Der folgende Artikel wurde im November es in den "Moskauer Nachrichten" aus: Die 1991 geschrieben. Er analysiert die Folgen Reformpolitik Gorbatschows werde scheivon fast 70 Jahren stalinistischer Herrschaft tern, wenn sie nicht die Frauen erreicht. Was in der ehemaligen Sowjetunion für die Frau- sie damit meint, kann man einem Interview en in diesem Land und gibt viele Hintergrun- entnehmen, in dem sie deutlich macht, daß dinformationen über die Frauenpolitik in der es nicht genügt, gleiche Rechte zu haben, UdSSR (der Red.). sondern daß frau sie auch nutzen können Die Schriftstellerin Maja Ganina sprach muß.
die Internationale
Schon in der vorrevolutionären Zeit haben die Frauen in Rußland 1920 nur 7.4%, stieg bis 1930 auf 13.1 und 1952 auf 19.5%. 1971 eine politische Rolle gespielt. Unter den Terroristen der Sozialrevolu- waren es 22.2 und 1983 27.4%. Frauen zeigen auch ein wachsendes tionäre haben sie offensichtlich eine solche Gefahr dargestellt, daß ein Interesse an der politischen Arbeit. Unter den Deputierten der lokalen eigenes Gefängnis für sie errichtet werden mußte. Sowjets liegt ihr Anteil bei 48.1%, in den Obersten Sowjets der Die Geschichte Rußlands und der Sowjetunion seit der Revolution Unionsrepubliken sind sie mit 35.4% und im Obersten Sowjet mit 1917 ist gekennzeichnet durch die (zunehmende?) Anpassung der 31.4% vertreten (Zahlen von 1979). Aber auch hier verringert sich der Rechte der Frauen an die gesellschaftliche Entwicklung. Anteil der Frauen, wenn es um die einflußreichen, aber auch Die Demonstration zum 8. März 1917 (alter Kalender) löst die arbeitsintensiven Gremien geht. In den Exekutivkomitees der Sowjets, Februarrevolution aus. Das Bewußtsein der Frauen drückt sich in ihrer das sind die ausführenden Organe, gibt es auf örtlicher Ebene nur Entschließung aus (Text siche Kopie im Anhang). 32.9% Frauen. Der Rat der Volksdeputierten (1989) hat einen Das Programm der Bolschewiki spricht die Probleme richtig an Frauenanteil von nur 15%!
und die Gesetzgebung beginnt, sich darauf einzustellen. Die Ehc- Solche Zahlen zu interpretieren ist nicht ganz einfach. Sicherspielt (Zivilche) und damit auch Scheidungsgesetzgebung wird revolutio- einmal die Mehrfachbelastung der Frauen eine Rolle. Je weiter man niert, das Recht auf Abtreibung gewährt; aber hier zeigt sich schon - sich vom Wohnort entfernen muß, desto schwerer wird es den Frauen, und das geht bis in die Reihen der Frauen - daß die mögliche sexuelle dabeizubleiben. Vor allem ist der Vorsprung der Männer, der Freiheit als Unmoral geschen und gefürchtet wird. zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr bei der Grundlegung der Der Interventions- und Bürgerkrieg hat die Frauen in allen Karriere gewonnen wurde, nicht mehr einzuholen. Die Karriere des Bereichen herausgefordert, bei der Armee, aber auch in den traditio- Mannes wird kontinuierlich aufgebaut, die der Frau in Phasen. nellen Tätigkeiten, Lazarettdienst, und in den Fabriken. Mit der NEP Mit mangelnder beruflicher Qualifikation der Frauen läßt sich werden die Frauen zurückgedrängt, sie verlieren die Arbeitsplätze, die kaum argumentieren, wenn in einem Ministerrat von 114 Personen Gemeinschaftsverpflegung wird eingeschränkt, Einrichtungen zur nicht eine einzige Frau ist. Hier kann als Erklärung nur das Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit werden für nicht finan- Beharrungsvermögen einer privilegierten Männergesellschaft am zierbar erklärt. Werkesein, die sich keinerlei Irritation aussetzen will. Es bleibt immer Dennoch reicht der revolutionäre Schwung bis in die Landbezirke. zu bedenken, daß Frauen schwanger werden könnten, dann fallen sie Auch eine Form der Frauenbefreiung ist der (von Fanina Halle) für eine gewisse Zeit aus, daß Männer trunksüchtig werden können, überlieferte Spruch von Ende der 20er Jahre: womit sehr weitgehende Austalle verbunden sind, wird weniger ob's paßt, ob's nicht paßt, weiß ich nun, beachtet.
was einst kein Weib kapierte: Zum zweiten Mal in der Geschichte der UdSSR wurde eine Frau wagst Du mir etwas anzutun, zur Botschafterin ernannt. Nach Alexandra Kollontai, die in der so werd' ich Delegierte! Revolution eine sehr aktive Rolle gespielt hat und in der Stalinära die Die Frauenabteilung der KPdSU (Schenotdel) wird 1929 aufgelöst Sowjetunion in Norwegen, Mexiko und 1930-1945 in Schweden und später die "Heldenmutter" geehrt. In der Kriegszeit werden die vertreten hat, ist Soja Nowoschilowa seit 1987 Botschafterin in der Frauen in der Industrie zur entscheidenden Kraft (1940 38% der Schweiz. In einem interview (Sowjetunion heute, März 1988) wird sie Industriearbeiterinnen, gegen Kriegsende 53.3%). vorgestellt - ihr beruflicher und politischer Werdegang, ihre Familie, Aber die Rechte des Artikels 122 der Verfassung von 1936 sind die sie in ihrem Vorhaben unterstützt, und, fast wirkt es grotesk, sie immer noch zu verwirklichen! kocht selbst, allerdings nur einfache Gerichte. Ob wohl schon "Der Frau werden in der UdSSR auf allen Gebieten des irgendwann einmal ein Reporter einen Botschafter gefragt hat, wer wirtschaftlichen, staatlichen. kulturellen und seine Hemden wäscht?
gesellschaftlich-politischen Lebens die gleichen Rechte wie Solange das Rollenverständnis in der alten Weise konserviert und cher verstärkt als aufgelöst wird, werden die Fähigkeiten der weibli- Die Möglichkeit zur Verwirklichung dieser Rechte wird der chen Mehrheit für die Staatsführung ungenutzt bleiben. Dabei wird Frau gewährleistet durch Gleichstellung mit dem Manne im offiziell festgestellt: "Frauen ... sind unter den Spezialisten mit Hoch- Recht auf Arbeit, auf Entlohnung der Arbeit, auf Erholung, und Fachschulbildung (sogar) mit 60% vertreten. Das schafft gute auf Sozialversicherung und Bildung, durch staatlichen Schutz Voraussetzungen für die aktive Einbeziehung der Frauen in die der Interessen von Mutter und Kind, durch Gewährung eines staatliche Leitung." (Tschernenko). vollbezahlten Schwangerschaftsurlaubs, durch das dichte Netz von Entbindungsheimen, Kinderkrippen und - gärten." Frauen im Beruf
Frauen in der Politik
Betrachtet man die Repräsentanz von Frauen in den Führungsgre- Bildung und Ausbildung der Frauen sind in der Sowjetunion mien der Sowjetunion, so kann schon daran gezweifelt werden, ob das weitgehend gewährleistet. Frauen machen 54% der Studierenden an im Bewußtsein der Reformer verankert ist. Im Politbüro (PB) des ZK Hochschulen und 58% an Fachschulen aus (1984/85); sie stellen 69% der KPdSU befanden sich zwölf Männer. Hinzu kamen sieben der Arzte- und 73% der Lehrerschaft, 37% der Volksrichter, 40% der Kandidaten - männlich. Das ZK bestand aus 307 Personen, von denen Wissenschaftler, aber nur 14% der Doktoren der Wissenschaft. Aber 15 weiblichen Geschlechtes waren. Das sind nicht cinmal fünf die Ärzte sind wenig geachtet, der Beruf des Lehrers wird geradezu Prozent. Unter den elf Sekretären des ZK befand sich eine Frau, verachtet - eben ein miserabel bezahlter Frauenberuf. Bei den Alexandra Birjukowa, die zuständig war für Gewerkschafts- und - Grundschulen stellen die Frauen 80% der Schulleitungen, bei den natürlich - Familienfragen. Dabei waren immerhin im Wahlgremium des ZK, dem 27. Parteitag (Februar/März 1986) 27% der Delegierten Wenn die Einkommen des medizinischen Personals und der im Frauen. Das entspricht ihrem Anteil an der Mitgliedschaft. Bildungsbereich Beschäftigten besonders angehoben werden sollen, Daß das Interesse der Frauen an der Politik zugenommen hat, läßt heißt das auch, daß die sehr niedrigen Einkommen (88 bis 136 Rubel sich an der Entwicklung ihres Anteils in der Partei ablesen. Er betrug bei 155 als Durchschnittseinkommen in 1977) in diesen Frauenberufen 16 INPREKORR 246
die Internationale an die Durchschnittseinkommen angeglichen werden. Frauen haben eigenen Körper zu nehmen.
bei cinem Anteil von 53% an der Bevölkerung einen Anteil von 51% Verhütungsmittel sind selbst in den Großstädten nicht beliebig an den Erwerbstätigen. Aber wie in den USA und Westeuropa zugänglich. Die Qualität der Kondome • deren Produktion im betragen die Durchschnittseinkommen der Frauen in der UdSSR nur Zusammenhang mit AIDS forciert wird - wird als mangelhaft 60-65% des Einkommens der Männer (1977). Vor dem Hintergrund bezeichnet (durchlässig oder zu kompakt), die Pille gilt bei vielen der Gleichheit der formalen Schulbildung ist das wohl nur mit Frauen als gesundheitlich so bedenklich, daß man sie ablehnt. "Die Diskriminierung zu erklären. Auch in der UdSSR gibt es typische Pille ist ein Hormonpräparat, ich glaube sie ist schädlich", ist eine Frauenberufe, selbst in der Industriearbeiterschaft. 85% der Beschäf- typische Äußerung (Contergan wurde mit Ovulationshemmern vertigten in der Textilindustrie, 91% in Handel und Gastronomie, aber nur wechselt, die Folgen der Conterganeinnahme als Pillenfolge darge- 16% in Maschinenbau und Metallverarbeitung sind Frauen. stellt). Wenn Frauen verhüten, benutzen sie offenbar die Spirale. 1988 beklagt Soja Puchowa immer noch, und bis heute hat sich So gut wie jede Frau in der Sowjetunion hat abgetrieben, in der nichts Entscheidendes geändert, die schwierige Situation der Frauen, Regel ein bis fünf mal; in einigen Fallen bis zu 15 mal. Dabei muß man von denen 3.5 Millionen unter gesundheitsschädigenden Bedingun- wissen, daß die Abtreibung, die man ohne private Aufwendungen gen arbeiten; und 4 Millionen Nachtschichten machen (mehr als bekommt, eine blutige und barbarische Sache ist. Männer!), obwohl die Arbeitsgesetzgebung ähnlich wie in der BRD Charakteristisch scheint ein Leserbriefzitat: "Die Frau ist ihrer ist, Nachtarbeit für Frauen ist nur vorübergehend bei besonderer Natur nach geduldig, sie kann jeden Schmerz ertragen, aber es wäre Notwendigkeit gestattet. In der SU war und ist das aber wohl ein besser, wenn sie nicht leiden müßte." Dauerproblem. Heute wird betont, daß jede Frau ein Recht auf Schmerzlinderung
Schon 1988 zeichnet sich ab, daß Frauen, wenn ein Betrieb zum hat, dasselbe gilt auch für die Entbindungen. Diese werden ausschließ- Rentabilitätsprinzip übergeht, die ersten sind, die entlassen werden, lich in Kliniken vorgenommen, und ob sie mit schmerzlindernden die Einstellung von Frauen mit Kindern nicht erfolgt und die sozialen Mitteln gemacht werden, ist (vielleicht war) in den meisten Fallen von Einrichtungen der Betriebe zurückgefahren werden, was besonders zu der Bereitschaft, Geld zu zahlen, abhängig. Aus vielen Interviews und Lasten der Frauen geht. Beim Personalabbau in den Verwaltungen internen Darstellungen ist zu entnehmen, daß heute Pflege und sollen 80% der Entlassenen Frauen sein. Heute - November 1991 - sind medizinische Versorgung für einen entsprechenden Preis zu haben 77% der Arbeitslosen in Moskau Frauen! Es wird überlegt, ob die sind. Frauen sind natürlich über diese Art der Korruption besonders Kündigung von Frauen, die "Alleinernährerin" sind, nicht verboten Obwohl in wesentlichen Teilen der Sowjetunion auch das Daß sich die sowjetische Führung in Zusammenhang mit der Zusammenleben ohne Eheschließung zögernd akzeptiert wird, ist die Perestroika Gedanken macht, die Frauen anzusprechen und einbezie- Norm weiter Heirat, auch weil das oft die einzige Möglichkeit der hen zu müssen, ist daran zu erkennen, daß in den Betrieben Frauenräte Selbständigkeit ist, aber auch die einzige Möglichkeit, cin Sexualleben gebildet werden. Die Aufgaben dieser Einrichtung sind im Gesetz über zu haben. Die Eheschließung, formal nur eine Art Registrierung, hat die Betriebe aber sehr allgemein formuliert: "Die Fragen, die die eine romantische Komponente, die sich in einer Zeromonie ausdrückt, Arbeit und das Leben der Frauen betreffen". Es gibt aber keine klaren die unserer kirchlichen Trauung ähnelt (weißes Kleid, dunkler Anzug. Kompetenzen, die Frauenräte können nichts durchsetzen. "Man Brautstrauß, Musik, Ansprache). Das Brautpaar kann mit dem verfährt nach dem Motto: Schlagt mit den Flügeln, solange ihr Energie Hochzeitstermin auch ein "Heiratsbüchlein", das zum Einkauf in habt, wagt es aber nicht, die Grenzen zu übertreten, die angeblich die besonderen Geschäften berechtigt, so daß man sich nun eine Art Natur gezogen hat" (SU heute, 3/90, S. 29). Aussteuer zusammenkaufen konnte, aber auch die Kleidung, die der Feierlichkeit des Tages angemessen schien.
Frauen in der Familie Sehr langlebig ist allerdings ein Großteil der Ehen nicht. Die
Ehescheidungsrate in der UdSSR liegt gegenwärtig bei 3.4 je tausend Ein besonderes Problem, jetzt wenigstens ansatzweise durch Einwohner bei 9.3 Eheschließungen (in der BRD ist sie geringfügig Leserbriefe in das Bewußtsein gerückt, ist das wichtigste "Kinderver- niedriger). Die Scheidungsbegehren kommen mehrheitlich von den hütungsmittel" - die Abtreibung. Die Straffreiheit der Abtreibung wird Frauen, oft wegen Trunksucht der Männer. Manche Äußerungen direkt nach der Übernahme der politischen Macht durch die Bolschewiki machen auch das "gestörte Geschlechtsleben" dafür verantwortlich. mit ökonomischen Argumenten begründet, ja als "ausstaatspolitischen Es gibt in der öffentlichen Erziehung so gut wie keine Sexualaufklärung. Interessen" resultierend. Es war zu dieser Zeit den Frauen nicht Gegenwärtig wird allerdings darüber diskutiert, die Notwendigkeit hat zuzumuten, Kinder zu gebären, für deren Lebensunterhalt niemand man offensichtlich eingeschen. Das Problem AIDS, nun auch in der sorgen konnte. So nimmt es nicht wunder, wenn schon 1923 diese Sowjetunion registriert, unterstützt diese Tendenz zur offenen Freiheit wieder eingeschränkt wird, eine Aborten-Troika (Arztin, Sexualerziehung. Dafür machen sich jetzt Pornos, häufig als VertreterIn im Gesundheitskommissariat, Vertreterin des örtlichen hektographierte Schriften, und Prostitution bemerkbar. Sowjet) hat nun die eigentliche Entscheidung, die sich an Kriterien Die materiellen Folgen einer Ehescheidung sind für die Frauen orientiert, wie sie bei der Indikationslösung gelten. Die Stalinära heute nicht so gravierend, obwohl die Lage von alleinstehenden macht einen großen Schritt zurück, Abtreibung wird als kriminell Müttern mit zwei oder mchr Kindern als ein soziales Problem bezeichnet; der Staat nimmt die Frauen in die Pflicht. Ab 1936 ist angeschen wird. Die Frauen haben zumindest einen Arbeitsplatz, das Abtreibung absolut verboten, erst 1955 wird die medizinische heißt ein eigenes Einkommen. Unterhaltszahlungen sollen nicht Indikation wieder zugelassen. Seit 1968 ist die Abtreibung völlig frei, länger als ein Jahr geleistet werden, in Extremfällen bis zu fünf Jahren. und sie ist in der Gegenwart wohl das Mittel der Geburtenkontrolle. Außerordentlich problematisch ist allerdings die Kinderbetreuung. Diese Entwicklung der Abtreibungsfrage verdeutlicht, daß es aber auch die allgemeine Arbeit für die Familie. weder um Moral noch um die Gesundheit von Frau und Kind, sondern Auch in den intakten Familien leisten die Frauen den überwiegenum Macht geht, um die Macht über Frauen nach den vermeintlichen den Teil der häuslichen Arbeit. Die Frau allein bewältigt 70% der ökonomischen Zwängen zu verfügen und ihnen das Recht auf ihren Lebensmitteleinkäufe, 80% des Kochens, 64% des Abwaschens (hier
die Internationale helfen die Männer), 90% des Waschens, 87% des Bügelns, wobei die der Arbeitszeit zum Einkaufen schicken. Das Anstehen in den Männern nicht etwa den Rest allein bewältigen, sondern entweder Geschäften kann dabei verdreifacht werden dadurch, daß man 1. die andere oder beide Partner gemeinsam arbeiten (die konkreten Zahlen Ware auswählt, 2. bezahlt und 3. in Empfang nimmt, jeweils an einer stammen aus den 60er Jahren, die Situation wird sich cin wenig anderen Stelle. Statistisch nimmt das Einkaufen für eine dreiköpfige verbessert haben). Familie je Werktag ca. anderthalb Stunden in Anspruch. Wie
Besonders in den Großstädten, genauer dargestellt vor allem für notwendig eine glaubwürdig gesicherte Versorgung mit den notwen- Moskau (in Interviews, aber auch in der Literatur) leben 20-25% der digen Gütern ist, ist unschwer zu erkennen. Familien in unfreiwilligen Wohngemeinschaften, da es an Wohnraum Die Zahl der arbeitserleichternden Haushaltsgeräte erscheint fehlt. Gegenwärtig kommen auf einen Menschen 15.2 qm Wohnraum beachtlich. Laut Statistik hatten 1983 von 100 Haushalten 90 einen (in den USA sollen es 40 qm sein). Große Wohnungen werden von Kühlschrank, 70 Waschmaschinen, 36 einen Staubsauger (95 ein zwei, drei, manchmal auch mehr Familien bewohnt. Junge Paare leben Fernseh- und 93 ein Rundfunkgerät). Eine hundertprozentige Ausstatanfangs oft bei den (Schwieger) Eltern, so daß sich fünf, auch sechs tung wird angestrebt. Die Geräte sind allerdings sehr reparaturanfällig. Personen in zwei Zimmer teilen und Küche und Sanitäreinrichtungen und im Dienstleistungssektor hapert es sehr. oft noch mit anderen gemeinsam benutzen müssen. Da kann sogar das Um die Privatisierung der Reproduktionsarbeit, sprich Hausarbeit, Aufstellen einer Waschmaschine zu großen Streitigkeiten führen, aufzuheben, wäre der Ausbau attraktiver, preiswerter und fähiger denn es geht ja nicht um eine Gemeinschafts-, sondern um eine Dienstleistungszentren nötig. Aber aus allen öffentlichen Äußerungen individuelle Anschaffung. Die Zeitschrift Sowjetunion heute nennt und aus Interviews wird deutlich, daß die Tendenz sehr stark zur das eine "Vorscheidungssituation". Der 27. Parteitag hat deshalb 1986 Keimzelle Familie geht. "Seinerzeit wurde, ausgehend von heute als beschlossen, daß im Jahre 2000 jede Familie eine abgeschlossene fehlerhaft erkannten ideologischen und ökonomischen Prämissen, die Wohnung oder ein Eigenheim bewohnen soll. Der Eigenheimbau ökonomische Funktion der Familie im Sozialismus für die Zukunft sollte offensichtlich besonders forciert werden, da brachliegendes bestritten." Diese Wiederentdeckung der Familie geht so weit, daß Kapital genutzt werden kann, und das eigene Haus "eine feste und selbst das Problem der Freisetzung von Arbeitskräften in dieser Weise große Familie möglich macht. So konnte sie sich bisher jedenfalls gelöst werden könnte. Tatjana Saslawskaja, Mitglied er Akademie der immer entwickeln." Hier wird eine Tendenz deutlich, die frau und man Wissenschaften, sagt dazu: "Außerdem wird meiner Meinung nach in diesem sensiblen Bereich immer sicher erkennen kann, die Tendenz ein Teil der berufstätigen Frauen auf ihre Arbeitsplätze verzichten und zur Aufwertung der Familie. Hausarbeit vorziehen, falls sich die Einkünfte ihrer Ehemänner wie Während auf dem Lande wohl immer noch die Babuschka geplant vergrößern." Dabei bleibt natürlich offen, ob Frauen, die eine (Großmutter) einen Teil der Kinderbetreuung übernimmt, sind die qualifizierte Ausbildung haben, sich so einfach wieder abschieben Familien in den Städten auf öffentliche Einrichtungen angewiesen. lassen. Es ist kaum glaubhaft, daß Frauen die Äußerung einer Die Mutterschaftsregelung in der UdSSR ermöglicht in der ersten Medizinprofessorin ernstnehmen, die behauptet: "Schließlich gibt es Lebensphase des Kindes die Betreuung durch die Mutter; Väter genetische Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Wenn erscheinen in der Regelung nicht. Zur Pflege des Säuglings bekommt Männer zuviel in der Küche herumstehen müssen, verlieren sie ihre die Mutter heute ein Jahr teilweise bezahlten Urlaub, der auf Männlichkeit."
anderthalb Jahre ausgedehnt wurde, bei Arbeitsplatzgarantie. 1990 Der kleine Unterschied und seine großen Folgen, das sicht für die wurde der unbezahlte Urlaub auf drei Jahre ausgedehnt. Frauen an einem Werktag dann so aus: Achteinhalb Stunden Als besonders erschwerend wird aber von den Frauen zum Erwerbsarbeit (mit Pause), 1-2 Stunden Arbeitsweg, anderthalb Beispiel in Moskau empfunden, daß eine Kinderbetreuung häufig ,Stunden Einkauf; es muß täglich eingekauft werden, da die weder in der Nähe der Wohnung noch in der Nähe des Arbeitsplatzes Vorratshaltung Probleme macht und man immer nach Defitzitwaren oder gar am Arbeitsplatz. möglich ist, sondern Frauen, zuweilen auch schauen muß und Güter im Angebot oft fehlen. Hinzu kommen Männer, nehmen einstündige Fahrten in überfüllten Verkehrsmitteln anderthalb biszwei Stunden für die Zubereitung von Mahlzeiten, da es auf sich, um ein Kind unterbringen zu können. Und das zweimal am kaum Fertigprodukte gibt, und oft noch zeitaufwendige ein bis zwei Tage. Deshalb machen manche, besonders alleinstehende Frauen, Stunden für die Pflege der Kleidung, da vor allem Kinderkleidung oft Gebrauch von Kinderheimen, die die Kinder zu "Wochenendfahrern" täglich, zum Teil von Hand gewaschen werden muß, weil sie knapp ist. machen. Dazu kommen Nähen, Flicken, Bügeln, Aufräumen, Putzen, Abwa- Die Kindergärten werden von vielen Frauen als ausgesprochen schen mit einer Stunde. Für die Beschäftigung mit Kindern sollte schlecht angeschen. Mütter beklagen sich darüber, daß die Kinder wenigstens ein halbes Stündchen übrigbleiben, für die Pflege der eigentlich immer krank sind, vor allem an Erkältungen leiden. Dazu eigenen Person - und das Äußere soll doch attraktiv sein - noch ein kommt, daß die Zahl der Kinder in einer Gruppe groß ist - 25 Kinder halbes Stündchen; da Frau auch schlafen muß, und nach einem solchen und mehr. Tag ist das Bedürfnis danach verständlich, fragt man sich, woher die Für die Phase des 12. Planjahrfünfts (1986- 1990) waren neue Frauen überhaupt noch Zeit für gesellschaftliche und politische Vorschuleinrichtungen mit drei Millionen Plätzen vorgesehen. 1983 Aktivitäten nehmen. Gelegenheit dazu bietet allenfalls der Sonnlag die Zahl der in solchen Einrichtungen betreuten Kinder bei 15.4 abend, der vor allem Putztag wird. In geringem, wohl steigenden Millionen. 1960 waren es nur 4.4 Millionen gewesen. Das bedeutet Umfang beteiligen sich die Männer an der Hausarbeit. Allerdings eine Vervierfachung in zwanzig Jahren. Bei einer Geburtenzahl von sehen Schulbücher die Aufteilung im häuslichen Leben so: die Mutter etwa 5.6 Millionen kann man mit etwa 33 Millionen Vorschulkindern ist beschäftigt mit Wäsche, Küche und Abwasch, der Vater ißt, sieht rechnen, von denen 4-5 Millionen als Kleinkinder zu Hause betreut TV und liest die Zeitung.
werden. So gibt es nur für etwa die Hälfte der Kinder einen Platz in den Wenn der "Verfall des schöpferischen Potentials" der sowjetiöffentlichen Einrichtungen. Die Situation in den Städten ist dabei schen Ingenieurkader von einem Mann auf die "stürmische Feminisiebesser als auf dem Lande. rung" geschoben wird, könnte frau und man ja vor dem persönlichen Im allgemeinen ist das Einkaufen Sache der Frauen. Oft werden in Hintergrund der meisten arbeitenden Frauen einen wahren Kern darin den Betrieben Gruppen gebildet, die umschichtig eine Frau während finden; wenn dann aber der Frau eine "weit geringere Neigung zur 18 INPREKORR 246
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Generation zu erziehen", sagt Michail Gorbatschow im Rechenschaftsbericht auf dem 27. Parteitag der KPdSU.
Nun soll nicht gegen die Wahrung der Intimsphäre und das Bedürfnis jedes Menschen, sich in emotionale wie materielle Sicherheit zurückzichen zu können, polemisiert werden. Bezweifelbar ist aber, ob eine sozialistische oder kommunistische Gesellschaft im Familiennest ausgebrütet werden kann. Der Rückzug in die individuelle Nische bindet die Kräfte, die für die gesellschaftliche Veränderungen dringend gebraucht werden. Gleiche Rechte allein machen die Emanzipation der Frau nicht aus, sie müssen sich durchsetzen lassen und diese Rechte müssen erweitert werden. Gerade bei der Kindererziehung ist es wieder problematisch, die individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnisse zu vereinigen; aber gerade Kinder binden Mütter in der gegenwärtigen sowjetischen Gesellschaft an den häuslichen Bereich. Öffentliche Einrichtungen, die nicht einfach schöpferischen Arbeit" nachgesagt und ihr empfohlen wird, "demütig Bewahranstalten, sondern eine Art von Kinderhäusern sind, gleichbeaus dem Weg (zu) gehen", wird die Sache kritisch. Der Ingenieurberuf rechtigter Lebensraum der Kinder, zum Essen, Arbeiten, Schlafen, fordert den ganzen Mann, Frau bleib bescheiden! ohne feste Bindung, aber in räumlicher Nähe zu den Bitern oder Solche Äußerungen können, wenn sie vereinzelt bleiben, als Erwachsenen, könnten sicher manches Problem lösen. Die Verant- Kuriositäten betrachtet werden. In der Diskussion in der Sowjetunion wortung für die Kinder muß Verantwortung der Gesellschaft sein. Für zeigt sich aber die Tendenz, den Frauen (wieder) die gesamte die Frauen ist der Ansatzpunkt wahrscheinlich ein anderer: Befreiung Familienarbeit (Reproduktionsarbeit) zuzumuten, sic allerdings als von den täglich wiederkehrenden Arbeiten; Waschen, Kochen, "nützliche Arbeit" anzuerkennen. Putzen; aber auch eine Sexualerziehung, die die Frauen nicht zum Es zeigt sich am Beispiel der Sowjetunion, daß die Gesetze, die Fötusproduzenten macht, ist notwendig. Denn die Straffreiheit der zum Schutz. der Frauen erlassen werden, eigentlich Gesetze zum Abtreibung macht die Frau sexuell noch nicht frei. Schutz der Positionen der Männer sind. Die Gesetzgebung erspart den Es hat Ansätze einer unabhängigen Frauenorganisation gegeben, Männern die Auscinandersetzung mit ihren eigenen Verpflichtungen als 1979 der Almanach "Die Frau und Rußland" als Samisdatausgabe zur Reproduktionsarbeit. In gewisser Weise sind die Frauen auch hier erschien. Dieser Almanach stellte die Situation der Frau in Berichten, industrielle Reservearmee. aber auch Gedichten dar, cinschließlich ihrer Situation im Gefängnis. Die beteiligten Frauen wurden durch die Staatsanwaltschaft an ihrer Die Zukunft der Frau in der Sowjetunion Arbeit gehindert, sie verließen das Land oder wurden religiös. Gegenwärtig wird von keinem Ansatz einer feministischen Selbstor- Das Programm der Bolschewiki von 1919 sicht die Gleichberech- ganisation berichtet, obwohl sich in vielen Bereichen BürgerInnen zu tigung im Ehe- und Familienrecht als gegeben an. Die Rechtslage ist selbstorganisierten Gruppen zusammenschließen. auch heute noch so. Die nächste Forderung des Programms richtete Mit den vorhandenen, von oben initiierten und geleiteten sich aber "auf die ideologische und erzicherische Arbeit" innerhalb Frauenorganisationen dürfte eine Umkehr, eine wirkliche Verändeder Partei. Die Bolschewiki forderten zudem, die Frauen "von den rung schwer sein. Zwar wurde im November 1990 in der RSFSR ein materiellen Lasten der veralteten häuslichen Wirtschaftsführung Frauenverband gegründet, der sich aus verschiedenen Frauenkomidadurch zu befreien, daßsie Hauskommunen, öffentliche Speischäuser, tees, -assoziationen und -klubs zusammensetzt, und dessen Zweck es zentrale Waschanstalten, Kinderkrippen usw. an deren Stelle setzt. ist, die "Interessen der Frauen und der Familie" zu schützen, aber "Die gegenwärtige Politik ist weder ideel noch materiell auf der Höhe gerade diese Doppelung zeigt, daß es nicht wirklich um Fraueninterdieser Forderungen. Zwar wird im 12. Fünfjahresplan (1986-1990) die essen geht. Boris Jelzin unterstützte die Frauen in ihrem Streben mit Erweiterung und vor allem Verbesserung der Dienstleistungen vorge- den patriarchalischen Traditionen zu brechen". Die Frauen gehen auch sehen, im Gesetz über die staatlichen Betriebe vom Juni 1987 davon aus, daß die Frauenprobleme "gemeinsam mit Staats- und ausdrücklich auf die sozialen Aufgaben auf diesem Gebiet hingewie- Rechtsorganen" bewältigt werden (SU heute, 12/90, S. 8). sen. Aber im Mittelpunkt steht die "Festigung der Familie" - "Eine Die Arbeit der Frauenräte ist nur in einigen Fällen unabhängig. So feste(?) Familie ist eine ihrer (der Gesellschaft wichtigsten Grundla- haben sie in Zukowski bei Moskau eine Initiative für die Kandidatur gen." Auf dem 8. Schriftstellerkongreß erklärte dessen Sckretär in der zweier unabhängiger Frauen für den Kongreß der Volksdeputierten programmatischen Eröffnungsrede, nachdem er die Kompliziertheit ergriffen, sind damit allerdings gescheitert. Ähnliches versuchten sie der Eheproblematik beklagt hat, um zum Positiven zu kommen: "Es für die Wahlen zu den örtlichen Sowjets 1990. Frauen in künstlerigibt auch glückliche, in gewissem Maße mustergültige Familien, die schen Berufen haben sich seit längerem in Arbeitszusammenhängen durch gegenseitige und unvergängliche Liebe zusammengeschweißt sind." Dies wird allerdings verdächtig, wenn eine Erzählung mit dem 1989 wurde in Moskau Lotos gegründet, angesiedelt bei einem schönen Titel "Die Wärme des trauten Heims" gepriesen wird. Obsich Institut der Akademie der Wissenschaften in Moskau. In diesem hier die offizielle Übersetzung vertan hat, kann nicht beurteilt werden. Institut beschäftigen sich Frauen mit Gender-Studien, dem Alltagsleben Der Titel paßt aber vollkommen in den Kontext. "Wir müssen die der Frauen.
praktische Tätigkeit der staatlichen Einrichtungen und gesellschaftli- Es gibt in Moskau, St. Petersburg und anderswo Frauengruppen, chen Organisationen so gestalten, daß sie die Festigung der Familie die sich um psychologische Hilfen für Frauen bemühen, Sozialarbeit und ihrer Grundlagen allseitig fördert ... Es kommt darauf an, leisten, aber es gibt keine entwickelten Strukturen der Frauen zur Arbeiterdynastien weit und breit zu würdigen, gute Familientraditionen Selbsthilfe. Allerdings versuchen die feministisch orientierten Frauzu pflegen und die Jugend im Sinne der Erfahrungen der älteren en, sich zu "assoziieren". Ihre Zahl ist aber schr gering.
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Im März 1991 fand in Dubna ein Frauenkongreß statt, der von 15 Brief an einen Frauen verschiedener Organisationen vorbereitet wurde und zu dem etwa 200 Frauen kamen. Zwar waren alle Frauen aus Rußland, aber