Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die vietnamesischen Revolutionäre in einer Position der Stärke

Inprekorr Nr. 20, 15. Oktober 1972 · S. 15-17 · 957 Wörter

Vietnam und Indochina

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DIE VIETNAMESISCHEN REVOLUTIONÄRE IN EINER POSITION DER STÄRKE Was hat die vietnamesischen Revolutionäre dazu geführt, in Geheimverhandlungen auf so wichtige Forderungen zu verzichten wie die des Rücktritts Thieus, die Auflösung des südvietnamesischen Repressionsapparates und die Definition einer politischen Lösung, wenn sie einem Waffenstillstand zustimmen? Wie können sie sich jetzt mit einem Waf Fenstillstand einverstanden erklären, der das Marionettenregime am Platz zu lassen scheint und über die Modalitäten zur Errichtung eines neuen Regimes höchst ungenau und zweifelhaft ist? Für revolutionäre Marxisten muß doch klar sein, daß man eine Revolution nicht macht mit internationalen Kontrollkommissionen zur Überwachung

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"Freier Wahlen" noch durch einen "nationalen Rat der nationalen Versöhnung und Eintracht aus drei gleichen Komponenten"/ Man kann doch nur die Revolution in Viet nam machen, wenn man die Bourgeoisie stürzt und ihren Repressionsapparat vernichtet! Wenn man, was Marxisten nicht tun sollten, die Klassennatur der vietnamesischen: Revolution nur nach dem Wortlaut ihrer programmatischen Erklärungen und Verhandlungsvorschläge bestimmen will, gerät man leicht auf Holzwege. Denn darin kommen vor allem die stalinistische Tradition in der Terminologie sowie diplomatische Rücksichtnahme auf die "Bruderländer" Sowjetunion und China zum Ausdruck. Entscheidend aber für den stalinistisch-bürgerlichen Wortlaut der 9 - Punkte - Vereinbarung ist die Position der Stärke, aus der die Vietnamesen verhandeln. Das scheint ein Widerspruch zu sein. Muß nicht gerade eine Position der Stärke für die Revolutianäre zu klaren, ja sozialistischen Forderungen führen? Nein, in diesem Fall nicht. Der Kamöf zwischen der vietnamesischen Revolution und dem US-Imperialismus ist ein ungleicher Kampf. Es geht um die Vernichtung oder Erhaltung der vietnamesischen Revolution. In diesem ungleichen Kampf können die Vietnamesen nicht stellver tretend für das Weltproletariat den Weltimperialismus vernichten. Alles, was sie können, ist, diesem bei seinem Versuch, die vietnamesische Revolution zu vernichten, in eine so schwierige Situation zu bringen, daß er es vorzieht, diese in Ruhe zu lassen, weil er dabei weniger verliert, als wenn er sie militärisch bekämpft. Von daher das Bemühen der Vietnamesen, dem US-Imperialismus den Rückweg so leicht wie möglich zu machen, ihre Zusicherung, sie würden es ihm ermöglichen, "das Gesicht zu wahren" . Die vietnamesischen Revolutionäre scheinen jetzt vor der Erreichung ihre Ziels zu stehen, und es wäre blinder Schreibtischmarxismus und Sektiererei, wollte man sie wegen ihrer Haltung des Verrats an den Prinzipien des Marxismus anklagen. Was bedeuten Waffenstillstand, Einstellung der US-Bombardierungen, vollständiger Abzug der US-Truppen und Militärberater, Freilassung der Gefangenen, offenses Auftreten der Revolutionären Provisorischen Regierung und der Befreiungsfront für ein neokoloniales Regime, das sich gegenüber der Befreiungsbewegung nur aufgrund massivster amerikanischer Hilfe an Kriegsmaterial, Beratern und Bombardements halten konnte? Für eing Wirtschaft, die zu einem riesigen korrupten Dienstleistungsunter nehmen für die US- und Marionettenkriegsmaschinerie geworden ist und mit dem Abzug der US-Truppen zusammenzubrechen droht? Für eine Befreiungsbewegung, die dank ihrer Verwurzelung in den Massen der Arbeiter, Bauern und Kleinbürger und dank der uneingeschränkten Unterstützung des sozialistischen Nordens der ungeheuerlichsten imperialistischen Kriegsmaschinerie standhalten und ihr sogar noch militärisch in Offensiven begegenen kann? Für eine Bevölkerung, die ungeachtet ihrer Klassenzugehörigkeit täglichen barbarischen Repressions- und Vernichtungsmaßnahmen ausgesetzt ist und die weiß, daß nur die Herrschaft der FLN dem ein Ende setzen kann? Die Antwort ist eindeutig. Die Position der Befreiungskräfte ist durch die seit April andauernde militärisch-politische Offensive so gewachsen, daß die Antwort jetzt eindeutiger denn ja ist. Und Nixons Friedensmanöver mögen die von ihm gewünschten Auswirkungen auf die amerikanische Wählerschaft gehabt haben - auf die Südvietnamesen haben sie auch ihre Auswirkungen gehabt, die vielleicht nicht ganz einkalku liert waren und die für das Marionettenregime äußerst negativ sind: Frieden und Abzug der US-Truppen kann unter dem vor allem mit der derzeitigen Offensive hergestellten Kräfteverhältnis nur bedeuten, daß die Amerikaner Thieu aufgeben und den Kommunisten das Feld überlassen. Das weiß die Bevölkerung Südvietnams, und darauf stellt sie sich jetzt ein. Insofern ist die Frage eines Rücktritts Thieus beim Waf fenstillstand gar nicht mehr aktuell: "Thieu wurde von den Ereignissen überholt. Und die Ereignisse verfolgen nun ihren eigenen Weg" , konnte Phame Van Dong in dem Inter vlow mit Newsweek vom 17. Oktober sagen.

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Das heißti In dem Maße, wie sich das Kräfteverhältnis in Südvietnam zu ihren Gunsten Keränderte, konnten die Revolutionäre auf der diplomatischen Bühne zur Erreichung des Friedens Zugeständnisse machen - sie sind sicher, daß ein Frieden trotzdem ihre Herrschaft bedeutet.

Das weiß Thieu. Er versuht, die "dritte"", "zentristische" Kraft zu liquidieren, um den Amerikanern jode Alternative zu nehmen. Er lehnt es ab, als Führer von einem der drei gleichberechtigten Teile zu fungieren. Damit nimmt er dem Imperialismus die Möglichkeit, "das Gesicht zu wahren", er macht deutlich, daß es nur eine Lösung gibts die FLN an die Macht.

Das weiß auch Nixon. Auch der ehrenhafteste Frieden bedeutet beim derzeitigen Kräf feverhältnis in Südvietnam Machtübernahme der Kommunisten. Möglich, daß er die Verhandlungen nur aus wahltaktischen Gründen einging. Möglich, daß er das 9 - Punkte - Friedensabkommen zum 31. Oktober nicht unterschre ben läßt - oder daß er dies tut, um es nach den Wahlen in einer neuen Situation, wo er nicht mehr unter dem derzeitigen Druck steht, unter irgendeinem Vorwand zu brechen, um eine kommunistische Machtübernahme in Südvietnam zu verhindern. Denn eines müssen wir uns vor Augen halten: Nicht die friedensliebende Fraktion der US-Bourgeoisie hat den Sieg über die kriegstreibende Fraktion davongetragen, wenn es jetzt zum Frieden kommt, sondern den führenden Kreisen der Bourgeoisie erscheint der Preis für die Weiterführung des Krieges jetzt zu hoch.

Auf jeden Fall ist es unsere Aufgabe in diesen entscheidenden Tagen und Wochen, durch geeignete Aktionen klarzumachen, daß der US-Imperialismus jetzt das Abkommen unter zeichnen muß, wenn er sich nicht Protestdemonstrationen riesigen Ausmaßes konfrontiert sehen will. Und daß er es durchführen muß, daß es es nicht unter irgendeinem Vorwand wieder brechen kann. Wir lassen uns durch keinerlei diplomatische Manöver täuschen!