Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Spanien

Die Massenbewegung in den Stadtvierteln

Inprekorr Nr. 60, 4. Juni 1976 · S. 20-22 · 1.326 Wörter

Spanischer Staat

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Im folgenden veröffentlichen wir einen Beitrag, der LCR-ETA VI über die Bewegung in den Großstadtvierteln (die Mietervereine, Stadtteilkomitees, etc.). Sie ist charakteristisch für die Mobilisierung der Volksmassen in Spanien.

Die Besonderheiten des kapitalistischen Industria- qualität in den Arbeitervierteln die Folge der lisierungsprozesses unter der Franco-Diktatur und Anarchie des Industrialisierungsprozesses und der beson ders seit der Krise der "Autarkie"-Politik massenhaften Abwanderung der ländlichen Bevölhaben in den 60er und 70er Jahren zu einer wachsen- kerung in die Stadtgebiete. Das drückte sich vor den Konzentration der werktätigen Bevölkerung allem im Mangel an minimalen sozialen Einrichin den Vororten der wichtigsten städtischen Zen- tungen und an einem Mindestmaß an Infrastruktren geführt (in Madrid, Barcelona und Biscaya tur (Elektrizität, Gas, Wasser). leben 26% der Gesamtbevölkerung). Die Folge mittelbaren Nähe von Wohngebieten bei "ungewar ein Chaos, dessen Ursachen in den Formen sunden" oder gar "gesundheitsschädlichen" Indudieses Industrialisierungsprozesses und in der Suche strie ansiedlungen aus (stark umweltverschmutzende nach dem kapitalistischen Höchstprofit, sowie in Industrie, Kerkraftwerke, usw.). Drittens steigt der sog. "Raumplanung" zu suchen sind. das Niveau der Anforderungen und Bedürfnisse daß einerseits die Entfaltung der Produktion der arbeitenden Bevölkerung ständig an (Wohnung, und der Arbeitsteilung neue Bedürfnisse für die Kultur- und Sportzentren). Die Kom- Reproduktion der Ware Arbeitskraft geschaffen nisse der Kaperalakkumulation geschaffen haben andererseits sie aber auch neue Bedürf- züglich der Städte- und Gebiets"planung" was zu einer intensiven Nutzung der Städte durch In der Tat sucht der Kapitalismus die Kosten für die Bourgeoisie geführt hat. die Reproduktion der Arbeitskraft so niedrig wie möglich und die ideologische Kontrolle über die Unter der frankistischen Diktatur, die eng mit Bevölkerung in seinen Händen zu halten. Der Andem spekulativen Immobilienkapital verbunden tagonismus zwischen diesen Interessen und der íst der Widerspruch zwischen den neuen Befriedigung der gesteigerten Bedürfnisse der Ar- Bedürfnissen der Arbeiterbevölkerung (Hygiene, licher hemeinen Krise des Kapitalismus noch deut- beiterbe völkerung tritt im Zusammenhang mit wurde (Bodenspekulation. nen in den profitträchtigsten Sektoren, Erziehung das von der Diktatur geschützt Die oben genannten Faktoren sind in einer beles Individualverkehrs vor dem Öffentlichen Ver stimmten politischen Situation zutage getreten: kehr), in den letzten Jahren offen ausgebro- Krise der Diktatur. Aufschwung der Arbeiterbewe- Dieser Widerspruch war begleitet von gung und Radikalisierung verschiedener Bevölkebedeutenden Spannungen innerhalb der verschie- rungsschichten (Jugend, Arbeitslose, Frauen, naauf Grund der Außerung tionalistische Strömungen, verschiedene kultubesonderer Interessen und der Bevorzugung einer relle Aktivitäten, usw.). Die Massenbewe- Fraktion durch die Diktatur. die sich jetzt in den Stadtvierteln entfaltet, sowie die sich bildenden legalen, Drei Faktoren haben dazu beigetragen, daß die toren. Diese Bewegungen treten heute besonderen Probleme der Stadtviertel erstrangige in eine unmittelbar politische Phase. Bedeutung erlangten: erstens standen die Charakteristisch fur sie ist ihre unterstützende ordnungspläne (Autobahnen, Immobilienbau) Funktion gegenüber den Kämpfen der Arbeiter im Dienst privater Interessen und zerstörten deanz und anderer Sektoren (so die Lehrer z.B.), die Umwelt, kulturelle und historische Güter. Zwei- massive Inangriffnahme von Kämpfen gegen die tens war die ständige Verschlechterung der Lebens- Repression und vor allem die zunehmende Denun-

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ziation der Gemeinderäte als Institutionen, die von der Diktatur und den Kapitalisten kontrolliert werden. Man muß hinzufügen, daß die Diktatur bisher minimale wirtschaftliche"Zugeständnisse" gemacht hat, um die dringlichsten Bedürfnisse nach sozialen Einrichtungen wenigstens teilweise zu befriedigen, was den ganzen Emst der wirtschaftlichen und sozialen Krise des spanischen Kapitalismus aufdeckt.

Von der Mobilisierung von Eradio gegen die Umweltverschmutzung 1969 bis zur Politisierung der Mietervereinigungen heute (Asociaciones de Vecinos, besonders in Madrid und Barcelona) haben breite Schichten der Massen einen großen Sprung nach vom gemacht. Es hat in der Tat große Mobilisierungen gegeben. Mobilisierungen tür ausreichende und billige Wohnungen (wie die, die in -chabolas- oder dort stattgefunden haben, wo der Wohnungsbau vom staatlichen Wohnungsamt abhängt): für ein angemessenes Verkehrsnetz (was besonders Gebiete wie Santa Coloma in Barcelona betrifft): Orense); gegen die Teuerung (Solidarität zwischen Hausfrauen und Händlern in Madrid gegen den großen Zwischenhandel; Verbindung mit Forderungen der Arbeiterklasse, wie sich in der Parole ausdrückt: "Runter mit den Preisen, rauf mit den Löhnen!"): für Kindertagesstätten und Schulen in ausreichender Zahl und zur kosten losen Nutzung (das beste Beispiel datur ist, dal die Lehrer in ihren Kämpfen diese Forderung aufgegriffen haben); für medizinische Zentren und für kostenlose, vorbeugende ärztliche Versorgung (die Vorfalle und Skandale um die Sozialversicherung haben massive Protestreaktionen hervorgerufen); gegen den Organen der Klassenzusammenarbeit, oftene Debatten über verschiedene alternative Vorschläge verschiedener politischer Strömungen) und Versuchen, i mokratische" Gemeinderäte).

nachdem ob es sich um ein Viertes der Mette ie nachdem ob es sich um ein Viertel der schichten", ein Arbeiterviertel oder ein "Ran dgebiet" (von Lumpenproletariat bevölkert) handelt; ob es sich um ein reines Wohnviertel oder einen stadttell handelt, der direkt mit den umliegenden Fabriken in Verbindung steht. Ihre allgemeinen Züge sind folgende: - In den kämpferischsten Gebieten gibt es verschiedene Strukturen: die, die direkt die Bewevereine und verschiedene. sonst und die dee Kommissionen, Jugendclubs, usw.) und die, den radikalisiertesten Teil der Avantgarde umfassen (Stadtteilkommissionen der "extremen Linken").

- Doch im allgemeinen, abgesehen von Zeiten des Kamples und von den Gebieten, wo der Einfluß und die Kontrolle der Reformisten schwach ist, stellen die Mietervereine die wichtigste organisatorische Struktur der Bewegung dar und innerhalb ihrer Kommissionen bilden sich die "klassenkämpferischen " Strömungen heraus.

: In der gegenwärtigen politischen Situation er- 'demokratischen Versammlungen" oder ich bee en die Mieterie, Ubergewich Almüber die lokalen Koordinationsorgane zu bekom- "demokratischen Versammlungen"

einrichtungen (Elektrizität, Wasser, an elementaren Infrastruktur- Verkehrsampeln): für Grünflächen; gegen die Gebietspläne, die die Interessen der Spekulanten begünstigen, Kulturgut zerstören, Zonen, die für die öffentliche Nutzung gedacht sind, beseitigen die Luft verschmutzen und die Landschaft zersiedeln (so soll jetzt eine "Mittelmeer" autobahn entlang der Küste in der Nähe des Naturschutzgebiets Donana de Huelva gebaut werden).

All diese Kämpfe verflechten sich mit denen der Jugendlichen (für die Errichtung, von staatlichen Kultur- und Sportzentren, für eine polyvalente und permanente Berufsbildung, gegen die Arbeitslosígkeit); der Frauen (für die Schaffung ausreichender sozialer Einrichtungen und von Zenren der Sexualinformation und -erziehung. fur freie und kostenlose Abtreibung): der Arbeitslosen (ausreichende Arbeitslosenversicherung, leitende Arbeitszeitskala, Pläne für öffentlich arbeiten): der Rentner (gegen erbärmliche Pensionen und für die Schaffung guter Altersheime). Diese Kämpfe sind auch verbunden mit denen, die sich direkt gegen die Repression boration sind. Die reichen von rein bürokratischen Organisationstormen bis hin zu "Massen "diskussionskreisen, die von zentristischen Gruppen geführt werden, welche versuchen, sie zu Stützpunkten für ihre Taktik der "Überbordung" des Réformismus zu machen. - In den weniger fortschrittlichen Stadtvierteln, in denen die Massenaktivitäten noch nicht dies Ausmaß erreicht haben, gibt es noch eine Spaltung zwischen den Reformisten (die das Terrain vorzubereiten suchen für die Errichtung legaler Organe) und den Revolutionären, die im allgemeinen auf sektiererische Weise die Stadttel kommissionen zu Altemativen zu den legalen Organen aufbauen.

- In den Städten, wo die Bewegung noch ruckständiger ist, oder dort, wo die extreme Linke stark ist, ist die Lage unterschiedlich und die Stadtteiikommissionen können hier eine bedeutendere Rolle spielen, unter der Bedingung jedoch, daß sie legale Möglichkeiten nicht ausschlagen. - Zudem gibt es neben sektorenspezifischen Orwas eine relativ autonome Dynamik der Entwicklung und Radikalisierung erlaubt.

Minderheiten (für das Selbstbestimmungsrecht und den Autonomiestatus, für die Verbreiung der nationalen oder "regionalen" Sprache unc Kultur). Dazu gehören auch die Kämpfe der Lehrer. Techniker und anderer sich proletarisierender Mittelschichten (die mit ihren Fachkenntnissen zur Denunziation der offiziellen "Städtebaupolitik" beitragen). All diese Mobilisierungen fließen mit unmittelbar politischen Aktivitäten zusammen (so die Errichtung von "Basisorganen" gegenüber Welche Form sie auch immer annehmen , die Verschiedenheit der bestehenden Organe drückt die wachsende Koordination der verschiedenen Sektoren in jedem Stadtteil und das Bewußtsein über die Notwendigkeit aus, diesen Rahmen zu sprengen, d.h. einen andern Rahmen zu finden, der eíne "stadtweite" Zentralisierung (vertikal und horizontal) ermöglicht und ihn zu einem Bindeglied zur Arbeiterklasse macht.

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