Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Internationale: Isaac Deutscher (1907-1967)

Inprekorr Nr. 199, Januar 1988 · S. 23-26 · 2.989 Wörter

Stalinismus und Bürokratie Trotzki und Geschichte Sowjetunion BRD und DDR

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Isaac Deutscher, dessen Tod sich dieses Jahr zum zWanzigsten Mal jährt, wurde am 3.April 1907 in der westgalizischen Kleinstadt Chrzanow geboren. nicht unweit von Auschwitz. in dessen Konzentrationslagern drei Jahrzehnte später mehrere Mitglieder seiner Familic umkommen sollten (1). Er selbst erlebte schon als Kind antijüdische Pogrome. die insbesondere in den Tagen der Staatsgründung der Republik Polen das bis dahin zu Österreich-Ungarn ge hörende Galizien überzogen. Deutscher be suchte zu dieser Zeit bereits den Talmud-Un terricht. denn er sollte. so wünschten es die El tern. Rabbi werden. Deutscher löste sich jedoch schon früh von der Religion und bezeichnete sich später als nichtjüdischen Juden". so wie es Heine und Marx, Freud und Spinoza. Luxemburg und Trotzki gewesen waren (2). Weder Rasse noch Religion noch Nationalität machten für Deutscher die Zugehörigkeit zum Judentum aus. sondern die Solidarität mit den Verfolgten und Ausgerotteten. Ilja Ehrenburgs

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„Ich werde stets wiederholen, daß ich Jude bin, solange es auf der Welt auch nur einen Antisemiten gibt* , galt auch für Deutscher. Seinen entschiedenen Antizionismus gab er allerdings nach dem Kriege unter dem Eindruck des millionenfachen Judenmordes auf, blieb jedoch dem Staat Israel gegenüber kritisch eingestellt, wie seine Haltung zum Junikrieg 1967 beweist.

Eintritt in die KP und Bruch mit ihr (1926-1932)

Dem Bruch mit der Religion folgte die Trennung von der Familie. Deutscher ging nach Warschau, wo er Mitarbeiter verschiedener Zeitungen wurde und über die Beschäftigung mit russischer Sprache und Kultur, mit Literatur und Philosophie zum Marxismus kam. 1926, im Alter von 19 Jahren, trat er der Kommunistischen Partei Polens (KPP) bei, die sich damals in einer tiefen Krise befand. Im Mai desselben Jahres hatte die Partei einen tragischen Irrtum begangen, als sie Pilsudskis Staatsstreich unterstützt hatte (3). Dieser Fehler ging nicht auf direkte Anweisung der Kommunistischen Internationale zurück, doch folgte er logisch aus dem stalinistischen Denkmuster der zwei Etappen der Revolution, der bürgerlichen und der sozialistischen, die jeweils mit bestimmten Bündnisvorschriften verbunden waren. Denselben Fehler, allerdings mit ungleich dramatischeren Konsequenzen, beging auch die Kommunistische Partei Chinas, als sie sich Chiang Kai-shek und der Kuomintang auslieferte.

1931 besuchte Deutscher die Sowjetunion, die einen ambivalenten Eindruck auf ihn machte: einerseits lernte er die Errungenschaften der Oktoberrevolution kennen, andererseits entgingen ihm nicht die fatalen Folgen der Zwangskollektivierung. Den von der Partei erwarteten enthusiastischen Reisebericht konnte er nicht liefern. Doch nicht die Kritik an der inneren Entwicklung der Sowjetunion unter Stalin führte schließlich zum Bruch mit der KPP, sondern die Ablehnung der Komin: tern-Politik während der von Bucharin so genannten dritten Periode". Mit größter Aufmerksamkeit verfolgte Deutscher Anfang der dreißiger Jahre den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland einerseits und die Ignoranz der Komintern dieser tödlichen Gefahr gegenüber andererseits. Im Juli 1932 veröffentlichte Deutscher einen Artikel, in dem er vor der neuen Kulturbarbarei in Deutschland warnte und zugleich die ultralinke Politik der Komintern kritisierte, die darin gipfelte, nicht in der NSDAP, sondern in der SPD, nicht in Pilsudski, sondern in der polnischen Sozialdemokratie den Hauptfeind zu sehen. Dieser Artikel wurde zum Impuls für die Bildung einer oppositionellen Fraktion in der KPP, die schließlich aus der Partei ausgeschlossen wurde, weil sie, so die offizielle Begründung. die Gefahr des Nationalsozialismus übertrieben und Panik in der Arbeiterbewegung erzeugt hatte. „In einem gewissen Sinne" , SO Deutscher später, war das wahr: der Nazisdie Internationale mus hatte mich in den Jahren 1931/32 in fieberhafte Sorge und Unruhe versetzt. Die, die damals keine solche 'Panik' empfanden, waren natürlich blind."

Anschluß an die Linke Opposition (1932-1938)

Der Ausschluß der Opposition war zugleich die Geburtsstunde des polnischen Trotzkismus, und aus dieser Zeit rührt die Bewunderung Deutschers für Trotzki, in dessen Faschismusanalyse (4) er seine eigenen Ansichten bestätigt fand: „In Büchern, Broschüren und Zeitungsartikeln gab er (Trotzki) damals die tatsächlich erschöpfende soziologische Deutung des Nationalsozialismus, die bis zum heutigen Tag ihre Gültigkeit behalten hat. Er beobachtete die Entwicklung der nazistischen Bewegung Schritt für Schritt, sagte jede einzelne Phase haargenau voraus und gab sich alle Mühe, die deutschen Linksparteien, die Komintern und die Regierung des Sowjetstaats rechtzeitig vor der Furie der Verwüstung zu warnen, die eines Tages über sie alle hereinbrechen werde (5).

Deutscher blieb einige Jahre Mitglied der Internationalen Linken Opposition und beteiligte sich auch an der Taktik des Entrismus. Wie Trotzki setzte er auf die breite Einheitsfront aller Arbeiterparteien. Auf Versammlungen und in Zeitungen verurteilte er die Moskauer Schauprozesse.

In einem Punkt war er allerdings nicht bereit, Trotzki zu folgen. Dieser war nach dem Sieg des Nationalsozialismus mehr und mehr davon überzeugt, daß die Komintern ein stumpfes Instrument im Klassenkampf geworden und nicht mehr reformierbar sei. Er rief deshalb zur Bildung einer neuen revolutionären Internationale auf, die schließlich 1938 proklamiert wurde. Die auf der Pariser Gründungskonferenz von den beiden polnischen Delegierten vorgetragenen Einwände gingen vor allem auf Deutscher zurück: die zweite und dritte Internationale seien in Phasen revolutionären Aufschwungs gegründet worden und hätten deshalb auch beträchtliche Teile der Arbeiterbewegung gewinnen können. 1938 sei die Situation eine andere: die Arbeiterbewegung stecke dort, wo sie nicht ganz zerschlagen sei, in einer tiefen Krise und es gebe keine internationale revolutionäre Bewegung, auf die sich die neue Organisation stützen könne, so daß sie notwendigerweise eine kleine Gruppe überwiegend Intellektueller bleibe.

Hier lag Deutscher sicherlich nicht ganz falsch. Auf der anderen Seite: die IV. Internationale war diejenige Kraft, die entschieden die antistalinistische Strömung innerhalb der Arbeiterbewegung verkörperte und die unverfälschte Tradition des revolutionären Bolschewismus über die lange Phase des Stillstands der Klassenkämpfe während des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs bis zu einem neuen Aufschwung sozialistischer Theorie und Praxis tradierte. In diesem Sinne argumentierte auch Pierre Frank 1960 gegenüber Deutscher: Es ist wahr, daß wir heute nicht die Massen führen. Aber eine revolutionäre Partei hat auch andere Aufgaben: die Verteidigung des revolutionären Marxismus, seine Bereicherung im Lichte neuer Erfahrungen, die Formulierung einer marxistischen Politik, die Heranziehung neuer Kader. Wir sind faktisch die einzigen, die das machen. Wenn die IV.Internationale nicht existierte, erfüllte niemand diese Aufgaben, selbst nicht in dem bescheidenen Umfang, in dem wir es tun."

In Wirklichkeit diente auch Isaac Deutscher diesen Aufgaben, ohne Mitglied der IV.Internationale oder irgendeiner anderen Organisation zu sein. Durch seine Schriften, insbesondere durch seine dreibändige, bis heute unübertroffene Trotzki-Biographie (6) hat er dazu beigetragen, das Gedankengut der Vorkriegszeit zu überliefern und einer neuen Generation von Sozialisten den revolutionären Marxismus bzw. Trotzkismus nahezubringen. Er hat mindestens so gut wie die IV. Internationale dazu beigetragen, die Geschichte der Oktoberrevolution von allen stalinistischen Verfälschungen und Lügen zu befreien und die wirkliche Rolle Trotzkis darzustellen. Man kann, mit Ernest Mandel, sagen, daß in den fünfziger und sechziger Jahren kein anderes Buch so viele Leute zum Bruch mit dem Stalinismus und zur Annäherung an den Trotzkismus geführt hat wie die Trotzki-Trilogie, die nach wie vor „eine mächtige Waffe gegen bürgerliche und stalinistische Mystifizierungen und Verfälschungen der Geschichte" ist (Mandel).

Seine Jahre als Publizist (1939-1953)

1939, wenige Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, emigrierte Deutscher aus Polen. In der Londoner Fleet Street schlug er die Laufbahn eines Publizisten ein, wurde Redakteur der Wochenzeitungen Economist und Observer und schließlich freier Publizist und Historiker. Er blieb, auch wenn er jetzt für ein bürgerliches Publikum schrieb, Marxist und attackierte all diejenigen, die einst Kommunisten oder Stalinisten gewesen waren, sich nun aber zu Antikommunisten gewandelt hatten und sich von der Propaganda des Kalten Krieges mißbrauchen ließen. Seine Artikel zur Sowjetunion, zu Osteuropa und zu wichtigen internationalen Ereignissen erschienen weltweit und zeichneten sich durch Scharfsicht und Weitblick aus und wurden deshalb vom intelligenteren Teil der bürgerlichen Presse gern gedruckt. Immer wieder lenkte Deutscher den Blick auf die historische Dimension aktuellen Geschehens, indem er geschichtliche Zusammenhänge und Parallelen aufzeigte. Ohne eigene politische Praxis blieb Deutscher in dieser Zeit ein Chronist, der von seinem Beobachtungsturm aus das Weltgeschehen verfolgte und analysierte. Einen politischen Ansprechpartner fand er nicht. Die Arbeiterbewegung bzw. die Linke war nach dem Zweiten Weltkrieg entweder antikommunistisch oder

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die Internationale stalinistisch; die wenigen Marxisten blieben davon aus, daß Aufstände an der Peripherie isoliert. Der IV.Internationale mochte Deut- zum Scheitern verurteilt seien; Angelpunkt eischer nicht beitreten. Zudem schien er vielen ner demokratischen Entwicklung bleibe die Trotzkisten suspekt aufgrund der Stalin-Bio- Sowjetunion selbst. graphie. die Deutscher 1949, also noch zu Lebzeiten des Diktators, veröffentlicht hatte. In der Tat belegen die Entwicklungen vor und Man warf Deutscher vor, sein Versuch, ein nach dem XX.Parteitag der KPdSU Deutobjektives Bild von Stalin und dessen Politik schers These der Entstalinisierung. Und es ist zu zeichnen, sei in eine Legitimation des Stali- sein Verdienst, mit höchster Sensibilität die nismus ausgeartet, das Verstehenwollen sei in neuen Tendenzen in der Sowjetunion beobach- Rechtfertigung übergegangen. Im trotzkisti- tet und vermittelt zu haben. Allerdings hielt schen Lager galt Deutscher plötzlich als Apo- Deutscher auch dann noch an seiner Theorie loget Stalins. des schrittweisen Übergangs vom Stalinismus zur soziali- stischen Demokratie fest, als der Richtig ist, daß Deutscher bei dem Versuch, Entstalinisierungsprozeß längst ins Stocken der antisowjetischen Propaganda eine objek- geraten war und auch Deutscher Anzeichen tive Bilanz der Sowjetunion unter Stalin entge- gewisser Restalinisierungstendenzen (unter genzustellen, bisweilen zu schnell über die Breschnew/ Kossygin) konstatieren mußte. Verbrechen des Stalinismus hinweggegangen Hinsichtlich der Alternative „Reform" oder ist, die in anderen zeitgenössischen Stalin-Bio- „Revolution" geriet Deutscher in Widergraphien den breitesten Raum einnahmen. spruch zur IV.Internationale. Es bleibt jedoch Dennoch ist Deutschers Buch eine aus marxi- zu fragen, ob sich die Alternativen tatsächlich stischer Sicht verfaßte Geschichte der Sowjet- antagonistisch zueinander verhalten, ob nicht union und eine Abrechnung mit den Fehlern Reformen von oben Auslöser für Bewegungen und Irrtümern, aber auch den Verbrechen Sta- von unten werden können oder sogar erst die lins. In einer Zeit jedoch, als Stalin vom Alli- Voraussetzungen für diese sind. In der Sowjetierten des Zweiten Weltkriegs zum Schurken union stellte sich nach Stalins Tod die Alternades Kalten Kriegs avanciert war, mußte ein tive „Reform oder Revolution" nicht; die Werk, das sich nicht durch vehementen Anti- jahrzehntelange Herrschaft der stalinistischen kommunismus und Antisowjetismus auszeich- Bürokratie hatte die Tradition der Oktoberrenete, auf Ablehnung stoßen. volution und alle Ansätze revolutionären Bewußtseins absterben lassen. (Heute ist es vor allem die Entpolitisierung, die die Entstehung Chancen für eine Reform von neuen Klassen,,bewußtseins erschwert). Es oben (1953-1964) gibt allerdings auch kein Beispiel dafür, daß sich eine stalinistische Partei aus sich selbst Nach Stalins Tod 1953 galt Deutschers größte heraus in eine revolutionär-marxistische Partei Aufmerksamkeit der innersowjetischen Ent- gewandelt hätte. wicklung. Er hatte für diesen Moment den Beginn einer Liberalisierung vorhergesagt und Vergleicht man die westlichen Reaktionen auf versuchte, diese Prognose nun anhand der den Aufbruch in der Sowjetunion unter konkreten Entwicklung zu belegen (7). Tat- Chruschtschow und heute unter Gorbatschow, sächlich setzte dann, besonders in der Zeit so fällt auf, daß die frühere Ignoranz einer er- Chruschtschows, eine Entstalinisierung ein. staunlichen Bereitschaft, die Reformansätze Deutscher war davon überzeugt, daß diese nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern Entstalinisierung durch die innere Logik des auch wohlwollend oder gar hoffnungsvoll zu Systems und durch wirtschaftliche Sach- betrachten, Platz gemacht hat. Heute ist es zwänge geradezu erzwungen würde und lang- cher eine Minderheit unter den westlichen Befristig in die Rückkehr zur proletarischen De- obachtern, die alle Maßnahmen und Absichtsmokratie münden müsse. Damit begab er sich erklärungen Gorbatschows für schiere Taktik in krassen Widerspruch zur herrschenden hält, deren alleiniger Zweck es sei, dem We- Riege der westlichen Sowjetologen, die über- sten Sand in die Augen zu streuen, damit er die wiegend der Meinung waren, alle Veränderun- Ausbreitung der sowjetischen Weltherrschaft gen seit Stalins Tod seien nur kosmetischer nicht bemerke. Isaac Deutscher hätte mit Si- Natur, ob mit oder ohne Stalin, die Sowjetu- cherheit das Programm Gorbatschows, die Ponion bleibe, was sie immer gewesen sei, năm- litik der Umgestaltung, das neue geistige lich eine totalitäre Diktatur. Aber auch aus Klima usw. als Bestätigung für seine Auffastrotzkistischer Richtung erntete Deutscher sung gewertet, daß die russische Revolution, Widerspruch: Wie könne die sowjetische Bü- die 1917 begonnen hat, ein nach wie vor anhalrokratie sich selbst überwinden? Ohne die po- tender Prozeß sei. Die Geschichte der Sowjetlitische Revolution seitens der sowjetischen union definierte Deutscher als „unvollendete Arbeiter und Bauern bleibe der Charakter des Revolution", als zeitlich und inhaltlich noch degenerierten Arbeiterstaates derselbe. Deut- nicht abgeschlossene Entwicklung (8). Mit seischer setzte demgegen- über stärker auf die ner Analyse der Sowjetunion und der anderen „Reform von oben", und folgerichtig stand er osteuropäischen Gesellschaften leistete Deutallen Ereignissen kritisch gegenüber, von de- scher einen wichtigen Beitrag zur marxistinen er befürchtete, sie könnten den Liberali- schen Kritik der Übergangsgesellschaften. sierungsprozeß in der Sowjetunion gefährden Seine Methode, die Errungenschaften und Leioder gar abbrechen. Zu diesen Ereignissen stungen der Oktoberrevolution gegenüber allen zahlte der Aufstand in der DDR 1953 und die Angriffen zu verteidigen und gleichzeitig das ungarische Revolution 1956. Deutscher ging stalinistische System und die Politik der sowjetischen Bürokratie zu kritisieren, glich dem Ansatz Trotzkis.

Der Vietnamkrieg und die Arbeiterklasse im Westen

Deutschers Situation im britischen Exil, gekennzeichnet durch schriftstellerische Arbeit und politische Isolierung, begann sich in den sechziger Jahren zu wandeln, als im Gefolge der Studentenbewegung in den USA und in Westeuropa eine neue Linke entstand, die sich für den Marxismus interessierte. Deutscher erfüllte nun zunehmend die Funktion einer ,Brücke zwischen sozialistischen Generationen" . Sein Engagement galt insbesondere dem Protest gegen den Vietnamkrieg. Er wurde Sprecher auf amerikanischen und britischen Anitvietnamdemonstrationen und saß als Jurymitglied im 1. Internationalen Russel-Tribunal, das die Kriegsverbrechen in Vietnam anklagte. Im Unterschied zu anderen Jurymitgliedern lenkte er - darüber hinausgehend - gerne den Blick auf die Ursachen des Krieges, auf die aggressive Außenpolitik der USA als Folge ihres imperialistischen Charakters.

Deutscher blieb bis zuletzt seinen marxistischen Grundpositionen treu. Der Antivietnambewegung, die überwiegend von Studenten getragen wurde, versuchte er zu vermitteln, daß jede Bewegung auf Dauer ohnmächtig bleiben wüde, der es nicht gelänge, die Arbeiterklasse zu gewinnen. Anders als etwa Herbert Marcuse sah Deutscher nach wie vor in der Arbeiterklasse - auch in der amerikanischen! - das revolutionäre Subjekt der Geschichte und er forderte deshalb die Studenten auf, „die Idee des Sozialismus wieder in die Arbeiterklasse hineinzutragen und mit der Arbeiterklasse gemeinsam die Bastionen des Kapitalismus zu stürmen". Den Studenten Berkeleys und New

Yorks, zu denen Deutscher sprach, leuchtete diese Forderung wenig ein. Ein Jahr später bewies sich jedoch die Richtigkeit der Einschätzung, daß die Arbeiterklasse selbst im Altweibersommer kapitalistischer Nachkriegsprosperität" ihre Rolle noch nicht ausgespielt hatte. Doch erlebte Isaac Deutscher den französischen Mai '68 nicht mehr; er war am 19. August 1967 in Rom an Herzversagen gestorben.

Anmerkungen:

(1) Der folgende Artikel verdankt viel der bisher einzigen Deutscher-Biographie, erschienen im Junius-Verlag. der verschiedene Werke Deutschers herausgebracht hat. Ludger Syre: Isaac Deutscher - Marxist, Publizist und Historiker. Sein Leben und Werk. 1907-1967. Hamburg 1984. vgl. auch: Isaac Deutscher. The man and his work, ed.by David Horowitz. London 1971.

(2) dazu 1.Deutscher: Die ungelöste Judenfrage. Berlin 1977 (3) dazu 1. Deutscher: Die Tragödie des polnischen Kommunismus zwischen den Weltkriegen, in: Die Internationale 13. Sept. 1978, S.75-110 (4) dazu Leo Trotzki: Schriften aber Deutschland, 2.Bd. Frankfurt 1971.

(5) 1.Deutscher: Stalin. Eine politische Biographie, Berlin 1979. hier S.433.

(6) I.Deutscher: Trotzki. 3 Bd. Stuttgart 1962-63. (7) dazu 1.Deutscher: Russia after Stalin. London 1963. (8) dazu 1.Deutscher: Die unvollendete Revolution. Frankfurt 1967.

Ralf Grötzinger

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Basil

Michael Schmidt, Sozialpolitik in der Krise. Mit einer Einführung von Jakob Moneta, 144 Seiten, isp-pocket 27, isp-Verlag Frankfurt/M, 17.80DM Seit der Endphase der SPD/FDP-Regierung unter Helmut Schmidt vergeht kaum ein Tag, ohne daß Regierungspolitiker über neue Einschnitte in das sog...Netz der sozialen Sicherheit* öffentlich nachdenken. An die Stelle der Lobpreisungen des Sozialstaats BRD" ist das Gerede vom angeblich leistungsfeindlichen „Anspruchsdenken" der Bezieher von Unterstützungsleistungen getreten, die sozialen Sicherungssysteme werden als menschenfeindliche Bürokratien, die die Menschen verwalten, dargestellt; und unter dem Deckmantel von mehr Freiheit" soll sich der Staat aus seiner sozialen Verantwortung herausbegeben und soziale Absicherung der Selbsthilfe und privaten Anbietern überlassen.

Daß sich hinter diesen Nebelschwaden, die ein reales Unbehagen geschickt aufgreifen, nur schnöder Sozialabbau verbirgt, der eine gar nicht so neue Armut hervorbringt und die vielzitierte Zwei-Drittel-Gesellschaft" schrittweise Wirklichkeit werden läßt, belegt der Autor für alle Zweige der Sozialversicherung (Kranken—, Renten—, Arbeitslosenversicherung, Sozialhilfe). Als Ursache für die Krise der sozialen Sicherungsysteme wird ihre Anbindung an das Auf und Ab der kapitalistischen Wirtschaft herausgearbeitet, und dies durch die Darstellung der sozialen Sicherungssysteme von ihren Anfängen an auch historisch untermauert. Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung des Abbaus der sozialen Sicherheit unter den Bedingungen der Weltwirtschaftskrise 1929 und ihre faktische Liquidierung unter dem Faschismus.

Als Sozialist tritt M.Schmidt für einen radikalen Umbau des Sozialversicherungssystems ein: für bedürfnisorientierte Mindestsicherungen in allen Zweigen, für reale Selbstverwaltung der Versicherten, für eine Gesundheitspolitik, die das Entstehen von Krankheiten (z.B. am Arbeitsplatz) bekämpft, statt hinterher zu kurieren. Zustimmend zitiert der Autor eine programmatische Schrift der SPD von 1948, in der es heißt: Konsequente Sozialpolitik stößt gegen die Grenzen des kapitalistischen Profitsystems. Sozialistische Politik hat sich die Aufgabe gestellt, diese Grenzen zu sprengen." Diese Konzeption ist nach Schmidt grundverschieden von der sozialdemokratischen Realpolitik, die Sozialpolitik koppelt an die Entwicklung der Wirtschaft und in schlechten Zeiten lediglich gerechteren" Sozialabbau fordert. Auch die Gewerkschaftsführungen betreiben jenseits der offiziellen Kritik am So- Bücherkiste