Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Crash und Perestroika

War's das?

Inprekorr Nr. 200, Februar 1988 · S. 3-4 · 848 Wörter

Sowjetunion Polen

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In den fortgeschrittenen Industrieländern des kapitalistischen Westens werden heute Millionen Menschen arbeitslos - und arm - , weil in der kapitalistischen Profitwirtschaft nicht nach dem Bedarf, sondern nach der kaufkräftigen Nachfrage produziert wird: daran gemessen gibt es zuviel Stahl, zuviel Kohle, zuviel Butter, Rindfleisch, Milch, zuviel Maschinen und Werkzeuge. In der Arbeiterbewegung wird eine Debatte über die Notwendigkeit geführt, Wirtschaftszweige zu vergesellschaften. Die Vergesellschaftungsdebatte in der Stahlindustrie in der BRD ist ein Beispiel dafür. Sie versucht, ein doppeltes Problem zu lösen: zum einen diesen Wirtschaftszweig der volkswirtschaftlich irrationalen Führung durch das private Kapital zu entreißen (und damit den privaten Profit als Motor der wirtschaftlichen Aktivität auszuschalten), zum andern aber zu gewährleisten, daß die Beschäftigten selbst die Kontrolle darüber ausüben, was, wieviel und unter welchen Bedingungen sie produzieren. Eine der zentralen Fragen dabei ist, wie die Produktion so organisiert werden kann, daß tatsächlich nach den Bedürfnissen der Verbraucher und der Produzenten produziert wird.

An den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei produzieren auch die Wirtschaften in den Ländern des Warschauer Pakts. Hier ist das Mißverhältnis noch krasser: lange Warteschlangen bilden sich vor lecren Geschäften, die Qualität der Güter ist schlecht. In Rumänien, einem Land, das selber Erdöl fördert, darf die Bevölkerung in diesem Jahr den dritten Winter hintereinander den Wohnraum nicht über 15à heizen. Solche Probleme und Jahr für Jahr sinkende Wachstumsraten sind auch die Haupttriebfeder für Gorbatschows Versuch, die sowjetische Wirtschaft zu reformieren. Paradoxerweise sucht er sein Heil gerade in der Wiedereinführung jener marktwirtschaftlichen Elemente, die im Westen so augenfällig bankrott machen. Wenn aber beide Wirtschaftssysteme, die die Nachkriegsperiode anhaltend geprägt haben, heute so tief in der Krise stecken, stellt sich die Frage: wie kann eine Wirtschaft aussehen, die die Fehler mokraten, die eine „„Strukturreform" des der Planwirtschaft sowjetischen Typs und Kapitalismus auf der Grundlage von Invedie Fehler der kapitalistischen Marktwirt- stitionskontrollen, Mitbestimmung schaft vermeidet und tatsächlich die Be- neuerdings auch Beschäftigungsdürfnisse der überwältigenden Mehrheit Umbauplänen wollen. der Bevölkerung befriedigt? Von der Gegen diese Vorstellung, die letztlich glaubwürdigen Antwort auf diese Frage das Bestreben liquidiert, die „freie Assohängt schließlich ab, ob es gelingt, die ziation der Produzenten" aufzubauen, po- Arbeiterklasse davon zu überzeugen, daß lemisiert Ernest Mandel im nachfolgenes sich lohnt, für den Sturz des Kapitalis- den Artikel. Er versucht, ausgehend vom mus zu kämpfen, weil es eine Alternative realen Stand der Produktivkräfte und von dazu gibt, die nicht eine erneute Sack- den schlechten Erfahrungen, die bislang gasse darstellt. mit allen Experimenten des marktwirt- Ein Teil der Kritiker der Wirtschaftssy- schaftlichen Sozialismus (in Ungarn, Justeme im Osten wie im Westen beantwor- goslawien, heute in Polen, morgen vieltet diese Frage mit einer einfachen Kom- leicht in der Sowjetunion) gemacht wurbination marktwirtschaftlicher und plan- den, eine Alternative zum kapitalistischen wirtschaftlicher Elemente. Zu diesen Kri- Markt und zur bürokratischen Planung des Ostens gehören Wlodimierz aufzuzeigen: ein System umfassender, Brus, Ota Sik, aber auch Alec Nove, der demokratischer Selbstverwaltung in einem 1983 erschienenen Buch „Die Gleichgültig, wie man im einzelnen zu Ökonomie des machbaren Sozialismus" den Ausführungen stehen mag, kommt an Marxens Vision vom Sozialismus als der diesem Thema heute niemand vorbei, der „freien Assoziation der Produzenten" wirklich eine Alternative zur bestehenden verwirft und begründet, warum ein Teil Gesellschaft aufbauen will. Übrigens ist der Wirtschaft, vorzugsweise der Kon- die Debatte, wie sie zwischen Mandel und sumgüterbereich und teilweise der Dienst- den Theoretikern des ,,marktwirtschaftlileistungsbereich weiterhin nach markt- chen Sozialismus* geführt wird, nicht wirtschaftlichen Kriterien produzieren einfach Ergebnis einer Schreibtischtätig- Die Planung einer so komplexen keit. Sie hat ihren Niederschlag in realen Wirtschaft, wie es die einer Industriege- Auseinandersetzungen gefunden, die beisellschaft ist, sei eine zu komplizierte Sa- spielsweise in der polnischen unabhängiche, als daß sie von Otto und Emma Nor- gen Gewerkschaft Solidarnosc geführt malverbraucherIn gelöst werden könne. wurden und werden. In deren letzter Produzentendemokratie könne es nur in Phase vor der Verhängung des Kriegskleinen überschaubaren Einheiten geben, rechts gab es eine Strömung, die sich sehr z.B. in einer Kommune oder einem Kol- konkret exakt solche Gedanken machte, lektiv von mehreren hundert Menschen wie durch ein umfassendes System der maximal. Die „zentralisierende Logik der Arbeiterselbstverwaltung die wirtschaftlimodernen Wirtschaft" gebiete jedoch, che Krise in Polen gelöst und zugleich die daß irgendeine Instanz die komplexen Zu- Bürokratie entmachtet werden könne sammenhänge regelt. Dies könne der (vgl.Extra, S.29). Durch die Niederlage Markt, weil er am Verbraucher ansetzt, von Solidarnosc wurde diese Debatte abbesser als die zentralisierte Planwirt- gebrochen. Heute hat sich eine andere schaft. Eine „dezentralisierte Planung", breit gemacht: eine, die versucht, den wie sie heute mehr und mehr diskutiert Gorbatschow-Kurs auf Polen zu übertrawird und durch die Entwicklung der mo- gen. Die Kräfte in Solidarnose, die sich dernen Technologie (z.B. der Mikroelek- für diese Orientierung stark machen, ristronik) auch technisch unterstützt wird, kieren allerdings, daß ihnen die Regie hält er für illusorisch. Diese Vorstellung rung die Butter vom Brot nimmt: die setzt trifft sich mit denen westlicher Sozialde- nämlich inzwischen auch auf den Markt.

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ZUR VERTEIDIGUNG DER SOZIALISTISCHEN