Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Pakistan

Für ein rotes Bengalen

Inprekorr Nr. 5, 15. Juli 1971 · S. 2-4 · 1.625 Wörter

Indien und Südasien

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PAKISTA N: FÜR EIN ROTES BENGALEN !

++++++++++++++++++++++++ ++ IN OSTBENGALEN IST EINE "NATIONALE BEFREIUNGSFRONT" ENTSTANDEN... Die gegenwärtige Lage in Ost-Bengalen ist anscheinend der Anfang eines langandauernden Partisanenkampfes, der sich auf die ländlichen Gebiete konzentriert und von den Kräften der Linken geleitet wird. Die Awami-Liga, die wir in der vergangenheit scharf und unerbittlich kritisiert haben, weil sie dem Kampf in Bengalen keine Führung geben konnte, ist heute gespalten. Viele ihrer studentischer Anhänger sind bitter enttäuscht von der Politik der Parteiführung und beginnen die Gültigkeit sozialistischer Kritik anzuerkennen. Die Hauptmasse der "verfassungstreuen" Elemente der Awami-liga, die sich vor nicht allzulanger Zeit über die äußerste Linke lustig machte, weil diese vom Guerillakrieg sprach, sitzt nun in der Bangla-Desh-Hochkomission in Kalkutta. Da sie 30 klönlich versagt haben und durch und durch von kleinbürgerlicher Ideologie s:ilimmster Art durchdrungen sind, befinden sie sich, falls sie die Nacht evergewinnen wollen, in Abhängigkeit von der herrschenden Klasse Indiens. 3ie glauben an die Politik der Pression: Abgesandte begeben sich hierhin und dorthin, einmal nach London, ein andermal nach Washington. Sie richten Apelle an den US-amerikanischen Senat, er möge jede Wirtschaftshilfe an Yaya Khan unterbinden(als ob der US-amerikanische Imperialismus an der Sache des bengalischen Volkes interessiert wäre!). Aber was er wahrscheinlich wünscht, ist eine Art Annäherung zwischen der Awami-Liga und der Yaya-Diktatur, um die beverstehende soziale Revolution nåch abzuwenden. Aber dafür ist die Zeit abgelaufen und das US-amerikanische Außenministerium begreift wahrscheinlich, daß es sich nicht lohnt, einem Militärdiktator, den sie selbst bis an die Zähne bewaffnet hat, zugunsten einer Partei entgegenzutreten, die von den historischen Ereignissen bereits überrollt worden ist...Die Wurzel diegez/ merkwürdigen Verhaltens ist in der Tatsache begründet, daß viele Awami-Liga-Intellektuelle noch heute von der bürgerlichen Ideologie beherrscht werden. Es mißlang ihnen, die Gründe für ihre Unfähigkeit, im ersten Anlauf die pakistanische Armee zu schlagen, zu erkennen. Sie benehmen sich wie vorher und sind nicht fähig, ihr Verhalten zu ändern. Viele Awami-Liga-Leute glauben anscheinend heute noch, daß, wenn einmal das Feld freigemacht sei, es eine Rückkehr zu den guten Methoden der Vergangenheit gäbe. Darur hat die Frage, wie der Weg freigemacht wird, eine gewisse Bedeutung. Einige in der Awami-Liga-Führung erkennen, daß sie keine andere Wahl haben, als zu versuchen, auf die indische Axmee Druck auszuüben, damit diese Ost-Bengalen "befreit". Auf diesem Wege könnten die Kräfte der Linken hinwegefegt und die Awami-Liga an die Machtgebracht werden. Aber selbst wenr. die indische Bourgeoisie so töricht wäre, darauf einzugehen oder wenn die pakistanische Armee einen größeren Krieg beschlösse, so ist es dennoch für die Awami-Leute müßig, daran zu denken, lange an der Macht und haben hoh zu bleiben. Schon einmal wurden sie von den Volksmassen gewogen und als zu leicht befunden. Deshalb sind die revolutionären Kräfte in einem Aufschwung und bereiten sich auf einen langen Kampf vor. Diese Kräfte werden den Weg freimachen und den Kampf für eine sozialistische Revolution führen. Eine "Nationale befreiungsfront" unter der Beteiligung aller linken Gruppen ist entstanden, nur die KP/ML von Mohamed Toaha und Abdul Huq, die schon immer davor zurückschreckten, die pakistanische Armee zu bekämpfen, gehört ihr nicht an. Die "Nationale Befreiungsfront" ist ein Anziehungspol innerhalb Ost-Bengalens und zieht sowohl viele Awami-Leute als auch viele von der Mukti Fouj (Befreiungsarmee der Awami-Liga) an sich, die mit der militärischen Vorherrschaft Indiens nicht einverstanden sind.

Die führende Gruppe in der "Nationalen Befreiungsfront" ist die "East Bengal Communist Party" (EPCP=Ostbengalische Komnunistische Partei), die weder an Moskau noch an Peking gebunden ist und sich deshalb geweigert hat, die chinesiche Politik zu unterstützer. Sie hat den Weg des bewaffneten Kampfes gegen die Armeen des westpakistanischen Kapitals eingeschlagen. Diese Organisation wird von den Genossen Matin und Allaudin {führt und ihre Guerilla-Einheiten werden kommandiert von dem Genossen Tipu Biswas, der schon zu einer gleichsam legendären Figur in den bengalischen Landgebieten geworden ist. In der Gegend von Chittagong ist der Gewerkschafts ührer Abul Basar die führende Persönlichkeit.

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Er ist weitgehend für der Beschluß des Proletariats von Chittagong verantwortlich, einen langandauernden bewaffneten Streik durchzuführen. Die Tatsache, daß sogar die Untervelt von Chittagong unter Armeeaufsicht zun Arbeien gebracht wurde, zeugt von der Stärke der Organisation in dieser Gegend. In Student milieu war schon immer der Genosse Mahbubullah der fähigste Marrist. Die letzte Nachricht über ihn behauptete, er befände sich im Gefängnis von Dacca. Es ist zu befürchten, daß er von der Armee getötet wurde. Jm großen und ganzen sah Mahbubullah die Wendung der Ereignisse voraus noch ehe viele Genossen den Errst der Lage erkannten. Als ich mit ihm 1969 in Dacca diskutierte, schrieb ich ücer seine Einschatzung der Situation zu dieser Zeit: "Hätte(1968/69) eine revolutionäre Partei bestanden, so hätten wir in Ost- Pakistan Revolution gemacht. Selbst jetzt sind die objektiven Bedingungen überreil...Unsere Aufgabe ist es, jede Zusammenarbeit mit dem Regime zu brandmarken. Selbst renn une die chinesische Regierung sagt, es gäbe keine revolutionäre Situation. so werden wir dem nicht zustimmen. Wir wissen, daß es eine 2svolutiontre Situation gibt und wir werden sie ausnutzen. Wir lassen unsere Generation nich: Gevehr bei Fuß sterben." (Tariq Ali: Pakistan: Military Rule or People's Power ?, Cape, r. 22) Das ist ein Schlachtruf, der sich nicht nur von der Awami-lich, sondern auch von vielen Linksgruppen unterscheidet. Heute nutzen und vertieler die Genossen von Mahbubullah natürlich die revolutionäre Situation. Sie sind entschlessen bis zum endgültigen Sieg zu kämpfen. IN WEST-B. GALEN REIFT DIE SITUATION...

Wir haben immer behauptet, daß es unmöglich sei, den Kampf innerhalb der "Grenzen" von Ost-Bengalen zu halten. Seit den letzten Jahren ist die Situation in West-Bengalen vorrevolutionär und die Explosion in Ost-Bengalen hat ihr noch einen zusätzlichen Anstoß gegeben. Das Problem war immer subjektiver Natur. Die stärkste und mächtigste Kraft der Linken ist noch die Kommunistische Partei Indiens(CPI/M). Ihre jüngste Vergangenheit ist von Parlamentsillusionen gekennzeichnet. Sie ist mit reaktionären lokalen Gruppen in eine "Vereinigte Front" eingetreten. Sie hat an der bürgerlichen Wahlkomödie teilgenommen und sich kaum anders als eine bürgerliche Regierung verhalten. Ihr Führer Jyoti Basu hat als Innenminister die Tötung des revolutionären "guevaristischen" Führers Henna Ganguly durch die Polizei angeordnet. Die KPI/M hat in die britale Verfolgung und Ermordung vieler Nasaliter eingewilligt. Die Tatsache jetzt nicht an der Regierung ist, bedeutet nicht, das sie den Weg der Parlamentsillusionen aufgegeben hat. führender Theoretiker. Ranadive, der 1948 eine revolutionäre Situation sah, als es keine gab, iet heute anscheinend unfähig, das Ausmaß der bestehenden revolutionären Situation zu erkenren. Zweifellos gibt es in dieser Partei revolutionäre Kräfte, die äußerst unzufrieden sind und für eine bewaffnete Aktion gegen den bürgerlichen Staat eintreten. Die KPI/M-Führung hat die Losung ausgegeben: Yaya Khan -- Indira andi Ek Hai (Taya Than und Indira Ghandi sind gleich). Die Logik dieser losung ist offensichtlich: den Kampf durch Mobilisierung der Arbeiterklasse von Kalkutta und durch Vorbereitung der Bauernschaft auf den bewaffneten Kampf auszudehnen, um ein Vereinigtes Sozialistisches Bengalen zu erreichen; doch Jyoti Basu schreckt vor diesem entscheidenden Schritt zurück. Die revolutionäre Bewegung West-Bengalens wird jedoch nicht allzu lange stillhalten. Schon heute ist die Krise der Bourgeoisie offensichtlich. Kalkutta wird von inidschen Truppen bewacht, die anscheinend völlig unfähig sind, die bürgerliche Oranung wiederherzustellen; Kalkutta kocht vor Wut und droht jeden Monert zu expledieren; die Situation der Stadt zeigt viele Ähnlichkeiten mit Shanghai und Kanton während der zwanziger Jahre...

IN WEST-PAKISTAN SIND DIE MASSEN EBENFALLS UNZUFEIEDEN... Obwohl die Stärke des bengalischen Widerstandes die Schlüsselstellung im heutigen Kampf einrimmt, hätte doch eine ernsthafte Vertrauenskrise ir West-Takistan enorme Bedeutung, da durch sie der Griff der Armee gelockert würde. Während es in der Vergangenheit keine Anzeichen dafür gab, so sind sie jetzt sichtbar: "ber 800 Studenten wurden ir West-Pakistan ins Gefängnis geworfen; in Peshawar wurde Afzal Bangash (ein Führer der kleiren, aber kämpferischen Kissan- Mazdoor-Partei) mit seinen Mitarbeitern festgesetzt; in Lahore wurde Malik Abdullah, ein führender Journalist, eingesperrt, weil er auf einer öffentlich-

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en Versammlung seine Solidarität mit Bangla Desh erklärte. Flugblätter werden bei den Arbeitern illegal verteilt, um sie über die Ereignisse in Ostpakistan zu informieren. Diese Agitation, gekoppelt mit einer sich verschlechternden ökonomischen Situation, könnte früher zu einer sozialen Erhebung führen als man denkt. Ein Eisenbahnerstreik z. B. könnte die Operationen der Armee in Bengalen ernsthaft beeinträchtigen. Man muß sich daran erinnern, daß die westpakistanische Arbeiterklasse seit 1968/69 erstaunlich gereift ist und daß das einzige Hindernis das Fehlen einer wirklichen Führung ist. Die Volkspartei des ehemaligen Außenministers Bhutto ist vollstandig gespalten und während er und seine Kohorten das Regime stützen, sind viele Mitglieder-wie Mukhtar Rana in Lyallpur-wegen ihrer Opposition gegen die Diktautr im Gefängnis. Die Lage ist völlig unstabil und daher sollen einige Elemente in der Armee für einen begrenzten Krieg mit Indien plädieren, um das land in eine Welle von Chauvinismus zu stürzen. In der gegenwärtigen Situation ist allardings an der Wirksamkeit selbst dieses berühmten Rezeptes zu zweifeln... DIE ZUKUNFT...

Solange der Kampf in Ost-Bengalen auch dauern wird, eines ist sicher: ein neier Weg wurde gefunden und der indische Subkontinent ist nicht mehr der gleiche wie vorher. Er is: durch den britischen Imperialismus geeint worden; er wurde geteilt durch die internationale Reaktion mithilfe eben dieses Imperialismus. Heute kann man voraussagen, daß der indische Subkontinent zunächst durch den revolutionären Sozialismus zerfleischt wird, um schließlich unter der roten Fahne wiedervereint zu werden. Dies ist der dialektische Prozeß der indischen Revolution.

(Tariq Ali, aus Red Mole Nr. 11-15. 6. 1971)