Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Wirtschaft

Ein neues Wachstumsmodell?

· Inprekorr Nr. 248/249, Juni/Juli 1992 · S. 9-15 · 5.873 Wörter

Weltwirtschaft und Krise USA und Kanada Frankreich

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Nach einem Jahrzehnt ungehemmter Offenmarktpolitik gab es Anfang der 90er Jahre eine Reihe von Veränderungen in der Funktionsweise des Weltkapitalismus. In diesem Artikel sollen die mittelfristigen Auswirkungen dieser Veränderungen untersucht und ihre theoretische Analyse unterbreitet werden. MAXIME DURAND

Unsere Untersuchung der Übergang von einer expansiven zu einer depressiven langen Welle aufgrund syste- Krise ruht auf zwei Säulen, die mimmanenter Faktoren erfolgt, aber zu den hier kurz vorgestellt werden Voraussetzungen für eine neue expansive sollen. Die erste Säule ist das Welle auch externe Faktoren gehören. Damit spezifisch marxistische Ver- meinen wir nicht, daß der Klassenkampf ständnis von der Doppelnatur "außerhalb" der kapitalistischen Ökonomie des Kapitalismus: Zum Funk- stattfindet, sondern vielmehr, daß die Entfaltionieren braucht er sowohl Profit als auch tung solcher externen Faktoren weder auto- Absatz, und in diesem Doppelerfordernis matisch noch garantiert ist. steckt einer seiner Grundwidersprüche. Diese Herangehensweise brachte Marxi- Unser zweites Werkzeug ist die Theorie stinnen dazu, am Beginn der 80er Jahre eine der langen Wellen (s. Kasten), die insbeson- doppelte Vorhersage zu treffen. Dazu gehörte dere auf die Tatsache hervorhebt, daß der die Ankündigung einer dritten großen Rezes- PROFIT AND GROWTH

Seven Principal Countries 6.0 -21 -20 5.5- - 19 5.0- -18 GROWTH RATE 4.5- PROFIT 17 -16 OF PROFIT - 15 3.0- GROWTH 13 2.5- •12 2.0- 656607686970717273777779000180d305000 e PHASE W SOURCE OECD sion, die unserer Meinung nach aufgrund der Probleme, mit denen sich der Kapitalismus konfrontiert sah, der sowohl die Profite wieder ankurbeln als auch neue Absatzmärkte schaffen mußte, unabwendbar war. Zu diesem Problem kamen andere Faktoren hinzu, die in Verbindung mit den inner-imperialistischen Ungleichgewichten und dem internationalen Finanzchaos standen. Die Bourgeoisie neigt in ihrem Versuch zur Ankurbelung der Profite dazu, den Markt zu verkleinern und damit eine neue, diesmal nachfrageseitige Rezession zu entfessein.

Die zweite Vorhersage basierte auf der Auffassung, daß es aus Kapitalsicht keinen wirklichen Fortschritt geben könne, ohne daß sich das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen ändert. Deshalb lägen große soziale Kämpfe vor uns. Heute müssen wir festhalten, daß die Erfahrungen der 80er Jahre beide Vorhersagen widerlegten. Erstens gab es keine dritte verallgemeinerte Rezession, nicht cinmal einen Finanzkollaps; selbst der Börsenkrach vom Oktober 1987 konnte relativ leicht überwunden werden. Die Ankurbelung der Profite konnte mit dem Erhalt einer leidlichen Wachstumsrate verknüpft werden. Zum Verständnis der Gründe dafür müssen die Eigenheiten des letzten Jahrzehnts eingehend betrachtet werden. Der Graph unten erlaubt uns die Betrachtung aus einer langfristigen Perspektive. Zwei Kurven stellen die Entwicklung von Produktionswachstum und Profitrate dar.

Diese beiden Variablen wurden von der OECD für die G7-Länder (USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Britannien, Italien und Kanada) fluktuationsbereinigt berechnet.

In diesem Graphen stecken besonders viele Aussagen, auf die wir im Verlauf des Artikels noch eingehen. Der erste eindrucksvolle Aspekt ist die Synchronität beider Kurven. Sie bestätigt das alte marxistische Theorem, nach dem die Entwicklung der Profitrate die Dynamik des Kapitalismus bestimmt.

Der zweite Aspekt ist der Fall der durchschnittlichen Profitrate, beginnend mit der US-Rezession von 1967 und begleitet von einem Wachstumsrückgang lange vor der "Ölkrise" 1973. Am Ende dieser ersten Phase, 1972 und 1973, kann ein erneutes Wachstum beobachtet werden. Es fällt mit einer zunchmenden Kapitalakkumulation zusammen und soll die Auswirkungen des Lohndrucks ausgleichen.

Die erste verallgemeinerte Rezession

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WIRTSCHAFT

Die erste verallgemeinerte Rezession fand ist das monetaristische Jahrzehnt in allen duzieren. Egal ob wir es marxistisch oder also 1975-1976 statt • sie ist durch das Ländern erneut durch ein abgebremstes An- keynesianistisch ausdrücken, diese wachsen- Rechteck auf dem Bild gekennzeichnet. steigen der Reallöhne gekennzeichnet, die de Lücke zwischen Reallöhnen und Produk- Wachstum und Profitrate fallen gemeinsam, langsamer zunehmen als die Produktivität: tivität muß zu einer Verwertungskrise führen. und dieser Fall ist stärker als es auf dem Ergebnis dieser beiden Entwicklungen waren Die ArbeiterInnen produzieren zwar immer Graphen scheint, der, wir erinnern uns, fallende Löhne in allen wichtigen industriali- mehr, aber wer wird ihre Produkte kaufen? fluktuationsbereinigt, also die Entwicklung sierten Ländern mit Ausnahme Großbritanni- Der Druck auf die Löhne - breitangelegt und "wegglättend" gezeichnet wurde. ens, wo dieser Prozeß bereits vorher abgelau- in allen Ländern gleichzeitig -, kann zu einer Nach dieser ersten Rezession begann eine neuen Verengung der Märkte zu führen. neue Phase, in der eine nachfrageorientierte Eine Rationalisierung des konstanten Diese Periodisierung führt uns also zu einer Politik zu einem leichten Aufschwung von Kapitals hätten dazu dienen können, die Untersuchung der Funktionsweise des Kapi- Profit und Wachstum führte. Doch diese Profitrate ohne übermäßigen Druck auf die talismus in den 80er Jahren und seiner Fähigkeit zur Wiederankurbelung der Profite ohne DIE DREI PHASEN DER KRISE Wachstumseinbußen.

Phase | Expansion Starkes Hohe Die Veränderung im Muster der Mehr- 1965 - 73 Wachstum (5%) Profitrate (19%) wertkonsumtion bildet den Hauptanpassungsfaktor. Das ist eine grundlegende These, die Phase II Keynesianische Gemäßigtes Niedrige sich schlicht aus den Tabellen ergibt. Bine 1976 - 79 Politik Wachstum (3,5%) Profitrate (15%) anspruchsvolle Darstellung dieser besonde- Phase III Liberale Gemäßigtes Gemaßigte ren Wachstumsweise kann aus einem verein- 1983 - 92 Politik Wachstum (3%) Profitrate (17%) fachten Modell kapitalistischer Reproduktion entwickelt werden.

Stellen wir uns vor, das Einkommen wird Tabelle 1 lediglich zwischen Profiten und Löhnen auf- Politik war der Tiefe der Krise nicht mehr Löhne wieder anzukurbeln. Doch dies war geteilt. Der Lohn wird vollständig konsuangemessen, und die zweite verallgemeinerte nicht der Fall: die Einführung neuer Techno- miert, ein Teil des Mehrwertes wird akkumu- Rezession von 1980-1982 beendete schnell logien wurde bis jetzt von einer Steigerung liert, der Rest konsumiert. Im "fordistischen" oder bestenfalls Aufrechterhaltung der orga- Wachstumsmodell beinhaltet erweiterte Re- Mit der generellen Hinwendung nischen Zusammensetzung des Kapitals be- produktion das proportionale Wachstum aller ungehemmten Offenmarktpolitik beganneine gleitet. Tabelle 3 zeigt, daß der Kapitalkoef- Einkommens- und Nachfrageelemente, So Dritte Phase, die mittlerweile fast zehn Jahre fizient, d.h. der Anteil des konstanten Kapi- daß keine strukturelle Deformation in der anhält. Das neue, im Graphen grau kenntlich tals am Produkt, im letzten Jahrzehnt weiter Einkommensaufteilung und -allokation stattgemachte Phänomen (which readers of Inp- gestiegen ist. findet. Im "postfordistischen" Wachstumsrekorr won't certainly be able to see given the Fortschritte bei der Produktivitätssteige- modell sicht es anders aus. Einfach ausgerepeated reproduction of this graph, David!) rung haben sich daher immer weniger in drückt, steigen zwar die Einkommen, aber die liegt darin, daß die beiden Kurven auseinan- einen Anstieg der Reallöhne übersetzt und Löhne - und damit die Konsumtion der derstreben. Die Profitrate erholt sich sehr stabilisierten stattdessen die Profitrate. Diese Lohnabhängigen - sind blockiert. Die Werschnell, ohne jedoch die Höhen der ersten Funktionsweise wirft eine der wichtigsten trealisierung setzt also ein relatives Wachs- Phase erreichen zu können, aber das Wachs- Regeln des "Fordismus" - paralleles Wachs- tum des konsumierten Mehrwerts voraus. tum hebt nicht richtig ab. tum von Reallöhnen und Produktivität - über Dieses abstrakte Prinzip wird begleitet Die Situation in den frühen 90er Jahren ist Bord. von drei Merkmalen dieser spezifischen durch deutlichen Wachstumsrückgang und Die Kernfrage lautet also: wie kann sich Akkumulationsweise. Das wesentliche Elesinkende Profitraten gekennzeichnet. Diedrei das System unter diesen Bedingungen repro- ment ist die Umverteilung der Einkommen Phasen dieser Krisenperiode können deshalb zu der unteren Tabelle zusammengefaßt wer- PRODUKTIVITÄT REALLÖHNE LOHNANTEIL den, in der die Zahlenwerte auf stilisierten Werten für die nicht-rezessiven Perioden III III = III basieren. USA 1,3 0,1 0,8 1,5 0,2 0,2 0,2 0,1 -0,6 Die Wiederankurbelung der Profitrate ist Japan 8,3 2,9 2,9 7,9 2,8 1,4 -0.3 -0,1 -1,5 das wesentliche Phänomen der jüngsten Zeit: BRD 4,0 2,9 1,4 5,1 2,5 0,9 1,0 -0,4 - 0,4 im Grunde genommen ist sie Resultat einer grundsätzlichen Veränderung des Anteils der Frankreich 4,4 2,4 1,9 4,1 3,5 1,3 -0,2 1,0 -0,6 Löhne am hinzugefügten Wert. Eine genaue- Italien 5,6 2,8 1,8 5,0 3,5 0,9 -0,6 0,7 -0,9 re Betrachtung enthüllt zwei wichtige Ten- Britannien 3,2 2,7 2,1 4,4 1,6 2,1 1,2 -1,1 0,0 denzen. Kanada 2,4 1,3 1,3 2,5 1,8 0,7 0,1 0,5 -0,6 Die erste ist ein Rückgang der Arbeitsproduktivität, deren durchschnittliche Steige- G7 3,6 1,6 1,7 3,9 1,6 0,9 0,2 0,0 -0,8 rungsrate zu Beginn der Krise um die Hälfte Jährliche durchschnittliche Wachstumsraten: / - 1965-73, II = 1973-79,III = 1979-87. fiel. Zunächst flaute das Wachstum der Quelle: OECD

Reallöhne ab, auch wenn es in Frankreich oder Italien noch starken Widerstand gab. So Tabelle 2 10 INPREKORR 247

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zuungunsten der Löhne. Das bedeutet sowohl die Wiederankurbelung der Profite bei gleichzeitiger Umorientierung der Nachfrage in eine Richtung, die den Erfordernissen der Profitrealisierung eher entspricht. Ein solcher Prozeß liegt der momentanen Struktur der Weltwirtschaft zugrunde, wo das US-Defizit mitsamt zugehöriger Kreditexpansion einem Einkommenstransfer zu den Sphären mit einer starken Konsumneigung entspricht. Und schließlich: die Ausweitung des Finanzsektors spiegelt die Schaffung von Mehrwert wieder, der nicht akkumuliert wird, sondern die Einkommensverteilung ändert, aber so, daß dieser Mehrwert wieder in die Konsumtion eintreten kann.

Diese Darstellung unterscheidet sich von anderen Analysen; sie ist regulatistischer als die der RegulationistInnen (siehe Kasten auf Seite ???), die mehr und mehr dazu übergegangen sind, auf eine Darstellung der Funktionsweise des Kapitalismus in den letzten 15 Jahren zu verzichten, und sich damit begnügen, mögliche und erwünschte Szenarien zu vergleichen. Diese Analyse der Entwicklung des Finanzsektors unterscheidet sich auch von der Argumentation, die von einer "Casino- Ökonomie" und den "Problemen" spricht, die sich aus "zu profitorientierten" Effizienzkriterien ergeben. Diese Argumentation, unter anderem vertreten von den ÖkonomInnen der Französischen KP, basiert auf einem falschen Verständnis des Wertgesetzes (als ob die Finanzsphäre vom Kapitalumschlag völlig unabhängig werden könnte) und ist begleitet von Illusionen in die Möglichkeit, den Kapitalismus "anders", "produktiver" funktionieren zu lassen.

Wenn wir die gegenwärtigen Formen der Kapitalreproduktion klären wollen, müssen wir uns auf ihre Tendenz zur Aufteilung in zwei große Sektoren konzentrieren: den modernen industriellen und Computersektor, der durch relativ hohe Produktivitätsgewinne und DER KAPITALKOEFFIZIENT

III

USA -0,2 1,1 0,4 Japan 2,6 3,2 1,7 BRD 1,4 1,0 0,9 Frankreich -0,9 1,0 0,4 Italien -0,3 -0,3 0,6 Britannien 0.6 1,5 0,5 OECD 0,4 1,5 0,8 Jährliche durchschnittliche Wachstumsraten: 1 - 1960-73, II = 1973-79, III - 1979-88. Quelle: OECD.

Tabelle 3 WIRTSCHAFT

Schaffung ziemlich weniger Arbeitsplätze gekennzeichnet ist und einen Sektor von Dienstleistungen mit niedriger Produktivität, der aufgrund seiner Natur vor der internationalen Konkurrenz besser geschützt ist. Das ist der privilegierte Ort der Schaffung von Arbeitsplätzen.

Dieses Schema, das als saubere Lösung der Beschäfligungskrise gesehen werden könnte, klappt jedoch nur, wenn mehrere Bedingungen zutreffen. Dazu gehört zuerst die Produktivität. Hier muß daran erinnert werden, daß die Produktivität eins der wesentlichen Parameter für Höhe und Entwicklung der Profitrate ist. Ein Produktivitätsrückgang tendiert daher, wenn er mehr Jobs schaffen kann, zur Senkung der Profitrate. Das Problem liegt also in der Trennung von Arbeitsplatzschaffung auf der Basis geringer Produktivität einerseits und der Bestimmung der Profitrate andererseits. Die einzige logische Lösung liegt in der Entwicklung einer Wirtschaftssphäre, die nicht den Anforderungen kapitalistischer Profitabilität unterworfen ist oder die schwache Produktivität durch Lohnsenkungen kompensiert. Diese Produktivitätsungleichgewichte führen also zu einer Art "Neo-Dualismus". Das französische Wirtschaftsministerium hat diese Auffassung offiziell theoretisiert. Die Funktion der Ungleichheit

Dieser theoretische Entwurf hat mehrere wichtige Folgen, u.a. die Funktion der Ungleichheit. Die Verringerung der Ungleichheit gehörte noch nie zu den zentralen Zielen des Kapitalismus. Aber das folgende Modell verleiht ihr genau eine solche zentrale Rolle. Was muß mit den Einkommen im obigen Modell geschehen, damit es funktionieren kann?

Im Dienstleistungssektor müssen die Löhne offensichtlich auf einem niedrigen Niveau bleiben, denn sie müssen entweder gegen die Löhne im konkurrierenden Sektor oder gegen den umverteilten Mehrwert austauschbar sein, und umgekehrt muß eine Einkommenskonzentration zugunsten der Reichen, die allein in großem Maßstab beisteigenden Realpreisen weiter konsumieren können, gesichert sein. Dann kann die Idee von der Ausgliederung eines unabhängig funktionierenden Wirtschaftssektors aus der kapitalistischen Sphäre ausgeschlossen werden, da das Modell, um glaubhaft zu sein, die Artikulation der beiden Abteilungen bedeutet. Unter solchen Bedingungen kann die Produktion im Dienstleistungssektor nicht von diesem Sektor selbst gekauft werden; das kann nur vermittels der Löhne in den anderen Sektoren oder nichtakkumulierten Mehrwerts erfolgen. Ausgaben für Dienstleistungen, entweder weil sie Löhne mit einschließen oder weil sie den akkumulierbaren Mehrwert verringern, erlauben unvermeidlich die Entwicklung eines Dienstleistungssektors, der Arbeitsplätze schafft und die negative Auswirkungen auf Profitrate und/oder Akkumulationsrate hat. Der Ausweg liegt also im Auftauchen einer "dritten Nachfrage", die für viele halbindustrialisierte Länder charakteristisch ist. Dazu gehören die nicht lohngestützten Einkommen, die regelmäßig erhöht werden, um Produkte aus den Sektoren mit niedriger Produktivität zu kaufen, während Lohnerhöhungen im produktiven Sektor blockiert sind. Genauso entspricht die Art, wie die Reichen ihr Einkommen zwischen Investitionen, Käufen und Industriegütern aufteilen, der gegenwärtigen Dynamik des Kapitals.

Diese kurze Erläuterung führt zu zwei Voraussagen: Die Schaffung von Arbeitsplätzen im Dienstleistungssektor muß begleitet werden von niedrigeren Löhnen und die Einkommensverteilung muß zugunsten der nicht lohngestützten Nachfrage verändert werden.

Das Beispiel der USA bestätigt dieses beiden Prognosen eindeutig. Es ist Mode geworden, von der Great American Job Machine zu reden.

Zwischen 1980 und 1986 wurden zehn Millionen Arbeitsplätze in den USA geschaffen, während die vier größten europäischen Länder, mit knapp derselben Bevölkerungszahl, kaum zwei Millionen schafften. Aber die große Mehrheit dieser neuen Arbeitsplätze sind extrem schlecht bezahlte Dienstleistungsjobs. Zwischen 1981 und 1987 betrugen die Gehälter in den expandierenden Sektoren weniger als zwei Drittel der von anderen Sektoren (1.830 Dollar im Monat, verglichen mit 2.700), obwohl die Unterschiede in den vorausgegangenen zwanzig Jahren zu vernachlässigen waren. Das stellt alsoeinen Bruch mit früheren Tendenzen dar. Diese Trendwende wurde durch viele Studien in den USA und Britannien bestätigt. Diese Entwicklung ist analog zu der in Frankreich seit 1983. Die Kaufkraft der Lohnverdienerinnen stagniert und der aus dem Produktivitätszuwachs resultierende Überschuß wird als nicht lohngestützte Revenue verteilt.

Diese Konsumreduzierung der Lohnabhängigen wurde gerade erst auf spektakuläre Weise durch eine Studie des französischen Nationalen Instituts für Statistik und Wirtschaftsstudien (INSEE) bestätigt, in der sich zeigt, daß in zehn Jahren "die Ausgaben des wohlhabendsten Viertels der Haushalte um

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rund 20 Prozent, in Francs ausgedrückt, stiegen, während die der weniger gutgestellten Haushalte stagnierten. Die Konsumlücke zwischen wohlhabenden Haushalten und solchen mit mittleren Einkommen stieg." Weltweit gibt es ein ähnliches Phänomen, das ganze Entwicklungszonen teilt. 1987 lebten 3,4 Milliarden Menschen in der kapitalistischen Welt. Ihr mittleres Einkommen lag bei 3.600 Dollar im Jahr. Aber die ärmste Hälfte erhielt nur wenig mehr als 1.200 Dollar, zwei Drittel bekamen weniger als 3.000 Dollar pro Jahr. Außerdem fiel in den 80er Jahren, zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, die durchschnittliche Pro-Kopf- Produktion in Gebieten wie Afrika, dem Mittleren Osten und Lateinamerika. Die berühmten "vier Drachen" Südostasiens (Südkorea, Singapur, Hong Kong und Taiwan) waren lediglich eine Ausnahme, da sie nicht mehr als 1,4 Prozent der Weltbevölkerung umfassen.

Die Regulationistinnen, die mit einer Auseinandersetzung mit dem Konsumverhalten beginnen, verweisen auf einen wichtigen Aspekt in der Analyse der gesellschaftlichen Reproduktion, der sich auf das Verhältnis zwischen Wert und Gebrauchswert bezieht. Nicht jede Konsumtionsweise ist mit den gegebenen Reproduktionsbedingungen vereinbar. Man kann sich nicht nur auf eine globale Wertanalyse beschränken und ihre Vermittlung zwischen Löhnen und Mehrwert untersuchen; zusätzlich muß die Produktionsstruktur hinsichtlich der Gebrauchswerte der Konsumtionsstruktur entsprechen. Eine Gesellschaft kann beispielsweise nicht ihre Anstrengungen auf die Produktion von Luxusgütern konzentrieren und gleichzeitig die Lohnabhängigen privilegieren. Das bedeutet keine Ablehnung des Marxismus, sondern eine Zuwendung zu Marx' Untersuchung über die Rolle der Gebrauchswerte. So geschen wurde die lange expansive Welle durch die Übereinstimmung der Konsummuster mit den Produktionsbedingungen ermöglicht. Die Regulationistinnen haben das als Fordismus bezeichnet. Kurz gesagt setzt sich die Konsumtion der LohnverdienerInnen aus einem wachsenden Teil von Industrieprodukten zusammen, hergestellt von den selben LohnverdienerInnen unter Bedingungen, die bedeutenden Produktivitätszuwachs garantieren. Dieser Produktivitätszuwachs erlaubt eine Kompensation der Auswirkungen wachsender Reallöhne auf die Kapitalprofitabilität.

Damitdie Kapitalreproduktion dynamisch erfolgen kann, müssen folgende Bedingungen erfüllt werden:

WIRTSCHAFT

Kapitalverwertung zu gewährleisten; 2) Realisierung dieses Werts als große Menge von Tauschwerten; nis zwischen dem Proprise uNd dem- Konsumierten.

Diese Bedingungen dürfen nicht nur gelegentlich vorhanden sein; sie müssen über einen längeren Zeitraum dynamisch reproduziert werden.

Mit dieser kurzen Darstellung kann eine dritte Facette der Krise beleuchtet werden: der Kapitalismus hat nicht nur wachsende Schwierigkeiten bei der Erzielung von Profiten und der Schaffung von neuen Absatzmärkten, sondern steht auch vor dem zusätzlichem Hindernisder zunchmenden Ungleichzeitigkeit der gesellschaftlichen Erfordernisstruktur und der Profitabilität. Das ökonomische Hauptproblem liegt hierbei in der Zuteilung gesellschaftlicher Arbeit. Wenn die Gesellschaft als Ganzes betrachtet wird, verfügt sie zu jedem Zeitpunkt über eine bestimmte Menge Arbeit und entscheidet sich für die Zuteilung der Arbeit zu diesem oder jenen Sektor. In dieser Entscheidung zeigen Sich ihre Prioritäten, egal ob explizit oder implizit. Diese Zuteilung wird durch die Kombination zweier Kriterien realisiert, die nicht unbedingt koinzidieren müssen. Einerseits führt die Suche nach Profit, genauer die Jagd nach langfristigen und höchstmöglichen Profiten, zu einer Regel, die sich folgendermaßen zusammenfassen läßt: es gibt die spontane Tendenz, Kapital in Bereichenzu investieren, die höchstmögliches Wachstum und Produktivität sichern, denn das ist Grundlage und Garantie für die Aufrechterhaltung einer hohen Profitrate. Die andere Logik, die wir mit Engels als Logik der nützlichen gesellschaftlichen Auswirkungen bezeichnen können, führt zu einer Priorität für die dringendsten und intensivsten sozialen Erfordernisse.

Im Kapitalismus ist diese Logik präsent, bleibt aber latent. Güter, die den sozialen Erfordernissen nicht gerecht werden, sind unverkäuflich, und die Befriedigung bestimmter sozialer Erfordernisse setzt sich in der Spontanlogik des Kapitalismus durch, der in Reinform ohnehin nur in Lehrbüchern auftritt.

Unserer Theorie der gegenwärtigen Etappe des Kapitalismus läuft darauf hinaus, daß diese durch eine wachsende Lücke zwischen den beiden Kriterien gekennzeichnet ist, oder, anders gesagt, durch die zunehmende Schwierigkeit, die Verbindung zwischen dem, was die Menschen kaufen wollen und dem, was der Kapitalismus produzieren will, aufrecht- Die Theorle der Langen Wellen

Die Theorle der "langen Wellen" kapitalistischer Entwicklung stammt aus der Arbeit des russischen Ökonomen N. D. Kondratieff. In seinem Buch Die Weltwirtschaft und Ihre Konjunktur Im und nach dem Krieg (1922) erklärt Kondratieff, die Wirtschaftskrise von 1920 - 21 stamme im Gefolge der Produktionsexpansion der USA und anderer nichteuropäischer Länder im Ersten Weltkrieg aus einer Gleichgewichtsstörung zwischen der Distribution auf den Weltmärkten und den Produktivkräften. Diese Krise mündete jedoch nicht in den Zusammenbruch des Kapitalismus, sondern in die Wiederherstellung seines Gleichgewichts.

Kondratieff behauptete, der Kapitalismus hätte seit 1789 zwei komplette lange Wellen von je 50 Jahren Dauer durchlaufen. In der Zeit zwischen 1789-1809 gab es eine lange expansive Welle, der eine Welle relativer Stagnation von 1809 bis 1849 folgte. 1849 begann eine neuer Zyklus mit einer expansiven Welle, die bis 1873 anhielt, gefolgt von einer rezessiven Welle bis 1896. Die expansive Welle des dritten Zyklus dauerte von 1896 bis 1920.

Die akute Natur der Krise nach dem Ersten Weltkrieg ergab sich aus der Tatsache, daß sie einen Wendepunkt im dritten langen Zyklus und den Beginn seiner rezessiven Welle markierte. Nach Kondratieffs Meinung stellt diese langen Welle Oszillationen um das langfristige Gleichgewicht des Kapitalismus dar, und stehen in Beziehung zur Reproduktion der dauerhaftesten und teuersten Formen fixen Kapitals - Investitionen wie Kanäle, Eisenbahnen, Gebäude und periodischen technologischen Umwälzungen in der Industrie.

Die bekannteste Anwendung der Theorie der langen Wellen gab es in den letzten Jahren durch Ernest Mandel in seinem Spätkapitalismus. sche Periode charakterisiert ist durch eine Veränderung der Konsummuster hin zu hochproduktiv hergestellten Industriegütern (Autos und ähnliches), wendet sich die Nachfrage der LohnempfängerInnen in den imperialistischen Ländern hin hin zu Güterkategorien, deren Befriedigung auch unter weniger 1) Produktion von Mehrwert, um die zuerhalten. Während die sogenannte fordistiproduktiven Bedingungen gesichert ist.

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Die Frage, warum eine neue Produktpalette den Platz im Konsummuster besetzen kann, der früher von Autos eingenommen wurde, kann mit zwei Erklärungen beantwortet werden. Einerseits haben die clektronischen Bauteile, die eigentlich den "Neofordismus" einläutensollten, keinen ausreichenden Marktanteil; Walkman, Videorecorder usw expandieren schnell, aber ein Videorecorder ist zwanzig Mal weniger wert als ein Auto. Und vor allem gibt es eine spontane Veränderung hin zu anderen Typen von Gütern oder vielmehr Dienstleistungen, die wegen technischer Beschränkungen noch nicht "industrialisiert" werden können. Das wichtigste Beispiel sind die Gesundheitsausgaben, die spontan schneller als die Einkommen steigen und in allen Industrieländern begrenzt werden sollen, da sie die hochproduktive Produktion nicht fördern. Der Kapitalismus behandelt nicht alle Arten der Nachfrage gleich. Wenn ein Arbeiter/eine Arbeiterin ein Auto kauft, stimuliert er/sie die Wirtschaft. Wenn der selbe Arbeiter/die selbe Arbeiterin medizinisch versorgt wird, erhöht er/sie die Gesundheitskosten "exzessiv". Aber in beiden Fällen befriedigt er/sie ein Bedürfnis.

Die Veränderung in der Einkommensverteilung hin zur "dritten Nachfrage" (nicht lohngestützte Einkommen) ist deshalb eine Veränderung in der Konsumstruktur zugunsten von industriegütern oder von Industricgütern mit einem höheren durchschnittlichen Wert. Eine Folge aus dieser Entwicklung ist auch die Rolle, die von der unaufhörlichen Reproduktion des oberen Marktsegments gespielt wird: Jedes Produkt, das in die Phase der Massenproduktion mit deutlicher Preissenkung eintritt, muß sich laufend neu diffferenzieren und neue Modelle "von oben" einführen, um den Marktanteil zu halten. Aber das kann nur durch die Privilegierung der Nachfrage erreicht werden, die sich aus hohem Einkommen speist, dessen Struktur den Erfordernissen der Kapitalverwertung am besten entspricht. Wer auf diesen Aspekt verweist, indem er/sie das Konzept der Konsummuster einführt, übernimmt wohl kaum die heutzutage diskreditierte Position der Regulationistinnen. Einer der Aspekte der gegenwärtigen Krise ist, daß es, im Gegensatz zum Postulat der Regulationistinnen, keinen automatischen Anpassungsprozeß der Konsummuster an die Produktionsstruktur gibt.

Dieses Bild wird von den Auswirkungen der technologischen Veränderungen bestätigt. Zu den Hauptprinzipien der marxistischen Kapitalismusanalyse gehört die Nichttrennung technischer Innovationen von den WIRTSCHAFT sozialen Verhältnissen, unter denen sie eingeführt werden. Darum kann die Krise nicht einfach durch solche Innovationen gelöst werden.

Biner der erstaunlichsten Widersprüche der momentanen Lage ist, daß der Kapitalismus heutzutage über neue Produktionsmethoden verfügt, die ihm die qualitative Ausweitung menschlicher Arbeitsproduktivität erlauben würden. Aber diese Möglichkeiten können im Rahmen des Kapitalismus nicht verwirklicht werden, denn er muß zu seinem Fortbestehen sowohl sein wesentlichstes Funktionsprinzip, das Wertgesetz, als auch die Lohnsklaverei reproduzieren. Dazu gehört die Unterordnung der gesamten Wirtschaftssphäre unter die Herrschaft der Kapitallogik. So stellen technologische Veränderungen einen doppelten Verstoß gegen diese Herrschaft dar. Sie bedeuten eine beträchtliche Ökonomie der Arbeitszeit und verschärfen die Probleme der Krise der Arbeit offen. Ihrem Wesen nach bedeuten sie auch eine Berücksichtigung der Arbeit, die mit Lohndisziplin: Schlanker Produktion, Teamwork, Eigeninitiative usw unverträglich ist.

Ungenützte Innovationen

Wahrscheinlich zum ersten Mal in seiner Geschichte scheint der Kapitalismus unfähig zur Integration einer Reihe von ungenützten Innovationen. Die Möglichkeiten der Automatisierung für die Arbeitsökonomie, genauso wie das Potential der elektronischen Kommunikationsmittel für Verbreitung und Austausch von Informationen und Wissen, sind absolut unterausgenutzt, oder, wenn man so will, überausgebeutet, doch innerhalb enger Segmente mit elitären Prioritäten. Ein kürzlich erschiene Buch' geht auf diese Fragen näher ein. Wie sein Titel andeutet, gehört es zu den optimistischsten Untersuchungen hinsichtlich des progressiven inhalts der neuen Produktionsmethoden.

Aber gleichzeitig verweisen die Autoren auf folgende Grundidee: "Solange die neuen Produktionsmodelle in ihrem engen privaten Rahmen verbleiben, werden sie nur eine begrenzte Modernisierung darstellen und keine Nachfrage befriedigen, was einen Rationalitätsbegriff bedeuten würde, an dem die Gesellschaft als Ganzes interessiert ist." Der Kapitalismus, konfrontiert mit seiner Unfähigkeit zur Absorption aller seiner Potentiale, reagiert mit der Einführung von Differenzierungsprozessen, von denen wir einige Beispiele geschen haben. Das ist eines seiner heutigen Grundkennzeichen. Auf dem Gebiet der Arbeitsorganisation geht der Trend nicht zur schrittweisen Ausweitung von progressiven Organisationsformen auf alle Sektoren, sondern es herrscht, ganz im Gegenteil, eine Logik der selektiven Implantation. Die beiden oben zitierten Soziologen beschließen ihre Arbeit mit dem Hinweis auf die Veränderungen im Herzen der deutschen Industrie, "die für die Unternehmen in der weitestmöglichen Zurückweisung der negativen Auswirkungen der neuen Produktionsmodelle nach außen bestehen und, wenn dies nicht möglich ist, sie im innern auf isolierte Bereiche konzentrieren", was "einen Beschleunigungsfaktor für die Herausbildung von Segmenten darstellt". Dieser - klassisch marxistische • Widerspruch zwischen der Entwicklung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen läßt sich also folgendermaßen formulieren: "Kann diese gegenwärtige Aufteilung der Arbeitswelt zwischen denen, die für die Rationalisierung gewonnen werden können oder sich ihr resigniert fügen und den ungelernten, "marginalisierten" Arbeiterinnen, den Opfern der Krise, den Langzeitarbeitslosen, sich anders äußern als in einer neuen Form der Ungleichheit, die doch eigentlich dem historischen und sozialen Modernisierungsbegriff widerspricht?"

Begriffe wie Parzellierung, Segmentierung, Aufteilung und Splitting drücken alle die gleiche Tendenz des Kapitalismus zur Einschränkung seiner eigenen Entwicklungssphäre aus. Dieser Prozeß ist international sehr mächtig, verschärft die Trennung zwischen Zentrum und Peripherie: die Einführung neuer Technologien schafft eine neue Abhängigkeitsgrundlage und begleitet die Herausbildung einer dreipoligen imperialistischen Struktur, in der jeder Gipfel der "triadischen" Strukturzonen entwickelte Produktionseinheiten selektiv installiert. Die USA ist mit der "Initiative for the Americas" gerade bei der Neueroberung des amerikanischen Kontinents durch multinationale Freihandelsabkommen, die den aufdiktierten Verträgen zwischen ungleichen Wettbewerbspartnern ähneln, angelangt. Asien wird um den japanischen Giganten herum hierarchisch strukturiert, angefangen bei den "vier Drachen" bis zu den ärmsten Ländern und Ländern wie Malaysia oder die Philippinen, die sich über Niedriglöhne industrialisieren wollen.

Europa organisiert währenddessen seine verschiedenen konzentrischen Kreise, von der EWG bis zu den Niedriglohnzonen des Südens und Ostens, nicht ganz so dicht. Die Logik dieses Modells führt, sofern die osteuropäischen Länder betroffen sind, zu einer eindeutigen, sich bereits bestätigenden Vorhersage: die Durchdringung der "Marktwirt-

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Die Regulationsschule wurde folgendermaßen definiert: "in den letzten beiden Jahrzehnten hat sich die Französische (oder Pariser) School of Economic Regulation zu einer anspruchsvollen histo-ökonomischen Theorie entwickelt, die bereits bedeutenden Einfluß auf die Versuche zum Verständnis der gegenwärtigen Malaise des kapitalistischen Systems und der ökonomischen Begleittransformationen hat (...)

Die Regulationistinnen bestreiten, daß sich die kapitalistische Produktionsweise mit einer einzigen Reihe von Gesetzen vereinbaren läßt, die von ihrem Aufkommen bis zu ihrer eventueller Überwindung gültig sind. Sie sehen die Geschichte des Kapitalismus als Abfolge von Phasen, von denen jede sich durch bestimmte historisch entwickelte, sozio-institutionell definierte Strukturformen auszeichnet, die, solange sie aufrechterhalten werden, unterschiedliche Formen hervorbringen (...) (Sie) behaupten, daß die Sturkturformen, die diese Entwicklungsweisen (oder -phasen) in der Geschichte des Kapitalismus bilden, weitgehend als Produkte politischer und Klassenkämpfe verstanden werden müssen."

Robert Brenner, Mark Glick, "The Regulation Approach:

Theory and History" in New Left Review, Nr. 188, Juli/August 1991.

schaft" wird nicht überall gleichmäßig erfolgen.

Statt auf ein neues Eldorado zuzusteuern, operieren die internationalen Investorinnen mit Auswahlkriterien und selektierten Sektoren, die sorgfältig in die internationale Arbeitsteilung eingepaßt werden. Dieser Prozeß wird das Auseinanderbrechen der betroffenen Gesellschaften nach sich ziehen, indem er die nicht wettbewerbsfähigen Sektoren und die anpassungsunfähigen Bereiche der Arbeit marginalisiert und "informalisiert". Diese Entwicklung könnte einige besonders WIRTSCHAFT schwache Linder völlig ausschließen. Der Kapitalismus ist also noch nicht aus seiner Krise herausgekommen. Aber zum vollen Verständnis dieser Diagnose, sollten die unterschiedlichen Auffassungen des Krisenbegriffs zusammengefaßt werden. Zuallererst muß unterschieden werden zwischen zeitweiligen und Hauptkrisen: erstere ergeben sich aus dem normalen Funktionieren der kapitalistischen Ökonomie, die, abhängig vom Grad der Ungleichzeitigkeit der Konjunktur in den verschiedenen Ländern, immer zwischen Prosperität und Rezession schwankt. Aber theoretisch geschen kommt der Kapitalismus aus diesem Typ der Krise oder Rezession heraus, ohne auf andere als spontan auftauchende Mechanismen zurückgreifen zu müssen.

Die großen Krisen, wie in den 30er Jahren, kennzeichnen den Übergang von der langen expansiven Welle zur langen rezessiven Welle, stellen eine mehr oder weniger scharfe Wendung dar, deren Ausmaße alle Wachstumselemente bedrohen und externe Transformationen für den Beginn eines neuen Funktionsfeldes voraussetzen, das zur Wiederankurbelung langfristigen Wachstums nötig ist. Aber es gibt noch zwei andere Definitionen des Krisenbegriffs. Sie müssen dem gegenübergestellt werden, denn der Begriff kennzeichnet sowohl die Wendephase als auch die langen Perioden, in denen der Kapitalismus so unsicher funktioniert, daß seine Berechtigung in Frage steht. Die Krise der Arbeit zeigt sich im unerbittlichen Anstieg kapitalistischer Arbeitslosigkeit, die offenbar selbst kurz- oder mittelfristig nicht wesentlich gesenkt werden kann. Dieser Anstieg ergibt sich aus dem verlangsamten Wachstum, das sich mit den Produktivitätsfortschritten kombiniert und zu einem absolutem Rückgang der Anzahl der Arbeitsstunden führt. Der Kapitalismus, konfrontiert mit diesem Problem, entscheidet sich für die Lösung durch Arbeitslosigkeit, oder anders gesagt, durch Austritt aus der Sphäre profitabler Arbeit.

Fallender Status der Arbeit

In allen kapitalistischen Ländern kann eine Verschlechterung des Status der Lohnarbeiterinnen bemerkt werden: inoffizielle, schlechtbezahlte, unsichere Arbeitsverhältnisse nehmen einen immer größeren Teil der Wirtschaft in Beschlag, in Frankreich beispielsweise jeden fünften Job. Dieser "Fordismus" signalisiert umgekehrt, daß kapitalistische Rationalität, die Arbeitszeit zum Gradmesser des Werts macht, nicht länger die Zuteilung von Arbeit regulieren kann. Das Wertgesetz steht dem menschlichen Fortschritt zunehmend im Weg.

Die hier vorgelegte Einschätzung ist mit der zentralen Theorie der langen Wellen in Bezug auf den historischen und nichtgarantiertem Charakter des Auftretens expansionistischer Perioden voll vereinbar. Aber was heute geschicht, entspricht keiner plötzlichen Rückkehr zu den 40cr Jahren (Faschismus und Krieg). Heutzutage schen wir eine zügellose Offensive, nicht in der Form eines Frontalangriffs, sondern als langsamen Prozeß. Das Ziel soll durch Anhäufung vieler Teilniederlagen erreicht werden. Wir befinden uns also in einer Übergangsphase zwischen einer langen rezessiven und einer langen expansiven Welle. Das könnte als zügellose Krise bezeichnet werden.

Kann der Kapitalismus seine Zwangsjakke abstreifen, ein attraktives Gesellschaftsmodell präsentieren und aus dieser Krise herauskommen? Die vorausgegangene Untersuchung führt uns zu der Schlußfolgerung, daß das unmöglich ist. Es gibt keine Perspektive der Rückkehr zum Fordismus, dh zum proportionalen Wachstum von Löhnen und Produktion. Lohnausterität und soziale Ungleichheiten liegen dem seit Anfang der 80cr Jahre bestehenden Wachstumsmodell zugrunde.

Heute ist es unmöglich, eine progressive Lösung für das Beschäftigungsproblem im Rahmen des Kapitalismus zu finden. Der gegenwärtige Kapitalismus hat seine Siege schon hinter sich: er hat technologische Innovationen gebracht, die Profite wieder angekurbelt und die Löhne blockiert, kann aber nur noch auf einer zunchmend schmaleren Basis funktionieren. Seine momentane Logik bedeutet die Konsolidierung von Ungleichheit und Ausgrenzung in den imperialistischen Ländern und in der gesamten Weltwirtschaft. In allen Punkten scheint uns die Überlegenheit der marxistischen Analyse über die Gläubigen an Spontanharmonie bestätigt zu sein.

Anmerkung 1) Horst Kero und Michael Schumann, Le Fin de la division du travail? Editions de la Maison des Siences de l'Homme, Paris 1989.

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CUBA "Wir werden nicht bis zum Tod gehen"

Im folgenden dokumentieren wirein Interview der dpa mit einem der drei neu gewählten Politbüromitglieder der KP Cubas, Carlos Aldana (50), zuständig für Angelegenheiten der Parteipolitik, dem "dritten Mann" nach Fidel und Raoul Castro. Das Interview (Telefax vom 24.3.1992) hat uns der Vertreter der Cubanischen Botschaft in Bonn, Osvaldo Garcia Calvo, bei einer Veranstaltung von BWK, DKP, PDS, VSP, Volksfront, Anarchistinnen, Verein Solidarische Arbeiterhilfe, Politik im Forum, Freidenker, Radikale Linke, Nicaragua-Verein in Mannheim am 1. April 1992 zur Verfügung gestellt. Die Unterlagen sind aktuell und unseres Wissens von der bürgerlichen Presse nicht veröffentlicht worden. Die [nicht autorisierte] Ubersetzung wie die Erläuterungen stammen von Friederike Rüd

INTERVIEW MIT CARLOS ALDANA dpa:Inwiefern ruft die Politik der US-Blockade nichts Neues. Die haben uns USA Anderungen in Cuba die Daumenschrauben angelegt, weiter nichts. hervor? In der heutigen Situation ist das Entscheidende die zweite Blockade, die unfreiwillig ist. Aldana: Ich glaube, daß sie Einfluß hat Wir glauben nicht, daß es einen ausdrückund nicht gerade unbedeutenden. Es wird sich lichen Willen der russischen Regierung gibt, was ändern, wenn die Blockade, die Feindse- Cuba mit einer Blockade zu belegen. Es gibt ligkeit aufhört und uns die Marinebasis von [in Rußland] eine Situation der Veränderun- Guantanamo nicht mehr aufgezwungen ist, gen, Wandlungen, es gibt eine bestimmte wenn normale Beziehungen existieren. Unordnung, Desorganisation, Unerfahrenheit, In dem Moment, da sich in unserer Inkompetenz und Tendenzen, die eine Zeit- Gesellschaft nicht mehr, sagen wir, der Aus- lang andauern, aber die bei uns eine Tragödie, druck von feindlichen Interessen konstituiert, eine wirkliche Katastrophe verursacht haben. kann sich dort etwas bilden, das die Dinge Alle unsere Lieferquellen für Rohstoffe, anders betrachtet als wir, aber auf Grundlage Nahrungsmittel, Maschinen, Ersatzteile, Agzivilisierter Beziehungen. gregate, Ausrüstungen, all das ist plötzlich zusammengebrochen. Wir haben einen Badpa: Wenn die äußeren Faktoren stard bestehend aus nordamerikanischer Techdie innere Politik Cubas beein- nologie, die wir im Laufe von 30 Jahren flussen, wie bedingen sie dann reparierten und sowjetischer Technologie, die wirtschaftliche Krise? Die die wir anpaßten. All das beanspruchte einen cubanischen Führer sagten, das großen Aufwand an Ideen und Kreativität, Land müsse sich auf das Schlimmste vorbereiten, und das damit es funktionierte. Schlimmste schein eminent zu Man braucht in keiner Weise die Konsesein. Wie nah oder wie fern ist quenzen, die das auf unser Land hatte, zu die "Option Null"? minimieren, vor allem in Hinsicht auf die Grundfrage der Energieversorgung. Cuba Aldana: Die "Option Null" ist mytholo- war bei einem Verbrauch von mehr als 13 gisch. In unserer heutigen Situation bringt die Millionen Tonnen Öl angelangt, ein Ausdruck der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Im letzten Jahr erhielten wir weniger als 10, für dieses Jahr können wir keine sichere Zahl angeben, aber ohne zu optimistische oder pessimistisch zu sein, werden wir wohl mit der Hälfte auskommen müssen. Aber das Land hat sich schnell an diese Realität angepaßt. Wir hatten eine intelligente, lebhafte und kreative Reaktion der Bevölkerung und der Führung. Es fanden sich viele Einsparlösungen und -alternativen sowie Rationalisierungsmethoden. Es wurde uns aber auch bewußt, daß es in gewissem Sinne Verschwendungen gegeben hat.

Das Fahrrad war eine revolutionäre Antwort. In einigen Jahren wird jeder Cubaner ein Fahrrad haben. Cuba wir das Land der Palmen und Fahrräder, neben dem sich China lächerlich ausnehmen wird.

Unter dem Druck der außergewöhnlichen Situation lösen wir Probleme, die wir früher nicht bewältigten. Die Leute sehen, daß es einen Ausweg gibt, daß wir nicht in einer derart bitteren Lage sind, wie wir anfangs glaubten. Im Ausland gibt es falsche Vorstellungen über unseren Widerstandswillen. Man betrachtet uns als apokalyptisch, mit einer Veranlagung zum Heldentum, eine Spezies von Verrückten und Selbstmördern.

Wir wir sagen "Sozialismus oder Tod", stehen wir für den Sozialismus, da wir glauben, daß nur der Sozialismus uns Wohlstand und Frieden, den wir brauchen, garantieren