Streit in der KPI über die Rolle Togliattis Anfang Februar erschien in der italienischen sozialdemokratischen Parteizeitung Avanti ein Artikel, in dem der frühere langjährige Parteisekretär der KPI, Palmiro Togliatti, beschuldigt wurde, er sei im Prozeß gegen Bucharin - der gerade in der UdSSR rehabilitiert worden ist - 1938 als Hauptankläger aufgetreten und habe als treuer Gesandter Stalins dafür gesorgt, daß der Stalingegner Gramsci im faschistischen Kerker festgehalten wurde'. Regierungschef Bettino Craxi machte sich persönlich zu einem Hauptsprecher dieses Vorwurfs. Die KPI hat diese Vorwürfe natürlich zurückgewiesen. Die Debatte hat bis in die BRD Wellen geschlagen, wo die Zeitschrift Das Argument in ihrer Ausgabe vom August 1988 eine Antwort von Pietro Ingrao abdruckt. dem Vertreter des linken Flügels der KPI. In der Einleitung dazu heißt es: Diese Vorwürfe sind erfunden. Zu fragen ist daher nach der politischen Überdeterminierung dieser Anklagekampagne."
Togliatti gilt bis heute in der KPI als der Mann, der die Partei vom Einfluß Stalins emanzipiert und einen „italienischen Weg zum Sozialismus" eingeschlagen habe, lange bevor die Bruderparteien ihr auf diesem Weg gefolgt sind. Gerade an seiner politischen Biographie kann man jedoch deutlich machen, daß es eine Kontinuität gibt zwischen der Orientierung Stalins auf ein politisches Bündnis mit den demokratischen Mächten des Imperialismus" nach dem Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 und der Politik der „nationalen Einheit" die Togliatti nach seiner Rückkehr nach Italien 1944 propagierte. Togliatti war in der fraglichen Zeit (1941-1943, bis zur Auflösung der Komintern), Mitglied der dreiköpfigen Führungsgruppe im Sekretariat der Komintern (zusammen mit Dimitroff und Manuilski) und später bis 1964 Generalsekretär der KPI. Wir fassen im folgenden einen Beitrag von Giorgio Amico zusammen, der in Bandiera Rossa, der Zeitung der italienischen Sektion der IV.Internationale erschienen ist.
Über die Bewertung, ob es zwischen dem führenden Funktionär der Komintern und dem späteren Parteisekretär Togliatti Bruch oder Kontinuität gibt, besteht in der KPI keine Binigkeit. Es gibt z.B. die Lesart von Giorgio Amendola, der einen roten Faden ,,von der strategischen Linie, die (die Exilführung) im März 1940 in Paris" angenommen hatte, bis zur sog. „Wende von Salerno"* im März 1944 zieht, als Togliatti, der gerade in Neapel gelandet war, die Erneuerung der Partei" und die Unterstützung der Regierung Badoglio forderte. Doch das Dokument der Exilführung sprach 1940 noch davon, daß neben den faschistischen Staaten auch der englische und französische Imperialismus für den Krieg verantwortlich seien, lehnte es ab, von einem demokratischen und antifaschistischen Krieg zu sprechen und forderte zu Sabotageaktionen, zur defätistischen Arbeit in der Armee und zur Massenaktion auf, um den imperialistischen Krieg in einen Bürgerkieg zu verwandeln". Nach dem Einmarsch Hitlers in die Sowjetunion änderte sich jedoch die Linie: die militärische Niederlage des Faschismus wurde nun zum Hauptziel, dem alle weitergehenden Überlegungen untergeordnet wurden. Die imperialistischen Alliierten wurden als „demokratische Verbündete"* hochgelobt und eine Hauptaufgabe darin geschen, alles zu vermeiden, was einer Zusammenarbeit mit ihnen im Weg stehen könnte. Dazu zählte auch die Existenz der Komintern selbst, die folgerichtig 1943 aufgelöst wurde. Man müsse, so Stalin, den „Verleumdungen" entgegentreten, die Sowjetunion wolle „sich in das Leben der anderen Nationen einmischen, um sie zu bolschewisieren".
Eine folgerichtige Konsequenz dieser Position war es, daß Togliatti ein Jahr später mit dem Ziel nach Italien zurückehrte, die Kommunistische Partei Italiens von Grund auf zu erneuern. Togliatti selber hat in schriftlichen Beiträgen diese Kontinuität hervorgehoben und seine politische Zielsetzung damals erläutert: „Die Politik, die ich in Neapel damals verfolgte, stellte nichts anderes dar als die konkrete Anwendung einer Linie, die von der KPI schon lange vor 1944 (der sog. Wende von Salerno) gegenüber den monarchistischen Gruppen eingeschlagen worden war (...) Wir sagten damals klar und deutlich, daß wir auch
eine monarchistische Bewegung unterstützen würden, die Mussolini stürzen und dadurch verhindern würde, daß Italien in den Krieg eintrete bzw. den Krieg wieder beendete (...) Ich verstehe gar nicht, wie man von uns eine andere Politik hätte fordern können, wenn man unsere Unruhe in den Jahren davor einigerma- Ben zur Kenntnis genommen hat. *** Die im Untergrund erscheinende Parteizeitung der KPI, L'Unità, begrüßte damals zugleich den Beschluß, die Komintern aufzulösen: Diese Maßnahme hat politisch und historisch eindeutig eine positive Bedeutung für die Arbeiterklasse und die kommunistischen Parteien in aller Welt. Ihr Ziel ist, auch formal die politische Unabhängigkeit der kommunistischen Parteien zu unterstreichen und sie zu ermutigen, ihre Politik immer stärker den nationalen Bedingungen in ihren jeweiligen Ländern anzupassen." Diese Argumentation und die deutlichen Versuche Togliattis, der KPI einen autonomen Handlungsspielraum für ihre Politik zu verschaffen, wurde und wird bis heute in der KPI als das „Kappen der Nabelschnur zum Stalinismus" verstanden. Unterschlagen wird dabei, daß dies nur möglich war, weil der politische Kurs, den die KPI inhaltlich verfolgte, sich mit den Bedürfnissen und der politischen Linie der KPdSU deckte: Die KPdSU blieb der Bezugspunkt, die Hierarchie, die es zu respektieren galt, auch im Rahmen der Neuorientierung der kommunistischen Bewegung. ** Als Togliatti am 27.März 1944 in Neapel eintraf, stellte er sofort klar, daß für Italien das Problem des Sozialismus nicht auf der Tagesordnung stand". Hierin unterschied er sich deutlich von Lenin, der am 15.April 1917 bei seiner Rückkehr aus dem Exil in Petrograd erklärte: Keine parlamentarische Republik, sondern eine Republik der Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauerndeputierten im ganzen Land, von unten bis oben (...) (Das) ist ein Schritt zum Sozialismus. **Togliatti forderte, die KPI müsse in die Regierung Badoglio eintreten und sie unterstützen, völlig unabhängig von der politischen Neuordnung Italiens. Die Politik der Kommunisten müsse sich von Grund auf ändern: sie dürfe sich nicht mehr an den „engen"" Klasseninteressen orientieren, sondern müsse sich die obersten Interessen der Nation zu eigen machen. Anzustreben sei die mögliche Einheit aller demokratischen und antifaschistischen Kräfte des befreiten Italien" . Jeder, auch der mindeste Zwist mit den britischen und amerikanischen Militärbehörden, mit den Monarchisten und den Katholiken müsse vermieden werden. Das prioritäre Ziel, dem alles andere unterzuordnen sei, sei die Legalisierung der Partei und ihr Eintritt in die Regierung. In seiner Rede vor den italienischen Parteiführern am 26.November 1943 im Gewerkschaftshaus in Moskau sagte Togliatti: „Es wäre absurd, in einem Land, das zwanzig Jahre lang die tragische Erfahrung mit dem Faschismus gemacht hat (...) an eine Regierung nur einer Partei und die Herrschaft nur einer Klasse denken zu wollen."
Die erste Schlußfolgerung aus dieser Linie war die Ausschaltung der schwachen innerparteilichen oppositionellen Strömungen. Im Juli 1945 wurde auch die kommunistische Jugenddie Internationale bewegung aufgelöst und statt ihrer eine breite, überparteiliche Massenbewegung" gegründet, die auch die jungen Katholiken umfaßte. Die zweite Schlußfolgerung war die Ablehnung einer Säuberung des Staatsapparats und der Armee von den faschistischen Kräften: „Wir brauchen Generäle und Admiräle" sagte Togliatti, die Demokraten und Patrioten sind." Die dritte Konsequenz war die Entwaffnung der Partisanen, die die kämpferischen, revolutionären Kräfte in der damaligen kommunistischen Bewegung darstellten, und ihre Integration in die neu aufzubauende bürgerliche Armee. Am Vorabend der Befreiung vom Faschismus richtete Togliatti an die Partisanen folgenden Aufruf: , Wenn eure Stadt befreit ist, ist eure Aufgabe die, zusammen mit den Allierten, die am Anfang die Kontrolle ausüben werden, eine demokratische Verwaltung aufzubauen, die sich auf die Volksmassen stützt (...) Dafür müßt ihr euch in die italienische Armee eingliedern." Die vierte Konsequenz war der Verzicht auf unabhängige Aktionen der Arbeiterklasse in den Betrieben und die Auflösung der Strukturen der Arbeiterkontrolle, die sich noch am Vorabend des Aufstands gebildet hatten: „Die Kommunistische Partei stellt keine Klassenforderungen auf, sondern sie will, daß die Arbeiterklasse ihre Hand all denen entgegenstreckt, die am Wiederaufbau Italiens teilnehmen wollen. In den Fabriken, auf dem Land muß jetzt hart gearbeitet werden. **. Von diesem Moment an verstand sich die KPI als eine neue Partei, die „nationale Partei Italiens"
All dies bedeutete keinen Bruch mit Stalin. In die erste Ausgabe der Gefängnishefte Gramscis 1946 und 1947 mischte sich Togliatti persönlich ein: er ließ daraus jede Spur entfernen, die auf die Wertschätzung Gramscis nicht nur für Bordiga und Trotzki bzw. der Linken Opposition, sondern auch für Rosa Luxemburg hinwies. Togliatti war einer der Hauptverantwortlichen dafür, daß die KPI bis heute Gramsci für ihre politische Linie vereinnahmt. In Wirklichkeit trennen die beiden Welten: während für Togliatti die ,Vollendung der bürgerlichen Revolution" auf der Tagesordnung stand, die rund 80 Jahre zuvor mit dem Risorgimento begonnen hatte, strebte Gramsci eine proletarische Revolution an. In seinen Thesen von Lyon von 1926 hieß es dazu: „In Italien bestätigt sich die These, daß die günstigsten Bedingungen für eine proletarische Revolution nicht notwendigerweise immer in den Ländern existieren, wo der Kapitalismus und der Industrialismus am höchsten entwikkelt sind (...) Es gibt in Italien keine Möglichkeit für eine Revolution, es sei denn für eine sozialistische Revolution. ** Die Linie Togliattis der ,,fortgeschrittenen Demokratie** ist in der KPI seither ständig weiterentwickelt worden. Sie wurde in den 60er Jahren fortgesetzt mit dem „antimonopolistischen Kampf und dem ,,Bündnis der Arbeiterklasse mit dem kleinen und mittleren Bürgertum", in den 70er Jahren mit der Linie Berlinguers für einen „historischen Kompromiß* mit der Christdemokratie und heute mit der Forderung nach einer „Regierung der nationalen Einheit" und dem „Pakt der Produzenten". Der Unterschied zu früher besteht darin, daß der Sozialismus auch in der Phrase aufgegeben worden ist.
In der Orientierungskrise, die die KPI heute durchmacht, erfährt Togliatti eine gewisse Renaissance. Die Bewegung für den Sozialismus" , eine kritische Strömung innerhalb der KPl, bezieht sich ebenso wie Ingrao auf Togliatti als jemanden, der sich angeblich aus der Zwangsjacke des Stalinismus befreite, einen eigenen, westlichen Weg zum Sozialismus suchte und ein Kritiker des Kapitalismus geblieben ist. Daran ist soviel richtig, daß viele in der KPI (und in der europäischen Linken) ihre grundsätzliche Kritik am Kapitalismus aufgegeben haben. Dies ist aber nur der Endpunkt eines langen Weges, an dem Togliatti kräftig mitgebaut hat.
Mit der Überwindung des Stalinismus" ist es auch nicht weit her. 1956 unterstützte die KPI die Niederschlagung des ungarischen Aufstands durch die sowjetischen Truppen mit dem Argument, sie hätten „der Anarchie und dem weißen Terror" Einhalt gebieten und die Errungenschaften der Arbeiter und Bauern verteidigen müssen. Togliatti ging auch zu den „Enthüllungen" Chruschtschows auf dem XX.Parteitag der KPdSU auf Distanz, bis er sicher sein konnte, daß damit von Moskau keine Infragestellung des Machtgefüges in der Sowjetunion beabsichtigt war. In den Jahren 1956-61 sorgte er dafür, daß in der KPI eine offene Debatte über die Rolle Stalins nicht aufkam. Seine Forderung nach einem ,,Polyzentrismus" der kommunistischen Bewegung sollte gerade dieses Nebeneinander von stalinistischer Tradition und nachstalinistischer Anpassung an die Sozialdemokratie fortschreiben. Dem ist es zu verdanken, daß die Sowjetunion unter Stalin für die KPI bis Ende der 70er Jahre unhinterfragt das „große historische Modell" des Sozialismus geblieben ist. Diese Bindung an den Stalinismus wird wohl erst dann endgültig gebrochen werden können, wenn in der Sowjetunion selbst in einem Prozeß, der die Massen ergreift, die Wahrheit über die wirkliche Rolle Stalins ans Licht kommt.
Anmerkungen:
1. In dieser Auseinandersetzung wurde auch die Frage aufgeworfen, ob die sowjetische Führung, wenn nicht gar Togliatti selbst, eine direkte Verantwortung dafür trügen, daß Gramsci nicht aus dem Kerker befreit wurde. Dafür wird ein Brief Gramscis an seine Schwägerin Tania Schucht vom 27.2.1933 herangezogen, in dem er schreibt. ihn habe ein viel ausgedehnterer Organismus"* verurteilt als das Sondergericht. Heute wird diese Stelle teilweise so interpretiert, als könnte damit die sowjetische Führung gemeint gewesen sein.
2. Am 25.Juli 1943 wurde Mussolini gestürzt durch eine mehrheitliche Abstimmung im Großen Faschistischen Rat und Badoglio von König Viktor Emmanuel III. mit der Regierungsbildung beauftragt. Am 8.September schloß die Regierung Badoglio mit den Alliierten einen Waffenstillstand; Badoglio floh zusammen mit dem König vor den Nazi-Truppen, die Italien zum großen Teil besetzten und eine italienische Marionettenregierung. erneut unter der Führung Mussolinis, einsetzten. Badoglio konstituierte in Süditalien eine Gegenregierung.
3. Fernando Claudín, Die Krise der kommunistischen Bewegung, Berlin 1978.
4. Palmiro Togliatti, in Belfagor, Nr.2, 1950. S. Luigi Longo, Opinioni sulla Cina, Mailand 1971. 6. W.I.Lenin, Werke, Bd.36, Berlin 1962, S.427-428. 7. L'Unità, 22.Mai 1945.
8. Thesen von Lyon, in: Antonio Gramsci, Zur Geschichte, Politik und Kultur, Leipzig 1980.
Druck von zwei Seiten
Im offiziellen theoretischen Organ der SED, Einheit (Nr.2/1988), schrieb derselbe Rolf Reissig. ohne in Verlegenheit zu geraten, daß breite (!) Schichten des Monopolkapitals daran interessiert sind, die ,wissenschaftlich-technische Revolution" außerhalb der militärischen Sphäre voranzubringen und die Verschwendung riesiger Mittel für Waffen" zu vermeiden. ' Aufgrund der Position der DDR als …Grenzwache des Lagers" wurde eine ganze Generation von Kadern in dem Gedanken der „revanchistischen Aggressivität des Monopolkapitalismus* erzogen. Wir können darauf wetten, daß diese Ideen ein allgemeines Durcheinander und eine weitreichende politische und ideologische Unordnung hervorrufen werden. Dieses Bild sollte durch den Hinweis vervollständigt werden, daß anstelle des ,nichtkapitalistischen Entwicklungsweges** *, den Chruschtschow für die wichtigsten Länder der Dritten Welt vorsah, die Gorbatschowisten öffentlich schreiben, daß, bei wenigen Ausnahmen_ (Angola, Mozambique, Südjemen und Äthiopien; Nicaragua, El Salvador und Guatemala fehlen auf dieser Liste), die Entwicklung der Dritten Welt für lange Zeit kapitalistisch ist und bleiben wird und daß die UdSSR und die nationalen Befreiungsbewegungen innerhalb dieses Rahmens wirken müssen. (G.Mirski, Mirowaja Ekonomika i Meshdunarodnyje Omnoschenija, 5.Oktober 1987.) Der Hinweis ist klar. Können wir auf der Basis all dieser Daten schließen, daß Gorbatschows Außenpolitik eine grundsätzliche „Rechtswendung" im Vergleich zur früheren sowjetischen Außenpolitik bedeutet? Sollten wir eine derartige Beurteilung weiterführen, indem wir sagen, daß logischerweise, da Außenpolitik die Fortsetzung der Innenpolitik ist, Glasnost und Perestroika en bloc verdammt werden sollten, so wie die „fortgeschrittene friedliche Koexistenz""? Das wäre übereilt. Es ist nötig, vor solchen übermäßigen Vereinfachungen zu warnen, ähnlich dem ,,'ja, ja" oder "nein, nein'** , das Trotzki schon im Schlußteil seiner Verratenen Revolution verurteilt hatte.
Wie in seiner Innen- und Wirtschaftspolitik ist der Kurs, dem Gorbatschow in der internationalen Arena folgt, aus widersprüchlichen Elementen zusammengesetzt. Um den Grund für diese Widersprüche zu verstehen, genügt es sich daran zu erinnern, daß Gorbatschow aus einer Position der Schwäche an zwei Fronten operiert. Er gerät unter den wachsenden Druck des Imperialismus wie der sowjetischen Massen (oder, wenn man will, der wachsenden gesellschaftlichen Krise in der UdSSR, die zumindest teilweise durch den Beginn unabhängiger Aktivitäten und eines autonomen politischen Bewußtseins des Proletariats verstärkt wird). Wenn das erst verstanden ist, werden die Einzelteile des Puzzles, die nacheinander und in verschiedener Form auftauchen, zusammensetzbar. Dazu kann die nicht weniger widersprüchliche Entwicklung in der Dritten Welt gezählt werden, wo die Befreiungsbewegung insgesamt in der Defensive ist, aber weiterhin eine bemerkenswerte Kampffähigkeit und vor allem Autonomie bewahrt.
Gefahren der Vereinfachung
Unter diesen Bedingungen ist es nicht zu verteidigen, alles, was in der UdSSR geschieht, als „rechtsorientiert oder gar konterrevolutionär zu verdammen. Wenn Gorbatschow „rechts" ist, waren dann Breshnew oder sogar Stalin „links*? Wenn alles, was Gorbatschow tut, als konsequenter „Verrat" angesehen werden muß, sind dann die Rehabilitierung der Angeklagten der Moskauer Prozesse oder die de facto Tolerierung von Streiks „rechts" im Vergleich zu der Repression unter Stalin und Breshnew?
Aber auf der anderen Seite ist ein generelles „ja, ja" und sogar ein „ja, aber" vom Standpunkt der sowjetischen und internationalen Arbeiterklasse genau so unzulässig. Wir können nicht Wirtschaftsmaßnahmen, die zum Wiederauftauchen von Erwerbslosigkeit und einem Sinken der Reallöhne führen, oder faulen Kompromissen auf Kosten der mittelamerikanischen und südafrikanischen Revolution zustimmen.
Somit ist das einzig gültige Urteil ein Urteil, das Fall für Fall, Problem für Problem nuanciert betrachtet, wie wir es in diesem Artikel durchgehend getan haben. Umso schlimmer für die großen Vereinfacher. Die Ereignisse werden ihnen Unrecht geben, wie es schon in der Vergangenheit der Fall war, und wie es bei dem, was heute in der UdSSR geschieht wieder der Fall ist.
Das Urteil sollte nicht akademisch, nicht platonisch bleiben. Es führt zu einer definitiven Schlußfolgerung: verteidigt die mittelamerikanische Revolution, interna- SOWJETUNION tionalisiert und verallgemeinert die Bewegung der Massensolidarität gegen die Apartheid''; ermutigt, stimuliert und verstärkt die Klassenautonomie und Unabhängigkeit der Arbeiterbewegung gegenüber allen Staaten und allen Regierungen. Gleichzeitig ist es notwendig, jede Gelegenheit wahrzunehmen, eine breit angelegte Debatte und eine breit angelegte Aktionseinheit mit allen antiimperialistischen und antikapitalistischen Kräften zu fördern, was aus den unterschiedlichsten Gründen durch die Erfahrung mit Gorbatschow erleichtert wird.
Anmerkungen:
I. Zu den verschiedenen Aspekten dieses Problems siche den Artikel von David Seppo in International Viewpoint, Nr.128 2. Diese Haltung widerspiegelt auch offensichtlich, zumindest teilweise, das Interesse der westdeutschen, sogar der europäischen Bourgeoisie, an der beträchtlichen Ausdehnung ihrer Exporte in die UdSSR und Westeuropa 3. Diese „Oberlegenheit"" ist eine klare Mystifikation. In dem bisher besten dieser Frage gewidmeten Buch (le Système Militaire sovietique, Paris 1988) zieht Jacques Sapir die Schlußfolgerung, daß die NATO-Streitkräfte Überlegen sind, wenn die Qualität der Waffen und andere Begleiterscheinungen, die nicht rein quantitativer Natur sind, ebenfalls in Betracht gezogen werden. 4. J.Primakow gab dies offen in der Prawda vom 8.Januar 1988 zu.
5. Siehe insbesondere die Erklärung des Vereinigten Sekretariats der IV.Internationale zu Afghanistan in Inprekorr. Nr.203. Mai 1988, S.21.
6. Siche Le Monde Diplomatique, Juni 1988 7. Im Gegenzug, aber hinter den Kulissen, fordert Moskau, das die Hoffnung nicht aufgegeben hat, seine Bezichungen zu Israel wiederaufzunehmen, von der PLO, 'Isracl anzuerkennen und seine Sicherheitsinteressen in Rechnung zu stellen*. Dies wurde Anfang April von Gorbatschow gegenüber Arafat offen geäußert. " (Les Echos, 8.Juni 1988.) 8. Zweifellos war dies auf den Druck des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens zurückzuführen und nicht so sehr auf sein schlechtes Gewissen (er ist ein alter Mitarbeiter von Andropow, welcher für immer durch die verräterische Rolle gekennzeichnet war, die er wähtend der sowjetischen milita. rischen Intervention gegen die ungarische Revolution gespielt hatte).
9. So war das Neue Deutschland, das Zentralorgan der SED, schnell bei der Hand, den berühmten Brief Nina Andrejewas (an Sowjetskaja Rossija) nachzudrucken, den Gorbatschow und seine Mannschaft als durch und durch gegen die Perestroika und Glasnost gerichtet anschen. (Siehe Inprekorr, Nr.205/206, Juli/August 1988, S.64.) 10. Es muß darauf hingewiesen werden, daß die internationale Bourgeoisie hierüber besorgt ist und destabilisierende" Konsequenzen für ganz Europa befürchtet. Der Westen ist ebenfalls unwillig, als Orchesterdirigent für politische Reformen in Osteuropa zu dienen.* (The Guardian, Wochenausgabe, 29.Mai 1988.)
11. K.Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (1843), in: K.Marx/F.Engels, Werke, Bd.1, Berlin 1981, S.248.
12. Siche unseren Artikel in Quatrième Internationale, Juli 1987.
13. Siche auch Boris Kuraschwili in Les Nouvelles de Moscou, 5.Juni 1988. Er befürwortet die ,,Ersetzung des Zeitalters des unvermeidbaren Kampfes, der im 20.Jahrhundert vorherrschte, durch eins der sozialen und Klassenversöhnung, die wahrscheinlich im 21.Jahrhundert vorherrschend sein wird."
14. Der kleine rationale Kern dieser These ist, daß der US- Imperialismus, überbeansprucht durch sein enormes und ständiges Handelsdefizit und durch ein weniger ernstes Defizit in den öffentlichen Ausgaben, ein Interesse daran hat, das Wettrüsten in bestimmten Grenzen zu halten. Er hat aber kaum ein Interesse am radikalen Abbau seiner Militärausgaben, geschweige denn an ihrer Abschaffung. 15. Die Möglichkeiten dieser Bewegung wurden durch die eindrucksvolle, vereinte Anti-Apartheid-Demonstration von 50.000 Leuten in Amsterdam am 12.Juni 1988 eindeutig bestätigt.