Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

'Wie wir unter den Bomben durchhalten'

Inprekorr Nr. 23, 15. Januar 1973 · S. 27-15 · 1.253 Wörter

USA und Kanada Frieden und Aufrüstung Vietnam und Indochina

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-+++++++++++++++ ++++++ ++++++++++++++++ +++*+++++++ -+++++++ In der letzten Dezemberwoche war Nguyen Minh Vy, der zweite Leiter der nordvietnamesischen Delegation bei den Pariser Verhandlungen, in Brüssel, um die öffentliche Meinung und die Genossen in Belgien über die Situation in seinem Land zu informieren. Jan Van Kerkhoven, ein Mitglied des Politbüros der "Ligue Revolutionnaire des Travailleurs' ein Gespräch mit ihm. Wir drucken hier den Teil des Interviews, in dem der Widerstand Genosse Nguyen Minh Vy, erkläre uns, wie ihr das Leben in Nordvietnam organisiert, Es gibt vier sehr wichtige Faktoren: die politische Erziehung, die aktive Verteidigung, die Zuerst zur politischen Erziehung. Sie ist sehr wichtig, um den Mut der Bevölkerung zu stär ken. Es geht darum, der Bevölkerung Vertrauen in die militärischen Gegenmaßnahmen geben, sie davon zu überzeugen, daß ein Sieg in diesem Zerstörungskrieg aus der Luft möglich ist. Das wird unter anderem durch ein sehr intensives kulturelles Leben erreicht. Singend überwinden wir den Donner der Bomben. Wahrend der Bombardierungen werden das kulturelle Leben und auch der Unterricht sogar intensiviert. Das ist sehr wichtig. Gegenüber einem solchen Luftkrieg haben wir natürlich unser ganzes Leben umorganisieren müssen. Aber um zu verstehen, wie wir fähig waren, diese Umorganisierung mit Erfolg durchzuführen, muß man sich zuerst vor Augen halten, daß unser Land von der Landwirtschaft bestimmt wird. Die Industrialisierung ist viel weniger bedeutsam als in Europa; deswegen sind die Auswirkungen der Bombardierungen geringer. Die Umorganisierung des ganzen Lebens wurde nach den Prinzipien des Volkskriegs durchgeführt: Jung und Alt, alle werden mobilisiert, um bei der Verteidigung mitzuwirken. Erstens bei der aktiven Verteidigung: jeder schießt auf die amerikanischen Flugzeuge mit allem, was er gerade zur Hand hat. Flugzeuge abzuschießen ist nicht nur die Aufgabe der mit Raketen ausgerüsteten Soldaten oder der Flugzeugabwehr; es ist die Aufgabe von jedermann. Jeder macht es sich auch zur Aufgabe, die Flugzeuge zu entdecken. Es gibt kein Sirenensystem, und die Flugzeuge fliegen 1200 km in der Stunde. Wir haben Ketten von Trommeln. Jeder warnt jeden, wenn die Flugzeuge ankommen. Jeder weiß auch, was zu machen ist, um den Piloten festzunehmen. Jedes Dorf hat sein Flugzeugabwehrgeschütz. Das sind natürlich nur Maschinengewehre. Jeder hat sein Gewehr. Aber es ist sehr wichtig, daß selbst mit diesen Waffen auf die Flugzeuge geschossen wird. Man kann einen Phantomjäger mit einem Gewehr abschießen. Man muß Mut dazu haben. Sie kommen aus großer Höhe bis auf 300 m herunter, um dann ihre Bomben abzuwerfen. Man muß die Bevölkerung dazu erziehen, daß sie den Mut hat, auf einen Phantom zu schiessen, wenn er gerade vor einem fliegt in 300 m Höhe, kurz bevor er seine Bombenladung abwirft. Aber es gibt noch einen Grund, warum jeder schießt: in diesem Fall wagen sich die Flugzeuge nicht so weit herunter. Sie fliegen tief, um nicht von den Raketen getroffen nicht von den Radargeräten entdeckt zu werden. Wenn man auf die Flugzeuge schießt, dann jagt man sie, auch wenn man sie nicht trifft, auf eine Höhe hinauf, wo sie von den Rak eten getroffen werden können. Wir nutzen das Gelände und die Vegetation aus, um die Raketen zu verstecken. Die Amerikaner behaupten, sie hatten große Raketenbasen von uns bombar diert. Das stimmt nicht. Die Raketen sind überall in kleiner Anzahl verteilt. Warum gibt die amerikanische Regierung in letzter Zeit zu, daß etliche Flugzeuge von Die Überlegenheit der B-52 ist ein Mythos. Schon vorher haben wir Riesenbomber B-52 abg: schossen, aber die amerikanische Regierung wollte das nicht zugeben. Bei der letzten Eskalation haben sie soviel eingesetzt und wir soviel abgeschossen, daß sie das nicht mehr wegleugnen können. Im südostasiatischen Raum verfügt die amerikanische Armee ungefähr über 200 B-52, von denen etwa die Hälfte im Einsatz ist. Wir haben etwa ein Drittel der eingesetzten B-52 abgeschossen, nämlich ungefähr 30. Jetzt sind die amerikanischen Behörden gc ===== S. 15 | Inprekorr_19730115_023_015.jpg ===== attackieren diese amerikanischen Flugzeuge auch von der Luft aus an. Un sere Piloten hab gewisse Taktiken der Luftguerilla ausgearbeitet: sie fliegen nicht in Geschwadern, und sie greifen überraschend an.

Das Ergebnis von all dem ist, daß die amerikanischen Piloten, wenn sie in unseren Luftrau eindringen, nervlich sehr angespannt sind. Sie können von allen Seiten angegriffen werde von unseren Jagdflugzeugen, unseren Raketen, junseren Luftabwehrbatterien und unsere wehren.

Es wurde Kritik laut an der Tatsache, daß euch die Arbeiterstaaten nicht genügend mode nes Material liefern. Gibt es in diesem Punkt Änderungen, die die kürzlich errungenen militärischen Erfolge erklären?

Über diesen Punkt kann ich nichts sagen. Ich weiß nicht. Ich kann nur das sagen, daß wir immer um mehr internationale Unterstützung bitten; im übrigen ist unser Prinzip, sich auf seine eigenen Kräfte zu verlassen. Ein konkretes Beispiel: die sowjetischen Raketen, über die wir verfügen, haben wir den Bedingungen des Krieges in Vietnam angepaßt. Wir haben wie viel beweglicher gemacht. So erfindet unser Volk jeden Tag neve Methoden, um sich zu verteidigen. Wenn wir auf unsere eigenen Kräfte rechnen, haben wir die Möglichkeit noch mehr internationale Hilfe zu erbitten.

Aber ich möchte über den zweiten Aspekt der Verteidigung sprechen, über die passive Verte digung. Das heißt die Zerstreuung des ganzen Lebens, die Dezentralisierung, wie wir sag Wir haben das 1965 gemacht, zu Beginn des Luftkriegs. Damals war unsere Industrie in de Städten konzentriert wie bei euch. Wir haben diese ganze Industrie zerstreut. Sogar ein g zer Industriekomplex wurde auf verschiedene Orte zerstreut. Am 8. April 1972 verkündete d amerikanische Armee, sie hätte den großen Textilkomplex von Hanoi bombardiert. Aber sie hat nur die Mauern der Fabrik bombardiert. Die Fabriken sind jetzt in natürlichen Höhlen unter der der Erde eingerichtet. Bei bestimmten Industriekomplexen ist das unmöglich, wie bei den Wärmekraftwerken. Diese verteidigen wir sehr gut. Eines der Wärmekräftwerke ist schon mehr als 100 mal bombardiert worden und funktioniert immer noch. Solche Fabriken werden verstärkt und von Flugzeugabwehrbatterien umgeben.

Aber eine derartige Dezentralisierung wirft natürlich enorme Probleme auf, vor allem das Problem, daß die Führung zentralisiert werden muß. Wir dezentralisieren alles. Die Universität wird aufs Land geschickt. Warum sollte das Landwirtschaftsministerium in der Stadt bleiben? Warum sollte das Ministerium für Forstwirtschaft in Hanoi bleiben? Sie werden doi hin geschickt, wo sie sich wirklich befinden müssen. Das tut gut. Aus diesem Grund hat Pho Van Dong (der Ministerpräsident) eines Tages gesagt: "Danke, Herr Johnson, danke für die Regionalisierung unserer Wirtschaft!" Denn diese Dezentralisierung ist für uns nicht n eine Kriegsmaßnahme. Es geht darum, unser ganzes Land zu reorganisieren, was eine lang Fristige Arbeit ist, denn wir sind der Ansicht, daß es das beste ist, das ganze Leben zu dezentralisieren und nur den Kopf in Hanoi zu behalten.

Und dann gibt es das Transportproblem. Das ist lebenswichtig. Jedermann ist für die Unter haltung der Wege verantwortlich. Jedes Dorf ist verantwortlich für einen Teil der Strecke. Wenn eine Straße bombardiert wird, wird sie innerhalb von 45 Minuten von den Leuten de Dorfes, die für diesen Teil verantwortlich sind, repariert, während die anderen an der akt ven Verteidigung weitermachen. Daneben haben alle Dörfer die Pflicht, die Anzahl der W und Brücken zu vervielfachen. Wenn wir zahllose Wege zwischen den Dörfern anlegen, dahn gelingt es trotz der Bombardierungen nie, sie voneinader zu trennen. Dank einer sol chen Organisation bleiben wir in der Lage, auch unter den intensivsten Bombardierungen d Front zu versorgen.

Ich betone noch ein mal: jedermann ist an dieser Verteidigungsarbeit beteiligt. Die Leute, die nicht oder nicht mehr schießen können, haben Aufgaben im Transportwesen oder machen etwas anderes. Wie meine Frau zum Beispiel, die von Haus zu Haus geht und Lumpen sam: (Aus LA GAUCHE Nr. 1/73 vom 5.1.