Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Bücherkiste (u. a. Ernest Mandel:

· Inprekorr Nr. 246, April 1992 · S. 22-24 · 1.582 Wörter

Faschismus und Rassismus Weltwirtschaft und Krise

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Ernest Mandel: Kontroversen um das Kapital

Notebooks for Study and Research "Deutsche Wirtschaft" Zwangsarbeiter im Faschismus

Ernest Mandel: Kontroversen um "Das Kapi- Notebooks for Study and Research tal". Dietz. Verlag Berlin 1991, 310 Seiten. Das "International Institute for Research and Education (lIRE)" in Amsterdam gibt seit Jahren in unregelmäßiger Folge "notebooks for Die "Blütezeit des Kapitalismus ist vorbei", durch die Verschär- study and rescarch" heraus, von denen zwei auch ins Deutsche fung der Gegensätze im Kapitalismus werde Marx "weit mehr ein übersetzt wurden. Aus Mangel an Mitteln ist es aber bisher nicht Ökonom des zwanzigsten und einundzwanzigsten als des neunzehn- möglich gewesen, die laufende Übersetzung und Publikation in der ten Jahrhunderts" liest man in der Einleitung. Für die demoralisierten BRD zusichern. Darum soll hier über die jüngsten Veröffentlichungen Alt-68ern im Westen und Nach-SozialistInnen im Osten wird das berichtet werden. Die Hefte erscheinen im selben Format wie unzeitgemäßer Optimismus sein - "typisch Mandel". Doch kann der "Inprekorr". Sie können bezogen werden bei: IIRE, Postbus 53290, Kapitalismus, kann die Krise der modernen Gesellschaft ohne Marx 1007 RG Amsterdam, Bezahlung an Pierre Rousset mit Scheck oder verstanden und analysiert werden? Postgiro CCP Paris 11 541 97 T. Abonnements erstrecken sich auf 5 Wohl kaum. Darum ist es nützlich, gerade in Zeiten des Zerfalls Ausgaben und kosten 16 Dollar (10 Pfund, 100 FF). sozialistischer Organisationen und ihrer ausweglos scheinenden Krise Livio Maitan: From the PCI to the PDS. The long march of the theoretische Diskussionen zu führen. Und was wäre wichtiger als sich Italian Communist Party, notebooks number 15, 48 Seiten, 4 Dollar mit dem "Kapital" zu beschäftigen? (25 FF oder 2.50 Pfund).

Eine gute Gelegenheit dazu bietet diese deutsche Erstveröffentli- Die italienische kommunistische Partei wurde 1921 in Livorno als chung der 1979 in englischer Sprache erschienenen, nun aktualisierten revolutionäre Partei gegründet, als die revolutionäre Welle nach dem Arbeit. Es ist keine "Einführung", kann aber das Selbststudium der Ersten Weltkrieg schon abebbte und der Faschismus an die Macht drei Bände wesentlich erleichtern, zumal die Methode (S. 16-25) und drängte (Machtübernahme im Oktober 1922). Dennoch gelang es ihr, die Vorarbeiten von Marx anseinem Hauptwerk dargestellt werden (S. sich in der Industriearbeiterschaft und Teilen des Landproletariats zu 26-34), auch wie er die Theorie entwickelte und im Laufe seiner verankern. Durch die Komintern wurde die vom Faschismus in die Studien manche Aussage änderte. Zudem wird der Aufbau jedes Illegalität getriebene Partei sehr bald stalinisiert. Allmählich, faktisch Bandes skizziert und die Theorie sehr übersichtlich gegliedert schon seit dem Zweiten Weltkrieg wandelte sich diese Arbeiterpartei referiert. in eine neo-reformistische Organisation sozialdemokratischen Typs, Damit wird zugleich eine systematische Darstellung der marxschen die sich als loyaler Manager des Kapitals anbietet. Wirtschaftstheorie geliefert und der Zusammenhang des Werkes Diese Entwicklung wird sehr kenntnisreich analysiert. Gegen deutlich. Geschrieben wurde das Buch gewiß auch gegen die vielen diese Entwicklung gab es immer wieder starke Opposition. Die Politik Theoretiker, die Marx seit 120 Jahren erst durch Verschweigen, dann des antifaschistischen demokratischen statt revolutionären Kampfes in dicken Wälzern ständig widerlegen wollten. Insofern ist es auch seit 1943 wurde zwar innerhalb und außerhalb der Partei von starken eine "Verteidigung des Marxismus", mehr aber noch der Klärung Gruppen (Stella Rossa, Bandiera Rossa) bekämpft, die in Rom oder strittiger (Zusammenbruchstheorie), miß- oder bewußt falsch verstan- Neapel stärker waren als die Partei. Letztlich aber wurden sie von ihr dener Aussagen (Begriff des Proletariats, unproduktive Arbeit). wieder assimiliert, zumal ihnen programmtische Klarheit fehlte, die Es werden also nicht nur die "Kontroversen" um "Das Kapital" KP sich aber auch über die Partisanenbewegung stärken konnte und geschildert. Schließlich hat Marx nicht nur ein Jahrhundertwerk damit die militante antifaschistische Bewegung führte. Als einzige vorgelegt, es ist auch mehr als ein Jahrhundert alt. Schon darum war Partei hatte sie eine Organisation im Lande aufrechterhalten können, und ist es ständig zu überprüfen. Viele MarxistInnen haben es zudem auch wenn viele inhaftiert waren. Am Ende des Krieges hatte sie weiter entwickelt, viele andere kritisiert. 400.000, deren Zahl bis 1951 auf 2.5 Millionen anstieg. In der systematischen Darstellung der Schwerpunkte dieser langen Zwar wurde Stalin auch 1956 offiziell noch verteidigt (Togliatti: Diskussion liegt der eigentliche Vorzug dieser "Kontroversen". In "Die Enthüllungen und Kritik des 20. Parteitages der KPdSU an Stalin diesem Sinne ist das Buch eine Einführung - eine Einführung in die mindern weder dessen Größe noch Genius."), ebenso der sowjetische Diskussion um das "Kapital". Weil das sehr fundiert und kenntnisreich Einmarsch in Ungarn im gleichen Jahr. Doch unverkennbar begann geschieht, dürfte es für die theoretische Diskussion recht nützlich sein. sich eine reformistische Orientierung durchzusetzen (schon Togliatti, Für politisch Aktive aber ist es unerläßlich, denn es informiert über die der 1964 starb, forderte den "historischen Kompromiß"), die in den marxistische und vor allem antimarxistische Kritik am "Kapital". sechziger offenkundig wurde. Wohl wurden noch Massenkämpfe geführt wie 1949 gegen die Einschränkung der Demokratie (legge Hans Jürgen Schulz truffa) und 1960 gegen eine faschistische Regierungsbeteiligung.

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Nach 1968 wurde die KP erstmals von links durch eine Massenbewegung kritisiert. Auf Dauer gelang es der taktisch sehr versierten Parteiführung jedoch, Teile dieser Bewegung wieder zu integrieren und gleichzeitig die reformistische Orientierung zu verstärken.

Im letzten Jahrzehnt hat sie sich dann endgültig durchgesetzt. Kleinbürgerliche Kräfte, die sich auf Kommunalpolitik und Parlamente stützten, wurden vorherrschend. Die mit ihnen verbundenen Teile der Intelligenz wurden immer mehr zu einer unabhängigen Kraft, die in Presse und anderswo als Meinungsbildner die entscheidende Rolle spielten, nicht die innerparteiliche Willensbildung. Die Umbenennung in PDS sanktionierte letztlich nur noch einen bestehenden, wenn auch nicht unstrittigen Zustand.

Andre Gunder Frank/Salah Jaber: The Gulf War and the New World Order, Notebooks number 14, 72 Seiten, 6 Dollar (40 FF oder 4 Pfund).

Der Golfkrieg scheint fast schon wieder vergessen, obwohl er in der neuen Weltordnung der erste einer Serie kommender Kriege gegen die sogenannte Dritte Welt war. Andre Gunder Frank analysiert die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe, die zu diesem Krieg führten und wie er zielbewußt vorbereitet wurde. Diese gut dokumentierte Darstellung kann zum Nachschlagwerk künftiger Antikriegbewegungen werden.

Die Fähigkeit eines Autors zur Analyse (und die einer politischen Bewegung) erweist sich daran, ob die Aussagen auch einige Zeit nach dem Ereignis noch Bestand haben. Daran können die Artikel von Salah Jaber gemessen werden, die zwischen September 1990, also unmittelbar nach der irakischen Besetzung von Kuwait, und Mai 1991 erschienen sind. In der deutschen "Inprekorr", die zeitweise am Erscheinen gehindert wurde, konnten sie leider nur teilweise abgedruckt werden.

Wären die Kräfte der Vierten Internationale hierzulande stärker und entschlossener, hätten sie mit Hilfe der Arbeiten von Jaber der deutschen Linken und der Friedensbewegung manche Irrung und Verwirrtheit ersparen können. Aber die Nachbearbeitung ist ja noch nicht abgeschlossen.

Miguel Romero: The Spanish Civil War in Euzkadi and Catalonia. Contracts and Convergences, Notebooks number 13, 48 Seiten, 4 Dollar (2.50 Pfund oder 25 FF).

Die "Geschichte bleibt ein wichtiges Feld ideologischer Kämpfe • die modernen bürgerlichen Ideologien basieren auf gewaltiger historischer Manipulation, vor allem in bezugauf Massenbewegungen". Darum ist die Beschäftigung mit solchen Fragen wichtig, "für die politische Erziehung ... und für das Verstchen des Vergangenen" heißt es in der Einleitung.

Die Diskussion theoretischer und programmatischer Fragen wäre gewiß einfacher, wenn "die Linke" nicht so geschichtslos wäre. Das gilt insbesondere für den spanischen Bürgerkrieg - immerhin die erste revolutionäre Bewegung in Europa, nachdem die Oktoberrevolution ihre unmittelbare Wirkung verloren hatte. Dieser Kampf um die neue Gesellschaft erfolgte unter völlig anderen Bedingungen und grundverschiedenem organisatorischen Rahmen als in Rußland. Wer historische Grundkenntnisse hat, führt keine Diskussion darüber, ob die Oktoberrevolution "Modellcharakter" hat oder nicht. Der Autor bringt auch eine Analyse der gesellschaftlichen Kräfte in diesem Krieg. Bisher unzureichend diskutiert wurde dabei die Bedeutung der nationalen Frage.

In Euzkadi dominierten konservative und reaktionäre Kräfte, die sich den Putschisten anschlossen, und bürgerliche Nationalisten, die nach einigem Schwanken auf die Seite der Republik traten. In Katalonien koexistierte einige Zeit revolutionäre (repräsentiert durch Anarchisten und POUM) mit bürgerlicher Macht (Nationalisten, unterstützt von der KP). In Euzkadi kam es zu keinem revolutionärem Umschwung. Es gab nur hinhaltenden militärischen Widerstand, und am Ende verrieten die bürgerlichen Nationalisten die Republik. Die Rüstungsindustrie fiel den Faschisten unversehrt in die Hände. Die utor halt das fur kriegsentscheidend. in Katalonien schiene ingegen zunächst die revolutionären Kratte zu siegen, che sie - vo allem die Mehrheit der Anarchisten - den demokratischen anstelle des sozialrevolutionären Kampfes stellten. Nach den Kämpfen im Frühjahr 1937 war diese Frage auch in Katalonien entschieden. Interessant ist der Anhang mit einer programmtischen Rede des POUM-Führers Andreu Nin, Auszügen aus dem Programm der POUM und dem Bericht von David Rousset über die Verhandlungen republikanischer Parteiführer mit der marokkanischen Unabhängigkeitsbewegung. Sie scheiterten, weil die Republik der Kolonie keine Freiheit geben wollte. Damit besiegelte sie ihren cigenen Untergang. Hans Jürgen Schulz.

Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur (Hrsg.)

"Deutsche Wirtschaft"

Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen für Industrie und Behörden

Symposion "Wirtschaft und Konzentrationslager", 227 Seiten, DM 29,80, ISBN 3-87975-585-X

Die Beiträge dieses Bandes befassen sich mit der Frage, in welchem Ausmaß die Industrie das nationalsozialistische Programm der "Vernichtung durch Arbeit" im wohlverstandenen Eigeninteresse mitgetragen und gefördert hat. Dabei wird auch die Rolle der Behörden analysiert, deren tödliche Effizienz und menschenvernichtender Ordnungswahn wirtschaftliche Initiativen erst ermöglichte. Neben Aufsätzen von Historikern aus der CSFR, aus Polen und der Bundesrepublik enthält der Band eine Sammlung von Berichten und kann: den Schmerz der Einzelnen.

Das Buch geht zurück auf ein Symposion, das im Juni 1989 von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur veranstaltet wurde.

Ernest Mandel

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