Die Tet-Offensive im Februar 68; der Vietnamkongreß in Berlin im selben Monat; das Attentat auf Rudi Dutschke im April 68; die ZK-Sitzung der KPC mit einem neuen Aktionsprogramm und dem noch radikaleren Manifest der 2000 Worte; die Studentendemonstrationen in Berkeley. Tokio, Mexiko-City, Rom, Warschau, alle in schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei endend; der Generalstreik in Frankreich im Mai - es gibt Momente in der Geschichte, da flie- Ben die verschiedenen Ströme der Teilradikalisierungen, die sich in den Jahren zuvor entwickelt und ausgeweitet haben. auf cinmal zusammen; da gerät das Tempo der geschichtlichen Entwicklung unter einen ungeheuren Druck, als würde sie zusammengepreßt auf einen kleinen Zeitraum: da schnurren Jahre zu Wochen und Tagen zusammen; da genügt ein Funke, um den schwelenden Heuhaufen in Brand zu setzen. Das erste Halbjahr 68 war eine solche Situation.
Mehrere Faktoren kamen zusammen: * da war der Wiederaufschwung der Arbeiterkämpfe in den imperialistischen Ländern um Forderungen nach höheren Löhnen und besserer sozialer Absicherung: der Generalstreik in Belgien 1963. der erfolgreiche Streik der schleswig-holsteinischen Metallarbeiter für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall; die Kämpfe der italienischen Metallarbeiter; * da war die Welle politischer Unabhängigkeitserklärungen in den bisherigen Kolonien Afrikas; die antikolonialen Befreiungsbewegungen: die Unterstützung der Algerienkämpfer für ihre Unabhängigkeit 1961-62; die kubanische Revolution und die gescheiterte US-Invasion in der Schweinebucht 1961; da war vor allem ab 1965 der Massenvernichtungskrieg, den der US-Imperialismus in Vietnam führte und dessen Greuel tagtäglich per Fernsehen in die Wohnstuben drang; * da war das Gefühl der Selbstzufriedenheit, der Übersättigung mit dem Erreichten, ein entfremdeter Konsum-Wohlstand - für die Eltern der wohlverdiente Lohn nach dem Elend des Kriegs, den Enttäuschungen über die Restauration und den Mühen des Wiederaufbaus; für die Kinder der Inbegriff der Sinnlosigkeit und Leere menschlicher Existenz in der kapitalistischen Gesellschaft; * da war der Widerspruch zwischen der grenzenlosen Konsumfreiheit und der Enge und Verlogenheit des bürgerlichen Familienlebens und der ihm innewohnen-
JAHRE
M A den Doppelmoral; dessen materielle Basis war der Widerspruch zwischen einer zunehmenden Einbeziehung der Frauen in den Arbeitsmarkt und dem Fortbestehen der patriarchalischen Strukturen, und das massenhafte Drängen breiter Schichten der Bevölkerung nach einer universitären Bildung; * da war der Widerspruch zwischen dem Anspruch, eine umfassende Demokratie aufgebaut zu haben (die beste aller Welten, zumal im Vergleich mit dem ,,totalitären"* Osten), und der Verfolgung und Unterdrückung der Studenten im SDS, weil sie unangenehme Fragen stellten, oder dem Abbau von Demokratie durch die Notstandsgesetze.
All diese Momente zusammengenommen entfalteten sich zu einer umfassenden Infragestellung der imperialistischen Nachkriegsordnung und der gesellschaftlichen Grundlagen, auf denen sie aufgebaut war: * Infragestellung der Politik des Kalten Krieges infolge der ersten Anzeichen einer Öffnung gegenüber der Sowjetunion unter der Kennedy-Administration nach der Kubakrise; * Infragestellung des autoritären Regimes auf allen Ebenen: der Familie, der Schule und Universitäten, des Staates. Die sich bewegten, hatten keine Mühe festzustellen, daß die restaurative Demokratie der 50er Jahre in der BRD personell und institutionell eine Kontinuität zur nationalsozialistischen Vergangenheit bewahrt hatte; in den USA entlarvte die Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen die angeblich freieste aller Welten als ein rassistisches Regime; in Frankreich liefen die Studenten gegen den Gaullismus und die Große Koalition für die Interessen des französischen Imperialismus von den bürgerlichen Parteien bis hin zur KP Sturm. * Infragestellung schließlich der US- Hegemonie als der Hüterin dieser Nachkriegsordnung. Der Vietnamkrieg war der große Katalysator all dieser Momente. Vietnam ist Deutschland" schrieb Erich Fried in jenen Jahren. Das war nicht als moralische Solidarität gemeint. Im Bewußtsein der rebellierenden Studenten gab es etwas, was den Kampf der NLF mit dem ihren vereinte: der Ansturm gegen die Supermacht USA, das neue Gesicht der Barbarei, dessen Vernichtungsfeldzüge immer mehr Ähnlichkeit mit den Massenmorden Hitlers bekam und das den Stützpfeiler der bürgerlichen Ordnung auch im eigenen Land bildete.
Auf dem Vietnamkongreß im Februar 1968 gab Rudi Dutschke zum erstenmal die Losung aus: Raus aus der NATO!" Das war eine Provokation. Die Amerikaner hatten für Deutschland den Krieg beendet, sie vom Nationalsozialismus befreit und 20 Jahren lang vor dem Uberfall aus dem Osten geschützt. Wenn diese Schutzmacht nun eine Mörderbande sein sollte, dann brach das ganze Lügengebäude der Nachkriegsrestauration zusammen, zumal dann, wenn die Studenten sich in das Korsett der West-Ost-Feindschaft nicht mehr einzwängen ließen und in den Aufständen der Studenten und Arbeiter gegen das bürokratische Regime in Warschau und Prag eine politische Verwandtschaft mit ihrem eigenen Kampf erkannten.
Wie tief die Provokation ging, zeigte die Pogromstimmung, die die Springerpresse gegen die Studenten, und gegen Dutschke besonders, schürte; sie hatte aber in der Bevölkerung durchaus eine eigenständige Wurzel. Das Regime reagierte mit brutaler Gewalt, mit dem Schuß auf Benno Ohnesorg und dem Attentat auf Rudi Dutschke. Allein hatten die Studenten keine Chance, diese Kraftprobe mit dem Staatsapparat zu gewinnen.
Doch es wäre verfehlt, den Mai 68 nur als eine Aneinanderreihung verschiedener Radikalisierungsstränge zu sehen, die schließlich in einer allgemeinen Protesthaltung gegen die bürgerliche Nachkriegsgesellschaft mündeten. Die konkreten Bedingungen waren in den einzelnen Ländern durchaus verschieden; mit dem Abstand von 20 Jahren sieht man das deutlicher als damals. Geeint hat all diese Bewegungen jedoch, daß sie die Frage nach dem Bruch mit dieser Gesellschaft und die Frage der Macht aufgeworfen haben — gleich ob sie in den Straßen von Berlin, Rom und Tokio mit der Polizeigewalt konfrontiert waren, oder ob sie sich mit einem mächtigen Generalstreik verbinden konnten wie in Frankreich und einige Tage lang die Frage nach dem Rücktritt De Gaulles zu einer konkreten Forderung machen konnten - und ungeachtet dessen. ob die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen gegeben waren, die Frage nach der Macht auch zu beantworten.
Ein untrügliches Zeichen dafür, daß sie die politische Macht meinten, war die politische Theorie, auf die sie zurückgriffen. In diesen Jahren wurde auf einer Massenebene der Marxismus wiederentdeckt. Die Schriften der Klassiker bis zu den 20er und 30er Jahren wurden wieder ausgegraben und neu veröffentlicht — all das geistige Rüstzeug der Arbeiterbewegung, das durch den Faschismus und die Restauration verschüttet worden war. Die Studenten suchten nach einer Tradition, an die sie wieder anknüpfen konnten, mit deren Hilfe sie die Gegenwart erklären konnten.
Damit konnten sie die Probleme allerdings nur stellen, nicht sie auch beantworten. In Wirklichkeit waren sie überfordert; sie verfügten über keine Instrumente, mit deren Hilfe sie die Machtfrage auch nur annähernd hätten lösen können: * es fehlte ihnen an einer politischen und sozialen Verankerung in der arbeitenden Bevölkerung; * es fehlte ihnen die Möglichkeit, der Kontrolle der nach wie vor intakten bürokratischen Apparate über die Arbeiterbewegung etwas entgegenzusetzen, sei es auf gewerkschaftlicher, sei es auf politischer Ebene:
* es fehlte ihnen eine politische Partei, die die verschiedenen gesellschaftlichen Prozesse des Protests und des Widerstands organisiert und in eine bewußte Strategie des gesellschaftlichen Umsturzes zusammengeführt hätte.
Es fehlten ihnen die wesentlichen Voraussetzungen für die Ausarbeitung einer politischen Strategie. Die Parteien, die im Gefolge der 68er Bewegung entstanden, waren zumeist „Bekenner"*-Parteien, die ihre jeweilige ideologische Linie in der Arbeiterklasse propagierten und versuchten, darum herum Aktionen zu organisieren. Es waren keine Parteien, die ein Instrument der Zentralisierung der fortgeschrittensten Kämpfe und der Selbsttätigkeit der Massen gewesen wären. Heute, 20 Jahre nach diesem Aufbruch, haben sich einige dieser Faktoren erheblich geändert. Für den, dem die Zeit nicht zu lang geworden ist, werden hinter der Enttäuschung über die ausgebliebene Revolution und der Verstärkung restaurativer Tendenzen Anzeichen sichtbar, daß in diesen zwanzig Jahren Fortschritte gemacht wurden: hinsichtlich des Gehörs. das revolutionäre Kräfte in Massenbewegungen finden können; hinsichtlich des Abbröckelns der Kontrolle der bürokratischen Apparate über die Arbeiterbewegung. Die politische Situation in andern westeuropäischen Ländern ist da sicher weiter gediehen als in der BRD. Doch die Tendenz ist unleugbar. Sie berechtigt uns zu Hoffnungen, die realistischer sind als die kopflose, defätistische Abrechnung von heute mit manchen ebenso kopflosen Illusionen von damals.
Angela Klein