GESPRÄCH MIT RUDOLF SEGALL
Wir schreiten als eng geschlossenes kleines Häuflein, uns fest an den Händen haltend, auf steilem und abgründigem Wege dahin. Wir sind von allen Seiten von Feinden umgeben und müssen stets unter ihrem Feuer marschieren. Wir haben uns, nach frei gefaßtem Beschluß, eben zu diesem Zweck zusammengetan, um gegen die Feinde zu kämpfen und nicht in den benachbarten Sumpf zu geraten, dessen Bewohner uns von Anfang an dafür schalten, daß wir uns zu einer besonderen Gruppe vereinigt und den Weg des Kampfes und nicht der Versöhnung gewählt haben. Lenin WERKE, Bd. V, S. 364 - "WAS TUN?"
Rudi Segall wurde am 6. April 80 Jahre alt. Er "Judenfrage" auf Kosten des palästinensischen Volfeierte dies nur in kleinem Kreise, natürlich auch kes lösen zu können. Sein Internationalismus blieb zusammen mit Inge, seiner Frau, die seine politische ebenso unerschütterlich wie seine Treue zur Vierten Aktivität mitgetragen hat. Internationale. Diese hat nicht nur den Stalinismus Nur wenige haben davon erfahren, daß Rudi bereits in seinen Anfängen bekämpft, sondern sie hat sein achtzigstes Lebensjahr erreichte. Wir haben be- auch im Strudel seines Untergangs nicht in ihrer schlossen, seine falsche Bescheidenheit zu durch- Überzeugung geschwankt, daß der "real existierende brechen. Sein lebenslanges Eintreten für die Emanzi- Kapitalismus" durch die Verbrechen, die er an der pation der Arbeiterklasse, für den Sozialismus, für Menschheit begeht, immer wieder aufs neue Befreieinen tätigen Internationalismus würde es verdienen, ungskämpfe entfachen wird, die ihren Ausweg in der ausführlicher gewürdigt zu werden, als er es mit sei- Verwirklichung einer weltweiten sozialistischen Denen Antworten hier getan hat. mokratie suchen werden. Wir kennen Rudis Zähigkeit Rudi gehört einer aussterbenden Generation und hoffen deshalb, daß er sich anstrengen wird, die an, die als Angehörige des jüdischen Volkes auf Un- Verwirklichung dieses Ziels noch mitzuerleben. terdrückung, Antisemitismus, Rassismus nicht der Für die Internationale sprach Jakob Moneta mit Verführung des Zionismus erlagen, der glaubt, die Rudolf Segall. 30 INPREKORR 238
die Internationale ? Sieht man sich heute in der Bundesrepublik Es gab im Lande mehre trotzkistische Gruppen, unsere (Ali Fröhum, dann ist es nichts so Ausgefallenes, lich) hatte für die zukünftige politische Arbeit eine andere Antwort als achtzig Jahre alt zu werden. Kannst Du für die die anderen: wir fühlten uns als deutsche Emigranten, die zudem der lange Zeit, die Du bewußt miterlebt hast, etwas Auffassung waren, in Deutschland werde uns ein fruchtbareres Arfür Dich Bemerkenswertes hervorheben? beitsfeld als in Pallistina erwarten. Wir haben uns auf die Rückkehr nach Deutschland mehrere Jahre lang vorbereitet, so daß zB ich bereits Ich würde an etwas denken, was uns in unserem - kleinen - Kreise vor Ende des Krieges dorthin unterwegs war. der älteren Genossen verbindet - die Kontinuität. Von dem Zeitpunkt an, in dem ich 1938 in Palästina in der trotzkistischen Gruppe aktiv ? Wie war das möglich? wurde, bin ich ununterbrochen in der Bewegung der Vierten Internationale gewesen. Dreiundfünfzig Jahre in der Gedankenwelt Trotzkis und seiner Mitkämpfer, fortgesetzte Diskussion in den Gruppen heißt auch die Bemühung, sich in der veränderten Welt zurechtzufinden. Drei Wege sind uns damals für den Rückweg eingefallen: die einen Dabei hat es für mich zwei Einschnitte gegeben: zum einen die Zeit gingen als Matrosen auf Handelsschiffe und entfernten sich, wenn sie sich in einem günstigen Hafen befanden, die anderen schlossen sich curopäischen Revolution nicht eintraf, und das Jahr 1989, als der Sturz einer jüdischen kämpfenden Einheit an, die nach Italien geschickt des Stalinismus nicht in der Form der politischen Revolution stattfand. wurde und schlugen sich von dort nach Deutschland durch - während ich mich in eine UNRRA-Gruppe? eingliederte, mit der ich über Würdest Du sagen, daß die Ereignisse der Ägypten, Griechenland und Frankreich Anfang 1947 in Deutschland ? letzten Jahre Grundlegendes an Deinen Auffas- anlangte. Von einem englischen Matrosengenossen hatte ich die sungen des revolutionären Marxismus geän- Kairoer Adresse unseres Genossen Lutfalla Soliman, von dem ich eine dert haben? griechische Adresse in Athen bekam, in Paris waren Ernest Mandel und Pablo, die mich an Georg Jungclas weiterleiteten.
Wenn Du darunter eine Änderung von Strategie und Taktik auf Du hast bel Deinem Rückweg Griechenland nur einer Reihe von Gebieten und ein Feststellen bestimmter Versäumnis- ? ganz kurz erwähnt. Ich habe jedoch gehört, se meinst, dann gehört ein solches Reagieren zu den Selbstverständ- daß Dein fast zweijähriger Aufenthalt in lichkeiten. Meinst Du jedoch Revision oder gar Aufgabe von Grund- diesem Lande recht bewegt gewesen Ist. sätzen unseres trotzkistischen Gedankenguts, hebst Du damit auf das Abrücken vom Aufbau einer leninistischen Partei, auf das Zusammen- Das ist richtig. Im Rahmen der UNRRA-Gruppe besuchten wir arbeiten mit Reformisten und ähnlichen Strömungen, die Illusionen zuerst eine Reihe von Gefängnissen, wo sich nach dem Verrat Stalins über den Kapitalismus haben, anders als in Aktionsbündnissen ab - und der Niederschlagung des Widerstands viele Kommunisten befandann ist meine feste Überzeugung nach wie vor, daß der Kapitalismus den, mit denen ich einen wenn auch nur flüchtigen Kontakt hatte. auf diesem Wege nie überwunden werden kann, das uns nur die Danach betreuten wir die Überlebenden in den wenigen noch vorhan- Kontinuität, von der ich sprach, zu diesem Ziele führt. denen jüdischen Gemeinden (Larissa, Volos, Karditsa) - von den wenigen, die sich gerettet hatten, waren die Mehrzahl als Partisanen in Bei Deiner Entscheldung für die Vierte Interna- den Bergen gewesen -, und eines meiner Hauptprojekte war der ? tionale - 1938 - warst Du siebenundzwanzig Aufbau und die Durchführung eines Lagers für die unterernährten, Jahre alt. Kannst Du Deinen Weg dorthin kranken Kinder dieser Gemeinden. In den gleichen Bergen befanden schildern? sich - erneut als Partisanengruppen - geflüchtete, im Gegensatz zum offiziellen Kurs der KP weiterkämpfende Kommunisten. Auch mit Im Rückblick erscheint es mir, daß ich schon im Deutschland vor ihnen kam ich in "nahe" Berührung: meine Nahrungsmitteltranspor- 1933 von meinem zwölften Lebensjahr an immer nach der Gruppe, der te für das Kinderlager gerieten in das Kreuzfeuer zwischen ihnen und Bewegung, dem Kollektiv gesucht habe. Zuerst in der jüdischen der offiziellen Armee, einmal wurden wir auch von den Partisanen (nichtzionistischen) Jugendbewegung, später dann in der Gruppe "Die "verhaftet": aber die Tatsache der Lebensmitteltransporte für das Gegner" (Harro Schulze-Boysen).! Nach dem Machtantritt Hitlers Kinderlager (die sehr reichlich ausfielen), zusammen mit der Person kam ich 1934 mit dem Haschomer Hazair nach Dänemark und von dort unseres Dolmetschers, hat unsere Zusammenarbeit mit den Partisanen 1935 nach Palästina. recht unproblematisch gestaltet.
In Deutschland faszinierten mich schon früh die Trotzki-Schriften und nach 1933 kam der Einfluß meines Freundes Martin Monat Wie sah die Arbeit in Deutschland in den (Widelin)* hinzu. Entscheidend jedoch war die Wirklichkeit Palästi- ? ersten Nachkriegsjahren aus? nas, die Konfrontation des jüdischen Kibbuz, in dem ich lebte, mit der arabischen Umgebung. Nur die kleine von Trotzki beeinflußte Gruppe hatte auf diese und andere Grundfragen des Zionismus eine befriedi- Die unmittelbare Nachkriegszeit ist oft genug beschrieben worgende Antwort. Mit einer Reihe von ihnen verließ ich 1938 den den: Mangel an allem, konstante Rückkehr der etablierten Kräfte und Kibbuz, um in der Stadt, in Haifa, mit weiteren Genossen politisch zu Parteien, zögernde Organisierung der Arbeiterklasse in den Betrieben. arbeiten. Von den revolutionären Organisationen - die KPD rechne ich nicht dazu - hatten nur sehr wenige Mitglieder in Deutschland überlebt und Warum hast Du 1945 Palästina verlassen, wo ebenso wenige kehrten in dieses Deutschland zurück. ? Du viele Jahre in einer trotzkistischen Gruppe Die Organisation - das war zu dieser Zeit Georg Jungelas, der in gewesen bist? hoffnungslos überfüllten Zügen von Stadt zu Stadt fuhr, um alte und
die Internationale neue Genossen aufzusammeln, gelegentlich der Besuch irgendeines Wang Fanxhi und 1987 Michael Löwys Revolution ohne Grenzen, um zufälligen Genossen aus den USA oder England, eine Korrespondenz nur die größten Übersetzungen zu nennen. Gegenwärtig arbeite ich an mit Schweizer Genossen und gelegentliche Kontakte mit Paris und Ubersetzung und Herstellung von Siebzig Jahre Rebell (den Erinne- Brüssel. Die erste hektographierte Veröffentlichung Neue Internatio- rungen Zheng Chaolins). nale Nr. 1 kam im April 1947, die erste Nummer von Unser Weg - Mit all diesen Autoren, vor allem Pierre Frank und Wang Fanxhi, Organ der Vierten Internationale in Deutschland im Juli 1947 mit den hat sich während der Übersetzungsarbeit eine starke Freundschaft "Gedanken zum Aufbau einer revolutionären Partei" heraus. Vom Juli entwickelt. 1948 bis Februar-März 1949 erschienen drei gedruckte Nummern der Auch ein weiteres Buch-Projekt, das in die siebziger Jahre zurück- Internationale in Amsterdam, die dann von 1956 an 30 Jahre ununter- reicht, konnte im Jahre 1985 neu begonnen werden: Von den auf 20 brochen herauskam. Bände geplanten Trotzki-Schriften sind (nach dem ersten Versuch von 1971) 1988 und 1990 je zwei Bände herausgebracht worden, und vier Und wie ging die Entwicklung der Vierten Inter- weitere Bände sind im Augenblick in Arbeit. ? nationale in Deutschland welter? Im Verlauf dieses Projekts habe ich das große Glück gehabt, einen Freund zu gewinnen, der mich vor einem Jahr für immer verlassen hat:
Louis Sinclair, dessen Trotzki-Bibliographie die feste Grundlage für Es würde zu weit gehen, diesen Prozeß in seinen Einzelheiten zu jeden bildet, der über Trotzki arbeitet. schildern. Aber ich darf eine für mich sehr wichtige "Einzelheit" - oder besser das "Ende meiner Einzelheit" - bemerken: 1950 heiratete ich ? Siehst Du In Deiner Arbeit als Übersetzer und Inge, die mir auf meinem ganzen Wege eine treue Gefährtin war. Mitherausgeber die Möglichkeiten Deiner Unter den geschilderten Umständen wuchs unsere Gruppe nur politischen Arbeit erschöpft? sehr langsam, obwohl wir bei allen Ereignissen "dabei" waren und uns einschalteten: beim Kampf gegen die Wiederaufrüstung, in der Anti- Ganz im Gegenteil! Das Projekt des Zusammenschlusses mit der Atom-Bewegung, bei den Ostermärschen. Die Tätigkeit in der UAP". KPD habe ich von vornherein begrüßt und mich an allen Treffen vor die Kontakte zum SDS' gehören dazu. Die Spuren meiner eigenen und nach der Vereinigung beteiligt. Heute, wo die Bewahrung des Tätigkeit verlieren sich im Gedächtnis von Genossen, die zum Teil trotzkistischen Gedankenguts in Deutschland besonders dringend zu gestorben, zum Teil nicht mehr Mitglied unserer Bewegung sind. sein scheint, sche ich in meiner aktiven politischen Tätigkeit - die die Das gedruckte Wort ist da solider. Ich half bei der Organisation der Erhaltung des isp-Verlages in seiner heutigen Gestaltung mit ein. Zeitschrift Pro & Contra (1951-1954) und habe dann in der Sozialisti- schließt - meine wichtigste Aufgabe. schen Politik (1954 bis Ende 1966) - in Zusammenarbeit mit Wolfgang
Abendroth, Siegried Braun, Erich Gerlach und Peter von Oertzen - und danach im Express International (ab 1967) häufig - meist über betriebliche und gewerkschaftliche Fragen - Artikel geschrieben.
Die Verbindung zur Internationale blieb eine der wichtigsten Aufgaben. In den fünfziger und sechziger Jahren habe ich an mehreren Weltkongressen (in Frankreich, Italien und Deutschland) teilgenommen - Höhepunkte des politischen Lebens, in der Auseinandersetzung
Bestätigung des Weges, den ich gewählt habe.
Anmerkungen
Du warst über 20 Jahre (von 1953 bis 1974)
? hauptamtlich in der Gewerkschaftsarbeit tätig.
Was hat das für Dich bedeutet?
1) Harro Schulze-Boysen (* 2 9. 1919, Kiel). Zusammen mit Arvid Hamack Leiter der Ich habe mir oft gewünscht, daß mein täglicher Umgang aus deutschen Gruppe der Roten Kapelle. Oberleutnant im Laftwaffen-Führungsstab. Zwischen Kollegen eines Betriebes und nicht aus Gewerkschaftssekretären, dem 31. August 1942 bis Anfang 1943 wurden ungeflihr 130 Personen verhaftet, von denen über 50 hingerichtet wurden oder Selbstmord begingen. Schulze-Boysen wurde am 22, 12. bestenfalls Betriebsräten bestanden hätte. Wieweit das für meine 1942 in Berlin-Plötzensoc enthauptet. Literatur (u.a.): Lcopold Trepper, Die Wahrheir, Münpolitische Arbeit wirklich produktiver gewesen wäre, läßt sich heute chen 1975. schwer entscheiden. Immerhin galt die IG Chemie in den fünfziger und 2) Martin Monat (Widelin-Victor, 1913-1944). Mitglied der sozialistisch-zionistischen Bewegung in Berlin, brach mit dem Zionismus und entwickelte sich zum Trotzkismus. Floh den sechziger Jahren als eine "linke" Gewerkschaft - und ganz 1939 nach Belgien und schloß sich dort der Bewegung an. Ging nach der deutschen Besetzung unschuldig fühle ich mich dabei nicht. nach Frankreich, organisierte mit deutschen Soldaten eine Zelle, gab mit ihnen die Zeitschrift Arbeiter und Soldat, Organ der Vierten Internationale heraus. Wurde kurz vor dem Einmarsch der Alliierten in Paris von der französischen Polizei verhaftet, der Gestapo ausgeliefert und Als Du 1974 - nach einigen höchst unerfreuli- ? chen letzten Jahren - aus der Gewerkschaft Literatur: Pierre Frank, Die Geschichte der Vierten Internationale, Hamburg 1974. Rudolf ausgeschleden bist, hat das in Deinem Leben Segall, "Die Gestapo hat mich erschossen", Bresche, Zürich, November 1989, S. 31-34. 3) UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration). Amerikanische einen starken Einschnitt bedeutet? Hilfsorganisation zur Unterstützung von Flüchtlingen und Verschleppten in den besetzten Gebieten nach dem Weltkrieg.
4) UAP (Unabhängige Arbeiter-Partei). Nach der Loslösung von der SU gründeten die Ich glaube schon. Das Abschneiden vom gewerkschaftlichen Jugoslawen in der Bundesrepublik die UAP, der die Mehrheit der IKD beitrat. Nach nur 18 Alltag (wenn ich auch noch eine Reihe von Jahren meine Bildungsar- Monaten löste sich die Partei wider auf, als die Jugoslawen aus opportunistischen Gründen die beit für Betriebsräte fortsetzen konnte) hat mich stärker in die politi- deutsche Wiederaufrüstung unterstützten. sche Betätigung eingeschaltet. Meine Übersetzungstätigkeit für Zeit- 5) SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund). Wegen "Unvereinbarkeit mit dem Programm" der SPD wurde in den sechziger Jahren des SDS aus der SPD ausgeschlossen. Die schriften und vor allem den isp-Verlag nahm zu: so erschien 1981 Fuhrung der IKD schaltete sich in diese Bewegung nicht ein, da sie innerhalb der SPD auf eine Pierre Franks Geschichte der Komintern, 1983 die Erinnerungen von khnliche Entwicklung der Linken wie zur Zeit der USPD setzte und der SDS überwiegend aus Studenten bestand.
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ze in Algier; dies um die Spannung zu erhöhen und die Anhängerschaft der FLN aufzurütteln.
Aber nun schlug die allgemeine Stimmung um. Die demokratischen und revolutionären Parteien stellten keine ernsthafte Bedrohung der Diktatur dar - die einen aufgrund ihrer Wahlfixierung, die anderen infolge ihrer materiellen Schwäche -; daher ihre Irrelevanz zu diesem Zeitpunkt. Einige wenige Tränengaskanister genügten, um die Jugend zur Überprüfung der Situation zu bewegen. Als die Polizei dann in der Nacht des 2. Juni die Plätze räumen wollte, reagierte ein Teil der Jugendlichen, womit Dimension und Natur der Bewegung verändert wurden. Schließlich wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. In Vorbereitung des 27. Juni hat Hamrouche dann eine Art von Staatsstreich innerhalb des Regimes durchgeführt. Dem Präsidenten nahestehende Parteien und Journale (z.B. die Demokratische Kulturelle Versammlung (RCD), die Liberalen und der Nouvel Hebdo) wurden verboten, und entsprechende Strömungen von den Listen der FLN verbannt. Chadli hielt sich zurück solange dies Vorgehen zu funktionieren schien. Am 4. Juni, als Hamrouche die Lage noch als kontrollierbar einschätzte, forderten seine Widersacher den Ausnahmezustand. In der Tat hatten italieni- EL KHATWA
Im September 1990 erschien die erste Nummer der Monatszeltung der Sozialistischen Arbeiterinnenpartel PST, El Khatwa ("Der
Schrift"), Die Auflage der arabischen und der franzosischen Ausgabe belauft sich zusammen auf 50.000, bei einem Umtang von 16 Selten. Die Zeitung will all denen in Algerien die Stimmen leihen, die sowni die herrschende FLN ais auch die Islamischen Fundamentalisten der FIS ablehnen. El Kharwa möchte die Erfahrung der Streiks der Frauen- und der Studentinnenbewegung sowie der Kulturbewegung der Berber zum Ausdruck bringen.
Sie kann für 6 FF je Ausgabe zuzüglich Porto bezogen werden bei PEC. 2 rue Richard Lenoir, F 93108 Montreul. Schecks sollten mit dem Zusatz Derbal versehen werden.
ALGERIEN sche Gläubiger gerade einen Kredit von 7 mezustands erklärt und dann ein Ausfall gegen Mrd$ angesichts der vorherrschenden Insta- die FIS in Form von Kommuniqués und bilität suspendiert, und der Internationale With- Maßnahmen unternommen. Belhadj wurde rungsfonds gehörte zu den ersten, die den der Verwicklung in Machenschaften des fran- Ausnahmezustand unterstützten. zösischen Islamisten Didier Roger Guyan, Hamrouches Rücktritt, angeblich weil er der Waffen und Sprengstoff nach Algerien kein "Mann zweier Linien" sein wollte (in schaffen wollte, beschuldigt; die Rathäuser Wirklichkeit wollte er seine Ambitionen nicht wurden angewiesen, ihre Flaggen mit der als Sündenbock für die Repression aufs Spiel Aufschrift "Islamisches Rathaus" zu entfersetzen), hinterließ den Eindruck, als sei das nen; die Freitagsversammlungen der Islamis- Regime in Panik geraten. Es sah so aus, als ten in den Moscheen wurden regelmäßig in habe ein nur schwach befolgter Streikaufruf Kommuniqués der Militärbehörden angeprandie Regierung gestürzt, Präsidentschaftswah- gert und bedroht. Dennoch waren es nicht die len erzwungen und zu einer Koalitionsregie- Fundamentalisten, die am härtesten von den rung geführt. Solch unglaubliche Konzessio- Maßnahmen getroffen wurden; Belhadj blieb nen (kurz bevor das Land unter Militärherr- in Freiheit, die Rathäuser hißten morgens die schaft gesetzt wurde) inflationierten die Macht Flaggen, die am Abend von den Militärs entder Fundamentalisten und demoralisierten alle fernt worden waren; und jeden Freitag fanden anderen, v.a. die inzwischen an den Rand der trotz des Aufmarsches von Panzer die fun- Panik geratenen modernistischen Mittelklas- damentalistischen Versammlungen mit ihren sen. üblichen Aufrufen zum heiligen Krieg statt. Dagegen waren die Versammlungen der FFS schon vor dem Ausnahmezustand verbo- Fundamentalistische ten worden, und der Parti Socialiste des Tra- Waffendeals vailleurs (PST, Organisation in Sympathie zur IV. Internationale) wurde eine Versammlung in Bejaia untersagt, ihre Büros in Oran Das Regime jedoch reagiette zügig, um nach einer Flugblattaktion durchsucht und den Eindruck der Verwirrung zu beseitigen. Aktivisten in Bejaia verhört. Zuerst wurde eine Verlängerung des Ausnah- Zusätzlich erfolgte eine religiöse Wende der offiziellen Linie. Jeder Minister und Offizielle benutzt und DEHORS L'IMPERIALISME! überstrapaziert rituelle Formeln und Verse des Koran. Die Verhaftung Belhadjs und Abassis waren das DE.: äghå erste Anzeichen dafür, daß das Regime seine Stärke wirklich einsetzt; in der vorhergehenden Pha- LL KHATVA se führte seine Politik dazu, die Unentschiedenen in die Arme der Stärksten zu treiben, also der Fundamentalisten. Aber dies ist GANE GINOEMATION DE PARTI SOCTALISTE DES TRAVAILLELES ein Pyrrhussieg der Armee; indem sie die Fundamentalisten als ein- Après les élections du 12 juin... garantir des élections zige Opfer der Repression erscheidemocratiques nen läßt - wo sie ihnen doch für eine ganze Periode das Demonstrieren erlaubt hat - bereitet sie den Weg für eine fundamentalistische Flut morgen oder übermorgen, wenn die wirtschaftslibera- Etat de droit len Reformen der FLN zu Elend sans les travailleurs und wachsender Verzweiflung geführt haben werden.
Die demokratischen Parteien geben sich im Vorzimmer des neuen Regierungschefs, Ghozali, die Klinke in die Hand und geloben ihm Gefolgschaft. Sie nehmen die Schmach auf sich, sich dem Regime zu beugen, und hin und wieder
einige abstrakte Formeln herunterzubeten, wenn ihnen das Demonstrieren untersagt wird oder sie dem Ausgehverbot unterworfen werden. Die PST, die einzige Partei, die ein solches Herangehen ablehnt, befindet sich vollkommen außerhalb der Gemeinschaft der von Chadli akzeptierten Parteien, und fordert weiterhin die Aufhebung des Ausnahmezustands.
Die demokratischen Parteien sind schließlich an einem Punkt angelangt, wo sie eine kuriose, nur aus FLN-Mitgliedern bestehende, "Koalitionsregierung" unterstützen. Sie haben sich in der Unterstützung dieser jüngsten der endlosen FLN-Regierungen seit der Unabhängigkeit zusammengefunden - dabei werden sie vom Premierminister herablassend behandelt, gleichzeitig jedoch dazu aufgefordert, zugunsten der Regierung und gegen die FIS zu sprechen. Ihre Haltung zum Ausnahmezustand war zögerlich, meistens begrüßten sie sogar den Einsatz der Panzer.
Die ehrwürdige Armee
So kam es, daß der frühere Präsident Ben Bella am 19. Juni, dem Jahrestag seines Sturzes durch das Militär, die Armee als "über den Streit erhaben und aus anständigen Männern bestehend" würdigte. Sehr zaghaft forderte er Schritte zur Beendigung des Ausnahmezustandes, ebenso wie Ait Ahmed von der FFS, der wenigstens den Mut zur klaren Äußerung besaß. Aber: außer Ali Yahias Liga zur Verteidigung der Menschenrechte und der PST hat niemand nachdrücklich die sofortige Aufhebung des Ausnahmezustandes gefordert.
Eine Ausnahme bildet Louiza Hanoun von der Arbeiterpartei (PT; der lambertistischen Strömung des Trotzkismus angeschlossen), aber seit ihrem Besuch bei Abassi Madani und ihrer Unterstützung des FIS-Streiks ist sie emsthaft kompromittiert. Die Partei der Sozialistischen Avantgarde (PAGS; die algerische KP) forderte das Verbot der FIS und schloß sich damit von jeder Aktivität in den Wohngegenden aus. Momentan ist die Glaubwürdigkeit Abassi Madanis aufgrund seiner widersprüchlichen Positionen und seines unklaren Verhaltens zum Ausnahmezustand beeinträchtigt. Die Eltern der Opfer haben ihm nicht verziehen, daß er ihre Kinder in das Gemetzel schickte, und seine Anhänger können nicht weiterhin akzeptieren, Kleingruppenaktionen ohne Sinn und Verstand, ohne einen sichtbaren Plan durchführen zu sollen. Abassi unterstützte zunächst die Regierung Ghozali und ALGERIEN bekräftigte diese Unterstützung sogar noch nach der Anklage gegen Belhadj: dann forderte er kurz vor seiner Verhaftung plötzlich das Ende des Ausnahmezustandes. Diese Wendung kam aber erst nach den Schlägen gegen den FIS-Apparat und der Verhaftung mittlerer Kader, was effektive Solidaritätsaktionen mit den Führern der FIS verhinderte. In den westlichen Medien war viel von einem Coup des Militärs die Rede. Aber warum sollte das algerische Militär einen solchen Coup ausführen müssen, wo es doch seit 1962 an der Macht ist? Die demokratische Öffnung im Gefolge der Ereignisse vom Oktober 1988 wird nicht zurückgenommen werden, da man das Vertrauen der Imperialisten gewinnen muß. Außerdem ist es viel effizienter und sicherer, wenn man, statt mit militärischen Verordnungen, flexibel regieren kann. Zu letzteren wird das Regime erst dann Zuflucht nehmen, wenn es von der Existenz einer tödlichen Gefahr ausgehen muß. Trotz anfänglicher Befürchtungen, daß die Aktivisten der FIS die Truppen destabilisieren und somit die repressiven Kräfte lahmlegen könnten, ist es so weit nicht gekommen.
Heute steht eine tiefgehende wirtschaftliche Öffnung auf der Tagesordnung. "Mehr als nur halbherzige Maßnahmen" lautete die Schlagzeile der großen Abendzeitung L'Horizon am 2. Juli 1991. Der begrenzten Öffnung gegenüber ausländischen Firmen im Juli 1990 (Erlaubnis in harter Währung zu verkaufen für die Aussicht auf Investitionen) folgte im Februar 1991 die totale Liberalisicrung des Außenhandels - zumindest auf dem Papier. Die Öffnung wird noch tiefgehender werden, damit man den Verpflichtungen gegenüber den japanischen, französischen und italienischen Gläubiger nachkommen kann. Diese setzen auf die Regierung Ghozali. Bankrotte lokale Unternehmen, die noch genau für die sechs Monate gestützt wurden, die notwendig waren, um die Wahlen zu überstehen, werden in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Die Liberalisierung des Aussenhandels wird zum Kollaps der Textilindustrie, der Schuhproduktion und des verarbeitenden Gewerbes führen. Die Regierung hat versprochen, daß die nationale industrielle Basis von der Öffnung nicht beeinträchtigt wird - nun, wir werden sehen, ob die üblicherweise recht schwierige Quadratur des Kreises gelingen wird. Abwertung des Dinar
Die absichtliche Senkung der Kaufkraft mittels der Abwertung des Dinar und die Steuerreformen, die die Massen treffen, werden zu wachsender Verelendung führen. Nach den Wahlen wird es ca. vier Millionen Arbeitslose geben. Was bleibt dem Regime also anderes übrig, als sich vor dem Imperialismus im Staub zu wälzen und alle Anstrengungen zur Industrialisierung des Landes aufzugeben? Unter diesen Umständen wäre die Annahme, wir hätten gerade den letzten Aufmarsch der Fundamentalisten hinter uns, ein grober Fehler. Die FIS erwies sich als einzige echte Massenpartei; eine sozialistische, populistische oder demokratische Alternative ist nicht in Sicht. Wenn die liberalen Reformen das unvermeidliche Elend hervorgebracht haben werden, wird diese oder eine andere Partei der Verzweiflung, ob FIS genannt oder nicht, sehr wohl die Führung des Aufstandes der Jugend übernehmen können. Anmerkungen 1) Das Fuhrungsgremium der FIS. Es hat ca. 20 seiner 35 Mitglieder verloren; ungeführ zehn sind im Gefingnis und weitere vier sind offen Dissidenten.
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