Vom 6.-8.Juni führten die beiden großen südafrikanischen Gewerkschaftsverbände einen drei Tage langen Generalstreik gegen die reaktionären Gewerkschaftsgesetze der Regierung. Es war die größte Mobilisierung, die das Land je erlebt hat. Die beiden Gewerkschaftsverbände COSATU und NACTU (letztere wird von der Black Consciousness-Bewegung geführt, haben nicht formal zum Streik aufgerufen, weil dies gesetzlich verboten ist. Die Mobilisierung wurde zudem unterstützt vom Südafrikanischen Kirchenrat und der Vereinigung der schwarzen Unternehmer.
Wie bei früheren Streiks auch wurde er am stärksten in der Region Johannesburg befolgt, dem industriellen Herz des Landes, und in Durban. Die Teilnehmerzahl war in der Kapregion am größten. Schätzungsweise wurde der Streik am ersten Tag von drei Millionen Menschen befolgt. Die Organisation der weißen Unternehmer, die Federated Chamber of Industries gab an, in der Region Johannesburg seien 90% der Beschäftigten ihrem Arbeitsplatz fern geblieben; am zweiten Tag 60%; in Natal blieben es 90%. Die Regierung hat die Ausnahmegesetze dazu genutzt, einen Kommentar über die Mobilisierung zu vermeiden und auch die Berichterstattung darüber in der liberalen und unabhängigen Presse zu verhindern. In gewisser Weise hat P.W.Botha aber doch auf den Streik reagiert. Er hat angekündigt, der Ausnahmezustand werde um ein drittes Jahr verlängert.
Die unabhängige Gewerkschaftsbewegung wächst 1987 gab es einen Rekord an Streiktagen, trotz der Tatsache, daß Botha den Ausnahmezustand seit seiner Verhängung am 12.Juni 1986 ständig verlängert. 1986 gingen 1,3 Mio. Arbeitstage durch Streiks verloren. 1987 stieg die Zahl auf 9 Mio. Allein die Zahl ist für ein Zahl mit 33 Mio. Einwohner beeindruckend. Doch kommen noch einige besondere Merkmale hinzu. Der Arbeitsausfall kam vor allem durch große Streiks zustande — die Streiks im Öffentlichen Dienst (bei der Eisenbahn und der Post), im Einzelhandel, in der Metallindustrie und in der Chemicindustrie. Vor allem wurde sie durch den Bergarbeiterstreik in die Höhe getrieben, bei dem allein 5,25 Mio.Arbeitstage verloren gingen; der Streik dauerte 21 Tage und senkte die Produktion um einen Wert von 145 Mio. Dollar im Vergleich zum Vorjahr. Die Arbeitskämpfe in den verschiedenen Industriezweigen haben acht mal mehr Arbeitstage gekostet als die nationalen Aktionstage am S. und 6.Mai 1987, am Vorabend der Wahlen zum Parlament der Weißen, was der größte politische Streik in der Geschichte des Landes gewesen ist.
Die unabhängigen Gewerkschaften, die vor zehn Jahren nur lokale, bestenfalls regionale Kerne darstellten, haben sich jetzt im ganzen Land ausgebreitet, im öffentlichen wie im privaten Sektor, in allen Wirtschaftszweigen. Vor kurzem wurden auch Gewerkschaften der Hausangestellten und der Landarbeiter gegründet. 1987 erhielten Arbeiterinnen, die der COSATU angehörten, eine durchschnittliche Lohnerhöhung von 18%, mehr als jede/r andere ArbeiterIn außerhalb des Verbandes. weiße wie schwarze.
Die Gewerkschaftsbewegung wird von der COSATU dominiert, die heute 900.000 Mitglieder zählt (darunter zahlen 691.000 regelmäßig Beitrag), und der NACTU, die 400.000 Mitglieder zählt, darunter 150.000 Beitragszahlerinnen. Die Gewerkschaftsbewegung organisiert damit 40% der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung. Dieser Organisationsgrad liegt um etliches höher als in manchen westeuropäischen Ländern oder in Nordamerika. Dies sagt sehr viel über den Aktivitätsgrad der südafrikanischen Arbeiterklasse und die Rolle ihrer Organisationen im Kampf gegen das Apartheidregime aus. In den beiden Jahren unter dem Ausnahmezustand sind über 30.000 Menschen gefangengenommen und über 2.000 getötet worden. Die Repression wurde am 24. Februar noch verschärft durch das Verbot jeglicher politischer Aktivität für 17 politische, gemeindenahe und gewerkschaftliche Organisationen, darunter die UDF, die in der politischen Tradition des ANC steht, die AZAPO, die Organisation der Black Consciousness-Bewegung une das Unterstützerkomitee für die Familien der Gefangenen, sowie die COSATU. Der Widerstand ist ungebrochen Mit Ausnahme der COSATU sicht es so aus, als hätten die politischen Strukturen der Schwarzen in den townships nicht gehalten werden können. (Schon vor dem 24.Februar waren die Aktivitäten der UDF stark zurückgegangen). Dies konnte jedoch nicht verhindern, daß zum Gedächtnis an die Massaker von Sharpeville am 21. März eine Million Menschen dem Arbeitsplatz fern blieben!
Die jüngsten Ereignisse zeigen deutlich. daß in dieser schwierigen Phase, in der sich die Bewegung der Schwarzen heute
befindet, die industrielle Arbeiterklasse den harten Kern des Widerstands darstellt. Trotz der Repression konnten die Gewerkschaften ihre Fähigkeit zur Aktion und Organisation bewahren. Vor allem aus diesem Grund stellt sich die Frage der Einheit in der Aktion mit zunchmender Dringlichkeit. Die Repression ist scharf. daß niemand von sich behaupten kann, kurzfristig über eine strategische Lösung zum Sturz der Apartheid zu verfügen. Da sie mit längerfristigen Zeiträumen konfrontiert sind als erwartet, müssen die verschiedenen politischen Bewegungen ihre Taktik revidieren. In diesem Zusammenhang wächst der Druck zur Einheit, besonders in den Fabriken. All Beobachter in Südafrika sind sich darin einig, daß die Regierung bewußt die Wahl getroffen hat, das Vertrauen der großen liberalen. Industrie-und Finanzbourgeoisie zu gewinnen, auch auf die Gefahr hin, dadurch einen Teil der Unterstützung der Afrikaaner zu verlieren. Die jüngsten Wahlen haben gezeigt. daß die englisch-sprachigen Wählerinnen sich etwas von der Progressive Federal Party abgewandt und Bothas National Party zugewandt haben, während ein Teil der Wähler der National Party zur extremen Rechten gegangen ist.
Mit den beschlossenen Wirtschaftsreformen, die auf eine „Deregulierung" durch Privatisierung einiger Schlüsselsektoren zielen, soll ausländisches Kapital angezogen und zunehmend die gesellschaftliche Kontrolle über die schwarze Arbeitskraft mit dem Großkapital geteilt werden. Diese Maßnahmen. wurden begleitet durch neue, restriktivere Arbeitsgesetze und eine Verlängerung des Ausnahmezustands.
rotz einiger Kritik hier und da hat da iroßkapital all diese Maßnahmen im gre Ben und ganzen unterstützt. Damit hat es seine Haltung gegenüber den Jahren 1985-86 etwas geändert. als Großunternehmer sich in aller Öffentlichkeit mit dem ANC trafen. Diese Wende bei den Unternehmern zwingt den ANC zu gewissen strategischen Anpassungen. Ein Streik „aus denselben oder ähnlichen Gründen** , der innerhalb eines Jahres nach der letzten Arbeitsniederlegung stattfindet, wird als eine unfaire Arbeitskampfmaßnahme* betrachtet. Die Gewerkschaften können für Schäden durch wilde Streiks haftbar gemacht werden. Wenn Gewerkschaftsmitglieder an i der Initiierung illegaler Streiks beteiligt sind. gilt dies, als hätte die Gewerkschaft den Streik ausgerufen — es sei denn. sie kann das Gegenteil beweisen. Aktionstage sind illegal; Gewerkschaften werden verfolgt. wenn sie dazu aufrufen.
Die Unternehmer können mit. kleinen Gewerkschaften in den Betrieben verhandeln. In derselben Logik liegt, daß das Gesetz das Recht einer Gewerkschaft, die die absolute Mehrheit der Arbeiter vertritt, im Namen der gesamten Belegschaft zu reden. infragestellt. Es wird einfacher. Arbeiter zu entlassen; die Unternehmer müssen nicht mehr die Regel beachten: .Die zuletzt Eingestellten sollen die ersten sein, die gehen müssen. " Die Regierung kann nach ihrer Willkür Vorsitzende der Schiedskommissionen benennen: das durften bisher nur Experten im Arbeitsrecht sein. Das Ziel dieser Angriffe ist eine echte Herausforderung der Gewerkschaftsbewegung. Diese scheint bereit, den Fehdehandschuh aufzuheben, auch um den Preis einer Konfrontation mit der Regierung.
Gewerkschaftliche Einheit
Obwohl die COSATU-Führung in dieser Frage gespalten ist, schien der jüngste Kongreß des Verbandes zu einer Öffnung in Richtung auf eine Einheit mit der NACTU zu neigen. Wenn die Kräfte beider Gewerkschaften zusammengelegt würden, wäre dies eine bedeutende Stärkung der Gewerkschaften in diesem Kampf. Bislang gab es kaum Beziehungen zwischen ihnen, das ist das mindeste, was man sagen kann. Der Streit zwischen beiden geht auf die Periode der Diskussion über die Einheit zurück, in der die CO- SATU im November 1984 gegründet wurde, ohne die Gewerkschaften, die sich im Oktober 1986 in der NACTU zusammenschlossen. Doch seit einem Jahr steht die NACTU, die die meisten Ziele der COSATU teilt, der Einheit aufgeschlossener gegenüber und hat der COSATU mehrfach Angebote in dieser Richtung gemacht. Bisher hat die Führung von COSATU sie immer abgelehnt.
Die Strömung, die der UDF - oder sogar dem ANC und der südfrikanischen Kommunistischen Partei, die in der Führung von COSATU dominiert - am nächsten steht, will das Konzept einer politischen Gewerkschaft, die alle Strömungen zusammenfaßt, die auf dem Boden der Freiheitscharta, dem programmatischen Dokument des ANC, stehen, nicht aufgeben. Doch dies ist ein ernsthaftes Hindernis. Diese Haltung scheint nun beim außerordentlichen Kongreß von COSATU am 14. und 15.Mai in Johannesburg zurückgedrängt worden zu sein. Der Kongreß verabschiedete einen Aufruf zu einer .Konferenz, die eine breite Palette von Anti- Apartheid-Organisationen zusammenbringt, um ihre Kräfte in der Opposition gegen die Repression und Apartheid zusammenzuschließen*. Ein solcher Aufruf ist zweifellos ein Kompromiß: auf dem Kongreß hatte es hellige Al mandersetzungen darum gegeben. #il positiv von den Kräften interpret werden, die den weißen Liberalen der arlamentarischen Opposition ent/ Begenkommen wollen. Aber auch von den Kraften, die sich am stärksten für die Ein teil engagicren und darin eine Basis für die Ausweitung der Einheit der Arbeiterklasse jenseits der traditionellen Spaltungslinien schen.
Diese neue Position ist auch ein Resultat der Entschlossenheit gewisser Gewerkschaften (z.B. in der Chemischen Industrie, wo NACTU ihren größten Verband hat, oder in der Metallindustrie), nicht in einen mörderischen Bruderkampf zu geraten und sich stärker gegenüber der nationalen Führung von COSATU zu behaupten. Im März 1988 wurde in der Metallindustrie bereits ein Abkommen zur Zusammenarbeit zwischen der NUMSA (CO- SATU) und der NACTU geschlossen. NACTU-ANC
Nach zweimaliger Ablehnung wurde der NACTU endlich gewährt, was bisher mehr oder weniger jedem gewährt worden war, von COSATU bis zu den Kirchen. den weißen Studenten und den Direktoren der größten südafrikanischen Firmen: ein offizielles Treffen mit der Führung des ANC. Es fand Anfang Mai in Harare. Zimbabwe, statt. Dies Ereignis erregte ein gewisses Aufsehen, nicht nur, weil die Delegation des ANC von dessen Generalsekretär Alfred Nzo angeführt wurde. sondern vor allem weil sie in einer gemeinsamen Erklärung beider Seiten mündete. Zu dieser Erklärung sagte Nzo: .,Es gibt mehr Dinge, die uns einen, als Dinge, die uns trennen." Er befürwortete die Aktionseinheit gegen Apartheid, ohne aus der Unterstützung der Freiheitscharta eine Vorbedingung zu machen.
Diese Frage ist nicht nur Gegenstand der Auseinandersetzungen zwischen CO- SATU und NACTU. Sie hat auch schon innerhalb der COSATU zu scharfen inneren Kontroversen geführt im Laufe der Vorbereitung des vorherigen COSATU- Kongresses. Niemand lehnt die Forderungen ab, die in dieser Charta enthalten sind; doch ihre Annahme als ein politisches Leitdokument bringt unweigerlich das Problem mit sich, daß andere Strömungen ausgeschlossen werden. Es sieht so aus, als würden jetzt unter dem Druck der Repression einige dogmatische Standpunkte fallen gelassen. Das sektiererische Konzept der Einheit wurde auf dem CO- SATU-Kongreß geschlagen. Statt dessen wurde eine offene Anti-Apartheid-Konferenz auf der Basis gewählter Mandate. der Demokratie und der freien und offenen Debatte" vorgeschlagen.
WIRTSCHAFT