Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Eine Vision der Zukunft

· Inprekorr Nr. 230, Sondernummer, August/September 1990 · S. 40-42 · 1.784 Wörter

Trotzki und Geschichte Stalinismus und Bürokratie IV. Internationale Sowjetunion

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Dienten Er bat aufschon, eine ventie o Mision u er Kapitalismus hat sich als Weltsystem geschichtlich noch schlimmer, zum Sklaven der Nachfrage und des Angebots. Die gegenwärtige Weltkrise bezeugt in besonders tragischer erfüllen: die Hebung menschlicher Macht und menschli- Weise, wie sehr der Mensch, der auf den Boden des Ozeans hinchen Reichtums. Auf der erreichten Stufe kann die Menschheit abtaucht, in die Stratosphäre emporsteigt, sich auf unsichtbaren nicht verharren. Nur eine machtvolle Steigerung der Produk- Wellen mit den Antipoden unterhält, wie sehr dieser stolze und tionskräfte und eine richtige, planmäßige, d.h. sozialistische verwegene Gebieter der Natur Sklave der blinden Mächte der Organisation von Erzeugung und Verteilung kann den Men- eigenen Wirtschaft bleibt. Die geschichtliche Aufgabe unserer schen — allen Menschen — ein würdiges Lebensniveau sichern Epoche besteht darin, das entfesselte Spiel des Marktes durch und ihnen gleichzeitig das kostbare Gefühl der Freiheit ihrer einen vernünftigen Plan zu ersetzen, die Produktionskräfte zu eigenen Wirtschaft gegenüber verleihen. Der Freiheit in zweier- disziplinieren, sie zu zwingen, in Harmonie zusammenzuwirlei Beziehung: Erstens wird der Mensch nicht mehr gezwungen ken, den Bedürfnissen des Menschen gehorsam dienend. Nur sein, der physischen Arbeit den Hauptteil seines Lebens zu wid- auf dieser neuen sozialen Grundlage wird der Mensch seinen men. Zweitens wird er nicht mehr von den Gesetzen des Mark- müden Rücken strecken können und — jeder und jede, nicht nur tes abhängen, das heißt von den blinden und finsteren Kräften, Auserwählte - zum vollberechtigten Bürger im Reiche des die sich hinter seinem Rücken herausbilden. Er wird seine Wirt- Gedankens werden.

schaft frei, d.h. nach einem Plan, mit dem Zirkel in der Hand aufbauen. Es handelt sich diesmal darum, die Anatomie der Doch ist dies noch nicht das Ende des Weges. Nein, es ist nur Gesellschaft durch und durch zu röntgen, alle ihre Geheimnisse sein Anfang. Der Mensch bezeichnet sich als die Krönung der aufzudecken und alle ihre Funktionen der Vernunft und dem Schöpfung. Er hat darauf gewisse Anrechte. Wer hat aber be- Willen des kollektiven Menschen zu unterwerfen. hauptet, der heutige Mensch sei der letzte und höchste Vertreter In diesem Sinne soll der Sozialismus eine neue Stufe im ge- der Gattung Homo sapiens? Nein, physisch wie geistig ist er schichtlichen Aufstieg der Menschheit werden. Unserem Ur- sehr weit von Vollkommenheit entfernt, diese biologische Frühahn, der sich zum ersten Male mit einer Steinaxt bewaffnet geburt, deren Denken erkrankt ist und die sich kein neues orgahatte, stellte sich die ganze Natur als Verschwörung geheimnis- nisches Gleichgewicht geschaffen hat. voller und feindlicher Mächte dar. .. Die Naturwissenschaften Zwar hat die Menschheit mehr als einmal Giganten des Gehaben seither Hand in Hand mit der praktischen Technologie die dankens und der Tat hervorgebracht, die die Zeitgenossen wie Natur bis zu ihren verborgensten Tiefen durchleuchtet. Vermit- Gipfel einer Bergkette überragten. Das Menschengeschlecht hat tels der elektronischen Energie vollzieht jetzt der Physiker sein ein Recht, auf Aristoteles, Shakespeare, Darwin, Beethoven, Gericht über den Atomkern. Die Stunde ist nicht mehr fern, wo Goethe, Marx, Edison, Lenin stolz zu sein. Warum sind diese die Wissenschaft spielend die Aufgabe der Alchimie lösen, Dün- aber so selten? Vor allem darum, weil sie fast ausnahmslos aus ger in Gold und Gold in Dünger verwandeln wird. Dort, wo die höheren und mittleren Klassen hervorgegangen sind. Von selte- Dämonen und Furien der Natur wüteten, gebietet jetzt immer nen Ausnahmen abgeschen, sind die Funken der Genialität in mutiger der industrielle Wille des Menschen. den niedergehaltenen Tiefen des Volkes, che sie noch auflodern Doch während er siegreich mit der Natur rang, baute der konnten, erstickt. Aber auch deshalb, weil der Prozeß der Zeu- Mensch seine Beziehungen zu anderen Menschen blind, fast so gung, der Entwicklung und Erziehung des Menschen im Wesen wie die Biene oder die Ameise. Mit Verspätung und höchst un- eine Sache des Zufalls blieb und bleibt: nicht durchleuchtet von entschlossen tritt er an die Probleme der menschlichen Gesell- Theorie und Praxis, nicht dem Bewußtsein und dem Willen unschaft heran. Er begann bei der Religion, um dann zur Politik tergeordnet.

überzugehen. Die Reformation war der erste Erfolg der kriti- Die Anthropologie, Biologie, Physiologie, Psychologie haben schen Vernunft auf einem Gebiete, wo tote Tradition geherrscht Berge von Material gesammelt, um vor dem Menschen in volhatte. Von der Kirche griff der kritische Gedanke zum Staat lem Umfange die Aufgabe seiner eigenen körperlichen und geiüber. Im Kampfe mit dem Absolutismus und den mittelalterli- stigen Vervollkommnung und weiteren Entwicklung aufzurichchen Ständen geboren, erstarkte die Doktrin der Volkssouverä- ten. Die Psychoanalyse hob mit Siegmund Freuds genialer Hand nität und der Menschen- und Bürgerrechte. So kam das System den Deckel vom Brunnen, der poetisch die „Seele" des Mendes Parlamentarismus zustande. Der kritische Gedanke drang in schen genannt wird. Und was hat sich erwiesen? Unser bewußdas Gebiet der staatlichen Verwaltung ein. Der politische Ratio- tes Denken bildet nur ein Teilchen in der Arbeit der finsteren nalismus der Demokratie bedeutete die höchste Errungenschaft psychischen Kräfte. Gelehrte Taucher steigen auf den Boden des der revolutionären Bourgeoisie. Ozeans und fotografieren dort geheimnisvolle Fische. Indem der Zwischen Natur und Staat steht aber die Wirtschaft. Von der menschliche Gedanke auf den Boden seines eigenen seelischen Tyrannei der alten Elemente - Erde, Wasser, Feuer und Luft - Brunnens hinabsteigt, muß er die geheimnisvollen Triebkräfte hat den Menschen die Technik befreit, um ihn sodann ihrer eige- der Psyche beleuchten und sie der Vernunft und dem Willen unnen Tyrannei zu unterwerfen. Der Mensch hörte auf, Sklave der Natur zu sein, um zum Sklaven der Maschine zu werden und, Ist er einmal mit den anarchischen Kräften der eigenen Ge- 40 INPREKORR 230

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sellschaft fertig geworden, wird der Mensch sich selbst in harmonische Mensch einer neuen und glücklicheren Rasse den Arbeit nehmen, in den Mörser, in die Retorte des Chemikers. Weg ebnen wird. Die Menschheit wird zum ersten Male sich selbst als Rohmaterial, bestenfalls als physisches und psychisches Halbfabrikat * Ein Auszug aus der Kopenhagener Rede Trotzkis vom 27. Novem betrachten. Der Sozialismus wird einen Sprung aus dem Reiche ber 1932. Hier wiedergegeben nach: L.Trotzki, Denkzettel, Franklurt der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit auch in dem Sinne 1981, S. 420-423. Die Kopenhagener Rede ist voliständig abgedruckt bedeuten, daß der gegenwärtige, widerspruchsvolle und un- in: L.Trotzki, Schriften 1, Hamburg 1988, S. 362-402. Testament

Dreiundvierzig Jahre meines bewußten Lebens bin ich ein Revolutionär gewesen; zweiundvierzig Jahre habe ich unter dem Banner des Marxismus gekämpft. Wenn ich von vorne beginnen könnte, würde ich natürlich versuchen, den einen oder anderen Fehler zu vermeiden, aber die große Linie niemals ändern. Ich werde als proletarischer Revolutionär, als Marxist, als dialektischer Materialist und folglich als unversöhnlicher Atheist sterben. Mein Glaube an eine kommunistische Zukunft ist heute noch stärker als in meiner Jugend.

Natascha hat das Fenster zur Hofseite noch weiter geöffnet, damit die Luft besser in mein Zimmer strömen kann. Ich kann den glänzenden grünen Rasenstreifen unter der Mauer sehen, den klaren blauen Himmel darüber und die Sonne überall. Das Leben ist schön. Die kommende Generation möge es reinigen von allem Bösen, von Unterdrückung und Gewalt und es voll genießen.

L. Trotzki 27. Februar 1940

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Zeittafel 7. November (26. Oktober a.St.) 1879 Lew Dawydowitsch Bronstein wird in Janowka (Ukraine) geboren. 1896 Erster Kontakt mit marxistischen Zirkeln.

1897 Bronstein gründet den Südrussischen Arbeiterbund. 1898 uflösung des Arbeiterbunds. Erste Verhaftung: Gefängnisaufentha i Cherson und anschließend in Odess:

1901 In der Verbannung in Wercholensk.

1902 ucht nach Irkutsk. Bronstein nimmt den Namen Trotzki an. Im Okt ir in London erste Begegnung mit Lenin. Mitarbeit an der Iskı Trotzki gehört nach dem II. Parteitag der SDAPR vorübergehend der menschewistischen Fraktion an.

1904 Trotzki bricht mit den Menschewiki.

1905 Während der Revolution Vorsitzender des Petersburger Sowjet. 1906 Trotzki schreibt im Gefängnis Ergebnisse und Perspektiven, worin er zum ersten Mal seine Theorie der permanenten Revolution darlegt. Wegen seiner Teilnahme an der Revolution wird er im November zu lebenslanger Verbannung verurteilt, aus der er 1907 flieht. 1915 Trotzki verfaßt das .Zimmerwalder Manifest" gegen den imperialistischen Krieg.

1917 Im August wird Trotzki auf dem VI. Parteitag der SDAPR(B) ins ZK gewählt. Am 6. Oktober wird er Vorsitzender des Petrograder Sowjet. Am 7./8. November ist er militärischer Leiter des Oktoberaufstands. In der ersten Sowjetregierung wird er Volkskommissar für Außeres. 1918 Trotzki leitet die sowjetische Delegation zu den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk. Im März wird Trotzki Kriegskommissar und Vorsitzender des Obersten Kriegsrates.

1919 Trotzki verfaßt das Manifest des Gründungskongresses der III. Internationale. Er ist in der Folgezeit aktiv an der Ausarbeitung der Politik der Komintern beteiligt und Mitglied ihres Exekutivkomitees. 1922 Stalin wird auf dem XI. Parteitag im März/April Generalsekretär des ZK der KPR(B). Lenin schlägt Trotzki im November einen Block gegen die Bürokratie vor.

1923 Trotzki prangert das „Parteiregime" und die .,Bürokratisierung des Parteiapparats** an.

1924 21. Januar: Tod Lenins. Im Oktober erscheinen Trotzkis Lehren des Oktober. Beginn der Kampagne gegen den Trotzkismus". Stalin entwickelt die Idee vom Aufbau des Sozialismus in einem Land. 1926 Bildung der ., Vereinigten Opposition" (Trotzki-Sinowjew). 1927 Trotzki greift Stalin wegen seiner Chinapolitik an. Im November wird Trotzki aus der KPdSU(B) ausgeschlossen.

1928 Verbannung nach Alma Ata.

1929 Trotzki wird am 10./11.2. aus der UdSSR in die Türkei (Prinkipo) deportiert.

1928-1933 Trotzki kämpft gegen die ultralinke Linie der Komintern (.,Dritte Periode*). für die Reformierung der Komintern und des Sowjetstaates. Konstituierung der Internationalen Linken Opposition (IL.O). 1933 Mit der kampflosen Kapitulation der KPD und der Komintern vor Hitler wendet sich Trotzki von der Politik der Reformierung der Komintern ab und tritt für die Gründung einer neuen (IV.) Internationale ein. Die ILO wird in Liga der Kommunisten-Internationalisten (LKI) umbenannt. Trotzki verläßt Prinkipo und geht nach Frankreich. 1934 Aufruf der LKI zur Bildung der IV. Internationale. 1935 Trotzki verläßt Frankreich und geht nach Norwegen. - Auf dem VII. Kongreß der Komintern im Juli/August Ubergang zur ., Volksfrontpolitik".

1936 Trotzki schreibt Die verratene Revolution, worin er seine Analyse der sowjetischen Gesellschaft und ihrer bürokratischen Entartung unter Stalin zusammenfaßt.

1936-1938 1 Mittelpunkt von Trotzkis Aktivitaten stehen die Entlarvung d oskauer Prozesse. die Kritik an der konterrevolutionaren Politik d Komintern in Spanien und die Arbeit für den Aufbau der IV. Internationale.

1937 Im Januar Ankunft Trotzkis in Mexiko.

1938 m Mai erscheint das .,Ubergangsprogramm' cer N. ncrationate sat in Périgny bei Paris der Cri nierationale. der IV. Internationale statt.

1939 Nach der Unterzeichnung des „Hitler-Stalin-Paktes" und vor allem nach der sowjetischen Invasion in Finnland verstärkte Auseinandersetzung Trotzkis mit Verfechtern einer defaitistischen Linie in bezug auf die UdSSR.

20. August 1940 Ramón Mercader, ein stalinistischer Agent, schlägt Trotzki mit einem Eispickel nieder. Trotzki erliegt am darauffolgenden Tag seinen Verletzungen.

Literaturhinweise