Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Japan

Die politische Krise des bürgerlichen Systems

Inprekorr Nr. 31, 17. April 1975 · S. 19-23 · 4.170 Wörter

Japan und Korea Jugend und Studenten Gewerkschaften und Streiks USA und Kanada

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Interview mit dem Genossen Sakai, tionären Kommunistischen Liga (japaglied des Politischen Büros der Revolu- nische Sektion der IV. Internationale). INPREKORR: Kannst Du uns erklären, welche Bedeu- er das breite Vertrauen einer hinters Licht geführten tung der Kabinettswechsel Ende letzten Bonen der liberalemokratischen ichte, en da- Jahres gehabt hat?

gegen repräsentiert keine der traditionell führenden SAKAI: Am 26. November trat Kakuei Tanaka, der Strömungen innerhalb dieser Partei der Bourgeosie ehemalige Premierminister, von seinem in Japan, Er war der Wortführer einer sehr minorita- Amt zurück, Zehn Tage später wurde Takeo Miki von ren Fraktion. Als die liberal-demokratische Partei der liberal-demokratischen Partei -- dessen Präsident Miki als Premierminister nominieren mußte so war er damals wurde -- zum neuen Premierminister ge- dies ein Symptom für den Auflösungsprozess auf der wählt, Miki bildete seine Regierung am 9. Dezember. Ebene der Beziehungen zwischen der liberal-demokratischen Partei und der Regierung einerseits und Dieser Regierungswechsel hat in der aktuellen japani- der japanischen Massen andererseits. Es war tatsächschen Situation eine sehr große Bedeutung. Tanaka lich das klarste Zeichen für die Krise der bürgerlichen repräsentierte den Willen, dieexpansionistische Poli- Führung in Japan, ik fortzusetzen, die früher die Entwicklung des japanischen Kapitalismus geprägt hatte. Er hatte dazu einen Das Kabinett Tanaka wird die letzte der traditionel- Plan zur wirtschaftlichen Umstrukturierung Japans aus- len bürgerlichen Regierungen gewesen sein. Der Ubergearbeitet, besonders die Vervielfachung der super- gang zur Regierung Miki repräsentiert einen tiefer schnellen Eisenbahnverbindungen war vorgesehen Bruch mit der traditionellen politischen Herrschafts- (siehe auch "Ouatrième Internationale", Nr. 14, vom ausübung der Bourgoeisie in Japan, einen Bruch, der 15. April/15. Mai 1975). die Entwicklung der allgemeinen Situation des japanischen Kapitalismus und die Verschärfung der Krise

Die Rue Der Wechsel ma diese expansi potsche poli- tik auf, Der der liberal-demokratischen Partei, der einzigen japanischen bürgerlichen Regierungspartei, widerspie- Ebene bemerkbar. Als Tanaka gewählt wurde, genoß gelt.

Seite 20

JAPAN

INPREKORR: Kannst Du die Gründe und die Natur dieses Bruches genauer beschreiben› SAKAI: Die japanische Bourgeoisie sieht sich heute drei wesentlichen Problemen gegenübergestellt:

--die veränderte allgemeine Situation in Ostasien; --die veränderte wirtschaftliche Situation in Japan; --der Beginn einer tiefen Transformation der politischen Struktur in Japan.

Was die wirtschaftliche Situation angeht, so ist die Periode des sehr raschen Wachstums die die vorhergehende Periode charakterisierte, heute beendet. Japan ist in eine Periode des langsamen wachstums eingetreten und die gesamte wirtschaftliche Situation wird beherrscht von diesem qualitativen Rückgang des Wachstumsrhythmus' . Zum ersten Mal seit 1945 erlebt Japan eine wirkliche Rezession, 1974 sank das Bruttosozialprodukt nach den letzten Zahlen real um 1,8% Ich will damit nicht sagen, daß wir in eine Periode des Niedergangs eintreten, aber sicher in eine Periode des langsamen Wachstums.

Was die regionale Situation betrillt, so ist das frühere Gleichgewichtzerbrochen. Dieses Gleichgewicht beruhte vor allem auf der politischen und militärischen Präsenz des amerikanischen Imperialismus in Ostasien (Süd-Ost-Asien und Ferner Osten). Der japanische Imperialismus ist militärisch sehr schwach, Seine regionale Intervention ist kombiniert mit der der USA, namlich dadurch daß er im wesnetlichen eine wirtschaftliche und finanzielle Präsenz wahmimmt. Die Krise der US-Herr schaft in Ost-Asien -- die zum Ausdruck kommt durch die Reorientierung der amerikanischen Diplomatie gegenüber der VR China und die Erfolge der indochinesischen Revolution -- trägt dazu bei, den japanischen Imperialismus und die diktatorischen Regime der Region aus dem Gleichgewicht zu bringen. Dies wird durch die Wirtschaftskrise noch verschärft, was zum Beispiel die Schwierigkeiten erklärt, die aufgetaucht sind auf der Ebene der -- doch engen -- Beziehungen, die Tokio mit Seoul unterhalt. Die Kombination der eingetretenen Veränderungen der wirtschaftlichen Situation und der intemationalen Situation hat eine grundlegende Änderung der politischen Struktur in Japan eingeleitet.

Zumindest nach dem Korea-Krieg waren die japanischen Regierungen Ein-Parteien-Regierungen, Regierungen der liberal-demokratischen Partei, der einzigen bürgerlichen Regierungspartei. Um diese Partei und um diese Regierung herum hat das politische System Japans von Mitte der fünfziger Jahre bis 1968/70 eine gewisse Stabilitat gekannt. Darin lag eines der wesentlichen Merkmale der bürgerlichen japanischen Demokratie.

Diese Struktur ist in eine Krise geraten, in eine politische Krise. So, daß man sagen kann, daß die Regierung Miki die letzte der Ein-Parteien-Regierungen ist. Heute gibt es bis in die führenden Kreise hinein Diskussionen über eine zukünftige"Koalitionsregierung". In Wirklichkeit diskutiert man schon darüber, welche Regierungskoaliton notwendig ist: mit der Sozial-Demokratischen Partei (rechte Abspaltung von der Sozialdemokratie), mit der kleinbürgerlichen buddhistischen Partel Komel oder mit einem Teil der Sozialistischen Partei.

INPREKORR: Du hast als Beispiel für die auf regionaler Ebene aufgetretenen Veranderungen die Schwierigkeiten zwischen Seoul und Tokio genannt. Kannst Du uns genauer den Zusammenhang erklären, der besteht zwischen der Entwicklung der Situation in Japan und Korea SAKAI: Die aktuelle Situation in Korea hat bedeutende Auswirkungen aut Japan, Man kann wirklich d Situation in einem der beiden Länder nicht getrennt von• einander analysieren, angesichts der Ausgeprägtheit der wechselseitigen Beziehungen.

Das südkoreanische Regime von Park Chung Yee basiert auf zwei internationalen Eckpfeilem: der militärischen und politischen Herrschaft der USA in der Region und der wirtschaftlichen Intervention des japanischen Imperialismus.

Allein die regionale Präsenz des US-Imperialismus hat es Park erlaubt, die öffentliche Meinung zu knebeln, den Willen der Massen, ein wiedervereinigtes Korea zu schaffen, zum Ausdruck bringt, sowie eine massive unc scharfe Repression auszuüben, Das Park-Regime war ein Element des imperialistischen systems zur Isolerung der VR China und der VR Korea, Südkorea ist auch eines der• jenigen Länder, die Truppen nach Süd-Vietnam geschick hatten, die dort einen traurigen Ruf als besonders grausan in der Anwendung der Politik des Schreckens erhielten. Das Regime Park Chung Yee wurde schließlich in enger und direkter Verbindung mit Tokio aufgebaut, 1965 wur den die Beziehungen zwischen den beiden Ländern forma normalisiert und nach 1968 erreichten die japanischen Kapitalexporte einen solchen Umfang, daß sie die südkoranische Wirtschaft in eine direkt vom japnaischen Imperialismus abhängige Wirtschaft umwandelten. Militärisch und politisch war das Regime Park von den USA abhängig, wirtschftlich von Japan.

Die durch die Erfolge der indochinesischen Revolution Washington aufgezwungene Anderung seiner Politik führte zur Anerkennung der VR China. Die Japaner taten desgleichen und versuchten, zusammen mit den USA, Bande zu knüpfen für ein System der "friedlichen Koexistenz zu dritt" -- zwischen China, der Sowjetunion und den USA. Diese neue Orientierung war offensichtlich ein harter Schlag fur das sudkoreanische Regime. is mußte seine Politik modifizieren, während die Massen in Südkorea, die die Schwäche des US-Imperialismus, das heißt des intemationalen Rückhalt des Regimes sehr wohl erkannten, in Bewegung kamen. 1914, 1973 und 1974 haben die Jugendlichen, vor allem Studenten und Intellektuelle, eine wichtige Kampagne gegen das Regime undfür die Wiedervereinigung durchgeführt. Park mußte gleichzeitig eine Politik der Repression nach innen und eine Reorientierung auf internationaler Ebene durchführen. Der Vertreter des Park-Regimes war sogar gezwungen, ein gemeinsames Kommuniqué zusammen mit der Demokratischen Republik Korea über die Frage der Wiedervereinigung zu unterzeichnen, ein Thema zu dem im Süden Demonstrationen verboten sind.

Die Repression durch die Geheimpolizei (KCIA) verschärfte sich mit der Entführung des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten KIM DAE JUNG im Au gust 1973 in Japan und dessen erzwungener Rückreise nach Südkorea. Desgleichen wurden zwei Japaner, ein Journalist und ein Lehrer, in Seoul verhaftet und angeklag lie Opposition gegen das Regime unterstutzt zu naben. Schließlich fanc ein mingluckter Attentatsversuch gegen den Diktator Park durch einen in Japan wohnenden Korean am 15. August statt: Mun Se Kwang. Damals wurden anti" japanische Demonstrationen von der Regierung in seoul organisiert. Da die Massenbewegung sich entwickelte, fol te die notwendig gewordene polifische Repression zur Ver* sano i die i apan wonnen Kolcher hat doch sich dabei um etwa eine Million Personen) nach der Entführung von Kim Dae Jung zu mobilisieren, um die Oppo

Seite 21

sitionsbewegung in Südkorea zu unterstützen. Diese Mobi- Die sozialdemokratische Partei (SDP) stellt nur sehr wenige lisierung der koreanischen Einwanderer wiederum hat direkten Abgeordnete im Parlament (ein Dutzend etwa) und ist Einfluß gehabt auf die Entwicklung der Massenbewegung in auch politisch sehr schwach. Die Sozialistische Partei Japan selbst. (SP) dagegen hat etwa 100 Abgeordnete, das sind auch zehnmal mehr als die KPJ. Die SP ist die Partei mit dem größten parlamentarischen Einfluß in der So wird deutlich, wie aufgrund der wech- Arbeiterbewegung. Sie wird auch von tiefgeselseitigen Durchdringung der koreanischen henden Tendenzkämpfen gespalten. und japanischen Regime und Gesellschaften die Oppositionsbewegung gegen die Park- In der SP und ihrer Jugend si nd hinsichtlich der Frage der Diktatur zu einem raktor geworden ist, Zusammensetzung einer zukünftigen Koalitionsregierung der permanent auf die politische Szene Ja- zwei Hauptströmungen festzustellen, Zuerst die Fraktion ans einwirkt. Das ist ein neues Element Kyokai (die sozialistische Gesellschaft). Sie ist von der Situation, und es ist sehr wichtig, kautskyanischer Tendenz und dominiert im Gewerkschaftsauch wenn es erst im Entstehen ist. apparat, insbesondere bei Bahn und Post. Diese Gewerkschafts bürokratie ist dem direkten Druck der Basis im öffentli- Die japanische Regiering konnte unter diesen Umstär chen Dienst ausgesetzt. Sie Kämpfen gegen die KPJ innerden nicht weiterhin zu offen Söul unterstützen, Und Park halb der Gewerkschaft, aber zeigen sich gleichzeitig be- Chun Hee benötigte nach wie vor dringend die ökonomi- reit, eine Einheitsfront mit ihr einzugehen. Die Fraktion sche Unterstutzung der japanischen Bourgeoisie. Er liels Kyokai ist emptänglich für die Mos kauer Konzeption des also die Zügel etwas lockerer und ließ die zwei verhafteten Japaner frei sowie Ende 74/Anfang 75eine gewisse Anzahl von politischen Gefangenen , darunter den Gegen die Kyokai-Fraktion hat sich ein Block gebildet, der Dichter Kim Chi Ha, was allerdings unter dem direkten zum Kem einer möglichen linkszentristischen Tendenz Druck der Massenbewegung geschah. Tokio und Soul gegen die SP werden kann. Die zwei Führer dieses Blocks konnten unter diesen Umständen ihre taktischen Wider - sind Kozo Sasaki und Saburo Eda, Eda vertritt einen offen sprüche hintanstellen und offen die wirtschaftliche und rechten Flugel der Partel, Sasaki war einer der Führer politische Unterstützung Park Chun Hees durch Japan der linken Tendenz in der SP-Jugend, die sich gegen wieder verstärken. Eda gebildet hat; er ist pro-chinesisch eingestellt. Heute machen sie einen Block gegen eine mögliche Koalition

Und doch bleibt die Situation des koreani- mit der KPJ und streben eine Mitte-Links-Regierung schen Regimes äußerst kritisch. Kim Chi Ha, an. Übrigens hat Peking die Tanaka-Regierung unterdie Studentenführer und di e anderen freigelassenen poli- stützt (weshalbmanche japanische Maoisten sich geweitischen Häftlinge führen eine aktive Kampagne gegen gert hatten, Losungen für ihren Sturz vorzubringen) unc Park und denunzieren heftig die Foltern, die sie im Ge- heute wünscht es eine Mitte-Links-Koalition zwischer tängnis vom KCIA erlitten haben. Das Mobilisierungspo- der LDP (liberal-demokratische Partei), dem buddhistitential der Regimegegner ist enorm und erstreckt sich so- schen Komei und der SP, unter Ausschluß der KPJ. Der Park wird versuchen, zu manövrieren. Block Eda-Sasaki ist im öffentlichen Sektor sehr Dennoch ist für dieses Jahr mit bedeutenden sozialer schwach. Er versucht jetzt, seinen Einfluß in der und politischen Explosionen der südkoreanischen Massen Gewerkschaitsbürokratie des privaten Sektors (das heißt in zu rechnen. Das wird auch in Japan Auswirkungen zeigen; der Rechten des Gewerkschaftsapparates) auszuweiten. es wird ein harter Schlag für die japanische Bourgeoisie

Die Linie der KP ist die klassische Volksfrontonenuerung , Sie ruft zur Bildung einer nationaldemo- Dein jahren Beom e anischen capitalismus wie die seit kratischen Koalitionsregiering auf. Die KPJ kämpft damit sozusagen für sich selbst, um die Isolationsmauer zu zereingeschlagene neo-koloniale Politik heu- brechen, die die SPJ, der Eda-Sasaki-Block und der Koe durch den Neuaufschwung der Kämpfe ir mei gegen sie errichtet haben. Der Vorschlag der KPJ südostasien und im Fernen Orient infrage ist gegenwärtig der einer Koalitionsregierung aus KP, SP, gestellt wird. Komei und SDP. Aber sie würde auch einen Fetzen einer bürgerlichen Partei in ihrer sogenannten "sozialistischen Regierungskoalition" akzeptieren, Das ist im groben die Linie der KPJ.

INPREKORR: Kommen wir auf die derzeitige Regierungskrise in Japan zurück, Du hast dargestellt, Diese Orientierung ist im Rahmen eire r Gesamtlinie zu Wie die Führungskreise das Problem einer Koalitionsregierung die ausgesprochen rechts ist. Die KPJ hat folgensehen, Aber diese Situation muß auch Konsequenzen für die de Schlußtolgerungen aus dem chilenischen der Arbeiter. Wie steht es damit? oppositionellen Organisationen haben, insbesondere für die der Soziersischen Partei provoziert woer. Deshalb Kon. zentriert die KPJ ihre Anstrengungen immermehr darauf, SAKAI: Da muß ich zuerst auf die Struktur der japanischen die Ordnung der bürgerlichen Demokratie zu verteidigen. Arbeiterbewegung eingehen. Es gibt zwei große Diese Problematik bestimmt ihre gesamte Politik. nationale Gewerkschaftsverbände. Der Domei ist rechtsstehend und vor allem auf die Großbetriebe des privaten Hier einige Beispiele: Sektors konzentriert; der Sohyo ist linksreformistisch und In der Gewerkschaft steht die KPJ mit ihren Aktivitäten vor allem im öffentlichen Sektor verankert (Bahn, Post, rechts von der sozialistischen Bürokratie der Sohyo. Erzichungswesen...) Letztere ist bereit, ökonomische Kämpfe zu organisieren, vährend die KPJ in dieser Hinsicht sehr zögert, Während

Die Sozialdemokratische Partei ist mit dem Domei ver der letzten Frühjahrsstreiks (1974) sprach die sozialistische bunden. Die Sozialistische Partei kontrolliert weitgehend den Gewerkschaftsapparat des Sohyo; sie vertügt dagegen Bürokratie von Generalstreik. Die KPJ brach damals den Streik der Lehrer: sie erklärte, daß die Lehrer nicht Lohnnicht über einen eigenen Parteiapparat. Die Kommunis- abhängige wie alle anderen tische Partei Japans (KP)) ihrerseits stellt eine beträcht- seien, daß sie gegenüber den Massen eine besondere Ver- Liche Minderheit im Sohyo. Außerdem verfügt sie über antwortung hätten und daß sie Rücksicht auf die Kinder, lamentskampagnen, einen starken nationalen Apparat für ihre Wahl und Par- die Eltem und die Gemeinden nehmen müssten, daß sie nicht so einfach streiken könnten. Man kann sich keine

Seite 22

JAPAN konservativere Linie vorstellen! Sie stellt auch für die KPJ eine Neuheit dar.

Ein anderes Beispiel: Die KPJ führt heute eine sehr heftige Kampagne gegen die Liga für die Befreiung der Büraku (die Büraku sind eine Schicht der japanischen Bevölkerung, die bei der Bildung des Kastensystems im vorkapitalistischen Japan künstlich aus diesem System ausgeschlossen wurden, Sie sind in bestimmten Dörfern zusammengefaßt und müssen sich auf Tätigkeiten beschränken, die vom Buddhismus als "unrein" angesehen werden, wie z. B. die Gerberei usw. Trotz der Auflösung der Kasten und der Tatsache, daß keinerlei ethnische und religiöse Unterscheidung sie von den Die Buraku-Bewegung hat ihren eigenen radikalen, kämpferischen Flügel gebildet: die Liga zur Befreiung der Buraku. Sie war 10 bis 15 Jahre lang sehr aktiv, vor allem auf dem Niveau der Ortschaften, der Gemeinden. Insbesondere haben sie bedeutende Konzessionen von zahlreichen Gemeinderäten erreicht. Diese Bewegung ist in letzter Zeit militanter geworden. Die KPJ ist ständig damit beschäftigt, sie anzupranger.

Die KPJ hat die Liga mehrere Male gespalten und ist Blöcke mit den traditionellen bürgerlichen Strömungen Japans gegen sie eingegangen. Sie erklärt heute, daß . die Liga von einer Bande von Abenteurer gebildet wird, daß sie eine gewalttätige Gruppe ist und daß sie die Errungenschaften, die die Liga in den Gemeinden erreicht hat, wieder infragestellt. Das hat zu einem zeitweisen Bruch der Koalition KP/SP im Gemeinderat von Tokio geführt, die hinter dem derzeitigen Gouverneur der Hauptstadt, Ryokichi Minobe. steht, Seit acht Jahren regiert diese Koalition jetzt die Hauptstadt Ihr Zerbrechen würde den sicheren Sieg der Konservativen bei den nächsten Wahlen bedeuten. Die Intervention des französischen Sozialistenführers Francois Mitterand bei seinem Besuch vor drei Wochen in Japan war nötig, um die Scherben wieder zusammenzuleimen !Schließlich akzeptiert die KPJ in ihrem Regierungsprogramm die Selbstverteidigungsstreitkräfte, mit Hilfe derer die Bourgeoisie ihre Armee, die nach der Niederlage im Zweiten. Weltkrieg aufgelöst worden war, wieder aufstellt, Im Grunde verlangt die KPJ von den Massen, angesichts der ökonomischen und sozialen Krise und angesichts der entstehenden Finanzschwierigkeiten der Gemeinden, eine Rationalisierung der kapitalistischen Wirtschaft auf ihrem Rücken zu akzeptieren, und die nationale Einheit der Bevölkerung nicht infrage zu stellen. So sehen die ultrarechten Lehren aus, die die KPJ aus Chile zog!Sie repräsentiert damit ein regelrechtes schweres Hindernis für die Vertiefung der Kassenkämpfe in Japan, INPREKORR: Im Jahre 1974 war die Inflation die Schllsselfrage für die japanische Arbeiterklasse. Und im letzten Jahr erlebten wir einen faktischen Generalstreik von mehreren Millionen Lohnabhängigen. Heute kommt die wirtschaftliche Rezession noch hinzu. Die Arbeitslosigkeit wird zum Massenphänomen. Selbst nach den offiziellen Zahlen erreicht sie schon die Millionengrenze und übertrifft sie sogar. (im März soll sie 1 270 000 erreichen). Aber diese Zahlen spiegeln die erhebliche Unterbeschäftigung nicht wieder, Gewerkschaftskreise sprechen von 2 Millionen, die völlig ohne Arbeit sind und 2 bis 4 Millionen Teilarbeitslosen. Die Entlassungen und Arbeitszeit-Reduzierungen treffen vor allem die Frauen, die Arbeiter der mittleren Untemehmen und die nicht-permanenten Arbeiter der Großbetriebe (wo zahlreiche Arbeiter den Vorteil genießen, einen Arbeitsplatz " auf Lebenszeit" zu haben). Die Überstunden wurden abgebaut, was den • Löhnen, die schon durch die Inflation angesagt werden, einen harten Schlag versetzt.

Die Bourgeoisie führt eine sehr heitige Kampagne gegen die kommenden Mobilisierungen zur Verteidigung des Lohnniveaus. Und die KPJ unternimmt alles, um die Entwicklung ökonomischer Kämpfe zu blockieren, Die traditionellen Gewerkschaftsführungen bieten keine Lösung für dieses Problem. Die Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse wächst, Aber ihr fehlt eine nationale Alternativführung, die unabhängig von KP, SP und SDP ist. Der Druck der Bourgeoisie auf den Gewerkschaftsapparat, die Bedingungen einer kapitalistischen Rentabilisierung der Wirtschaft zu akzeptieren, ist groß, und die KPJ hat sich schon gebeugt. Die Sohyo bereitet sich auf einen Sonderkongress zur Diskussion der Frühjahrskämpfe vor. Die Aussichten für die Bürokratie, dort ihre Einheit zu wahren, sind gering! Wir müssen die Entwicklung von kompromißlosen Kämpfen gegen den Bankrott der traditionellen bürokratischen Führungen und gegen die Volksfrontlinie der KPJ förder. Eine unabhängige Tendenz muß sich herausbilden. Wir können damit rechnen, daß die Rechte in der Gewerkschaft immer bliebenen Privatsektor. Wir müssen also auch in diesen mehr in Schwierigkeiten geraten wird, auch im zurückge- Sektor unsere Intervention vorbereiten. Es fällt schwer, voraussehen zu wollen, wie die Frühjahrskampagne ablaufen wird. Aber was man schon sagen kann, ist, dal sie eine neue Periode von Arbeiterkämpfen eröffnen wird, die von der neuen nationalen und internationalen Wirtschaftssituation dominiert werden. In diesem Zusammenhang muß man die Rechtsentwicklung der traditionellen Führungen sehen, die Wichtigkeit des Kampfes gegen die Orientierung der KPJ und für die Herausbildung einer unabhängigen klassenkämpferischen Tendenz in den nächsten 2 oder 3 Jahren, Die Differenzierung innerhalb der Arbeiterklasse wird sich beschleunigen. Wir treten sehr wahrscheinlich in eine Periode der Arbeitereewegung Neu zur ammenset, policen und internationalistisch darin intervenieren, nicht nur in Hinblick auf die Bildung dieser nationalen klassenkämpferischen Tendenz, sondern auch, um den Kampf der japanischen Arbeiterklasse fest mit dem in der ganzen Region geführten Kampf gegen den japanischen Imperialismus zu verbinden.

INPREKORR: Kannst Du uns zum Schluß Näheres über die Arbeit erzählen, die die japanische Sektion heute entwickelt?

SAKAI: Es ist unmöglich die Gesamtheit unserer Aktivitäten zu beschreiben, denn sie sind heute sehr vielfältig. Ich kann auch wenig uber die jüngsten Aktionen, die wir durchgeführt haben, sagen, denn ich war außerhalb des Landes. Aber man kann nichtsdestoweniger einen Überblick über unsere wichtigsten Interventionsthemen geben. Wir haben eben die Vereinigungskonferenz der drei Jugendorganisationen, die wir bisher hatten (der Studenten, Oberschüler und jugendlichen Arbeiter), abgehalten. Das war die Gründungskonferenz der Liga der Kommunistischen Jugend siehe Artikel in dieser INPREKORR).

Wir bereiten auch die Gründung einer neuen sozialistischen Frauenorganisation vor. Die Genossen und Genossinen unserer Organisation verstärken ihre systematische Arbeit in Richtung auf die Arbeiterinnen wie auch auf die Hausfrauen der Volksschichten, in den Gemeinden und Gewerkschaften, um ihren Kampf in einer einzigen Klassenfront zu vereinen. Wir entwickeln bedeutende Aktivitäten in Solidarität

Seite 23

mit der Oppositionsbewegung gegen die Park-Diktatur in Südkorea, Und wir haben eine Solidaritätsarbeit mit len Kämpfen der Bevölkerung von Südostasien gegen die neokolonialen Regime begonnen; wir nehmen auch am Informationszentrum über diepolitischen Gefangenen in Asien teil und verfolgen weiterhin gleichzeitig unsere ei- Rene anti-imperialistische Arbeit im südostasiatischen Desgleichen beweisen wir unsere konkrete Solidaritat mit der Bewegung der Buraku, insbesondere im Prozess disken minierenden usa, der zum Tode und dam z Opfer einer lebenslänglicher Haft verurteilt wurde. Zehntausende haben sich am 31. Oktober um das Gerichtsgebäude, wo der Prozess ablief, versammelt. Die KPJ hat ihrerseits ihre eigene, ziemlich bescheidene Versammlung abgehalten und sich geweigert, am großen Meeting teilzunehmen wegen der Rolle, die dort die Liga zur Befreiung der Buraku spielte! Ebenso führen wir unsere Solidaritätsaktivitäten mit den Bauern von Sanrizuka weiter, die seit nunmehr zehn Jahren gegen den Bau des neuen internationalen Flughafens von Tokio kämpfen. Am 10. Oktober haben sich auf einen Appell des Bauernverbandes von Sanrizuka 5 000 Personen in der Nähe des Flughafens versammelt. Wir brachten 900 Genossen zu dieser Versammlung, das stärkste Kontingent einer Organisation, Die Versammlung war ein voller Erfolg; ihre Funktion war, die nahen, voraussehbaren Konfrontationen vorzubereiten, die stattfinden werden, wenn die Regierung versucht, den Turm niederzureißen, der auf dem Boden der Bauern errichtet wurde und die Benutzung des Flughafens verhindert. Wir unternehmen auch antimilitaristische Aktivitäten, insbesondere anläßlich des Prozesses gegen zwei Soldaten, die zusammen mit drei anderen aus der Armee entlassen wurden, weil sie die militärische Besetzung von Okinawa (Insel der Ryukyu-Archipels, wo die Amerikaner eine riesige Militärbasis errichtet haben) durch die USA und Japan denunzierten. Sie gehen gegen ihre Entlassungen vors Berufsgericht, um wieder ir ler Armee arbeiten zu können. Diese Kampagne beschränk sich nicht allein auf antimilitaristische Propaganda, sie interveniert auch in den Gewerkschaften und mobilisiert Arbeiter.

Im Allgemeinen ist unsere Situation heute objektiv günstig. Ende der 60er Jahre gab es etwa ein Dutzend Gruppen der extremen Linken, Aber in den Jahren 1971-73 ist die Explosion der Studentenkämpfe erloschen, und die Aktivitäten , und die Aktivitäten zahlreicher anderer Gruppen haben einen ähnlichen oder noch prononcierteren Niedergang gefunden. Einige der wichtigsten von dieser Entwicklung betroffenen Gruppen sind jetzt in physischen Kämpfen gegeneinander engagiert, in den "uchigcha", die schon zahlreiche Opfer an Menschenleben kosteten, Wir können sagen, daß wir heute die einzige Organisation der extremen Linken sind, die national verankert ist und eine tatsächliche politische Funktion in der gegenwärtigen Situation erfüllt. Das ist das Ergebnis eines Degenerierungsprozesses der extremen Linken Japans, dem wir entrinnen konnten, Wir sind heute in der Lage, den Versuch zu unternehmen, in den zwei bis drei kommenden Jahren die politische Hegemonie in der extremen Linken zu gewinnen. Gleichzeitig muß dieser Entwicklungsprozess unserer Organisation internationalistisch geführt werden. Deshalb verdoppeln wir unsere Anstrengungen, am Aufbau der IV. Internationale voll teilzunehmen. Paris, 10, März 1975 GRÜNDUNG DES

KOMMUNISTISCHEN

JUGENDBUNDES

Die Gründungskonferenz der Japanischen Kommunistischen Jugendliga wurde in Tokio am 31. Januar und 1. Februar abgehalten. Vorher existierten drei Jugendorganisationen unter der Führung der Japanischen Revolution är-Kommunistischen Liga (JRKL), der japanischen Sektion der IV. Internationale: das Internationale Arbeiterkomitee, die Internationalistische Kommunistische Studentenliga und die Front Intemationalistischer Oberschüler, In den vergangenen Jahren strebten die japanischen Trotzkisten an, eine einzige, vereinigte kommunistische Jugendorganisation von Jungen Arbeitern, Studenten und Oberschülem zu bilden, Die Gründung der Japanischen Sozialistischen Jugendliga stellt den erfolgreichen Höhepunkt dieser Anstrengungen, Die neue Organisation zählt etwa 1 000 Mitglieder, von denen etwa 65% junge Arbeiter, 30% Studenten und 5% Oberschüler sind, Die Gründungskonferenz war von mehr als 100 Delegierten und vielen Beobachtern aus 30 Städten ganz Japans besucht. Solidaritätsadressen von Genossen des Daily Combatting Bulletin (Hong Kong), der Young Socialist Alliance (USA) und der Ligue Communiste Revolutionnaire (Frankreich) waren eingetroffen. Die Konferenzteilnehmer diskutierten den Organisationsbericht, einen politischen Bericht und die Statuten. Ken Ishimari wurde zum nationalen Präsidenten, Kenichi Okado und Masaru Yokai zu Vizepräsidenten und Katsu Yasuda zum nationalen Sekretär gewählt. Am 2. Februar fand eine Massenversammlung von 1 400 Personen statt, um die Gründung der neuen Organisation zu würdigen. Unter den Rednern waren u. a, Yoshii Iwasawa von der Bauernunion gegen den Neuen Internationalen Flughafen von Sanrizuka-Shibayama, sowie Elichi Kazuo Ishikalea, ein jenge Zutaku, der zu der älteste trotzkistische Kader in Japan. vielen Jahren Gefängnis verurteilt war, sardte eine Grußbotschaft. Genosse Jiro Fujiwara, ein Vertreter der Japanischen Revolutionär-Kommunistischen Liga, hielt eine Rede mit dem Titel: "Kämpten wir zusammen für unsere Weltrevolution und die kommunistische Zukunft". Die Genossen Anitar Cheng vom Daily Combatting Bulletin, Rich Finkel von der Young Socialist Alliance und Leonard Olivier von der Ligue Communiste Revolutionnaire sprachen ebenfalls auf der Versammlung Der Schlußredner war Genosse Ichiro Endo. der Kandidat der 2KL für den Gemeinderat von Sendai.

Die Gründung der neuen Jugendorganisation bedeutet für die trotzkistische Bewegung in Japan einen großen Schritt nach vorn, ein klarer Ausdruck der Tatsache, daß die internen Krisen der 60er Jahre nun endgültig überwunden sind. All die anderen Tendenzen und Gruppen der extremen Linken und die Linkszentristen waren am Ende der Studentenradikalisierung von 1968-70 politisch bankrott. Die japanische Sektion der IV. Internationale dagegen machte in den Jahren 1971 bis 1974 eindrucksvolle Gewinne, und jetzt ist die trotzkistische Bewegung Japans in eine neue Wachstumsperiode eingetreten. Die jungen Arbeiter, Studenten und Oberschüler der Japanischen Kommunistischen Jugendliga werden sich dafür einsetzen, die Größe ihrer neuen Organisation in der kommenden Periode zu verdoppeln und zu verdreifachen,