Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Italien

Mobilisierung gegen die faschistischen Gewaltakte

Inprekorr Nr. 32, 1. Mai 1975 · S. 25-27 · 1.201 Wörter

Faschismus und Rassismus Italien Jugend und Studenten

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Am Abend des 16. April wurde in Mailand ein junger Student von einem Faschisten erschossen. Sofort tionen, die tagelang anhielten und sich auf andere danach begannen massive Proteste und Demonstra- ILAVOR ORT Städte ausdehnten. Die Polizei intervenierte mit aller Stärke in diesen Demonstrationen: ein junger Arbeiter wurde durch einen Polizeiwagen überfahren; viele andere durch Schüsse verletzt.

Die Tragödie vom 16, April begann auf fast alltägliche Weise. Jugendgruppen der "Studentenbewe- ¡let gung" (eine linksextreme Organisation) befanden 11. sich auf dem Heimweg von einer Demonstration. Plötzlich näherte sich einer der Gruppen ein kleines Auto, dessen Insassen die Demonstranten zu beschimpfen und zu provozieren begannen. Einige Demonstranten konterten, indem sie die Fenster des Autos einschlugen, Daraufhin stiegen drei Leute, als faschistische Rowdies bekannt, aus dem Wagen. der dete eine Pistole und erschos kaltblutig catudio Während sich zwei schnellstens davon machten, Varalli, einen Studenten des Instituts für Tourismus. Innerhalb weniger Minuten füllte sich der Ort des Geschehens mit hunderten und dann mit tausenden von Menschen. Als sich die Nachricht verbreitete, daß eine rechtsgerichtete Tageszeitung eine verstellte Zusammenfassung der Ereignisse veröffent- Licht hatte, griffen Gruppen von Demonstranten die Büros des Blattes an und blockierten die Lieferwagen, die die Zeitung ausfahren und verteilen sollten. Selbst die Arbeiter dieser Zeitung intervenierten und zwangen ihre Manager, eine neue Auflage mit einer die Ereignisse in Einverständnis mit den Demonstran- Erklärung der Drucker zu veröffentlichen, in der sie ten darstellten. härtesten Auseinandersetzungen fanden im und um das Gebiet statt, in dem sich das regionale Hauptquartier Am folgenden Tag waren die Schulen in vielen der MSI befindet, und das von Polizei bewacht wurde. Städten geschlossen; viele Fabriken schlossen ihre Mehrere Einheiten der Carabinieri feuerten in die Men- Tore, und kämpferische Demonstrationen fanden statt. re und mehrere Polizeiwagen mit hoher Geschwindig- 50 000 Menschen nahmen an der Mailänder Demon- keit fuhren in die Demonstranten hinein. Einer dieser stration teil, Während und nach diesen Demonstratio- Wagen tötete Giovanni Zibecchi. Auch am 18, April nen wurden die Büros des "Movimento Sociale" (MSI) fanden große Demonstrationen in Mailand, Rom und und anderer faschistischer Organisationen hart angegrif- vielen anderen Städten statt. fen, Ebenfalls die Redaktion einer faschistischen Zeitung und verschiedene, den Faschisten rehörende oder Dieses neue Ereignis erweckte wiederum heftige von Faschisten besuchte öffentliche Einrichtungen, Dic Emotionen, da Faschisten in den vorangegangenen

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Tagen versucht hatten, źwei weitere Angriffe durchzuführen (die gerade noch schief gingen): einen gegen die Eisenbahnlinie Florenz-Rom, und einen aul las Gebäude der Regionalregierung von Ancona. Nut kurze Zeit zuvor hatte eine Bombe der Faschisten einen Teil der Wohnung des Herausgebers von "Avanti", der Tageszeitung der italienischen Sozialistischen Partei, zerstört. Der Herausgeber ist nur deshalb noch am Leben, weil er seine Wohnung gerade für kurze Zeit verlassen hatte, als die Bombe platzte. All diese Ereignisse zeigen Klar, daß die faschistischen und faschistoiden Gruppen, die Terrorismus und Gewalt benutzen, um die Krise des Regimes zu beschleunigen, ihre Pläne keineswegs aufgegeben haben. Seit Dezember 1969 haben sie sich vieler solcher Verbrecher schuldig gemacht und Augenblicke höchster Spannung provoziert. Es scheint kaum nötig. festzustellen, daß sie dazu fähig waren und noch immer dazu fähig sind, weil ihnen große Hilfe und Kollaboration zuteil wird. Diese Terroristen und po- entiellen Putschisten haben ihre Verbündeten un Ratgeber in gewissen militärischen Kreisen und mehr loch in den Geheimdiensten -- ganz zu schweiger ron der Polizei, deren Verwicklung im Fall vor Rom klar zum Ausdruck kam. Dort handeln die faschistischen Horden, speziell in bestimmten Gegenden, straffrei, obwohl die Mitglieder der Bande wohlbekannt sind, Ende Februar, nach einem Vorfall, in dem ein faschistischer, griechischer Student, Mitglied der italienischen faschistischen Studentenorganisation, unter nebulösen Umständen getötet wurde, verübten faschistische Rowdies wiederholte Male und über mehrere Tage Gewalttaten. ohne daß die Polizei auch nur ein einziges Mal intervenierte. Die Faschisten finden finden hin und wieder auch Komplizen unter den Richtern, Tatsächlich handeln diese Richter oft in offener Weise zugunsten der faschistischen Angeklagten. Viele der bestens bekannten Mitglieder der faschistischen Banden wurden mindestens cinmal wegen ernster Verbrechen verhaftet und dies nur, um von einem sympathisierenden Richter danach schnellstens wieder auf freien Fuß gesetzt zu werden, Dies vor allem in Rom. Einige dieser Falle waren immerhin so ernst, daß der Innenminister selbst sich verpflichtet sah, in der Parlamentsdebatte vom 17. April Kritik an einigen Richtern zu uben.

Die Reaktion der Massen auf die Gewalttaten und Einschüchterungen war stark. Dies erklärt, warum die Faschisten nicht in der Lage waren, über isolierte terroristische Aktionen hinauszugehen, Bis jetzt hat es noch keine Aktionen vom Typ derjenigen zu Beginn der 20er Jahre gegeben, als die Arbeiterbewegung und ihre Organisationen direkt und offen angegriffen wurden. Dies wird gegenwärtig durch das Kräfteverhältnis in Zaum gehalten, Die Kommunistische und sozialistische Partei und die Gewerkschaftsorganisationen diskutieren über die Notwendigkeit einer intensiven und kämpferischen Kampagne gegen die Faschisten, und in vielen Demonstrationen nehmen sie die Initiative in die Hand, Vor allem die Gewerkschaften riefen am 18. April einen einstündigen nationalen Generalstreik aus. Trotzdem bleibt die Basis ihrer Kampag• nen die des "demokratischen" Antifaschismus: das heißt der Aufruf zu einer Einheitsfront an alle sogenannten konstitutionelen Parteien, inklusive der Christdemokraten, Zur Zeit läuft eine Kampagne für eine Million Unterschriften auf einer Petition, die die Regierung und die Autoritäten auffordert, das Gesetz gegen die Faschisten anzuwenden und die Aktionen der faschistischen Banden zu verhindern. Gerade die Christdemokraten nehmen an dieser Kampagne teil, um die Menschen vergessen zu marückzudämmen, hat sich die italienische KP nicht geweigert, in handfesteren Mobilisierungen die Initiative zu ergreiten. Ein Beispiel: die Mobilisierung in Mailand am 7. März zur Verhinderung einer faschistischen Demonstration, Eine Mobilisierung an der Partisanenorganisationen und Gewerkschaf ten maßgeblich betelligt waren (25 000 Menschen wurden innerhalb kürzester Zeit mobilisiert, viele unter ihnen Arbeiter).

Die zentristischen Organisationen -- Manifesto, Lotta Continua, Avanguardia Operaia -- führen gegenwärtig ebenfalls eine Unterschriftenkampagne unter der Hauptparole "Achtet die MSI". Viele Militante dieser Gruppen geben dieser Parole ihre eigene Interpretation: sie bestehen darauf, daß es notwendig ist, der MSI eine legale Arbeit unmöglich zu machen (und sie sind nicht gegen sehr harte Kommandoaktionen, um dieses Ziel zu erreichen). Auf politischer Ebene jedoch bleibt die Sache zweideutig. Sie bieten dem Kampf gegen die faschistischen Horden die Mögdamit die musion das eine und vereichen damit die Illusion, daß eine Lösung des Problems möglich sei. Andererseits aber verbinden sie sich mit Personen und Kräften, die der antifaschistischen Kampagne keinesfalls eine revolutionäre Stoßrichtung geben. Aus diesem Grund haben die Militanten der "Gruppi Comunisti Revolucionari" (italienische Sektion der IV. Internationale), die in verschiedenen Fallen Zielscheiben faschistischer Gewalt waren (in den letzten Monaten allein in Rom, Neapel und Florenz), und die in den vordersten Reihen der Mobilisierungen nach dem Mord in Mailand standen, die Parole der Zentristen nicht ubernommen Stattdessen entwickeln sie ihre Inteventionen auf der Basis zweier zentraler Punkte: eine Einheitsfront der Arbeiter (gegen die "demokratische" , antifaschistische Front), und Selbstverteidigung der Arbeiter und Studenten, als Gegenaktion auf die Weigerung, auf faschistische Gewalt adäquat zu kontern, wie dies von der KP jedesmal versucht wird, wenn sie sich bei Aktionen der faschistischen Kommandos zurückhält.

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