Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Jugoslawien

Stoppt die Repression gegen die marxistischen und die sozialistischen Professoren

· Inprekorr Nr. 30, 15. Juni 1974 · S. 20-21 · 964 Wörter

Jugoslawien und Balkan Stalinismus und Bürokratie Jugend und Studenten

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Im Dezember 1971 hat die titoistische Bürokratie begonnen, aut breiter Ebene das gesamte pontische, nomische und kulturelle Leben wieder fest unter Kontrolle zu bringen, ohne jedoch die Wirtschaftsreform von 1965 explizit infrage zu stellen. Ist doch gerade die Kombination der Widersprüche einer bürokratisierten Gesellschaft mit denen, die dem "ökonomischen Liberalismus" eigen sind, der Faktor, der den Hintergrund für die starken sozialen Spannungen bildet, unter denen die "kroatische Krise" Ende 1971 ein deutlicher Ausdruck war: wachsende regionale Ungleichheiten, Zunahme der Arbeitslosigkeit (es gibt neben den 300 000 Arbeitslosen im Lande selbst 1 Million jugoslawischer Arbeiter im bleiben die schreiprobleme, en den listop die den Nährstoff zu zahlreichen Konflikten geben. Konflikte zwischen Natonalitaten, zwischen der zentralen Bürokratie aut Bundesebene und der der verschiedenen Republiken, zwischen Finanz- und Bankkreisen, Streiks der Arbeiter Tür die Erhöhung ihrer Löhne und für die Erhaltung der Rechte, die sie im Rahmen der Selbstverwaltung haben. Gegenüber solchen Spannungen hat die titoistische Bürokratie den einzigen Weg eingeschlagen, der mit der hufrechterhaltung ihrer Privilegien vereinbar ist: Sie suchte, weit davon entfemt, die wirklichen Gründe für die sozialen Ungleichheiten und Spannungen anzu- ›acken, stattdessen Sündenböcke, was die Wut der Massen besänftigen soll (vergl. die berühmte von Tito eingeleitete Kampagne gegen all diejenigen, die sich "mißbräuchlich" bereichert haben) und unterdrückte andererseits jede Opposition, indem sie zur gleichen Zeit versuchte, die Kommunistische Liga Jugoslawiens in ein geeignetes Instrument zu verwandeln, mithilfe dessen sie strikte Kontrolle über die jugoslawische Gesellschaft wiedererlangen will.

Aber die Dezentralisierung, die seit den 50er Jahren mehr und mehr betrieben wurde, hatte Konsequenzen: das kulturelle und politische Leben in jugoslawien ist viel entwickelter als in den "Volksdemokratien" Osteuropas; die philosophische Zeitschrift "Praxis" und die jährlichen Seminartreffen auf Korcula haben einen internationalen Ruf gewonnen, der zu dem Image paßt, das die titoistische Bürokratie bewahren möchte. Aber über diese Aktivitäten der jugoslawischen marxistischen Philosophen hinaus zeigten das Ausmaß der Studentenbewegung im Juni 1968 und ihre Kampfthemen ("die Revolution geht weiter, Selbstverwaltung von unten bis oben"), welchen Fortschritt die revolutionăr-marxistischen Vorstellungen unter der radikalisierten Jugend erfuhren. So hat die Bürokratie ihr Ziel, das gesellschaftliche Leben straff zu kontrollieren, bisher weder erreicht, noch wird es ihr leicht fallen, es zu erreichen, besonders dann, wenn sie gleichzeitig den schein von Demokratie und die Unabhängigkeit vor der sowjetischen Bürokratie, ihrer feindlichen Schwester, aufrechterhalten will - und das will sie offenbar Die Zahl der Säuberungen seit 1971 in der Kommunistischen Liga ist ziemlich groß (mehr als 55 000 Peronen wurden ausgeschlossen). Die Repression trai gleichzeitig die 'harten, reinen" Neo-Stalinisten, die von den gegenwärtigen Konflikten profitieren und auf die Rückkehr zur totalen Zentralisierung drängen, und die "Liberalen, Anarchisten und Restaurationisten aller Art" (wie die Bürokratie sie tituliert), die manchmal echte Befürworter einer Ausdehnung der Marktgesetze, Kineten en solend ancien toren en.

heute im Zentrum der Attacken jene, die am besten in der Lage sind, den bürokratischen Zentralismus zu verurteilen und die sich fest entschlossen zeigen, die Errungenschaften der Selbstverwaltung in die Wirklichkeit umzusetzen: die marxistischen Professoren, die mit der Zeitschrift "Praxis" zusammenarbeiten, und vielleicht noch mehr die Studenten, die nicht nur aktiv tür die Meinungs- und Forschungsreiheit ihrer Professoren, sondern auch für die Entwicklung eines authentisch sozialistischen Kampfprogramms eintreten. Seit einigen Monaten haben die jugoslawischen Behörden alles in Bewegung gesetzt, um den Ausschluß von 3 Professoren der philosophischen Fakultät in Belgrad durchzusetzen. Alle 8 sind Mitarbeiter von "Praxis": Mihailo Markovic, Ljubomir Tadic, Svetozar Stojanavic, Miladin Zivotic, Zaga Pesic-Golubovic, dragdjub Micunovic, Nebosja Popov und Trivo Indjic). Alle Arten von Repressalien wurden gegen sie eingesetzt: Entzug von Păssen, Pressekampagnen, "Briefe von Arbeitern" die urplötzlich ihr Interesse an der Philosophie entdeckten, usw. Aber bisher leisteten die legalen Gremien der Universitäten Widerstand, Daraufhin versuchten die Bürokraten, die gesetzlichen Bestimmungen zu ändern. Sie versuchten, einen neuen Fakultätsrat einzurichten, dessen Mitglieder zur Hälfte künftig von den Behörden emannt und eingesetzt werden sollten. Man stellte neue ralische und theoretische" Kriterien für die Habilitation (Lehrerlaubnis für Professoren) auf usw. Aber bis jetzt war der Widerstand zu stark. Die Professoren sind noch im Amt. Ihre Studenten haben sich Die Solidaritätsdehnt. Im Januar 1974 koordinierten sich die drei Fakultäten und verabschiedeten eine Resolution, die - über die Unterstützung der Professoren hinaus aufrutt zum gemeinsamen Kampf mit den Studenten für einen Sozialismus, der das Proletariat wirklich an die Macht bringt. In der Resolution wird aufgerufen zur Koordination aller sozialistischen Kräfte zum Kampf gegen die bürokratischen Privilegien, gegen soziale Ungleichheiten und gegen die Auswanderung von Arbeitern aus Jugsolawien.

Dies bezeugt einen Kampfeswillen, dem die Bürokratie nur mit Repression begegnen kann. Schon im März wurde ein Student, Wladimir PALANCININ, deshalb verhaftet, weil er "eine solche Resolution verlesen" hatte. Verfahren laufen bereits gegen 11 Studenten von drei Fakultäten, Sobald der Kongreß der Kommunistischen Liga Jugoslawiens zu Ende ist und die Führung das Heft fest in der Hand hat, sobald das öffentliche Interesse und die öffentliche Mobilisierung nachlassen werden in den Sommermonaten, dann kann es Prozesse regnen, dann kann sich die Repression noch verschärfen.

Die titoistische Bürokratie muß auf die Solidarität der Revolutionäre der ganzen Welt mit den marxistischen Professoren und den kommunistischen jugoslawischen Studenten stoßen fIm gleichen Moment, in dem sie demagogisch versichert, die Selbstverwaltung zu stärken und zu verbreitern, unterdrückt sie diejenigen, die diese Versprechungen Realität werden lassen wollen. Einmal mehr hat sie zu den Mitteln der Prozesse und der Repression gegen authentische Sozialisten gegriffen, denn der Zeitpunkt der Bilanz ist gekommen, wo das jugoslawische Proletariat in den Aufrufen der Studenten und Professoren den Weg entdekcen könnte, den die Bürokratie ihm versperrt: den Weg zur wirklichen politischen Macht.

-C. VERLA - (aus INPRECOR Nr. 2, vom 20. Juni 1974)

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