigt, der am 28. / 29. /30. Mai in Paris stattfinden soll. Auf Initiative französischer Gruppen ist ein erster Appell für einen solchen Kongreß im Dezember 1975 herausgekommen. Doch es hat einige Zeit gebraucht, bis diese Initiative konkrete Gestalt angenommen hat, da einige Zeit notwendig war, um auf internationaler Ebene zwischen den Frauen, zwischen Gruppen, deren Geschichte und Erfahrung verschieden ist und die zudem nicht dieselbe Sprache spre chen, einen Dialog zustandezubringen. Von Frühjahr 1976 ab zeichneten sich zwei herausragende Themen ab: die Abtreibung und die Lage der Frauen am Arbeitsplatz. In dem vierseitigen Flugblatt, das am 8. März in zahlreichen europäischen Ländern verteilt worden ist, erklären die Gruppen, die bis jetzt den Appell zu dem Internationalen Kongreß unterzeichnet haben (und das sind erst die Erstunterzeichner) : "Es ist deutlich geworden, daß die Frauenbewegung und die Frauenkämpfe nicht losge löst von der politischen Situation des jeweiligen Landes betrachtet werden können.

In den Ländern, wo relativer "sozialer Friede" herrscht (wie in Schweden, Luxemburg, der Schweiz und Finnland) und wo es sehr wenig harte Arbeiterkämpfe gibt, drängt sich auf den ersten Blick nicht die Notwendigkeit auf, über die Verbindung der Frauenbewegung mit der Arbeiterbewegung zu diskutieren. Dagegen gibt es in Ländern wie Spanien, Portugal und Italien , wo die wirtschaftliche, soziale und politische Krise sehr heftig und die Kampfkraft der Arbeiterklasse sehr stark ist, Kampfbewegungen, die zu allen Fragen der besonderen Ausbeutung und Unterdrückung der Frau, von der Arbeitslosigkeit bis zur Vergewaltigung, sofort Tausende von Arbeiterinnen, Hausfrauen und Studentinnen mobilisieren.

In den ersten Jahren ihres Bestehens stand die Frauenbewegung überall mehr oder weniger am Rand der traditionellen Arbeiterorganisationen: der Parteien, Gewerkschaften, usw. In den letzten Jahren ist das neue Phänomen aufgetaucht, daß in Ländern wie Großbritannien, Spanien, Italien Frauen aus den Kommunistischen und Sozialistischen Parteien und aus den Gewerkschaften Seite an Seite mit den Feministinnen in gemeinsamen Kampagnen, Gruppen und Koordinationen gekämpft haben. In Frankreich haben sich rasch verschiedene Tendenzen in der Bewegung herausgebildet, ein Spiegelbild auch der Polarisie-

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rung des politischen Lebens. In Ländern wie die Zu den Erstunterzelchnern des Appelle gehören un- BRD und die Schweiz hat die Tatsache, daß die ter anderem in Italien die interkategorielle Kommis- Frauenkämpfe nicht von der Arbeiterbewegung aufge- sion der werktätigen Frauen von Turin, in Spanien griffen werden, zu einem Rückzug der Frauengrup- die Frauengruppe der Arbeiterkommissionen von pen auf sich selbst und dessen Theoretisierung in Barcelona und die Koordination der Stadtteilgruppen der Priorität des Geschlechterkampfs gefthrt. von Madrid. Des weiteren haben Organisationen aus der Schweiz, Großbritannien, Westdeutschland, In Ländern wie Großbritannien und Italien dagegen Osterreich und Frankreich unterzeichnet. wo die Frauenkämpfe in den Betrieben und Stadttei Überall wo sie können haben die Sektionen der IV. Inlen immer ehr Frauen mobilisieren, ist die Bewe- ternationale aktiven Anteil an dieser Initiative, da gung einheitlicher und Feministinnen aller Tendenzen sie in ihr ein entscheidendes Element für die Weiterfinden sich in gemeinsamen Aktionen zusammen. entwicklung der fortgeschrittensten Teile der Frauenbewegung in den verschiedenen Lindern Euro- Der Internationale Kongreß soll verschiedener. le Frauen, die verstanden haben, daß Zwecken dienen: der Kampf der Frauen für ihre Befreiung trennlich mit dem Kampf der gesamten Arbeiterbewegung verbunden ist le Frauen, die durch ihre sammelt worden sind; Teilnahme an diesem Kongreß zeigen, welche Bedeu- 2) der Erörterung besserer Kampfmittel, um diese tung sie einer internationalen Dimension ihres Kam- Kämpfe vorn zutreiben und die gesamte Arbeiter- ie Frauen schließlich, die durch klasse zu der Teilnahme an ihnen zu bewegen; ihre Losungen und Initiativen nicht bei reformistischen Vorstellungen stehen bleiben, sondern die den Frauengruppen, damit der so begonnene Re- Aktualität der sozialistischen Revolution betonen. flexionsprozeß fortgesetzt und internationale Kämpfe und Solidaritätskampagnen organisiert werden können.

interview SRI LANKA balatampoe