Vom 26. bis 29. März fand in Wuppertal unter der Schirmherrschaft der Gesamthochschule ein internationales wissenschaftliches Kolloquium über Leo Trotzki statt. Mehr als 120 Wissenschaftler aus der ganzen Welt nahmen daran teil. Anwesend waren 18 Experten aus der UdSSR, vier aus der Volksrepublik China, zwölf aus der DDR und etwa ein Dutzend weitere aus osteuropäischen Ländern. Der Rest kam aus Westeuropa, Nord- und Lateinamerika. Jeder Teilnehmer hatte einen schriftlichen Beitrag zum Thema vorbereitet, zusammen etwa 1500 Seiten. Zumindest einige davon werden in Buchform veröffentlicht werden, wahrscheinlich in mehreren Sprachen.
Das Kolloquium behandelte drei Hauptthemen: Trotzkis Rolle in der UdSSR von der Oktoberrevolution bis zu seiner Ausweisung; sein Beitrag zur Analyse der sowjetischen
Gesellschaft; und seine Stellung in der Entwicklung des Marxismus. Eine Reihe von Beiträgen befaßte sich jedoch mit anderen Themen. So sprach ein britischer Wissenschaftler über Trotzki und die spanische Revolution, ein Österreicher über Trotzki und Ethik sowie mehrere sowjetische Wissenschaftler über Trotzki und die Literatur. Gregor Benton von der Universität Leeds behandelte das Thema Trotzki und die chinesischen Revolution, das auch von einem Universitätsdozenten aus Peking aufgegriffen wurde. Der wissenschaftliche Rang der Beiträge war sehr hoch. Der Tenor der Berichte und der zahlreichen Kontroversen, die während der viertägigen Debatte stattfanden, war undogmatisch und entspannt. Es gab keine unfreundlichen Polemiken oder persönliche Angriffe. Die Debatten waren lebhaft, aber von einem offenen und pluralistischen Geist gekennzeichnet.
Hier können nur die wichtigsten Beiträge zu dem Symposium angeführt werden. Höhepunkte waren das bemerkenswerte Papier von Kerstin Herbst aus der DDR über die Behandlung Trotzkis in der sowjetischen Geschichtsschreibung der letzten fünf Jahre; der Beitrag von Professor Felshinsky von der Universität Stanford über die Gültigkeit von Trotzkis Konzeption der Weltrevolution im Lichte des offensichtlichen Scheiterns des Sozialismus in cinem Land"'; der Beitrag von Professor Firsow vom Institut für Marxismus-Leninismus in Moskau über Trotzkis Schlüsselrolle bei der Ausarbeitung der Einheitsfrontpolitik der Kommunistischen Internationale; die Beiträge von W. A. Koslow von demselben Institut und Professor Britovsek von der Universität Ljubljana über Trotzkis Konzeption des sowjetischen Thermidor.
Eine der wichtigsten Beiträge war zweifellos derjenige von Professor Witali Demischew aus Moskau über die Relevanz der Ideen Trotzkis für die Lösung der Probleme, mit denen die UdSSR heute konfrontiert ist. Das Symposium erhielt den ersten Einblick in die erste Trotzki gewidmete Doktorarbeit aus der UdSSR. Es war die Arbeit eines jungen Literaturhistorikers, der äußerte, daß Trotzki zu seinem Idol geworden sei. Die Teilnehmer aus der Volksrepublik China zeichneten sich durch einen sehr objektiven Ton bei ihren Äußerungen aus. Sie hatten im allgemeinen ein sehr positives, wenn auch bisweilen sehr kritisches Urteil über Trotzki. Dasselbe kann von den westlichen Teilnehmern gesagt werden. Wenngleich viele Sozialdemokraten anwesend waren, die dem Trotzkismus feindlich und Trotzki kritisch gegenüberstehen, so erkannte jeder doch die historische Bedeutung seiner Person und seiner Ideen an.
Das Kolloquium war auch von mehreren Enthüllungen geprägt. So berichtete Dr. Podschekoldin vom Moskauer Institut für Marxismus- Leninismus von der Entdeckung von Archivmaterial, daß anscheinend zeigt, daß Stalin die Ergebnisse der Abstimmung von 1923 in der Moskauer Parteiorganisation über die ersten Thesen der Opposition gefälscht hat. Es scheint, daß letztere in Wirklichkeit die Mehrheit erhielten. Mehrere sowjetische Teilnehmer enthüllten früher unbekannte Tatsachen über die enge Zusammenarbeit zwischen Lenin und Trotzki in den Jahren 1922/23. Andere Beiträge zeigten, daß ein wichtiger Teil der „gemäßigten" stalinistischen Führer, vielleicht um Kirow, dafür war, Trotzki 1932/33 in die Sowjetunion zurückzurufen.
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