FINNLAND : DIE ARBEITER EINER PAPIERFABRIK ÜBERNEHMEN DAS WERK ++++ ++++++++++++++ +++++++++++ *+++++++ Ein Photo in der Stockholmer Zeitung "Dagens Nyheter" vom 13. Mai 1971 zeigt drei Männer in einer finnischen Fabrik, die sich augenscheinlich an eine Versammlung wenden. Einer hat ein Mikrophon in der Hand, die beiden anderen beschäftigen sich mit einem Lautsprecher und einem Plattenspieler. Daneben steht: "Die Internationale wurde gespielt, und Eino Laitinen, der Führer des Arbeiterrats sprach durchs Mikrophon zu den Arbeitern der Lievestuorer Papierfabrik, die von den Arbeitern am 12. Mai übernommen worden ist. Der schwedische Korrespondent in Helsinki, Tor Högnäs, schrieb dazu: "Die Arbeiter der Papierfabrik, die in der Nähe von Jyväskyla liegt, haben ihre Fabrik besetzt, um ihre Arbeitsplätze zu erhalten. Sie setzten einen aus 10 Mitgliedern bestehenden Arbeiterrat ein. Die Besetzung der Fabrik die erste in der Geschichte Finnlands - wurde vorgenommen, nachdem die Direktion beschlossen hatte, das Werk Mittwoch nacht zu schließen, um einer Geldstrafe von 200 000 finnischer Mark (=17C 000 DM) zu entgehen, die ihr drohte, weil die Werksanlagen das Abwasser in den nahegelegenen See pumpten" Am 12. Mai um Mitternacht ordnete die Werksleitung an, die Arbeit einzustellen. "Aber zuvor" , fährt Högnäs fort, "hatten die Arbeiter auf einer Vollversammlung beschlossen, die Fabrik zu übernehmen und die Produktion in Gang zu halten. Ein Arbeiterrat, der in seiner Zusammensetzung die verschiedenen Abteilungen repräsentierte, wurde eingesetzt, die Internationale auf einem Plattenspieler abgespielt, und Eino Laitinen, der Führer der Arbeiter, gab das Zeichen, die Maschinen wieder in Gang zu setzen. Ein Grußtelegramm wurde an die Belgschaft der Reanult-Werke von Le Mans (Frankreich) geschickt mit folgendem Inhalt: 'Haltet Eure Fabrik. Wir haben gerade das gleiche wie Ihr getan. Die Lievestuorer Papierfabrik ist von 170 finnischen Arbeitern besetzt worden.'"
Die Überschrift des Artikels in der Stockholmer Dagens Nyheter lautet: "Ein Arbeitsplatz und auch sauberes Wasser". Högnäs beschreibt, wie die Arbeiter mit dem Abwasserproblem fertig wurden: "Die Arbeiter erfüllen die eingehenden Aufträge, und die Produktion läuft normal weiter. Das Abwasser wird in besonderen Becken gesammelt, während das saubere Wasser in den Lievestuorer See gepumpt wird. Das ist die einzige Veränderung gegenüber der bisherigen Produktionsweise."
Konfrontiert mit dem Beschluß der Arbeiter, die Leitung des Werks in die eigene Hand zu nehmen, versuchte das Management, durch scharfe Drohungen sie die Behörden un Hilfe
Die Keski Suomen Seluloosa OY Gesellschaft, die das Lievestuorer Werk besitzt, warnte überdies, daß jeder Arbeiter, der sich weigert, die Direktiven des Managements zu befolgen, unverzüglich entlassen werde. Aber einen Tag, nachdem die Arbeiter das Werk übernommen hatten und selbst führten, schlug die Gesellschaft einen anderen Ton an. Sie bot den Arbeitern vollen Lohnausgleich für die 3 Wochen, die die Fabrik geschlossen wird, und sie versprach, niemanden zu entlassen. Die Arbeiter stimmten diesen Bedingungen zu; aber sie gaben bekannt, daß sie die Fabrik sofort wieder besetzen würden, falls aus irgendeinem Grund die Produktion nicht genau so aufgenommen werden würde wie beschlossen. Der Arbeiterrat wurde nicht aufgelöst.
"Die Arbeiter haben das Gefühl, einen Sieg errungen zu haben", schreibt Högnäs, "aber in Kreisen der Gewerkschafts führung ist weniger Esthusiasmus." Die Gewerkschaftsbürokraten behaupten, die Arbeiter hätten mit ihrer Aktion der Werksleitung nur ein Druckmittel gegenüber der Wasserbehörde geliefert, damit sie nicht die Strafe bezahlen und das Abwasser wegtransportieren muß. Sehen sie nicht die Bedeutung des von den Arbeitern gelieferten Beweises für die ganze finnische Arbeiterklasse, daß sie ihr Werk besser als die Direktion leiten können?
(Aus INTERCONTINENTAL PRESS vom 7.6.71)