muß daran erinnern, daß der Börsenkrach von 1929 nicht im gleichen Jahr zu einem Kollaps der Produktion führte. Es dauerte drei Jahre, bis die Arbeitslosigkeit 30- 35% erreichte. Heute kann sich der Abwärtstrend der kapitalistischen Wirtschaft ebenfalls über mehrere Jahre hinzichen und eine Reihe von aufeinanderfolgende Phasen der Rezession, Stagnation und erneuter Rezession durchlaufen. Die sozialen Auswirkungen Welche sozialen Auswirkungen hat das alles? Was uns, die Arbeiter und die Masse der Bevölkerung am meisten interessiert, sind die Finanzen der sozialen Sicherungssysteme. Sie sind überall in schlechtem Zustand. Dies ist die Folge von fünfzehn Jahren wirtschaftlichem Niedergang und Massenarbeitslosigkeit. Man hat ver- Japan: „Vergeßt den Börsenkrach '87. Das war nur ein Vorspiel. Der nächste Schock ist schon im Anzug - aus Japan." Eines der möglichen Szenarien weiterer Börsenkrăche sieht das US-amerikanische Magazin Newsweek so: die Japaner verkaufen ihre Wertpapiere in den USA, treiben damit die Zinsen hoch und stürzen den Dow Jones in den Keller. Hello, Recession."
Wahr daran ist, daß die Japaner 26,4 Mrd.Dollar Direktinvestitionen in den USA haben, aber insgesamt 92,7 Mrd.Dollar Wertpapiere (Aktien und Anleihen). Wahr ist auch, daß die japanischen Konzerne ihre phantastischen Gewinne in den letzten Jahren nicht in produktiven Investitionen angelegt haben, sondern in Finanzoperationen. Sie machen heute z.T. die Hälfte der Gewinne großer Konzerne aus. Die Toyota Motor Corporation hat 1966-87 1,83 Mrd.Dollar Gewinne aus der Produktion von PKWs gemacht, und 14 Mrd.Dollar Gewinne aus Finanzgeschäften.
Wahrist schlioßlich, daß allein die vier japanischen Großbanken mit 20% aller langfristigen US-Anleihen handeln. Das Wetter in Wall Street wird auch in Tokio gemacht.
sucht, sie in Ordnung zu bringen, weil die Bourgeoisie - von den Reformisten ganz zu schweigen - genau weiß, daß hier der gefährlichste Sprengstoff liegt, daß dies der Punkt ist, an dem die Massen den härtesten Widerstand entfalten werden. Denn hier stehen die wichtigsten Errungenschaften auf dem Spiel, vor allem die Kranken- und Altersversicherung. sammenbricht mn aber das sesan die staatlisyen Geldquellen wegen der Rezession versiegen, wird auch dieses Kettenglied gefährdet. Es muß nicht notwendigerweise brechen, aber es besteht ein enger Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen und der sozialen Krise. In den imperialistischen Ländern sind heute 31 bis 32 Millionen Menschen offiziell arbeitslos, die wirkliche Zahl liegt laut ILO (International Labour Office) bei fast 40 Millionen. Alle P.cgie)
(rungen haben ihre Statistiken geschönt, indem sie Arbeitssuchende daraus gestrichen haben. Diese haben deswegen aber nicht aufgehört zu leben noch Arbeit zu suchen. Zusammen mit den Familien der Arbeitslosen macht das 100 Millionen Menschen in den reichsten Ländern der Welt, Wenn diese Zahl in der kommenden Rezession um 10 oder 15% steigt, sind wir von einer tiefen Krise nicht weit entfernt - trotz sozialer Sicherheit und Arbeitslosenversicherung.
Es gibt noch eine andere, beängstigende Zahl, die nur wenigen bekannt ist. In den imperialistischen Ländern bezieht fast die Hälfte der Arbeitslosen kein Arbeitslosengeld mehr. Sie leben von der Sozialhilfe. Man hat von der neuen Armut gesprochen. Das ist Unsinn. Armut ist nichts Neues, es hat sie immer gegeben. Damit wollte man aber sagen, daß sich heute die Armut auch in Ländern wie Portugal, Spanien, Süditalien und Frankreich, sogar Großbritannien wieder ausbreitet. Zwischen den einzelnen Ländern bestehen Unterschiede, aber der allgemeine Trend ist besorgniserregend.
Die erste Reaktion der Arbeiterbewegung auf diese Entwicklung, die ersten Auswirkungen auf ihre Fähigkeit. Widerstand zu organisieren, sind negativ. Das war 1929 auch so. Unter den Bedingungen von Massenarbeitslosigkeit, Angst vor dem Arbeitsplatzverlust, vor dem Absinken in die Armut, und vor allem wenn eine gutorganisierte und selbstbewußte Arbeiterbewegung fehlt, die entschlossen den Kampf organisiert und die Einheit der Arbeiterklasse herstellt, dann ist die erste Reaktion eine Zersplitterung des_ Widerstands, das Rette-sich-wer-kann, die Suche nach individuellen Lösungen. BÖRSENKRACH
Wenn die Krise aber klarere Konturen annimmt, wenn sich die ideologische und politische Offensive der Bourgeoisie diskreditiert hat, wie sich das jetzt abzeichnet, dann können sich die Verhältnisse ändern. Dieser Prozeß kann eine Weile dauern. Nach 1929 hat es fünf Jahre gebraucht, bis sich etwas änderte. Erst 1934 begannen die Arbeiter zurückzuschlagen, erst in Frankreich, dann in Österreich. Heute kann man keine Prognosen anstellen, aber eins ist sicher: Illusionen in einen erneuten Aufschwung der kapitalistischen Wirtschaft oder in eine weiche Landung der Krise, auf die mittelfristig eine neue Phase der Expansion folgen könnte, sind völlig fehl am Platz. Das Vertrauen der Bourgeoisie in ihre eigene Zukunft und ihre wirtschaftlichen Perspektiven ist wahrscheinlich stärker erschüttert worden als die Illusionen der Reformisten.
Eine breite wirtschaftliche Expansion ist in den kommenden Jahren vollständig ausgeschlossen. Es müßte schon eine tiefgreifende Änderung geben, eine entscheidende Niederlage der Arbeiterklasse und eine radikale Veränderung in den osteuropäischen Ländern, damit die Bourgeoisie ihr altes Selbstvertrauen wiedererlangt, der Markt wieder expandiert, die Investitionsraten wieder das Niveau der 50er und 60er Jahren erreichen.
Die Auswirkungen auf die Sowjetunion
Der Börsenkrach hat die Situation weltweit verändert. Ihr Kennzeichen sind tiefe wirtschaftliche, politische, moralische und ideologische Erschütterungen. Die tragische Ironie des Augenblicks liegt jedoch darin, daß genau in dem Moment, in dem der Imperialismus in eine seiner schwersten, wenn nicht die schwerste Krise hineinschlittert und das Vertrauen in die Marktwirtschaft im Westen, ganz zu schweigen von den Ländern der 3. Welt, schwer angeschlagen ist, in der Sowjetunion die Tugenden des Marktes gepriesen werden. Der Markt wird als einziger Ausweg, als einzige Lösung für die tiefe Systemkrise in diesem Land hingestellt. Die Tiefe dieser Krise verdeutlichen zwei Zahlen, die von Gorbatschow selbst in seinem neuen Buch? angegeben werden. Zum ersten: in der Sowjetunion wird ein Drittel der Arbeitsstunden vergeudet. Zum zweiten: in der UdSSR gibt es viermal soviel Traktoren wie in den USA; dennoch produziert sie weniger Weizen als die USA. Im Gegenteil: die Sowjetunion muß jedes Jahr für Milliarden Dollar Weizen aus kapitalistischen Ländern einführen.
Diese Zahlen beweisen auch, daß die Krise in der Sowjetunion keine kapitalistische ist. In allen kapitalistischen Ländern sind am 19.Oktober die Aktienkurse zusammengebrochen. In Moskau und Peking nicht. Dort herrschen andere ökonomische Verhältnisse. Sie unterstehen anderen Spielregeln. Trotz perestroika wird in diesem Jahr die Zuwachsrate der sowjetischen Industrie unter das Niveau des letzten Amtsjahres von Breschnew sinken. Trotz glasnost hat sich nicht viel verändert, und wirkliche Veränderungen sind auch nicht in Sicht.
Nach 1923 hat die Weltrevolution lange Zeit schwere Rückschläge erlitten, bis 1943, bis zum Sturz Mussolinis. Dann folgte eine Periode eines langen, partiellen Aufstiegs der sozialen Revolution, mit der chinesischen Revolution, der kubanischen Revolution, der Revolution in Vietnam und in Nicaragua.
Doch dieser langsame Aufschwung der internationalen Bewegung litt unter einem enormen Handicap, nämlich der Tatsache, daß die Arbeiterklasse in den beiden mächtigsten Ländern der Welt, den USA und der Sowjetunion, vierzig Jahre lang keine aktive Rolle gespielt hat. Das umfaßt mehr als ein Viertel der Arbeiterklasse auf der ganzen Welt und die konzentriertesten Bastionen: 135 Millionen in der Sowjetunion und 115 Millionen in den USA.
Die aktuelle Krise ändert als solche nichts an dieser Situation. Auch Gorbatschow allein wird nichts bewegen. Aber es kommen neue Entwicklungen in Gang. Gorbatschow hat Bewegungen ausgelöst und verstärkt, deren Entwicklung innerhalb der nächsten zehn Jahre dazu führen wird, daß die Arbeiterklasse in diesen beiden Ländern wieder einen aktiven Part übernimmt.
Dieser Wandel ist für uns Anlaß zu großer Hoffnung auf einen Anstieg und eine Verallgemeinerung der Arbeiterkämpfe, der proletarischen Revolution und des Sozialismus, d.h. auf die Herrschaft der frei assoziierten Produzenten.
Auszüge aus einer Rede in Paris am 1.November 1987 Anmerkungen:
1. vgl. die Buchbesprechung in Inprekorr, Nr. 189. Januar 1987: Stefan Welzk, Boom ohne Arbeitsplätze, Köln 1986 2. Michail Gorbatschow, Perestroika, Droemer & Knaur, 1987
SCHWEDEN
Die Gewerkschafts-