Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Sowjetunion

Zwischenbilanz der Glasnost

· Inprekorr Nr. 204/205, Juli/August 1988 · S. 64-70 · 3.853 Wörter

Sowjetunion Stalinismus und Bürokratie Gewerkschaften und Streiks Trotzki und Geschichte

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der Glasnost von ERNEST MANDEL

Stalin erleichterte die Machtübernahme der Faschisten und Hitlers in Deutschland (Nouvelles de Moscou. 10. April 1988).

Die blutigen Säuberungen der Partei nach 1934 forderten das Leben von einer Im Vorlauf zur Parteikonferenz der sowjetischen Million unschuldigen Kommunisten. Sta- Kommunistischen Partei, die Ende Juni abgehalten wird, fallen lin selbst befahl und organisierte die Säuin der sowjetischen Presse die stalinistischen Ikonen wie berungen.

Tontauben bei einem Schützenfest. Niemals zuvor haben Die Opfer der Säuberung gestanden offizielle sowjetische Organe die Wahrheit über das Erbe des Verbrechen, die sie nie begangen hatten, Stalinismus so bereitwillig zugegeben und so viele seiner dunklen weil sie auf Befehl und mit gesetzlicher" Geheimnisse enthüllt. Der folgende Artikel untersucht, warum Billigung Stalins entsetzlich gefoltert wurdie sowjetischen Führer diesen Bildersturm auslösten und bewertet, was er enthüllte.

Die Zeitung der Russischen Sowjetischen Republik. Sowjetskaja Rossija, räumte in ihrer Ausgabe vom |3.März. eine ganze Seite dem Brief einer ihrer Leserinnen ein, einer gewissen Nina Andrejewa. Er trug die Überschrift: Ich kann meine Prinzipien nicht preisgeben". Es war eine offene Verteidigung von Stalin und dem Stalinismus, begleitet von einem offenen Angriff gegen die sog. Partisanen des „linksliberalen Sozialismus" Ihrer Meinung nach passen in diese Kategorie sowohl prominente Gorbatschowisten wie die Schriftsteller Schatrow und Rybakow, die geistigen Erben" der Menschewistenführer Dan und Martow, als auch die die Schüler von Trotzki und Jagoda" (eine skandalöse Vermischung. denn Jagoda war Chef der GPU. die alle sowjetischen Trotzkisten verhaften ließ). Der Zeitpunkt schien gut gewählt. Gorbatschow und sein wichtigster ideologischer Mitarbeiter (einige sagen sein Guru). Jakowlew. waren nicht in Moskau. Der Weg schien frei. So, durch einen seltsamen Zufall, druckten viele sowjetische Publikationen Andrejewas Artikel ohne irgendwelche Kritik oder Kommentar ab. Bald wurde bekannt. daß die Zeitungen Anweisungen erhalten hatten. den Artikel abzudrucken. Nur Znamja Junosti, eine weißrussische Jugendzeitung. weigerte sich. Alle anderen fügten sich und bewiesen. daß trotz drei Jahre Glasnost unter sowjetischen Journalisten die Gewohnheit weiter herrschte. beflissen Befehle von oben auszuführen, ungeachtet der eigenen Meinung. Drei Wochen_später, am 18. und 19. April. veröffentlichte die Pranda selbst zwei Beiträge. einen von allen Organisation der Intellektuellen und einen von 38 Schriftstellern. Einige der Schriftsteller standen im Ruf, in Sachen Glasnost .Gemäßigte"zu sein, wenn nicht gar „konservative Liberale" , besonders Markow, der Präsident des Schriftstellerverbandes. Beide griffen den Brief Andrejewas scharf an.

Sie denunzierten die Konservativen, die das Land in die Jahre (zurückwerfen wollten), als das Gesetz mit Füßen getreten wurde". Sie setzten die Verteidigung der Stalinära gleich mit der Opposition gegen den Reformkurs der Gruppe um Gorbatschow, die die Unterstützung der Führung der KPdSU hat, Sie forderten ihre Gegner auf, ihre Opposition gegen Perestroika und Demokratisierung zu rechtfertigen.

Von dem Moment an entfesselte sich ein wahrer antistalinistischer Sturm in den sowjetischen Medien. Kein Tag verging. ohne daß eine Zeitung, Zeitschrift oder ein Magazin ein besonders abstoßendes Ereignis oder Beispiel aus der Stalinära enthüllte. Es ist unmöglich, sie alle hier zu zitieren. Ich beschränke mich darauf. einige der wichtigsten Enthüllungen aufzuzählen. die in Auflagen von Millionen. wenn nicht Dutzenden Millionen gedruckt und oft vom Fernsehen aufgegriffen wurden.

Enthüllungen über Stalins

Verbrechen

Die Zwangskollektivierung war ein Verbrechen gegen das sowjetische Volk den (die Quellen sind zu zahlreich, um sie hier alle zu zitieren).

• Stalin befahl 1937 die Säuberung der Roten Armee. weil er gegen die Plane Tuchatschewskis und seiner Olliziere war, das Heer rasch zu mechanisieren. es mit gepanzerten Divisionen auszustatten. die veralteten Kavallerieverbände aufzulösen sowie eine bewegliche Verteidigung für den Fall eines imperialistischen Angriffs vorzubereiten Nouvelles de Moscou, 3.April 1988).

Durch die Enthauptung der Roten Armee und die Einkerkerung der bedeutendsten Konstrukteure der sowjetischen Flugzeugindustrie verzögerte Stalin_ die Modernisierung der Streitkräfte um mehrere Jahre. Er trägt die volle Verantwortung für die Niederlagen, die die UdSSR 1941 und 1942 durch die imperialistischen Naziaggressoren hinnehmen mußte (Iswestia, 3.Mai 1988).

Diese Niederlagen wurden durch das blinde Vertrauen verschlimmert, das er dem sogenannten Interesse der Nazis an der Einhaltung des Hitler-Stalin-Paktes zur Vermeidung eines Zweifrontenkrieg entgegenbrachte. Damit war der Hitler- Stalin-Pakt ein Verbrechen gegen die UdSSR (Moskowskaja Prawda. 18.Mai 1988).

Stalin verletzte offen die föderative Verfassung der UdSSR. als er am Ende des Krieges entschied, sowjetische Republiken und autonome Gebiete aufzulösen und ganze Völker zu deportieren. Bis zu seinem Tode hielt Stalin die sowjetische Bevölkerung, nicht nur auf dem Lande, sondern auch in den Städten in Armut und auf einem erbärmlichen Lebensstandard. der noch acht Jahre nach

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dem Kriegsende sich kaum verbessert die Rationierung der Lebensmittel war noch gang und gebe.

1 Das in der Stalinzeit eingeführte Strafhisystem war unmenschlich. Es wurde hmend nicht gegen irgendwelche polischen Opponenten gerichtet, sondern egen einfache Leute, darunter die Armten, die Jugend, mittellose Behinderte und andere.

Die Strafgesetzgebung ist eine der schärfsten der Welt, viel schärfer als die in den imperialistischen Ländern. Die Zahl der Gefangenen ist eine der höchsten der Welt sie beträgt bis heute Millionen (trotz der Entlassung von "Millionen unter Chruschtschow).

Die sowjetische Presse zögert nicht, den Begriff Gulag" dafür zu benutzen. Sie schilderte den Fall eines zwölfjährigen Jungen, der 1943 wegen Diebstahls von Lebensmitteln für seinen jungen Bruder und seine kleinen Schwestern aus einer Kantine zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde (der Vater war an der Front und die Mutter hatte sie verlassen). Er wurde 1945 entlassen und 1947 wegen Diebstahls eines Fisches wieder verhaftet. Er erhielt zehn Jahre Zwangsarbeit! (Nouvelles de Moscou, 1.Mai 1988). • Stalins Opfer sollten nicht nur rehabilitiert werden. Ihnen muß ein Denkmal errichtet werden, das mehr als bloßer Stein sein sollte. Alexander Waisberg, der in einem Laboratorium arbeitet, schrieb dazu in Nouvelles de Moscou vom 1.Mai 1988: „Die Sammlung von Unterschriften mit der Forderung an den Obersten Sowjet, ein Denkmal für die Opfer der Stalin- Iche Univerden der 0 bchni Ist einc Gedächtnisgruppe (vgl. dazu den Aufruf dieser Gruppe in Inprekorr Nr.204 vom Juni 1988). Nach unserer Meinung sollte ein solches Denkmal nicht nur ein architektonisches und bildhauerisches Monument sein, sondern auch ein Museum, eine Bibliothek, Archive und ein wissenschaftliches Forschungszentrum einschließen — alles, was dazu beitragen kann, das soziale Gewissen gegen den Stalinismus zu immunisieren." (Es scheint, daß in wenigen Tagen 10.000 Unterschriften gesammelt wurden, inzwischen sind es über 250.000).

• Nach 1928/29 hatte Stalins Tätigkeit einen ausgesprochen „antisozialistischen Charakter* • (Nouvelles de Moscou, vom 24.4.1988).

• „Die Macht gehörte dem Sowjetstaat, SOWJETUNION

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SOWJETUNION doch - gemäß der verzerrenden Praxis wurde sie in Wahrheit durch den Verwaltungsapparat ausgeübt." (Nouvelles de Moscout, 15.Mai 1988.) .. Verwaltungsapparat" ist deutlich eine beschönigende Umschreibung für Bürokratic". Vom marxistischen Standpunkt aus sind die beiden Begriffe gleichbedeutend. Den Höhepunkı bilden zwei kurze. aber vernichtende Erklärungen:

..Stalins und Breschnews Version des Sozialismus nutzte den reaktioniren Kräften im Westen ... Der Sozialismus wurde kompromittiert."

•.,Sozialismus und Stalinismus sind zwei unvereinbare Begrilfc. Wo Stalinismus existiert. gibt es keinen Sozialismus. Nouvelles de Moscou. 24.April 1988.) Die Vorbereitung der Parteikonferenz

All dies geht viel weiter als die Entstalinisicrung zur Zeit Chruschtschows, des 21. und 22. Parteitages der KPdSU. Die Enthüllungen sind viel zahlreicher, breiter. genauer: die dunklen Flecken sind viel weniger zahlreich. Die Öffentlichkeit, die sie erhalten, und die leidenschaftliche Aufnahme bei großen Teilen der Massen stehen in keinem Verhältnis zu allem. was in der Zeit von 1956 bis 196 geschah. Dies ist ein deutlich fortgeschritteneres Stadium der Entstalinisierung. Mehr noch, man bekommt den Eindruck, daß Gorbatschow und seine Mannschaft den Kampf gegen Stalin und den Stalinismus als cine Waffe im Fraktionskampf zur Vorbereitung der 19. Parteikonferenz der KPdSU nutzen. die am 28.Juni zusammentreten wird. Tatsächlich wollte der geheimnisvolle Dirigent, der die Veröffentlichung und massive Verbreitung des Briefes von Nina Andrej:wa anordnete — gleichgültig, ob Ligatschow selbst oder ein oder mehrere ander - weiterreichende Maßnahmen der Demokratisierung blockieren. die von der Gruppe um Gorbatschow für diese Konferenz geplant sind.

Diese Maßnahmen greifen die heilige ..Stabilität der Kader" an. Als Chruschtschow sie bedrohte. wurde er zu Fall gebracht. Es geht darum. de Kader dem Test der Wahl und rgelmäßigen Wiederwahl zu unterwerfen. Schließlich werden zwei Amtszeiten" ion je fünf Jahren für offizielle Ämter vorgeschlagen, was alles andere als ein: ..antibürokratische Revolution" ist. Elenfalls wird vorgeschlagen. daß es mehrere Kandidaten für jeden Führungsposten geben soll. Dies genügt, um Furcht. Widerstand und sogar Empörung unter den Inhabern_solcher Posten auszulösen. Sie leisten nicht nur Widerstand gegen die Perestroika durch Obstruktion, Festhalten an den Gewohnheiten oder Passivität. Der Widerstand gegen die Demokratisierung ist offener. Darum hat nach cinem Monat des Zögerns der Tumult um die Entstalinisierung den Charakter einer wirklichen Debatte angenommen.

Die Iswestia vom 29.April berichtet über eine Rede von N. Koschewniko, dem Leiter der Propagandaabteilung des Parteikomiteesim Moskauer Stadtteil Kunzewski, der sagt, der Brief von Nina Andrejewa enthalte eine Reihe wahrer Aussagen. Sic kommentiert: .,Wir stehen am Vorabend der nationalen Parteikonferenz. Mehr noch, die Konferenz findet eigentlich schon statt. Kürzlich hat die Veröffentlichung der beiden genannten Artikel (Andrejewas Brief und seine Kommentierung durch den Herausgeber der Prawda) die Trennlinie zwischen jenen gezogen, die für cine radikale Umgestaltung arbeiten, und jenen, die nur die Fassade erneuern möchten* Komplott gegen die Perestroika Die Gegner der Demokratisierung halten sich nicht zurück. Nouvelles de Moscou zitiert am 10.April einen Brief von acht Seiten. den sie von einer Jgnatow-Gruppe" erhielt, der auf eine Anti-Glasnost- Plattform hinausläuft. In ihm werden Perestroika und Glasnost als ein ..revolutionär sozialistisches Programm" bezeichnet. das Land und Volk in eine wirtschaftliche Katastrophe und soziale Unruhe führt und das Land den imperialistischen Staaten unterwirft." Die Ignatow- Gruppe behauptet, daß allein durch den (stalinistischen) Zentralismus unser Land im ersten Fünfjahresplan in der Lage war, unglaublich schnelle Wachstumsraten des wirtschaftlichen Fortschritts zu erzielen."

In ihrer Ausgabe vom 4.April veröffentlicht Molodaja Gwardia, eine Bastion des Konservatismus, einen Artikel des Veterans der KPdSU. M.Malachow. Darin werden die Thesen von Nina Andrejewa und der Ignatow-Gruppe verteidigt und weiter ausgeführt: .. Wir werden in ideologischer Schlaftheit und Anarchieenden." Er drückt seine Empörung aus gegen ..die Tendenz, alle Menschen meiner Generation für die Mißerfolge in der Wirtschaft und im Leben in den letzten Jahrzehnten zu verurteilen. Es waren gerade die dreißiger Jahre. in denen wir enins kleen verwirklicht haben" •(SIC) Malachow verteidigt offen die militärische Intervention in Ungarn und der Tschechoslowakei. Er behauptet. in cinigen sozialistischen Ländern gab es negative Kräfte und die Konterrevolution erhob ihr Haupt." Dies veranlaßte Nikolai Schmelow in der Zeitschrift Nowi Mir (April 1988) zu schreiben: ..Man kommt unweigerlich zu der Überzeugung, daß sich eine Verschwörung des Schweigens gegen die Perestroika entwickelt oder sich schon entwickelt hat. bei der es eine wachsende Annäherung der Interessen zwischen einem Teil der örtlichen Führer und einer Reihe zentraler Institutionen gibt."

Da liegt offensichtlich der Hase im Pfeffer. Die 19. Parteikonferenz der KPdSU muß aus Delegierten zusammengesetzt werden. die in den örtlichen und regiona- Jen Organisationen der Partei gewählt werden. Doch sind diese Strukturen jiber: haupt nicht erneuert worden. Sie werden vollständig von der Bürokratie kontrol-

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liert. Gorbatschow hat sie angekratzt, erschüttert. bedroht. Schließlich hat er einen Kompromiß mit ihnen suchen müssen. ' Dic tuhrenden Gorbatschowisten - zweifellos auch der Generalsekretär selbst fürchten. das Pendel werde in die andere Kichtung ausschlagen. wenn die wirtschaftliche Lage_sich nicht bessert (und alles deutet darauf hin, daß sie sich cher verschlechtert).? Sie wollen zusätzliche Sicherheiten gegen einen solchen Rückschlag gewinnen, wie er auf den Sturz Chruschtschows folgte. Sie fordern Maßnahmen zur Demokratisierung des Parteiupparates, sogar eine Demokratisierung. dic.cs den Massen ermöglicht, den Parteiapparat zu umgehen.

Beispielsweise schreibt Alexander Gebran in der Sozialistischeskaja Industria: Heute sollte die Vorbereitung der Konferenz nicht ausschließlich (!) dem Parteiapparat überlassen werden. " Er stellt die Frage nach einer Änderung des Wahlverfahrens für die Delegierten der Konferenz. In derselben Zeitschrift wird er von Gabriel Popow unterstützt. Juri Andrejew, Mitglied der Führung des Schriftstellerverbandes der UdSSR. schreibt im gleichen Sinne in Sowjetskaja Kultura. In Zarja Wostoka, der Zeitung des Zentralkomitees der georgischen KP. wird an alle Arbeiter der Republik appelliert. Parteiversammlungen öffentlich zu machen und die Probleme, die auf der Tagesordnung der Konferenz stehen, sorgfältig zu diskutieren.

Um das Problem klar zu stellen, schreiben die fortschrittlichsten Vertreter von Glasnost wie A.Butenko, Otto L.Lacis und Gabril Popow, es gebe zwei Vorstellungen vom Sozialismus und seinem Aufbau - eine leninistische und eine stalinistische. Sie seien Ergebnis historischer Entwicklung und würden im öffentlichen Bewußtsein und im gesellschaftlichen Handeln überdauern. Es sei notwendig. sich zwischen ihnen zu entscheiden. da sie sich gegenseitig ausschließen würden.? Darum hat die Mannschaft um Gorbatschow bewußt die Entstalinisierung als „Lackmustest" für den Widerstand gegen SOWJETUNION

Glasnost und Demokratisicrung gewählt. Sie tut es in der Uberzeugung, daß vertikale Strukturen und autoritäres Verhalten - die sie nicht ohne Grund als eine anhaltende Folgeerscheinung des Stalinismus betrachtet - die Perestroika mit Sicherheit zum Scheitern verurteilen. Sie tut es aus Furcht vor einem „Krebsgang" , für den sie auch persönlich einen Preis zahlen müßte. Sie tut es nach einer Bilanz der Niederlage Chruschtschows, die sie auf die fehlende Einbeziehung breiter Massen und die zu engen Grenzen der Entstalinisicrung und Demokratisierung in jener Zeit zurückführt. Sie tut es in vollem Bewußtsein dessen, was sie tut und wohl wissend, daß es viel Verwirrung über die Frage Stalins und des Stalinismus gibt und daß die Sehnsucht nach dem starken Mann" nicht nur in großen Teilen des Apparates, sondern auch in manchen Teilen des Volkes fortlebt.* Grenzen und Widersprüche von Glasnost

Die Art, wie die Debatte über die Entstalinisierung wieder aufgenommen und fortgeführt wird, zeigt aber auch ganz konkret die Grenzen und Widersprüche von Glasnost auf.

Noch immer kommt alles von oben. Obersté Autoritäten autorisieren die Veröffentlichung des Briefes von Nina Andrejewa und empfehlen seinen Abdruck. Die erdrückende Mehrheit der Presse gehorcht. Die Spitze entscheidet über den Gegenangriff durch den Kommentar in der Prawda. Und wieder paßt sich alles an.. Die Führung erklärt: Es muß eine Diskussion geben", und es gibt eine Diskussion. Die Spitze sagt: Die Wahlen müssen demokratisiert werden"* , und sie wer- Perestroika wählen" (Prawda, 13. Mai). . Und so wird kein Feind der Perestroika gewählt.

Dies ist kein Weg der Demokratisierung. der breit und fest genug wäre, die Bürokratie abblocken zu können. Das ist keine Renaissance einer wirklich eigenständigen Politisierung der Massen. Sie mag dazu führen. Sie mag es bewirken, Sie kann dazu sogar den Anstoß geben (obgleich sogar die führenden Gorbatschowisten inf dieser Hinsicht zumindest zu zögern scheinen). Dies ist offenkundig dem einstimmigen Dialog" vorzuziehen, dem sterilen, lähmenden, entpolitisierenden und reaktionären Monolithismus der Breschnew-Ära: erst recht dem blutigen und

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SOWJETUNION durch Terror erzwungenen Monolithismus der Stalinzeit. Doch das reicht nicht. Jenseits dieser Grenze von Glasnost zeichnen sich ihre Widersprüche ab: der Widerspruch zwischen dem Grundsatz der Souveränität der Sowjets und dem Einparteiensystem, in dem die führende Kolle" der Partei durch die Verfassung bestätigt wird (diese Rolle wurde in der ersten. unter Lenin formulierten Verfassung kaum erwähnt); der Widerspruch zwischen der Demokratisierung der Partei und dem Fehlen jedes Tendenzrechtes (ohne Anerkennung des Rechtes auf mehrere Parteien kann dasTendenzrecht nicht geduldet werden, weil jede Tendenz dahin tendiert. eine mögliche zweite Partei" zu werden): der Widerspruch zwischen der Verkündung uneingeschränkter demokratischer Freiheiten (Freiheit der Presse. Freiheit der Organisation. Freiheit der friedlichen Demonstration) und den Einschränkungen. die ein mehr und mehr bürokratisch geführtes Einparteienregime unvermeidlich der Ausübung solcher Rechte auferlegt.

Opposition gegen Streiks

Aber letztlich sind diese Widersprüche nur Ausdruck der sozialen Widersprüche. die die sowjetische Gesellschaft durchzichen. Zwei Beispiele bestätigen dies augenfällig.

Die Presse — auch die liberalsten Zeitschriften wie Ogonjok und Nouvelles de Moscou - ist weiterhin gegen Streiks. Der spektakuläre Streik in Erewan - der viele Tage dauerte, zur Wahl von Vertretungsorganen der Streikenden führte und die örtliche KP-Führung stürztes (die Vertretungsorgane verhandelten auf gleicher Ebene mit dem ZK der KPdSU), wurde in. der Presse scharf verurteilt. Das gleiche gilt für die Streiks der polnischen Arbeiter. In dieser Hinsicht identifizierte sich Nouvelles de Moscou in ihrer Ausgabe vom 22. Mai vollständig mit der Meinung Jaruzelskis. Sie verschwieg die Maßnahmen wirtschaftlicher Repression (Entlassungen) und polizeilicher Repression (Knüppeleien und Verhaftungen) gegen die Streikenden. Die Presse hat wenig oder gar keine Informationen über diese Streiks veröffentlicht.

Die Frage der wirklichen Macht für die …Räte der Arbeitskollektive". die kürzlich an den Arbeitsplätzen geschaffen wurden. ist noch entlarvender. Es besteht eine reale Gefahr. daß die Selbstverwaltung zu einer ..Demokratie für Fabrikdirektoren* wird. schrieb Jewgeni Torkanowski in Nouvelles de Moscou am 22.Mai. ..In seiner Eigenschaft als Vorsitzender kann ein willensstarker Führer den Rat aus cinem Instrument fur das Arbeitskollektiv zu cinem Organ umfunktionicren. das dem Fabrikdirektor zu Willen ist. " Bekräftigend schrieb er: ..Es hat sich ein Vorurteil tief im Bewußtsein des Volkes eingegraben, die 'Köchin' tauge nicht zum Manager. " Wer versteht nicht. daß es hier nicht nur um den Gegensatz zwischen Mentalitäten geht (den es zweifellos gibt), sondern auch und vor allem um gegensätzliche gesellschaftliche Interessen?

Die Masse der Arbeiter nimmt an diesem Prozeß nicht teil. Das liegt vor allem daran, daß ihre Interessen und unmittelbaren Sorgen nicht befriedigt wurden. Auch fürchten sie einen Rückschlag. Wie Grigori Kanowitsch anschaulich in Nouvelles de Moscou vom 17.April 1988 schrieb: ..Furcht erzeugt Liebedienerei und Gehorsam. Anpassung und Unterwürfigkeit." In der Tat. Aber die Massen können sich davon nur befreien, wenn sie durch eigenständige Aktion und Organisation Vertrauen in ihre eigene Kraft gewinnen. Die Demokratisierung der UdSSR hängt davon ab, in welchem Umfang das gelingt.

Ein neuer historischer Sieg

Festzustellen ist. daß dieses fortgeschrittene Stadium der Entstalinisierung einen bedeutenden neuen historischen Sieg darstellt. wie auch schon die stratrechtiche Rehabilitierung der Angeklagten des dritten Moskauer Prozesses, der Genossen Bucharin, Rykow, Christian Rakowski und aller ihrer Anhänger.

Die schreckliche Wahrheit über die Stalinzeit und über den Preis, den das sowjetische Proletariat und die ganze Menschheit dafür zahlte, ist nur von unserer Strömung seit 1927/28 erklärt und in allen seinen wichtigen Stadien analysiert worden. Sie ist die einzige, die heute der sowjetischen Arbeiterschaft ohne Scham in die Augen sehen kann. Was können heute jene sagen. die so viele Verbrechen leugneten. verheimlichten oder rechtfertigten, die den Mördern und Verleumdern die Stiefel leckten - und das schließt die meisten sozialdemokratischen Führer und Linksintellektuellen der Volksfrontperiode ein?

Diese Strömung hat die Ehre des Kommunismus gerettet und seine Kontinuität gewahrt. Ihr ist es zu verdanken, daß niemand sagen können wird: alle Kommunisten haben eine Zeitlang die Verbrechen Stalins erlaubt oder geduldet. Niemand wird sagen können: der Kommunismus führt unweigerlich zum Stalinismus. Denn der unversöhnlichste, härteste Gegner Stalins, den dieser zu recht als seinen Feind Nr. I betrachtete, war der Kommunist Trotzki.

Deshalb muß der Kampf für die Rehabilitierung aller Angeklagten in den Moskauer Prozessen weitergeführt werden. angefangen bei Leo Trotzki selbst. Dieser Kampf richtet sich nicht in erster Linie auf die Vergangenheit, die Wiederherstellung der historischen Wahrheit; er richtet sich vor allem auf die Wiederherstellung der Grundsätze, die für einen Ausweg aus der gegenwärtigen Lage in der UdSSR und in der internationalen Arbeiterbewegung. für die Emanzipation der Arbeiter unverzichtbar sind.

Wir müssen weiter dafür kämpfen, daß die sowjetischen İntellektuellen. Jugendlichen und Arbeiter Zugang zu allen Dokumenten der Periode nach 1923 erhalten. Die ganze Wahrheit muß über jene Debatten enthüllt werden, die seit damals durch die Partei und die Internationale gegangen sind. Jeder muß urteilen können auf der Grundlage der für eine solche Beurteilung çrforderlichen Informationen. Die ganze. Wahrheit wird unausweichlich wiederhergestellt werden.

ANT

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SOWJETUNION

Die vom Zentralkomitee der KPdSU für die 19.Parteikonferenz angenommenen Für die Rehabilitierung der Thesen stellen fest, daß seit Stalins Tod Opfer der Moskauer Prozesse! die freie politische Diskussion in der Partei erstickt war (Prawda, 27.Mai 1988). Genau das hat die Linke Opposition schon Folgende weitere Unterschriften sind eingegangen: 1923 erklärt! Die Geschichte wird uns binsichtlich der Rolle und Vorstellungen [rotzkis recht geben, wie sie uns hinsichtlich der Rolle und Vorstellungen Stalins Anmerkungen:

29.mai 1988 Spanischer Staat:

Valentin Redondo. Prás.des Betriebsrats von Geresas Vincens Ballester, POUM Manuel Vasquez Montalban. Schriftsteller

Uruguay:

Raul Sendie, MLN- Tupamaros .Fernandez Huidobro, MLN- Tupamaros

Guillermo Chiflet, Partido I. In Le Monde vom 18.Mai 1988 betont Michel Tatu zu Juan de Dios Cañete, PSOE Socialista-Frente Amplio recht. daß die meisten regionalen Führer der KPdSU Raimon, Sänger

Mario Rossi, Movimiento entweder vor Gorbatschows Carmen Sansa, Schauspielerin Revolucionario Oriental- Machtantritt ernannt oder vor Gorbatschows Machtantritt Raul Garcia, Auton. Univ. Frente Amplio schon weit in ihrer bürokratischen Karriere vorangekommen waren. Wie kann man eine "Revolution" (dieses Wort Barcelona

Sergio Napoli wird heute in Moskau zunehmend anstelle von Perestroika Victoriano Cremer, Nation. Fernando Rodriguez gebraucht) mit Menschen machen, die so unrevolutionär sind?" fragt er zu Recht. Schriftstellerpréis

Josep Carabdell, Journalist Alejandro Quiroga 2. Gorbatschows letztes Unglück" ist die Zuckerknapp- Elena Lequio heit, die infolge steigender Käufe von Schwarzbrennern Agapito Ramos, Auton. Rat Rodolfo Lares nach der Einschränkung der offiziellen" Produktion von von Madrid

Eduardo Mangada, Madrid Rosalia Sanles

Diaz Stefano 3. Nouvelles de Moscou vom 10.April 1988 veröffentlicht Empar Piñeda

Nemesio Falcon einen Brief von Iwan Nestawtschew aus Kaliningrad, der alle Führer der UdSSR der letzten Jahrzehnte verurteilt: José Mariano Benitez de Marita Silvera, Partido „Warum habt Ihr keine wirkliche Volksmacht entwickelt?" Lugo

Socialista de los Trabajadores 4. In einem Leserbrief an Nouvelles de Moscou heißt es: Pablo Castellano

Victor Semproni, Izquierda Ich teile die Meinung jener, die die Losung des "Anti-Stali- Democratica Independienteaismus", die demokratisch erscheint, für eine Losung hal- Pelai Pages. Historiker len. hinter der man zusammen mit den berufsmäßigen Anti- Mariano Sanchez, Journalist Frente Amplio kommunisten die unter uns lebenden Nachfahren jener Klas- Jaime Pastor

Hector Diaz sen findet, die durch die Oktoberrevolution gestürzt wur- Miguel Angel Rodriguez Eduardo Rubienes den. und auch die Nachfahren jener. die durch die NEP Lorite

Daniel Parada reich wurden. der konterrevolutionären Banditen und Kulaken."

Enrique del Olmo

Marcelo Fereira 5. Dies führte zur Entlassung des Sekretärs der armenischen KP

Maria Teresa de Andrade Francisco de Cabo, ZK der POUM

Wilebaldo Solano, ZK der POUM

Jorge Gordon Nuevo, Journalist Adolfo Fernandez Marugan, Biologe

Fernando Savater, Philosoph Javier Maestro, Historiker Enrique Rodriguez Arroyo, ZK der POUM

Enrique Calduch, Journalist Eugenio Fernandez Granell, Maler

Carles Girbau, Journalist Alejandro Arizcun Cela, Historiker

Helios Sarthou

Juan Marcel Rodriguez Eduardo Rubio

Daniel Coll

Zulma Nogara, Frente Amplio

Washington Estellano, Prof. der Soziologie

Ruben Correa, Architekt Adolfo Cortategui

Conrado Petit. Prof. Hugo Rodriguez Filippini. Exek. Komitee der SP Miguel Brasesco, Architekt José Luis Parodi, Prof.

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DÄNEMARK

Bombenanschlag gegen die