Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Brief der Charta 77 an Gorbatschow

Inprekorr Nr. 198, August/September 1987 · S. 35-43 · 6.634 Wörter

Sowjetunion Tschechoslowakei Trotzki und Geschichte Griechenland und Türkei

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Die öffentliche Meinung in der CSSR verfolgt mit Inte- tuation durch eine Maßnahme, die direkt in Ihrem Verresse das, was sich heute in der Sowjetunion tut, Ihr Pro- antwortungsbereich liegt, in positiver Weise beeinflussen gramm der Öffnung, der Demokratisierung und des ge- können. Das wäre der Abzug der sowjetischen Truppen sellschaftlichen Wiederaufbaus. Dieses Interesse geht und der Atomraketen aus der CSSR. verständlicherweise mit der Frage einher, ob die neue sowjetische Politik auch den Mut haben wird, wirklich all Der Abzug der Truppen würde zeigen, daß Ihre Führung das zu untersuchen und eindeutig zu klären, was die Be- Verständnis für den schweren politischen Schaden hat, ziehungen zwischen unseren Ländern und Völkern trübt. den die Invasion angerichtet hat. Er wäre eine praktische Maßnahme, die den Tschechen und Slowaken auf über- Vor neunzehn Jahren sind die Truppen der UdSSR und zeugende Art und Weise zeigen würde, daß Öffnung. anderer Mitglieder des Warschauer Pakts im Wider- Demokratie und Respekt vor den Menschenrechten und spruch zum internationalen Recht, ohne Vertrag und ge- dem Frieden für Sie mehr als nur Phrasen sind und daß gen den Willen der Bevölkerung und der staatlichen Be- das, was Sie die neue Art des Denkens nennen, nicht hörden in unser Land eingedrungen, um seiner demokra- durch die Tabuisierung von Problemen, die von der alten tischen Entwicklung Einhalt zu gebieten. Die Folgen der Führung Ihres Landes angehäuft wurden, beschränkt ist Wenn die Sowjetunion das prinzipielle Hindernis beitiert. Die Haltung gegenüber dem Einmarsch der Truppen seite räumt, das sie selbst der demokratischen Entwurde zu einem grundsätzlichen Kriterium für die Beur- wicklung der CSSR in den Weg gelegt hat, dann wird dies teilung der Bürger und ihrer Arbeit. Zehntausende von den eigenen Prozeß der Demokratisierung beschleunigen Menschen mit kreativem Geist wurden vom öffentlichen helfen und gleichzeitig das Vertrauen zwischen unseren Leben ausgeschlossen, die elementaren politischen, zivi- Völkern und Staaten stärken, ohne dem selbst die Frielen und kulturellen Freiheiten wurden aufgehoben und die densinitiativen, die von den besten Absichten getragen Menschenrechte radikal eingeschränkt. sind, nur scheitern können.

Die Ökonomie stagniert. Der Graben zwischen unserem Lebensstandard und dem in den entwickelten Ländern Dieser Text wurde unterzeichnet von: vertieft sich unaufhörlich. ... Wir erwarten nicht von Ih- Lean Litomisky; Libuse Silhanova; Josef Vohryzek (jetziger nen, daß Sie die Probleme lösen, die unsere Gesellschaft Sprecher der Charta); Vaclav Havel und Jiri Hajek (die ersten selber lösen muß. Dennoch sind wir der Meinung, daß Sprecher der Charta); Rudolf Battek; Vaclav Benda; Jiri man die Chance der Rückkehr zu einer wirklichen Nor- Dienstbier; Ladislav Hejdanek; Marie Hroladkova; Eva Kanmalität zwischen unseren Völkern und Staaten nicht ver- turkova; Marie Rut Krizkova; Ladislav Lis; Vaclav Maly; Anna Marvanova; Jiri Ruml; Martin und Radim Palous; Jan Sterpassen darf. .. nova; Jaroslav Sabata.

Wir denken, daß Sie die tschechische und europäische Si- Le Monde, 6.April 1987

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CSSR willst, um cinen revolutionären Prozeß handelte. Einen revolutionären Prozeß, der ganz im Gegensatz zu dem steht, was heute in der Sowjetunion passiert. Man kann die Reformen

Gorbatschows nicht mit dem Prager Frühling vergleichen Was heute in der UdSSR passiert wird oft mit dem Prager Frühling verglichen. Das ist grundlegend falsch. Man kann die UdSSR heute vielleicht mit der CSSR zwischen 1963 und 1968 vergleichen. In dieser Zeit gab es auch Veränderungen, das ist sehr wenig bekannt, weil die CSSR ein kleines Land ist und die Veränderungen nicht sehr spektakulär waren. So konnte man eines Tages aufwachen und in der Zeitung lesen, daß es ein neues Arbeitsgesetz gab, das den Beschäftigten die Möglichkeit einräumt, Urlaub zu nehmen, während sie vorher gewzungen waren, im Betrieb zu bleiben. An einem andern Tag konnte man lesen, daß es nicht mehr nötig war, im Hausbuch einzutragen, wenn man die Nacht außerhalb verbracht hatte, während man vorher bei Unterlassung schwere Geldstrafen zu zahlen hatte. Du willst sagen, daß man sich eintragen mußte, wenn man die Nacht nicht in der eigenen Wohnung verbrachte? Ja ja, jedes Haus, jeder Haushalt mußte ein „Hausbuch" führen, das einmal im Monat glaube ich von der Polizei bzw. in kleineren Gemeinden von den Behörden kontrolliert wurde.

An einem anderen Tag. erinnere ich mich, bin ich die Allee der Nation entlanggegangen und konnte für drei Kronen Le Monde kaufen. Daraus erfuhr ich, daß man ins Ausland reisen durfte, nicht nur auf Einladung der Eltern, sondern auf Einladung von jedermann, auch von Freunden. Ähnliches vollzog sich Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre im kulturellen Bereich. Es gab ungefähr achtzig Kinos in Prag, von denen drei oder vier Filme aus dem Westen zeigten. Dann hat sich das geändert und man konnte viel mehr Filme aus dem Westen sehen. Dies alles wurde möglich, weil es nicht die Strukturen des politischen Systems selber infrage stellte. Im Gegenteil, wir haben gesehen. was geschah. als diese wirklich infragegestellt wurden. Die aktuellen Reformen von Gorbatschow weren niemals die Grundlagen des politi chen systems der sowjetunion antasten Du teilst nicht die Meinung von Hajek und den anderen 18 ehemaligen Kommunisten, die in ihrem Brief an Gorbatschow von einem revolutionären Prozeß ausgehen?

Natürlich nicht. Das ist nicht nur falsch, schlimmer noch: der Brief ist so unterwürfig gehalten, daß er nicht nur auf Ablehnung, sondern auch auf Verärgerung gestoßen ist, und zwar seltsamerweise nicht bei den Konservativen, sondern bei den ex-Kommunisten, den „Kollegen" derer, die den Brief unterschrieben haben. Für meinen Teil habe ich niemals geglaubt, daß die theoretische Frage, ob die Bürokratie eine soziale Klasse oder eine soziale Schicht ist, wichtig ist. Ich denke, daß es sich um eine soziale Schicht handelt, aber in gewisser Hinsicht die Rolle einer sozialen Klasse spielt: in Fragen der Demokratie, der Macht, der Politik, nicht jedoch in Fragen der Ökonomie, die im allgemeinen grundlegend sind für eine soziale Klasse.

Es gibt keine Gemeinsamkeit von denen da oben mit denen da unten Für mich ist die Frage des politischen Systems, das von einer historisch gewachsenen sozialen Schicht geführt wird und eine bestimmte historische Rolle erfüllt, sehr wichtig. Sie ist in den letzten Monaten noch wichtiger geworden, da wir sehen, wie sich eine Tendenz entwickelt. die man auf folgenden Nenner bringen könnte: Ihr, die ihr an der Macht seid, und wir, die wir unten sind, wollen das gleiche, die Demokratie. Wir wissen das. Ihr sagt es nicht offen, einige von euch sagen es, also tun wir uns zusammen, arbeiten wir gemeinsam daran, die Wirklichkeit zu verändern. In diesem Sinne arbeitet und äußert sich die Strömung um Sabata. Ich denke für meinen Teil, daß es vollkommen falsch ist, sogar korrumpierend, mit den „großen Tieren" , den Machtinhabern, Bündnisse zu schließen. Der Brief der 18, von dem wir gesprochen haben, ist ein Ausdruck dieser Position. Man spürt ein wenig aus diesem Brief heraus. daß es dieser Strömung gelungen ist. die Charta etwas zu beeinflussen. wie wir zu Anfang des Jahres gesehen haben.

Die Charta hat zwei Dokumente herausgegeben, die „Stimme der Mitbürger" und den Brief der Unterzeichner" (3). Ich denke, daß der ganze Tenor des ersten Dokuments falsch war. Diejenigen, die dieses Dokument erstellt haben, gingen davon aus, daß die Situation sich geändert hat, die politische Atmosphäre sich verbessert hat und die Staatsmacht bereit sei zur Demokratisierung. Das Dokument berief sich auf die demokratischen Traditionen" und schlug dem Volk vor, „in Freiheit aufzuwachen* , um einen Ausdruck aus dem Text zu benutzen. Das Dokument ist sehr gut geschrieben, pathetisch, sentimental, die Leute fühlen sich ein bißchen geschmeichelt, daß man sich an sie wendet. Kopien wurden davon in Umlauf gebracht, aber nur wenig Leute haben davon den Gebrauch gemacht, der empfohlen worden war. Denn es ist unendlich schwierig, am Arbeitsplatz, im Stadtteil, in der Schule, im Sportverein, etc. wie ein freier Mensch zu handeln. also ohne Angst zu sprechen, zu kritisieren, überall als freier Mensch aufzutreten. Das ist m.E. viel schwerer als mit Freunden am Abend eine Diskussionsrunde oder eine kulturelle Revue zu veranstalten, Konferenzen zu organisieren, verbotene Literatur zu lesen, sogar in der Charta aktiv zu sein. Es ist möglich, die Leute aufzurufen, entsprechend zu handeln, das wurde schon vor zwanzig Jahren gemacht, aber damals befanden wir uns in einer revolutionären Situation, was heute nicht der Fall ist.

Es fehlt der eigene Weg, für den die Charta steht Was m.E. viel mehr zu kritisieren ist, ist die Tatsache, daß man in dem ganzen Dokument eine Alternative, eine unabhängige Struktur, den eigenen Weg, den die Charta repräsentiert, nicht entdeckt; es ist, als gäbe es ihn nicht. Man muß wirklich sehen, daß es innerhalb der Charta Diskussionen gibt. Um auf Gorbatschow zurückzukommen. Es gibt noch eine ganz andere Kritik an dem Brief, als die, die ich mit anderen ausgedrückt habe. Diese Kritik besagt, daß man Gorbatschow nicht schreiben dürfe, weil er und Strougal, die Liberalen in der CSSR, die „Pferde" sind, auf die wir setzen, die an unserer Stelle die Arbeit machen, und daß man sie nicht verschrecken darf. Wenn man sich an sie wendet, wären sie vielleicht genötigt. uns zu antworten, oder die Presse würde sich gezwungen sehen, das zu kom-

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mentieren, ihre konservativen Gegner würden sie beschuldigen, im Bund mit der Charta und dem Prager Frühling zu stehen. Wir würden nichts anderes erreichen, als Gorbatschow, Strougal und ihre Anstrengungen für den Wiederaufbau der Gesellschaft zu diskreditieren. Das ist auch die Meinung eines kleinen Teils der Unterzeichner der Charta.

Das Positive an dem Besuch Gorbatschows ist, daß er die politische Diskussion wieder in Gang gebracht hat. Wir haben in der Charta immer diskutiert, manchmal sehr lebhaft, wie über die Frage der Sudetendeutschen oder das Recht auf Exil, vor kurzem über die Frage der konservativen Katholiken, die die Charta in ein Instrument des katholischen Konservatismus verwandeln wollten, das nicht nur gegen den Marxismus, sondern weitgehend gegen alle Werte der Neuzeit gerichtet ist.

Was kann man im Alltagsleben Deiner Meinung nach an positiven Entwicklungen auf den Einfluß Gorbatschows zurückführen?

In der Sowjetunion wird Gorbatschow von einem Teil des Apparats und der Intelligenz unterstützt. Meiner Meinung nach haben Leute wie Schtscharantski unrecht, wenn sie behaupten, das alles sei nur ein Fassadenwechsel. Es ist mehr, es sind wirkliche Veränderungen, die ziemlich tief gehen. Zu allererst im Bereich von glasnost, im Bereich der Zensur, der Kultur, der Kunst, der Information, usw. Das ist noch lange nicht perfekt, noch nicht zu 100% pluralistisch, aber wir erleben fruchtbare Veränderungen, die auf eine neue Situation in der sowjetischen Gesellschaft hinauslaufen, die Ausgangspunkt sein könnten für einen revolutionären Prozeß, der keine hohen Verluste fordert. Das muß man unterstützen.

Hinsichtlich der ökonomischen Fragen bin ich skeptisch. Zunächst, weil diese Reformen rein funktional sind, strikt technokratisch und völlig undemokratisch. Man muß mißtrauisch sein, die gleiche Tendenz gab es in der CSSR 1968. Dennoch kann Gorbatschow selbst im Bereich der Ökonomie einen gewissen Erfolg haben, wenn seine Amtszeit andauert, das ist allerdings die große Frage! Aber auch der reformerische Enthusiasmus muß andauern, und es scheint, in den letzten Wochen haben die Dinge sich nicht so schnell entwickelt.

Im Bereich der Menschenrechte, mit Ausnahme der Kultur, die ich schon erwähnte, glaube ich nicht, daß es viele Veränderungen geben wird. Vielleicht wird die Situation für die Verteidiger der Menschenrechte nicht mehr so schwierig sein wie vorher. Aber ich glaube, was z.B. die Nationalitätenfrage anbelangt, hat sich seit der Ära Breschnew nichts geändert. Das gleiche gilt für die Religion, dort ist die Lage fast identisch. Gegenüber dem Islam hat die Repression sogar noch zugenommen und es scheint, daß die wenigen Verbesserungen nur den Orthodoxen zugute kommen.

Vor allen Dingen, ich wiederhole es, darf man nicht glauben, daß es irgendwelche Veränderungen im politischen System selbst geben wird. also in den Machtinstitutionen, dem Einparteiensystem, das das Machtinstrument der politischen Bürokratie ist, in den Apparaten, der Geheimpolizei und selbst bei Einzelfragen wie den Wahlen oder den Sowjets. Selbst wenn mehrere Kandidaten zu den Wahlen zugelassen sind, wären diese zunächst nicht mehr als eine Mehrzahl von „identischen Kandidaten".

Auf die Situation in der CSSR hat der Kurs

Gorbatschows bisher keine besondere Wirkung

Was die CSSR betrifft, hat der Einfluß Gorbatschows nochmal eine besondere CSSR

Es wird keine Veränderungen im politischen System geben.

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CSSR

Wirkung. Während in der Sowjetunion jede kleine Veränderung, jede Ankündigung einer Veränderung bei den breiten Massen zunächst auf Unverständnis, gar auf Widerstand stößt, riskiert sie hier cinen Eklat zu provozieren. Die Tschechen verfolgen den Prozeß der Liberalisierung in der Sowjetunion - wenn ich es so nennen darf — mit viel mehr Interesse als die Sowjetbevölkerung selbst, und sie sind bereit, jede Veränderung zu akzeptieren, weil sie mehr davon wollen. Hier taucht die Gefahr einer wirklichen Demokratisierung, oder anders gesagt, einer Revolution auf. Die tschechische Führung ist sich dieses Problems vollkommen bewußt, zweifellos auch die sowjetische Führung.

Deshalb wird hier alles auf ,sowjetische Art" gemacht, hölzern, mit Appellen der Art: „Die Veränderungen in der Fleischproduktion geschehen nicht von selbst* In dieser Weise richtet man sich an das Volk! Man spricht von Kritik, aber immer nur in Verbindung mit Selbstkritik, und man präzisiert sehr wohl, daß man diejenigen nicht dulden wird, die sie für ihre eigenen Zwecke benutzen wollen. Was den wirklichen Einfluß Gorbatschows anbelangt, so glaube ich, daß es unmöglich ist, mit der Führung, die heute in der CSSR im Amt ist, eine tatsächliche Veränderung im Sinne einer Liberalisierung des Landes wie z.B. in Ungarn zu erreichen.

Meine ungarischen Freunde sind immer verärgert, wenn man sagt, daß es in ihrem Land eine bedeutende Liberalisierung gegeben hat, und daß es zu unseren unmittelbaren Zielen gehört, eine ähnliche Situation zu erreichen. Das ist aber die Realität. Wenn wir im Bereich der Repression oder der Reisemöglichkeiten, um nur zwei Beispiele zu nennen, in der CSSR eine Situation wie in Ungarn hätten, wären wir glücklicher. Die Führung, die in unserm Land seit achtzehn Jahren an der Macht ist, hat sich nicht selbst an die Macht gebracht. Sie ist aus dem Prager Frühling hervorgegangen. Es gab nur wenige Führer, die später hinzugekommen sind. Die Mehrzahl von ihnen hat den Frühling mit Dubcek gegen Nowotny, Bilak, Indra, Kolotka ... gemacht. Husak ist im Sommer, Herbst dazugekommen, aber die Mehrzahl der Leute wurde nicht von Moskau eingesetzt.

Moskau hat 1968 nicht die politische Führung zerschlagen Im Westen hält sich die Illusion, der Prager Frühling sei durch die sowjetische Armee zerschlagen worden und Moskau habe eine ihr hörige Führung eingesetzt. Das ist falsch. Die jetzige Führung ist die des Prager Frühlings selbst, abzüglich von Einzelpersonen wie Dubeek, Cernik, Cisan und einigen anderen. Aber die meisten sind geblieben. Diese Führung, die also sehr viel Erfahrung hat, hat alles unternommen, um an der Macht zu bleiben. Sie hat sich nicht nur mit Mittelmaß umgeben, und zu Husak, der sehr alt ist, gibt es keine Alternative. Ich weiß nicht, wie diese Geschichte enden wird.

Viele unserer chemals kommunistischen Freunde sagen gern, daß die Führung in zwei Teile gespalten ist, den konservativen Flügel um Bilak und den liberalen Flügel um Strougal. Aber mir scheint, daß nach dem Gorbatschow-Besuch diese beiden Flügel einen Kompromiß geschlossen haben und zusammenarbeiten.

Bisher ist die Bilanz des Besuchs von Gorbatschow im Bereich der Repression eher negativ. Der Prozeß der allmählichen Lockerung seit Beginn der 80er Jahre hat sich seit ungefähr eineinhalb Jahren umgekehrt. Man liest in der ausländischen Presse immer, daß diese seit dem letzten Parteitag der KP eingesetzt hat (März 1986); persönlich glaube ich nicht daran. Das ist noch so ein Irrglaube, als ob der Parteitag der KP eine Bedeutung hätte. Manchmal hat er sie natürlich, wie z.B. der XX.Parteitag der KPdSU. Doch die Parteitage in der CSSR hatten niemals eine Bedeutung, weil alles im Präsidium, dem Politischen Büro, vorbesprochen war.

Seit Beginn des Jahres 1986 haben wir festgestellt, daß die Repression gegenüber früher zugenommen hat, vor allen Dingen im Bereich der unabhängigen Kultur, der Ökologie und der Menschenrechte im allgemeinen. Es gibt eine ständige Diskriminierung der Gläubigen, wenn deren Aktivitäten über den Kult hinausgehen, sie z.B. Samizdats machen. Die Priester, die verbotene Aktivitäten unternehmen, werden bestraft. Aber es wäre verfrüht zu behaupten, die Repression sei seit drei oder vier Monaten schwächer geworden. Wir werden sehen; die Dinge können sich von cinem Tag auf den andern ändern. Diejenigen, die im letzten Jahr oder zu Beginn dieses Jahres festgenommen wurden, warten aber immer noch auf ihren Prozeß. Z.B. gibt es demnächst den Prozeß der Brüder Vonka. Einer der beiden Brüder, Pavel Vonka, hat sich zu den Parlamentswahlen im Mai 1986 als unabhängiger Kandidat aufgestellt. Seit dem 26.Mai 1986 sind alle beide, zusammen mit einem dritten Verhafteten, einem evangelischen Priester, Jan Dus, der ebenfalls Unterzeichner der Charta 77 ist, in Präventivhaft. Jan Dus ist seit dem 20.Mai 1986 in Haft. Die drei sind eingekerkert, jeder mit zwei Mithäftlingen; drei Personen teilen sich eine sechs qm große Zelle, von der ein halber Meter durch das Waschbecken eingenommen wird. Als einzige Belüftung gibt es ein lächerliches Klappfenster. Es stinkt fürchterlich, da alle rauchen und die Nahrung verfault. Die Gefangenen haben das Recht, drei Bücher pro Woche zu lesen, von denen 10% der Seiten von den Gefangenen herausgerissen wurden, um damit Zigaretten zu drehen.

Der Spaziergang, der 20 bis 30 Minuten dauert, findet nicht einmal täglich statt, dafür in einer ähnlich großen Zelle, mit dem Unterschied, daß diese keine Decke hat. Die Bedingungen sind wirklich schrecklich. Ein anderer Prozeß, der von Petr Pospichal, der am 20.Januar 1987 verhaftet wurde, läuft gerade. Er wurde des „Verbrechens" angeklagt, Verbindungen mit der polnischen Gewerkschaft Solidarnose geknüpft zu haben. So gesehen würde ich nicht sagen, daß vom Standpunkt der tschechischen Opposition aus der Einfluß Gorbatschows besonders spürbar sei. Seit eineinhalb Jahren ist die Tendenz cher negativ, seit drei Monaten wieder eher positiv, aber dies sind Tendenzen und Gegentendenzen, die ziemlich schwer zu fassen und abzuschätzen sind. Zum Schluß erzähle ich westlichen Journalisten immer den gleichen Witz: „Kennen Sie den Unterschied zwischen Gorbatschow und Dubcek? Es gibt keinen, aber Gorbatschow weiß es noch nicht." Mai 1987 Anmerkungen:

(1) Anna Sabatova. Tochter von Jaroslav Sabata, Sprecherin der Charta 77 in 1986, Koordinatorin des polnisch-tschechischen Freundeskreises mit Solidarnosc in der CSSR, der gerade gegründet wurde. (vgl. Le Monde vom 8.7.1987) (2) In diesem Brief. der an Gorbatschow während seines Aufenthalts in Prag gerichtet und von 18 chemaligen Kommunisten unterzeichnet wurde. u.a. von Jiri Hayek, unterstützen die Unterzeichner die Reformen in der UdSSR vorbehaltlos. Gleichzeitig wünschen sie, an diesem reformerischen Bemühen, an dem sie in der Vergangenheit durch die heutige Führung gehindert wurden, teilnehmen zu können. Dieser Brief wurde von vielen, chemaligen Kommunisten und Nicht-Kommunisten, als eine schmachvolle Unterwürfigkeit bezeichnet.

(3) Texte der Charta, die im Januar 1987 aus Anlaß ihres zehnjährigen Bestehens erschienen. (4) Eine tschechische Region, die an die BRD grenzt und in der 700.000 „deutschstämmige" Menschen leben. Das Münchner Abkommen von 1938 erlaubte den Nazis, das Sudetenland zu annektieren.

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Christos

Anastasiadis (1910-1987)

der Genosse Christos Anastasiadis an Am Morgen des 12. September ist einem Herzinfarkt gestorben. Er war einer der zuverlässigsten Kämpfer der griechischen trotzkistischen Bewegung, ein ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers von Akro Nauplia, Mitarbeiter von Pantelis Pouliopoulos, einem sehr bedeutenden marxistischen Kämpfer und Denker, der aus der Kommunistischen Partei gekommen ist, und einer der wenigen bis heute Uberlebenden der alten Garde. „Für uns war er der Inbegriff der historischen Kontinuität, der Erfahrung und des Wissens: ein unersetzlicher Genosse und ein Erzieher", schreibt die Zeitschrift der griechischen Sektion Spartacos.

Christos wurde 1910 in Izmir in Kleinasien geboren. Im Alter von 12 Jahren, 1922, kam er als Flüchtlingskind nach Athen, zusammen mit 1,5 Millionen anderen Flüchtlingen, die nach der Entwurzelung des kleinasiatischen Griechentums Griechenland überschwemmten. Zuvor hatte er noch seine Heimatstadt Izmir in Flammen aufgehen sehen. Es war der Krieg zwischen Griechenland und der Türkei, den die britischen und französischen Imperialisten geschürt hatten, um die Kontrolle über einen Teil des Ottomanischen Reiches, vor allem über die Ölfelder von Mussuli und Kirkuk an sich zu reißen.

Die Flüchtlinge aus Kleinasien und die entlassenen Frontsoldaten waren diejenigen, die entscheidend die Radikalisierung der damaligen griechischen Gesellschaft bewirkt haben. Sie haben damals der noch jungen griechischen Arbeiterbewegung, die unter dem Einfluß der Oktoberrevolution stand, ihrer Gewerkschaft GSEE (Generalkonföderation der griechischen Arbeiter) und der Sozialistischen Arbeiterpartei Griechenlands (SEKE), aus der sich später die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE) entwickelte, ihren Stempel aufgedrückt. Schon sehr früh, zu Beginn der 30er Jahre, fand Christos zu der Archeiomarxistischen Partei, die sich 1930 mit der Internationalen Linksopposition zusammenschloß. Mit dem Schisma 1933 spalteten sich die Trotzkisten von der Archeiomarxistischen Partei ab und vereinigten sich mit der Gruppe Spartacos von Pantelis Poulipoulos, dem früheren Sekretär der griechischen KP und Gründer der marxistischen und trotzkistischen Bewegung in Griechenland. Aus diesem Zusammenschluß ging die OKDE (Organisation Internationaler Kommunisten Griechenlands) hervor. Aus dieser wiederum ging später die EOKDE (Einheitsorganisation internationaler Kommunisten Griechenlands) hervor, die vor und während des Kriegs die bedeutendste trotzkistische Organisation in Griechenland war.

Von 1936 bis 1942 war Christos Mitgefangener von Pantelis Pouliopoulos in Akro Nauplia, dem Konzentrationslager für politische Gefangene der Metaxa-Diktatur. 1942 gelang ihm die Flucht.

Mit der größte Beitrag des Genossen Christos für die Geschichte unserer Bewegung war die Rettung des Archivs unserer Organisation aus dem Konzentrationslager Akro Nauplia. In diesem Archiv befanden sich auch die Texte der Diskussionen zwischen der EOKDE und der Organisation der Defätisten (gegenüber der Sowjetunion) des A.Stinas, der KDKE (Kommunistische Internationale Union Griechenlands). Es befanden sich auch sehr wichtige Texte von Pantelis Pouliopoulos und anderer Genossen darunter, aus denen die Gemeinsamkeit der Ideen von Pouliopoulos und Trotzki hervorgeht, ohne daß zwischen beiden je eine Verbindung bestanden hätte. Noch bemerkenswerter ist, daß der größte Teil dieser Texte inzwischen von Christos unter unbeschreiblichen Opfern und Mühen gedruckt wurde und somit der Arbeiterbewegung für ihre theoretische und politische Bildung zur Verfügung steht.

Während des Krieges wurde der größte Teil des Kaders der EOKDE von den Faschisten umgebracht oder von Stalinisten ermordet. Ende 1943 benannte sich die EOKDE in KKDE (Partei der Kommunisten Internationalisten Griechenlands) um. Nach einer rasch wieder zerbrochenen Vereinigung mit den Defätisten um Stinas mußte sie 1947 in den Untergrund, wie auch die griechische KP. Christos hat unter den schwierigen Bedingungen der Illegalität die Organisation über den gesamten Zeitraum bis zum Militärputsch 1967 und darüber hinaus bis zum Sturz der Diktatur zusammengehalten. Erst gab er die Zeitschrift Ergatiki Pali heraus, dann, Kurznachrichten 1959, die halblegale Zeitschrift Marxistiko Deltio, die bis 1967 erschien. Nach dem Zusammenbruch der Militärdiktatur war Ergatiki Pali die erste kommunistische Zeitung, die wieder offiziell gedruckt wurde und einmal wöchentlich erschien. Ebenso erschien die theoretische Zeitschrift Marxistiko Deltio wieder. Die Sektion benannte sich wieder in OKDE um; heute gibt sie das Organ Spartakos heraus.

1956 hatte Christos den halbillegalen Verlag Avantgardebibliothek" gCgründet, Darin veröffentlichte er viele wichtige Werke von Trotzki, Pouliopoulos, Mandel und anderen Genossen. U.a. erschienen darin Trotzkis ,Schriften über Deutschland, Wohin geht Frankreich?", der „Offene Brief an die PVAP" von Kuron und Modzelewski und Pierre Franks Geschichte der Vierten Internationale". Außerdem arbeitete er an der Veröffentlichung von Trotzkis „Geschichte der russischen Revolu- „Stalins Verbrechen" und Anastasiadis war das wichtigste Bindeglied der griechischen Sektion mit der Presse der restlichen Internationale, auf Grund seiner Kenntnis zahlreicher Fremdsprachen. Er hatte sich vorgenommen, das Gesamtwerk von Pantelis Pouliopoulos herauszugeben, und hatte mit der ihm eigenen großen Geduld und Beharrlichkeit bereits den größten Teil seines Vorhabens verwirklicht.

Mit dem völlig unerwarteten Verlust des Genossen Christos Anastasiadis hat der griechische Trotzkismus einen unersetzbaren Kämpfer, einen unermüdlichen Revolutionär, einen bedeutenden Intellektuellen und einen freundlichen, herzlichen Menschen verloren.

Er bleibt uns allen unvergessen. 14.September, am Tag seiner Beerdigung Vangelis Sakkatos

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Nach Gorbatschows Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution, die cher eine Rehabilitierung Italien:

Stalins als die seiner Opfer war, wird die Unter- Rossana Rossanda, Leiterin der Tageszeitung Il Manifesto schriftensammlung unter den Aufruf, den wir in Dario Fo. Theaterschriftsteller Inprekorr Nr. 197 vorstellten, weitergeführt. Wir und -regisseur Franca Rame. Schauspiclerin werden die Liste der neuen UnterzeichnerInnen Fulvio Aurora fortlaufend in Inprekorr veröffentlichen. Aldo Natoli

Edgardo Pellegrini Andrea Rivas, Leiter von Radio Popolare Prof. Antonio Moscato Kanada:

Rehabilitiert die Opfer der Michael Cassidy, MP François Moreau

Barry Weisleder

Moskauer Prozesse! Argentinien:

Guillermo Almeyra Belgien:

Claude Dejardin, MP der SP. des Europarats Vorsitzender der Versammlung Jef Siceckx, MP der SP de Wasseige. MP

Prof. Jan Cracybeckx Eric Crijn

Prof. Leo Apostel Bundesrepublik Deutschland: Manfred Bissinger, Hrsg. der Zeitschrift Natur Gunther Wallraff Elmar Altvater, Wirtschaftswissenschaftler Freimut Duve, MP. SPD Helmut Lippelt, MP. Die Grünen Prof. Wolf-Dieter Narr Brasilien:

Eduardo Jorge. MP. Nationale Führung der PT

Florestan Fernandez. MP der PT Jair Meneguelli, Vorsitzender des Gewerkschaftsbundes CUT Martilasen Covas Pontes, Vizepräsident der CUT Ademir Andrade, MP der PT Paulo Bisol, MP

Joao Carlos Cocer, MP Benedita da Silva, MP Otavio Elisio, MP Luiza Erundina. MP Francisco Ferramenta Jose Fortunatti, MP Raul Messias Franco. MP Roberto Gouveia, MP Luis Gushiken, MP Selvino Heck. MP Lysancas Maciel, MP J.Oliveira, MP der PT A. Pretto, MP der PT Flavio Koutzii

César Alvarez

Perly Cipriano

Magda Flores

Paulo Cesar Funghi Ciro Garcia

Tarso Genro

Clovis ligenfritz Joao Machado

Tomas Matta Machado Mauricio Faria Pinto Joaquim Soriano

Francisco de Souza Adao Villaverde

Chile:

Prof. Luis Vitale Frankreich:

Claude Bourdet

Prof. Michel Beaud Prof. René Gallissot Rodolph Prager

Prof. Yves Sertel Pierre Naville

Gilles Perrault

Prof. Yildiz Sertel Griechenland:

Stelio Babas. Mitglied des Zentralkomitees der Hellenischen Linken (EAR)

Prof. A.Mitropoulos Großbritannien:

Patrick Camiller, New Left Review Harry Wicks

Reg Groves

Paul Boateng. MP Luis Sinclair

Libanon:

Zaher El-Khatib, MP Najah Wakim, MP

Huda Hawa

Elia Khoury, Schriftsteller Mexiko:

Prof. Adolfo Sanchez Vasquez Niederlande:

Clara Ant Brazil Josst Kircz

Sal Santen

Neuseeland:

Juuriaan Bendien Norwegen:

Berge Furre, ex-MP Österreich:

Peter Pilz, MP

Jozef Smolle. MP Manfred Stb, MP

Andreas Wahl, MP Polen:

Daniel und Jeanne Singer (Frank.)

Portugal:

Otelo Saraiva de Carvalho Jorge Sampaio. Vorsitzender der Sozialistischen Parlamentsfraktion Pezarat Correia, ex-Berater der Kevolution Fernando Loureizo. Nationaler Sekretär der Gewerkschaft CGTP Manuel Alegre. MP Sottomayor Cardia, MP Lopes Cardoso, MP Arons de Carvalho. MP Helensa Cidade Moura, ex-MP Jose Luis Nunes. MP A. Pretto, MP

Eduardo Pereira. MP Nuno Grande

Folgende Personen unterzeichneten in den USA eine eigene Jose Mauricio, MP Version des Aufrufs, die mit dem Absatz endet: Nilmario Miranda, MP .Wir Unterzeichneten aus den Vereinigten Staaten sind Geg- Jose Genuino Neto, MP Paulo Renato Paim. MP ner des Kalten Krieges und der antikommunistischen Politik Vladimir Palmeira, MP der US-Regierung und fordern deshalb die sowjetische Re- Uldorico Pinto, MP gierung auf, die Opfer der Moskauer Prozesse zu rehabilitie- Paulo Ramos. MP

Luis Samolao, MP Plinio de Arruda Sampaio, MP Sandra Starlin, MP Cristina Tavares. MP Jozo Paulo Vasconcelos. MP Angelo Maschera. MP der PT Annette T.Rubinstein Prof. Louis Menashe Prof. Paul Siegel Prof. Michael Goldfield Michael Smith, National Lawyers Guild

Prof. Morris Slavin Dan Georgakas. Schriftsteller Prof. David Herreshoff Prof. Sungar Savran

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Maria Jose Lopes

Francisco Louça

Schweiz:

Jean Ziegler, MP

Sri Lanka:

Butty Weerakon, Generalsekretär der Ceylon Federation of Workers Südafrika:

Hosea Jaffe. Historiker

Syrien:

Youssef Abdelke, Künstler

Türkei:

Prof. Savran

Uruguay:

Raul Sendic. Vorsitzender der MLN (ex-Tupamaros)

USA:

Prof. Bogdan Denitch. Democratic Socialists of America

Prof. V.Moghadam

Kalf Schoenman

Prof. Susan Weisman

Milton Wolpin

Erklärung der Kommunistischen Partei

Großbritanniens

Das Exekutivkomitee der Kommunistischen Partei Großbritanniens hat auf seiner Sitzung am 8. und 9.November 1987 folgende Erklärung verabschiedet: 1936 wurde eine große Zahl von sowjetischen kommunistischen Führern, darunter alte Bolschewiki wie Sinowjew und Kamenew, in Moskau vor Gericht gestellt, verurteilt und hingerichtet. Andere Prozesse und Hinrichtungen folgten, so die von Bucharin 1938.

1978, zum 40.Jahrestag des Prozesses von Bucharin, hat das Exekutivkomitee der Kommunistischen Partei Großbritanniens einen Aufruf zu seiner Rehabilitierung unterstützt.

Wir glauben in Anbetracht der Enthüllungen über die Repression unter Stalin, daß diese Prozesse nicht gerechtfertigt waren und daß die Annalen der Geschichte wieder in Ordnung gebracht werden müssen, im Interesse des Sozialismus und um dem Gedenken derer gerecht zu werden, die zu Unrecht angeklagt wurden. Anläßlich des 50.Jahrestags der Prozesse von 1936 fordern wir eindringlich die reil wuering jener, die zu Unrecht Haltung in der Kommunistischen Partei

Belgiens

Unter dem Titel: Die Revisjon der Prozesse wird immer eindringlicher gefordert, zu Recht. hat das Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei Belgiens (PCB), Jan Debrouwere, in der flämischen Zeitung der PCB. De Rode Vaan vom 15.Oktober 1987 einen Artikel veröffentlicht.

Er laßt zunächst einmal all die Vorwände Revue passieren, die von den Kommunistischen Parteien lange Jahre hindurch hochgehalten wurden, um sich der Frage nicht stellen zu müssen: „In den Reihen der Kommunisten" , schreibt er, ..hat man sich oft in Verallgemeinerungen und Abstraktionen geflüchtet. Es sei besser. die alten Geschichten nicht aufzurühren." Er führt fort mit der Verurteilung der Diktatur Stalins, der Todesurteile und Hinrichtungen verlangte" , mit der Folge, daß der Großteil der Führungsgruppe der Oktoberrevolution die Prozesse nicht überlebt hat.... Die Opfer waren vor allem und in erster Linie Kommunisten." Er lehnt den Vorwurf der Sabotage, des Terrorismus, des Verrats usw. rundheraus ab. „In der Mehrzahl der Falle" schreibt er, wenn nicht immer handelte es sich um politische Meinungsverschiedenheiten." Selbst wenn dies ernsthafte, grundlegende Meinungsverschiedenheiten waren, schreibt er: ,Aber die Differenzen, der Meinungskampf, selbst wenn er zur zeitweiligen oder endgültigen Entfernung aus Verantwortungen und Funktionen führt, stellen nicht die persönliche Ehre infrage. Sie können nicht die persönliche Ehre infragestellen. Sie können auch nicht nach Art von Verbrechen geregelt werden, durch ein Tribunal, in den Untersuchungszellen oder durch den Scharfrichter."

,,Es geht nicht darum, politisch eher Bucharin oder Trotzki recht zu geben." Damit macht Jan Debrouwere als Mitglied des Politbüros der PCB einen Schritt nach vorn. Aber volle Gültigkeit erhielte seine Position erst, wenn die PCB als Partei dieselbe Haltung einnähme wie die Kommunistische Partei Großbritanniens.

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SCHWEIZ

Nationalratswahlen Ein mäßiges Ergebnis für die Grinen und einen Erdrutsch für die Sozialistische Partei brachten die Nationalratswahlen in der Schweiz am Kurznachrichten 18.Oktober. Die Wahlbeteiligung lag diesmal noch tiefer als sonst, bei 46,5% der Stimmen, das ist die niedrigste Wahlbeteiligung seit 1919. Sie kommt fast an das Niveau der US-amerikanischen Kongreßwahlen heran. In der romanischen Schweiz lag es sogar einigenorts bei 40% Insgesamt haben die Wahlen eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses nach rechts ergeben, denn bei niedrigerer Wahlbeteiligung haben die bürgerlichen Parteien zusammengenommen ihren Anteil an Mandaten halten können. Spektakulär war die Kandidatur der Auto-Partei, die rechts von den konservativen Parteien steht und zu Lasten der Nationalen Aktion zwei Mandate holte. Ihre Lobby sind die Autohändler und die Transportun-ternehmer. Sie hat einen explizit anti-Grünen Wahlkampf geführt. Die Sozialistische Partei ist die große Verliererin der Wahl. Sie setzt damit ihren parlamentarischen Niedergang fort. In den letzten 12 Jahren hat sie insgesamt 15 Mandate verloren. Ihr Stimmenanteil ist von 22,8% in 1983 auf 18,4% in 1987 gesunken. Die kommunistische Partei der Arbeit ist nochmals von 0,9% auf 0,8% zurückgegangen und folgt damit dem Schicksal der bundesdeutschen DKP: Abrutsch in die parlamentarische Bedeutungslosigkeit. Eine nennenswerte Präsenz hat sie noch mit 3-4% im Kanton Waadt und in Neuchatel, sowie in Genf mit 8,7%.

Die Grünen sind mit getrennten Listen angetreten. Die bürgerliche Grüne Partei der Schweiz (GPS) ist insgesamt auf 4,8% der Stimmen gekommen (1983 2,9%), mit Ergebnissen über 10% im Thurgau und in Genf, und mit Ergebnissen über 5% in Zürich, Bern, Basel-Land, Kanton Waadt und Neuchatel. Sie hat großen Wert darauf gelegt, mit den rot-grünen Listen der Grün-Alternativen (dem „rot-grünen Chaos"*) nicht in einen Topf geworfen zu werden, und sich strikt auf Umweltfragen beschränkt.

Die Grün-Alternativen sind mit lokalen Bündnislisten angetreten. Sie haben, zusammen mit der POCH, die teils auf diesen Listen, teils aber auch getrennt kandidiert hat, insgesamt 3,5% der Stimmen geholt. Das war ebensoviel wie die POCH 1983 allein geholt hat. Dabei muß man in Betracht ziehen, daß sie in der Hälfte der Orte, an denen sie kandidiert haben, über 5% gekommen sind (mit Spitzen in Basel-Stadt - Kandidatur der POCH, 9,4% - und Luzern — 8,7%). Die POCH hat dort, wo sie im Bündnis kandidiert hat, nicht besser abgeschnitten, als wo sie allein kandidiert hat. Insgesamt zieht die POCH eine enttäuschte Bilanz dieses Wahlergebnisses. Zusammen kommen die Grünen Listen auf die Hälfte der 16% Stimmen, die ihnen die Meinungsumfragen vor der Wahl gegeben hatten. MEXIKO

PRT-Kongreß

Der Parteikongreß der PRT, der mexikanischen Sektion der IV.Internationale, fand vom 27. Juli bis zum 2.August im Beisein von 350 Delegierten statt. Der Kongreß hatte insofern eine besondere Bedeutung, als ihm eine lange Debatte in der PRT vorausgegangen war, ob die Partei sich an der Fusion der Kommunistischen Partei (PSUM) mit der Mexikanischen Arbeiterpartei (PMT), der Mexikanischen Sozialistischen Partei (PSM) und zwei kleineren Organisationen beteiligen sollte oder nicht. Die Parteiführung hatte dies Projekt abgelehnt (s. Inprekorr Nr.195) und statt dessen die Fusion mit zwei kleineren revolutionären Organisationen eingeleitet, der Marxistischen Arbeiterliga (LOM, die mexikanische Sektion der internationalen lambertistischen Strömung) und der Revolutionären Linken Strömung (CIR), eine Abspaltung von der PMT, die die Fusion mit der KP ebenfalls nicht mitgemacht hat. Der Parteitag hat diese Orientierung gebilligt. Er hat zugleich eine Reihe von neuen und schwierigen Fragen diskutiert, denen die PRT heute gegenübersteht:

• ein Schwerpunkt der politischen Arbeit der PRT ist der Kampf für die Annullierung der Auslandsschulden Mexikos. Die PRT versucht, die verschiedenen Sektoren der Massenbewegung um diese Forderung herum zu vereinheitlichen.

• Ein großes Problem ist die finanzielle Unabhängigkeit der Partei. Über 90% der Einkünfte der Partei fließen heute aus den Diäten, die den sechs Parlamentsmitgliedern gezahlt werden.

• Die PRT will sich gegenüber den Christen öffnen, die sich unter dem Eindruck der Befreiungstheologie den sozialen Fragen zuwenden. Sie hat eine Resolution angenommen, die die Reihen der Partei für solche Mitglicder öffnet.

Der Kongreß hat eine Frauenresolution verabschiedet, die besondere Maßnahmen fordert, um Frauen stärker an der Führung der Partei zu beteiligen.

SPANIEN

Neue Welle von Demonstrationen Ein halbes Jahr nach den breiten Mobilisierungen im Frühjahr wurde Spanien Ende Oktober wieder von einer Demonstrationswelle überzogen. An zwei Wochenenden hintereinander demonstrierten jeweils 100.000 bzw. 225.000 Menschen gegen die NATO und für die Auflösung der US-amerikanischen Miiltärbasen, die Felipe Gonzales noch während des Referendums über die NATO vor zwei Jahren versprochen hatte. Heute ist die PSOE-Regierung allerdings auf dem besten Wege, auch in dieser Frage zu kapitulieren und ihr Versprechen zu brechen.

Am 29.Oktober demonstrierten Zehntausende von Staatsangestellten unter den Losungen der Arbeiterkommissionen und der sozialdemokratischen Gewerkschaft UGT gegen Lohnund Sozialabbau. Kurz zuvor waren in Bilbao 50.000 Menschen gegen die Repression im „spanischen" und im „französischen" Baskenland auf die Straße gegangen. Der von Herri Batasuna und der revolutionären Linken getragene Schweigemarsch sollte ursprünglich eine Demonstration werden, die jedoch verboten wurde, weil dies angeblich eine „Apologie des Terrorismus" sei.

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NAMIBIA

Bergarbeiterstreik Im Schatten des Streiks der südafrikanischen Bergarbeiter, aber nicht weniger bedeutsam, hat in Namibia der größte Bergarbeiterstreik seit 1971 stattgefunden. Am 27.Juli traten 6.000 Mitglieder der Bergarbeitergewerkschaft Namibias MUN in drei Kupferminen in den Streik, die alle der Tsumeb Corporation Ltd. gehören. Sie forderten eine Erhöhung des Grundlohns, der z.Zt. 50 Cent beträgt, die Beendigung des Systems der Wanderarbeiter und eine Verbesserung der Sicherheit am Arbeitsplatz. Sie forderten von der Unternehmensleitung auch, daß sie auf die südafrikanische Regierung Druck ausübe, damit diese den Friedensplan der UNO für Namibia annimmt. Die Geschäftsführung ließ sich auf nichts ein. Nicht einmal auf Verhandlungen, für die im Gegenzug die Gewerkschaft bereit gewesen wäre, die Arbeit wieder aufzunchmen. Statt dessen entließ sie die Arbeiter und feuerte sie auch aus den Wohnheimen, in denen die Wanderarbeiter Icben müssen. Sie schickte südafrikanische Truppen in die Minen, um die Entlassungen durchzusetzen. Am 18.August stürmten südafrikanische Streitkräfte die Büros der Gewerkschaft und der Befreiunsgbewegung SWAPO. Sie verhafteten sechs führende Mitglieder dieser Organisationen unter dem Vorwand des Anti- Terror-Gesetzes, ohne eine konkrete Beschuldigung gegen sie vorzubringen. Sie wurden am 10.September wieder freigelassen, nachdem zahlreiche Arbeiterorganisationen, religiöse Vereine und Gemeinden in den USA cine Protestkampagne dagegen begonnen hatten.

Die amerikanische Bergarbeitergewerkschaft UMWA hat vor kurzem zusammen mit anderen Organisationen die Bergwerksgesellschaft Newmont, deren Hauptverwaltung in New York ist und die 32,6% der Anteile an der Tsumeb besitzt, aufgefordert, die Tsumeb zu veranlassen, daß sie mit den namibischen Bergarbeitern verhandelt. Newmont hat jedoch erklärt, sie sei dabei, ihre Anteile an Tsumeb zu veräußern.

In der Arbeiterbewegung in den USA ist eine Unterstützungskampagne für die namibischen Bergarbeiter angelaufen, die sich gegen ihre Entlassungen und gegen die Verweigerung von Verhandlungen richtet. Solidaritätstelegramme können geschickt werden an:

NUM, Box 1566, Windhoek, 9000 Namibia.

PERU

Siebter

Kongreß der CCP

Vom 21. bis 25.August fand in Lima der Siebte Kongreß der Confederación Campesina del Peru (CCP - Bauernverband Perus) statt. Die CCP ist die älteste Bauernorganisation im Land; sie wurde vor 40 Jahren gegründet. Sie ist auch der größte Bauernverband.

Auf dem Kongreß waren Delegierte aus allen 24 Departements des Landes vertreten. Darüberhinaus kamen Gastdelegationen aus Mexiko, Bolivien, Ecuador und Brasilien, sowie ein Vertreter der Botschaft der VR China.

abschiedet, in der er eine andere der Kleinbauern ist (sie sind die hauptsächlichen trusts. Dafür fordet sie eine andere tel dieser Trusts zu sein. des Bodens unter die Bauern fortzu- des Landes (Ayacucho, Puno, Huan- caveliva) hat die CCP die Bauern auf- gerufen, sich gegen die Repression und die Militarisierung zur Wehr zu setzen. Sie fordert den Rückzug der Nahrungsmitteln), und nicht im Inte- Der Kongreß hat eine Resolution ver- Agrarpolitik fordert, die im Interesse resse der exportorientierten Agro- Preis- und Kreditpolitik. Der Kon- greß hat auch den Rücktritt des jetzi- gen Landwirtschaftsministers gefor- dert, dem vorgeworfen wird, ein Büt- Der Kongreß hat gleichfalls seine Entschlossenheit Kampf für die gerechte Aufteilung führen und zu diesem Zweck die Landbesetzungen weiterzuführen. risierung in verschiedenen Regionen Armee und der Polizei aus diesen De- Angesichts der wachsenden Milita- Produzenten bekräftigt, von den Kurznachrichten partements, die Einstellung des „schmutzigen Kriegs" und die Freilassung aller politischen Gefangenen. Um der tiefen wirtschaflichen, sozialen und politischen Krise des Landes mit einer umfassenden politischen Alternative zu begegnen, die sich auf die Kräfte des Volkes stützt und sich gegen den Imperialismus, gegen die APRA-Politik und gegen die reaktionäre Rechte richtet, hat die CCP dazu aufgerufen, um die Asamblea Nacional Popular eine revolutionäre Einheit zu schmieden.