Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Janette Habel/Michael Löwy

Nachruf auf Raul Sendic

Inprekorr Nr. 217/218, Juli/August 1989 · S. 39-40 · 1.202 Wörter

Gewerkschaften und Streiks

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Der Revolutionär Raúl Sendic, Gründer und Mitglied der Leitung der uruguayischen Nationalen Befreiungsbewegung — Tupamaros (MLN/T), eine legendäre Gestalt für die gesamte lateinamerikanische Linke, ist am 28.April 1989 in Paris gestorben. Am 6. Mai haben in Montevideo über 50.000 Menschen an dem Trauerzug teilgenommen. Die IV. Internationale hat sich in Gestalt ihrer uruguayischen Sektion, der Sozialistischen Arbeiterpartei (PST), ihrer übrigen lateinamerikanischen Sektionen und des Vereinigten Sekretariats diesem Gedenken an den Genossen Sendic angeschlossen. Kurz nach dieser Großdemonstration hat die Regierung die Anerkennung der MLN/T als legale Partei und ihre Zulassung zu den nächsten Wahlen beschlossen. aúl Sendic war früher Gewerk- kennen, hervorgegangen. Raúl, der zu- Rochais ihr und hate sauern- nächst Mitglied der Sozialistischen Partei jährige Erfahrung mit Bauern- war, gewann - zusammen mit anderen kämpfen.' Seine ersten Erfahrungen mit politisch Aktiven kommunistischer, anargewerkschaftlicher Organisierung auf chistischer, christlicher Herkunft - die dem Lande gehen auf die fünfziger Jahre Überzeugung, daß es in Anbetracht der zurück, noch vor dem Sieg der kubani- reformistischen Verknöcherung der tradischen Revolution. Bereits 1954 nahm er tionellen Organisationen eine neue revoan Landbesetzungen teil; 1955 war er bei lutionäre Organisation aufzubauen gilt. einem Marsch von Reisarbeitern dabei: So entstand die MLN (Movimiento de 1957 organisierte er Bauern, die Rüben Liberación Nacional — Tupamaros), entanbauten; 1958 widmete er sich der Ar- standen die „Tupas" 2 Bei diesem Prozeß beit mit den cañeros, den Zuckerrohr- war der Einfluß der kubanischen Revolu- Erntearbeitern im Nordwesten des Lan- tion entscheidend; auch der Vietnamkrieg des; er gründete den Verband der Zuk- und die Auswirkungen der chinesischkerarbeiter von Artigas (Unión de Traba- sowjetischen Polemik beeinflußten die Überlegungen der „Tupas"

UTAA), eine kämpferische Gewerk- Eleuterio Fernández Huidobro, langschaft, die direkt auf den Zuckerrohr- jähriger Kampfgefährte von Raúl Sendic Haciendas den Klassenkampf organi- hat berichtet, wie viele Gruppen von Jusierte, den gelben Gewerkschaften entge- gendlichen in Anbetracht der Zerstrittengentrat und den ersten Hungermarsch heit der traditionellen Organisationen organisierte, der im Juni 1962 in Monte- zögerten, wie ihre Hoffnungen enttäuscht video ankam. Er führte einen Kampf, um wurden, von ihrem Überdruß, von ihrem für die Landarbeiter gegen die Groß- endgültigen Bruch und wie jemand ein grundbesitzer den Achtstundentag und Photo, das den Che in der Sierra Maestra die Einhaltung der Arbeitsgesetze durch- zeigt, von der Wand eines Büroraumes zusetzen. Von da an fanden die Hunger- riß und erklärte: „Du kommst mit uns!" märsche der Zuckerrohrarbeiter unter der Die Tupamaros bewahrten stets eine Parole statt: „Für den Boden, mit Sen- große Autonomie gegenüber der offizieldic!" len kommunistischen Bewegung, auch gegenüber dem Castrismus, von dem sie nie abhängig waren. Sie schlugen eine Gründer der „Tupas" Taktik des bewaffneten Kampfes ein, bei der bewaffnete Propaganda und exempla- Aus dieser bäuerlichen Tradition, die- rische Aktionen in den Städten im Mittelser gewerkschaftlichen Organisierung. punkt standen; sie richteten sich hauptdiesen Massenkämpfen proletarischen sächlich an die Lohnabhängigen in der Charakters ist der Raúl Sendic, den wir Stadt, und damit standen sie zum damals URUGUAY vorherrschenden Credo von der Landguerilla im Gegensatz. Die MLN (Tupamaros), die 1962/63 entstand', war zehn Jahre lang, bis zu ihrer Niederlage 1972. eine der berühmtesten und erfahrensten Stadtguerillabewegungen, die es in Lateinamerika gab; ihr stand eine zunehmend modernisierter und von den Söldnern des US-amerikanischen Geheimdienstes, der CIA, beratender Militärund Polizeiapparat gegenüber.

So spektakulär die eingeschlagenen Kampfformen waren, so erlaubten sie jedoch nicht die Integration der Massen in den Kampf und deren autonome Organisierung, selbst wenn sie die Sympathie der Lohnabhängigen gewonnen hatten. Die Massen wohnten dem Krieg als Zuschauer bei, bei dem sich die Armee und eine kühne, aber isolierte Avantgarde gegenüberstanden. Bei dem Militärputsch vom 27.Juni 1972 leisteten die Lohnarbeiterinnen und Lohnarbeiter in Uruguay heldenhaft Widerstand: fünfzehn Tage lang dauerte ihr Generalstreik. Sie haben damit ihren Kampfwillen unter Beweis • gestellt, doch sie wurden besiegt. Die Militärdiktatur sollte über zehn Jahre währen.

Dreizehn Jahre lang gefoltert Nachdem er im August 1970 ein erstes Mal verhaftet worden war, entkam Sendie bei einer spektakulären Ausbruchsąktion mit 105 anderen Tupamaros im September 1971. Von der Armee gehetzt, wurde er am 1.September 1972 erneut gefaßt und diesmal schwer verwundet. 13 Jahre lang blieb er im Gefängnis, 12 davon ohne Urteil; er wurde entsetzlich gefoltert und in totaler Isolation gehalten. 1984 wurde ihm schließlich ein Prozeß gemacht, er wurde zu 45 Jahren Haft verurteilt. Nach der allgemeinen Amnestie. die nach dem Sturz der Diktatur erlassen wurde, kam er 1985 wieder frei. Die Militärs machten kein Hehl aus ihrer Gesinnung: „Weil es nicht möglich war, sie bei der Festnahme umzubringen, mußten sie verrückt gemacht werden. Die Jahre der Martern, die Raúl Sendic und seine Genossen durchgemacht haben, sind in Fernández Huidobros Buch Memorias del calabozo (,,Erinnerungen an den Kerker") nachgezeichnet worden. Raúl Sendic war kaum wiederzuerkennen, als er aus seinem Kerker herauskam: ,mit gebrochener Nase, weiß gewordenen Haaren, voller Narben", mit kaum vernehmbarer Stimme, doch mit ungebrochenem revolutionärem Willen. Trotz aller Bemühungen ist es den uruguayischen Militärs nicht gelungen, Raúl Sendie zu zerbrechen: Als die Volksbewegung seine Freilassung durchgesetzt hatte, bezog er sofort wieder seinen

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URUGUAY

Kampfposten, an der Spitze der MLN/T.

Er vergaß nichts, aber er zog Lehren aus den Niederlagen der Vergangenheit und aus den Fehlern in bezug auf das Verständnis des bewaffneten Kampfes und seines Verhältnisses zu den Massen. Er ließ von seiner revolutionären Zielsetzung in nichts ab, suchte aber neue Wege zur Befreiung der Ausgebeuteten und Unterdrückten in seinem Land. Zu einer Zeit, zu der so viele frühere Rebellen aus den sechziger Jahren — v.a. in Westeuropa, aber auch in Lateinamerika -, nachdem sie „sie so geliebt haben" , die Revolution* , sich brav in das Lager des waschechten Reformismus einreihen, gab Indianer und der Schwarzen - in Uruguay und in ganz Lateinamerika - ihre Früchte tragen werden.

Anmerkungen:

I1. Raul Sendic Antonaccio wurde 1925 geboren, stammte aus einer Familie mittlerer Grundbesitzer im Landesinneren, studierte in Montevideo Jura, wurde Rechtsreferendar und später (formal) Rechtsberater der UTAA. 1960 begab er sich in den Norden.

2. Der Name ist abgeleitet von dem der historischen Person Tupac Amarú (José Gabriel Condorcanqui Noguera), dem „letzten Inka", der 1780/81 im Vizekönigreich Peru einen großen Aufstand gegen die Herrschaft der Spanier anfahrte. „Tupamaros" wurden dann die Milizen der uruguayischen gauchos (bewaffnete Reiter) genannt, die 1811 bis 1815 unter General José Artigas (1764-1850) für die Unabhängigkeit von der spanischen Krone kämpften, meistens in Form der ländlichen Guerilla, mit einigen größeren Schlachten; aus diesen Kämpfen ging die .,Republik östlich des Uruguay" hervor, deren Unabhängigkeit 1828 anerkannt wurde.

3. Die MIN führte am 31.Juli 1963 ihre erste Aktion durch, um in den Besitz von Waffen zu gelangen: 1965 nannte die Bewegung sich zum ersten Mal MIN, am 25. August 1965 hinterließ sie eine „Tupamaros" unterzeichnete Botschaft, nachdem sie die Niederlassung der Bayer-Werke mit einer Bombe zerstört hatte. Ihren ersten Kongreß hielt die MLN im Januar 1966 ab 4. Anspielung auf Daniel Cohn-Bendits Fernsehserie und Bild-Interview-Band; deutsche Ausgabe: Wir haben sie so geliebs, die Revolution, Frankfurt (Athenãum) 1987.]