Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Kurznachrichten aus der IV. Internationale

Inprekorr Nr. 6, 15. August 1971 · S. 21-13 · 1.100 Wörter

IV. Internationale Jugend und Studenten Brasilien

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Deutsche Sektion der IV. Internationale

Bestellungen an: ISP-Verlag, 2 Hamburg-50, Julius-Leber-Str. 32 ===== S. 12 | Inprekorr_19710815_006_012.jpg ===== Sonderbeilage zu Inprekorr Nr. 6 / 15. 8.71 Unser brasilianischer Genosse

LUIS EDUARDO MERLINO brutal ermordet!

Die Militärdiktatur, die die kapitalistische Ausbeutung und die imperialistische Herrschaft in Brasilien sichert, hat ein neues Verbrechen begangen: den Mord an LUTZ EDUARDO MERLINO, den Genossen "NICOLAU", Journalist, Revolutionär und Genosse der IV. Internationale. Dieses. Verbrechen muß auf die lange Liste der Morde und Foltertaten, die die Diktatur allen, die ihre Stimme sur Verteidigung des Volkes erheben, zugedacht hat.

ten der 'Operation Bandeirantes' (OBAN: auf die Jagd von Genossen spezialisiert) verhaftet. Am 21. wurde seiner Familie seine Leiche übergeben. Er war brutal trotz bestialischer Foltermethoden, die man wur mit denen der Nazis vergleichen k-nn.

Luiz Eduardo Merlino war 23 Jahre alt. Er wurde am 18. Oktober 1947 in Santos (Provinz Sao Paulo) geboren. Vor dem Militärputsch von 1964 hatte er in Santos an den Aktivitäten Volkszentrums für Kultur' teilgenommen, das von der Nationalen Studentenunion' organisiert wurde, einem der Kanäle, über die die radikalisierte Jugend politische Arbeit bei Schichten des Volkes leistete. Von 1965 an arbeitete er in Sao Paulo im Journalismus. Zuerst beim 'Jornal da Tarde' (0 Estado de Sao Paulo) 1965-66, dann bei 'Fôlha da Tarde' 1967-68 und schließlich beim 'Jornal do Bairro' in den Jahren 1969-70. Luiz Eduardo *erlino nahm sehr akti: bei allen Versammlungen und Kämpfen seiner Berufsge-. nossen teil, so bei der Demonstration gegen die Verhaftung Journalisten vor dem Militärgericht von Sao Paulo im April 1968 oder bei den Protestbewegungen gegen das Verfassungsdekret Nr. 5 vom Dezember 1968, als er den Streik der Journalisten vom 'Fôlha da Tarde' leitete. 1967 war vor allem er es, der für die Herausgabe von'Amanha', der Wochenzeitung des mächtigen Studentenverbandes der Philosophischen und Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität von Sao Paulo, sorgte. Diese Zeitung, die nach einigen Nummern aufgrund des Drucks, der auf sie ausgeübt wurde, ihr Erscheinen wieder einstellen mußte, hatte kaum den Charakter einer Studentenzeitung, sondern war auf die Arbeiterklasse ausgerichtet. Gleichzeitig zu seiner journalistischen Arbeit war Luiz Eduardo Merlino in der Studentenbewegung sehr aktiv, vor allem in diesen Vorposten, den die Philosophische Fakultät von Sao Paulo darstellte, die auf seine Initiative hin im Aufschwung der Massenbewegung von 1968 besetzt worden war. Als Mitglied der Exekutivkommission des (verbotenen) Studentenverbands der Provinz Sao Paulo nahm er am Kongreß von Ibiùna des Nationalen Studentenverbands (U.N.E.) 1968 teil.

1968 trat er der Kommunistischen Arbeiterpartei (P.O.C.) bei, wo er unter dem Pseudonym "Nicolau" bekannt wurde. Zuerst arbeitete er im Studentensektor dieser Organisation und spielte eine führende Rolle bei den Aktionen anläßlich des Rockefeller-Besuch 1969. Seit Mitte 1969 war er Mitglied der P.O.C. - Regionalleitung von Sao Paulo. Nach dem Dezember 1969 organisierte und führte er eine der Arbeiterbasen dieser Organisation in dem Industriegebiet von Sao Paulo, die als 'ABC' (Dreieck, das von den Städten S.André, S. Bernardo und S.Caetano e .ldet wird) bekannt ist.

IN PRE KORR Sonderbeilage zur Nr. 6 vom 15.8.71 S. 1 ===== S. 13 | Inprekorr_19710815_006_013.jpg ===== In den internen politischen Auseinandersetzungen der P.O.C. der Jahre 1969-70 wurde der Genosse Nicolau einer der Führer der Opposition zur traditionellen Führung. Er bekämpfte die Nachwirkungen des Propagandismus und den opportunistischen Zentrismus, charakteristische Züge der P.O.C. und der POLOP, aus der diese Organisation entstanden war. In der Folge dieses Kampfes trat er der IV. Internationale bei, zusammen mit anderen Kadern; gleichzeitig unternahm er weiterhin Anstrengungen, um in der P.O.C. das Programm des revolutionären Marxismus und eine taktisch und trategisch richtige Orientierung auf einen langandauernden revolutionären Krieg in kontinentålem Ausmaß durchzusetzen. Seine Erfahrung in der Studenten-Massenbewegung und in der Arbeiterbewegung befähigten ihn, einen bemerkenswerten Beitrag in der politischen Ausarbeitung taktischer und organisatorischer Fragen, die sich der brasilianischen Arbeiterbewegung stellen, zu leisten, ein Gebiet, wo gerade die P.O.C. sehr große Mängel aufwies. Zusammen mit den anderen Genossen der IV. Internationale konzentrierte er seine Diskussion im P.O.C. auf fünf Thesen über den revolutionären Krieg, die brasilianische Arbeiterbewegung, die Frage der Organisation der Avantgarde unter den augenblicklichen Bedingungen Brasiliens, die Analyse der revolutionären Linken und die davon abzuleitende Bündnistaktik und schließlich über die Analyse der internationalen kommunistischen Bewegung und den Auf au der revolutionären Internationale. Diese Thesen korrigierten erheblich die Konzeptionen, die bis dahin in der P.O.R. vorgeherrscht hatten. Erst vor kurzen hielt er sich einige Monate in Frankreich auf und nahm als Beobachter am 2. Nationalen Kongreß der Ligue Communiste, der französichen Sektion der IV. Internationale, in Rouen im Mai 1971 teil. Seit langem wurde er von der Polizei gesucht, und nach seiner Verhaftung in Sao Paulo wurde der Genosse Nicolau bestialisch battivität, seine Hingabe für die nationale und soziale Befreiung seines Landes und für die sozialistische Revolution. Alle, die ihn kennengelernt haben, auch seine politischen Gegner, müssen ihm diese Qualitäten anerkennen, die so notwendig sind für den revolutionären Kampf unter den harten Bedingungen des heutigen Brasiliens. Er hatte sehr klar all die enormen Schwierigkeiten erkannt, die überwunden werden müssen. Daraus schloß er, daß der Kampf der revolutionären Marxisten in der gegenwärtigen Situation Brasiliens ein Kampf gegen den Stom sei. Aber diese Einschätzung machte ihn nur noch entschlossener und sicherer, was seine Konzeptionen betrifft.

Die brasilianische Revolution hat einen außergewöhnlichen Kämpfer verloren. Die IV. Internationale hat einen Geno*sen verloren, der das Beste symbolisiert, was diese neue Generation von Genossen, die im von den Siegen der kubanischen und indochinesischen Revolution eröffneten Aufschwung der internationalen Revolution den Weg zum Trotzkismus fanden.

Die Gorillas der brasilianischen Diktatur täten gut daran, sich nicht zu freuen über diese Heldentat faschistoider Repression. Auch wenn die Reaktion zeitweilig für sich Punkte bucht - die herrschenden Klassen Brasiliens und der Imperialismus sehen sich einer Herausforderung gegenüber, die die Landesgrenzen sprengt und kontinentale Ausmaße : .t. Es ist die Herausforderung der la-. teinamerikanischen Revolution, des antikapitalistischen und antiimperialistischen Kampfes aller Völker lateinamerikas, die vor den Verteidigern einer überholter Ordnung nicht aufgenommen werden kenn. vin tapferer Kämpfer ist heute gefallen; aber er wird zur Fahne für die werden, die ihm nachfolgen und sein Beispiel aufgreifen werden. Und diese werden sehr zahlreich sein. Unsere Treue gegenüber dem Genossen Luiz Eduardo Merlino besteht darin, seinen Kampf bis zum Sieg weiterzuführen.

August 1971 E. PINHEIRO (Zu Brasilien siehe auch INPREKORR Nr. 3 / 15.5.71:

"Folter und wirtschaftliche Expansion")

INPRE KORR Sonderbeilage zur Nr. 6 vom 15.8.71 s. 2