DER STREIK BEI SOMISA UND DIE HERAUSBILDUNG EINER REVOLUTIONÄREN FÜHRUNG ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Ohne Übertreibung können wir sagen, daß der Streik und die Betriebsbesetzung bei SOMI- SA, dem wichtigsten Stahlwerk des Landes, die politische Lage in Argentinien von Grund auf erschüttert haben. Sie legten die Perspektiven und Programme der Parteien offen, die den Anspruch erhoben, die radikale Arbeiterbewegung zu repräsentieren. Deshalb lohnt sich eine genauere Betrachtung der Ereignisse.
DIE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG
Die argentinische Arbeiterbewegung ist massiv in Gewerkschaften organisiert. Obwohl es
keine offiziellen Statistiken gibt, wird geschätzt, daß das Proletariat etwa zu 90 % ge-. werkschaftlich organisiert ist. Für jede Industrie wird nur eine Gewerkschaft un ein gewerkschaftlicher Dachverband anerkannt.
Die Gewerkschaften bilden riesige bürokratische Strukturen, ähnlich wie in Amerika und in Europa. Nach dem Gesetz dürfen sie Pflichtbeiträge kassieren, die automatisch von den Löhnen und Gehältern abgezogen werden. Außerdem organisieren die Gewerkschaften die gesundheitliche und soziale Versorgung ihrer Mitglieder, was ihnen die Verfügung über Millionenbeträge gestattet und den Aufbau eines mächtigen bürokratischen Apparats ermöglicht. Die Gewerkschaft der Büroangestellten beispielsweise hat 2 000 bis 3 000 bezahlte Funktionäre. Das gleiche gilt für alle großen Gewerkschaften.
Als sich 1955 die nationale Bourgeoisie gemeinsam mit dem Imperialismus der Regierung Perons entledigte, versuchte sie durch ein Regime ähnlich dem brasilianischen die Arbeiterbewegung und ihre Gewerkschaftsorganisationen auch zu zerschlagen. Aber der Widerstand der Gewerkschaftsbewegung durchkreuzte diese Pläne und zwang die Ausbeuter zu einer Änderung ihrer Taktik: statt die Arbeiterorganisation zu zerstören, versuchten sie jetzt, diese zu kontrollieren und durch Bestechung ihrer Führung zu prostituieren. Diese Taktik brachte der Bourgeoisie bessere Ergebnisse, aber keinen völligen Erfolg, weil sich in der Tradition der Gewerkschaftsbewegung der letzten 30 Jahre ein System von Fabrikkomitees entwickelt und erhalten hat, nämlich die 'internen Kommissionen' und die Delegiertenräte, die die Arbeiterbasis vertreten und Massenbewegungen organisieren, die das Regime schon mehrmals unter Druck gesetzt haben.
Die zahlenmäßig und organisatorisch stärkste argentinische Gewerkschaft ist mit 350 000 Mitgliedern die Metallarbeitergewerkschaft UOM (Union Obrera Metalúrgica). Sie umfaßt alle Metallarbeiter außer denen der Autoindustrie, die selbständig organisiert sind. Es gibt seit langen Streit zwischen diesen beiden Gewerkschaften über die Zuständigkeit für gewisse Zulieferbetriebe für die Autoindustrie. Die gesamte Stahlindustrie ist der Metallarbeitergewerkschaft zugeordnet.
Die Stahlarbeiter selber betrachten sich als zu einem unabhängigen Industriezweig gehörig, ähnlich wie die Arbeiter der Autoindustrie, und sie wollen nicht mehr zur Metallarbeitergewerkschaft gehören. Sie haben eine eigene Stahlarbeitergewerkschaft aufgebaut, die ihre Basis bei SOMISA hat, dem Stahlwerk für Rüstungsgüter in San Nicolás, einer Ha- Fenstadt in der Nähe von Buenos Aires. Die Stahlarbeiter gehen dabei von allgemeinen Überlegungen über die Industriezweige aus; dahinter steht aber noch ein konkreter Grund die bürokratische Struktur der UOM und besonders der Ortsverwaltung von San Nicolás. Diese Ortsverwaltung wird völlig beherrscht von José Rucci, dem Sekretär des Dachver bandes CGT (Confederacion General del Trabajo). Dieser Mann besitzt das Vertrauen der Regierung und Perons; er ist ein Freund der spanischen Falangisten und hat Verbindungen zu einer faschistischen Organisation, die von Anchorena geführt wird, einem der berüchtigsten Mitglieder der argentinischen Oligarchie. Er bezeichnet sich stolz als Todfeind der Linken. Er reist in Luxusautos umher, umgeben von schwerbewaffneten Leibwächtern aus der Unterwelt. Vor etwa einem Monat passierte ein für ihn typischer Vorfall: auf dem internationalen Flughafen traf er zufällig einen links-peronistischen Gewerkschaftsführer. Als dessen Anhänger anfingen, "Verräter'" Rucci zuzurufen, schossen dessen Leibwächter auf sie. In San Nicolás führt er ein terroristisches Regime. Etwa 100 Schläger mit einem Freibrief von der Polizei machen Jagd auf die Genossen, die sich gegen die bürokratische Gewerkschaftsführung einsetzen.