Am 16.Juli 1987 hat der Oberste Gerichtshof der Sowjetunion den großen russischen Ökonom Nikolai Kondratjew und seine Mitangeklagten im Prozeß von 1930 strafrechtlich rehabilitiert; sie waren damals zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Stalin, der Geschmack an Makabrem fand, bezeichnete diesen Prozeß als einen gegen die „Industriepartei"; dabei richtete sich dieser Prozeß in Wirklichkeit vor allem gegen Agronomen, die im Forschungsinstitut für Agrarwirtschaft in Moskau arbeiteten, und gegen einige Mitarbeiter des Instituts für internationale Konjunktur (ersteres leitete Alexander Tschajanow, letzteres Kondratjew). Tschajanow und Kondratjew waren bedeutende Intellektuelle im Rußland nach der Oktoberrevolution. Sie waren Nicht- Kommunisten und Nicht-Marxisten, deren vollkommen legale Tätigkeit den hohen Grad an intellektueller Freiheit bezeugt, der vor der Konsolidierung der stalinistischen Diktatur in der Sowjetunion herrschte. Kondratjew, der manchmal fälschlicherweise als der Erfinder der Theorie der langen Wellen der Konjunktur bezeichnet wird (1), war derjenige, der die akademische Version dieser Theorie ausgearbeitet hat. Er hat eines der ersten Institute zur systematischen Erforschung der internationalen Konjunktur gegründet, das beträchtliches Prestige gewann. In akademischen Kreisen genießt seine Theorie heute noch Anerkennung, auch wenn sie schon von sowjetischen Marxisten, angefangen bei Trotzki, einer strengen Kritik unterzogen wurde.
Alexander Tschajanow war einer der Haupttheoretiker der populistisch inspirierten „nicht-warenwirtschaftlichen bäuerlichen Agrarproduktion* in Rußland. Im Ausland viel weniger bekannt als Kondratjew, ist er vor allem Verfasser cines berühmten, 1924 erschienenen Aufsatzes über die Theorie der nicht-kapitalistischen Wirtschaftssysteme" und ciner ausgefallenen Bauernutopie" (Reise meines Bruders Alexej ins Land der bäuerlichen Utopie, Frankfurt, Syndikat 1981). Er war ein Anhänger der sowjetischen Genossenschaftsbewegung nach der Oktoberrevolution.
von ERNEST MANDEL
Der wirkliche Vorwurf der Stalin-Fraktion gegen die Angeklagten des Prozesses von 1930 war ihre Unterstützung von Bucharin und Rykow gegen die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und gegen die überstürzte Industrialisierung — den Weg, den Stalin 1928-29 eingeschlagen hatte. Man muß in diesem Zusammenhang hervorheben, daß Kondratjew und Tschajanow, die beide der KPdSU nicht angehörten, Distanz zur Rechten Opposition gewahrt und sich damit begnügt hatten, Fakten, Statistiken, Analysen und Prognosen vorzulegen, auf die Bucharin sich teilweise in seiner Argumentation stützen konnte.
Bucharin, der „Liebling der ganzen Partei"
Zahlreiche Beobachter haben in der strafrechtlichen Rehabilitierung Kondratjews eine Bestätigung dafür gesehen, daß auch Bucharin bald offiziell rehabilitiert werde. Bucharins Witwe und sein Sohn, Juri Larin, hatten bereits unter Chruschtschow ein offizielles Rehabilitierungsverfahren angestrengt. Nach einer langen und schleppenden Prozedur lehnte die Kontrollkommission der Partei seine Rehabilitierung im Sommer 1977 ab.
Gegenwärtig mehren sich in der sowjetischen Presse, wie übrigens auch in einigen chinesischen Veröffentlichungen, die positiven Anspielungen und Hinweise auf die Person Bucharins und sogar seine politische Orientierung. Die Literaturnaja Gasjeta veröffentlichte am 22.Juli 1987 den Text eines Einakters, in dem von den zwei Personen, die zu Wort kommen, eine für die Zwangskollektivierung argumentiert, die andere hingegen die gradualistischen Thesen Bucharins verteidigt. Zum erstenmal wird Bucharin nicht mehr nur als ein liebenswürdiger und sympathischer Mensch - wenn auch als Gegner Lenins — dargestellt, sondern als jemand, der eine richtige Linie vertritt. Immerhin, der Autor des Stücks ist Fjodor Burlatzki, einer der wichtigen intellektuellen Fürsprecher Gorbatschows - auch in den Medien.
Nach der Rehabilitierung Kondratjews, Tschajanows und ihrer Kollegen kämen die Justizbehörden in der Sowjetunion in eine delikate Situation, verweigerten sie die strafrechtliche Rehabilitierung Bucharins. Immerhin war Kondratjew Minister unter Kerenski, Bucharin hingegen ein Führer der Oktoberrevolution und Mitglied des Politbüros, den Lenin in seinem Testament den „Liebling der ganzen Partei" nannte. Kann man den einen rehabilitieren und den anderen nicht, wo doch anscheinend die Ideen dieselben sind? Was die Rehabilitierung Bucharins wahrscheinlich werden läßt, ist die Tatsache, daß die Kondratjews und seiner Gefährten (2) keineswegs eine isolierte Angelegenheit ist. Schon 1985 wurde einer der Hauptangeklagten des dritten Moskauer Prozesses, der ehemalige Volkskommissar für Finanzen und frühere sowjetische Botschafter in Berlin, Nikolai Krestinski, mit fünf seiner Mitangeklagten ebenfalls rehabilitiert. Es ist wahr, daß im Unterschied zur Rehabilitierung des Marschalls Tuchatschewski und der anderen 1937 erschossenen Führer der Roten Armee diejenige Krestinskis sehr diskret vollzogen wurde. Während hohe Militärs sich beeilten, Porträts ihrer ehemaligen, von Stalin ermordeten Genossen in ihre Memoiren und in historische Lehrbücher aufzunchmen (4), wird der Name Krestinskis in der UdSSR weiterhin kaum erwähnt.
Immerhin könnte, nach dem Sinn für Fol-
gerichtigkeit zu urteilen, der die Sachwalter der „offiziellen" Parteigeschichte der KPdSU auszeichnet, am Ende des Prozesses, der mit der Rehabilitierung Krestinskis eingeleitet wurde, die Bucharins stehen, selbst wenn ihr Zeitpunkt noch ungewiß ist.
Nach Bucharin Trotzki?
Alexander Adler geht, etwas vorschnell, bereits davon aus (Libération vom 10.9.1987). Im Augenblick sind die einzigen gesicherten Indizien die weniger feindseligen Hinweise auf die historische Rolle Trotzkis, die in der Presse, in einigen Theaterstücken und in literarischen Texten aufzutauchen beginnen. Einer der engsten politischen Freunde des Gründers der Roten Armee, der alte Bolschewik und Held des Bürgerkriegs Nikolai Muralow, im zweiten Moskauer Prozeß verurteilt, wurde übrigens ebenfalls vom Obersten Gerichtshof rehabilitiert. Aber daraus ergibt sich noch nicht, daß die Rehabilitierung Trotzkis bereits so gut wie entschieden sei. An Indizien, die in die entgegengesetzte Richtung weisen, fehlt es nicht. Auf der Buchmesse in Moskau, die Mitte September eröffnet wurde, wurde George Orwells Animal Farm, eine berühmte allegorische, auf dem Konflikt Stalin-Trotzki aufbauende Satire, beschlagnahmt und verboten. Genauso erging es der Stalin-Biographie von Isaac Deutscher - trotz aller Proteste der anwesenden Vertreter der englischen Verlage (vgl. The Times vom 12.9.1987). Der Chef des KGB, Viktor Tschebrikow, Mitglied des Politbüros, hat am 10.September aus Anlaß des 110. Geburtstags von Felix Dscherschinski, dem Gründer der Tscheka, eine Rede gehalten, die sehr feindselige Äußerungen über Trotzki ent- (vgl. The Independent vom 12.9.1987). Afanassjew, der Chefredakteur der Prawda, hat an der Opportunität einer Rehabilitierung Zweifel angemeldet, denn deren „negative" Aspekte überwögen über die „positiven", die er jedoch nicht geleugnet hat.
Die Presse nimmt sich immer mehr dieses Themas an. Ogonyok erinnert zu Recht an das alles in allem positive Urteil, das sich in Lenins Testament über Trotzki findet, und erklärt, er sei „ein herausragender Aktivist unserer Partei (gewesen), der (von Stalin) in die Isolierung gezwungen wurde". Die Tageszeitungen Trud und Sowjetskaja Rossija widmeten Ende September ganze Seiten der kritischen Analyse der Rolle Trotzkis, und hielten ebenfalls eine Rehabilitierung nicht für opportun, auch nicht für wahrscheinlich. Die Presseagentur Tass hat ausführliche Zusammenfassungen dieser Artikel gebracht.
Das Mindeste, was man sagen muß, ist, daß die Angelegenheit noch nicht entschieden ist. Befehlen die Führer der KPdSU absichtlich mal hü, mal hott? Sind sie in dieser Frage untereinander gespalten? Wie man diese Frage auch immer beantworten mag — daß es nützlich und notwendig ist, daß die internationale Arbeiterbewegung Druck zugunsten der vollständigen Rehabilitierung aller Angeklagten der Moskauer Prozesse ausübt, liegt auf der Hand.
Die grobschlächtigsten Fälschungen werden beseitigt Um die Bedeutung einer juristisch-strafrechtlichen Rehabilitierung dieser Angeklagten — aller Angeklagten, nicht nur der nach diesen infamen Schauprozessen ermordeten bedeutendsten bolschewistischen Führer — zu erfassen, muß man im Walten der stalinistischen Repression gegen die alten Bolschewiki drei Aspekte unterscheiden:
1. die grobschlächtige Verfälschung der Geschichte, die darin besteht, die Rolle der alten Bolschewiki in der russischen Revolution, und sogar in der russischen Arbeiterbewegung vor der Revolution, im Aufbau und in der Führung des sowjetischen Staates und der KPdSU zwischen 1917 und 1928 vollständig zu unterschlagen oder ihre Namen nur zusammen mit verleumderischen Bezeichnungen als imperialistische Spione, Gestapo-Agenten, Verräter, Konterrevolutionäre, Mörder, Terroristen, Saboteure etc. zu erwähnen. Dieses Verfahren war seit den Säuberungen von 1934-38 die Regel.
2. Die subtilere Fälschung, die so aussieht, daß bestimmte Aspekte ihrer Tätigkeit und bestimmte Teile ihrer Ideen entstellt, ein Teil ihrer wirklichen Tätigkeit verschwiegen und ihnen Auffassungen unterschoben wurden, die sie nie vertreten haben. Das war die Regel im Verhalten der stalinistischen Fraktion in ihrem Kampf gegen die verschiedenen Oppositionsgruppen zwischen 1923 und 1928, bevor sie zu den schändlichen Verleumdungen des ersten Typs überging. 3. Die formelle Verurteilung durch Gerichte wegen Verbrechen, die sie nie begangen hatten, und die damit begründete Hinrichtung (mit Ausnahme von Radek, Rakowski und einger anderer, die zu langen Gefängnisstrafen verurteilt wurden SOWJETUNION und in den Lagern an Entbehrungen starben oder ermordet wurden: die Wahrheit darüber wird man sicher nie erfahren). Diese Verurteilung zog den „staatsbürgerlichen Tod" nach sich und schloß insbesondere mit ein, daß die Schriften dieser kommunistischen Führer und Kader in der UdSSR bis auf den heutigen Tag verboten blieben.
Wenn sie möglichst billig davonkommen will, kann sich die Bürokratie leicht darauf beschränken, nur einen Teil dieser Spätfolgen der Verbrechen Stalins zu beseitigen, beispielsweise anläßlich der 70-Jahr-Feiern der Oktoberrevolution. Sie kann die grobschlächtigsten und infamsten Fälschungen beseitigen, wie schon bei der neuen Ausgabe der Großen Sowjetenzyklopädie, ohne die ganze historische Wahrheit über die Opfer der Prozesse wiederherzustellen, und die Neuauflage und freie Zirkulation ihrer Schriften zulassen. Sie könnte auch alle grobschlächtigen Fälschungen und einen Teil der subtileren beseitigen und die Neu-Herausgabe eines Teils der Schriften der alten Bolschewiki dulden, aber eben nicht aller. Auch andere Varianten sind möglich.
Betrachtet man diese Bandbreite von Möglichkeiten, dann begreift man die Bedeutung, die eine vollständige Rehabilitierung aller Angeklagten der Moskauer Prozesse — ohne Ausnahmen - hat, und damit die Notwendigkeit einer energischen Kampagne für eine solche Rehabilitierung.
Diese Rehabilitierung beinhaltet notwendigerweise, daß der Staat vor den sowjetischen Massen eingesteht, daß Trotzki, Sinowjew, Kamenjew, Bucharin, Rykow, Rakowski, Pjatakow, Krestinski, Radek, Smirnow und andere Führer der Partei zu Lebzeiten Lenins und unmittelbar nach seinem Tode nicht nur keine Verräter, Konterrevolutionäre, imperialistische Agenten, Faschisten, Mörder und Terroristen waren; er muß auch eingestehen, daß sie die wichtigsten Führer von Staat und Partei waren, Mitglieder des Politbüros und des Zentralkomitees, neben Stalin die einzigen, die Lenin in seinem Testament erwähnte als Genossen, die aufrechte und überzeugte Kommunisten und Revolutionäre waren, und daß ihre Ideen und Schriften es verdienen, studiert und vervielfältigt zu werden. Wenn man an ihnen Kritik übt, dann auf objektive Weise, d.h. gestützt auf das, was diese Schriften wirklich sagen, und nicht auf irgendwelche Intentionen" und Hintergedanken", ,die man ihnen, meist mit Hilfe
SOWJETUNION
Keine Gnade der späten Geburt: ..••.Jeder Versuch sich zu verstekken,, nur die eigene Stimme hö. ren zu wollen, ist gefährlich. Wenn wir die gewohnte Einförmigkeit, die Suche nach einfachen, nicht komplizierten Ursachen überwinden wollen, um zu verstehen, woher die Intoleranz und die Grausamkeit kommen, muß man all jene wieder ans Licht zerren, die nicht mehr leben, und versuchen sie zu verstehen. Sie alle ausnahmslos zu verstehen, versuchen, mit Stalin die geheimsten Geheimnisse der damaligen Zeit zu erfassen, auch die rătselhafte Haßliebe, die Stalin entgegengebracht wurde. Natürlich entledigt man sich der Vergangenheit leichter, wenn man sich etwas vormacht. ... Doch ohne die anderen zu verstehen, werden wir uns niemals selber verstehen können. Die Vergangenheit macht alle verantwortlich, die, die in den 20er, 30er, 40er und 50er Jahren ohrlich gelebt haben, die mit Enthusiasmus gearbeitet haben und uneigennützig gekämpft haben, und die, die heute leben und nach uns leben werden. ... Wir können nicht grober Fälschungen, unterschiebt. Deshalb dürfen diese Schriften nicht nur nicht mehr unter Verschluß gehalten werden, sondern ist auch ihre nur teilweise und selektive Reproduktion unzulässig. Keine Debatte, keine Diskussion, kein Urteil über das, was sich in der Sowjetunion seit 1917 bis zur Ermordung der alten Bolschewiki, ja bis zum heutigen Tag ereignet hat, wird mehr möglich sein, wenn man diese Schriften nicht endlich berücksichtigt!
Der „Block der Rechten und die Trotzkisten"
Die Frage der strafrechtlichen Rehabiliticrung der Angeklagten der Moskauer Prozesse, der Wiederherstellung aller bürgerlichen und politischen Rechte für sie selbst, für ihre Gefährtinnen und ihre Nachkommen, darf nicht mit der Frage der Zustimmung zu allen (oder den meisten) politischen Auffassungen vermischt werden, zu denen sie sich - in Opposition zur „Generallinie" der Mehrheit des ZK der KPdSU, d.h. der Stalin-Fraktion, bekannt haben.
Eine solche Zustimmung stieße sich an der offenkundigen Schwierigkeit, daß diese Angeklagten ganz unterschiedliche Auffassungen vertraten. Im Gegensatz zum Mythos, den die sowjetischen Repressionsorgane in die Welt gesetzt und den die Stalin-Molotow-Gruppe in der UdSSR und in der Kommunistischen Internationale verbreitet hat, gab es nie cinen „Block der Rechten und Trotzki- Sten", weder vor noch nach dem Parteiausschluß der Oppositionellen. Desgleichen waren Sinowjew und Kamenjew nie Trotzkisten; sie haben nie mehr getan, als sich in aller Öffentlichkeit - und keineswegs in irgendeiner Verschwörung - mit der Linken Opposition zur Vereinigten Opposition der Jahre 1926-27 zusammenzuschließen, die übrigens auch von Nadjeschda Krupskaja, der Witwe Lenins, unterstützt wurde.
Die in den Moskauer Prozessen Verurteilten müßten mindestens fünf verschiedenen Kategorien zugeordnet werden: die cigentlichen ,,Trotzkisten" (obwohl schon dieser Begriff an sich Verwirrung stiften kann und es besser wäre, von den Anhängern der Ideen der Linken Opposition zu sprechen); die Anhänger Sinowjews: die Anhänger der Rechten (sog. bucharinistischen Opposition); authentische Stalinisten der Jahre 1923-29, die im Laufe der dreißiger Jahre mit Stalin in bestimmten politischen Fragen gebrochen haben (7): Leute ohne präzise politische Vorstellungen. Es ist folglich unmöglich zu behaupten, ihre politischen Auffassungen, die sich teilweise gegenseitig ausschlossen, seien alle richtig gewesen.
Schließlich kann es bei der Rehabilitierung der Opfer Stalins nicht um die Annahme (oder Ablehnung) ihrer politischen Auffassungen gehen, weil man sich, wenn man diese beiden Ebenen vermischt, auf dieselbe Ebene begeben würde wie Stalin und die „ideologische" Grundlage der Prozesse und der terroristischen Unterdrückung akzeptieren würde. Diese bestand gerade darin, eine Identität oder wenigstens einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen (wirklich oder vermeintlich) „abweichlerischen" und (wirklich oder vermeintlich) „korrekten" politischen Auffassungen und kriminellen Handlungen herzustellen. Eine solche Identität und ein solcher direkter Zusammenhang, der sofort das Meinungsdelikt und auf Umwegen das Dogma der Unfehlbarkeit der Partei (genauer: der Mehrheit ihrer Führung, die sich manchmal auf wenige Personen, sogar auf eine einzige reduziert) wieder einführt, muß kategorisch zurückgewiesen werden. Das Recht auf den politischen Irrtum, ohne das es keine Demokratie, ja nicht einmal eine ernsthafte Debatte geben kann, muß wiederhergestellt werden. Wenn der Tatbestand, Ideen geäußert zu haben, die sich als falsch herausstellten, mehr oder weniger automatisch als kriminelles Vergehen gewertet wird, dann wird es niemand mehr wagen, andere Auffassungen zu vertreten als der Generalsekretär. Und da die Geschichte zu Genüge bewiesen hat, daß kein Zentralkomitee und kein Generalsekretär unfehlbar ist, führt dieses Verstummen zur anhaltenden Unfähigkeit, Fehler, ja sogar katastrophale Fehler zu korrigie ren.
Ein Urteil über den Stalinismus Wir sind und bleiben davon überzeugt, daß Trotzki und die Linke Opposition in den großen Kontroversen in der KPdSU zwischen 1923 und 1933 im Wesentlichen recht hatte. Aber wir würden nie auf die Idee kommen, vom Zentralkomitee der KPdSU oder gar vom Obersten Gerichtshof der UdSSR eine Resolution oder eine Entscheidung zu verlangen, die so etwas bekräftigte. Dieses Urteil gebührt der Geschichte. Es gebührt den revolutionären Arbeitern und Intellektuellen von heute und morgen. Es gibt keine Instanz" , die sich an die Stelle der Geschichte setzen kann. Aber die Instanzen können und müssen sich dazu äußern, ob der Vorwurf
krimineller Handlungen, derer die Angeklagten der Moskauer Prozesse beschuldigt wurden, begründet war oder nicht. Sie müssen das Offensichtliche zugeben, nämlich daß diese Beschuldigungen jeder Grundlage entbehrten.
Die Frage der Rehabilitierung der Opfer der Moskauer Prozesse ist in der Sowjetunion selbst zum Gegenstand eines offenen und heftigen politischen Streites geworden. Das, was sich im Apparat dazu abspielt, bleibt trotz reeller, wenn auch noch bei weitem unzureichender, Ausweitung von glasnost von Geheimnissen umhüllt. Das hängt damit zusammen, daß die strafrechtliche Rehabilitierung der Angeklagten der Moskauer Prozesse gleichzeitig ein Urteil über Stalin, den Stalinismus, die wichtigsten Wendungen der „Generallinie" zwischen 1923 und 1938, gar 1953, über das Ausmaß der „Irrtümer" und „Fehler" der stalinistischen Epoche und ihrer Folgen, über ihre materialistische und nicht bloß psychologische, ideologische oder politische Erklärung impliziert. Desgleichen impliziert sie auch ein Urteil über die Grenzen der „Entstalinisierung" unter Chruschtschow, d.h. eine kritische Überprüfung der ganzen Geschichte der Sowjetunion, der KPdSU und der „kommunistischen Weltbewegung" während mehr als einem halben Jahrhundert. Daß eine solche Überprüfung auch einiges hinsichtlich der Ur- sprünge und der Natur der Gorbatschowschen Reformen impliziert, kann man sich denken.
Vergangenheitsbewältigung durch Aktenvernichtung
Daß es Fraktionen im Apparat gibt, die eine solche Überprüfung nicht frohen Herzens über sich ergehen lassen, das liegt auf der Hand. Es stimmt, daß viele von denen, die an den Verbrechen der Säuberungen persönlich beteiligt waren, inzwischen verschwunden sind. Deshalb spielt heute die Furcht vor „Repressalien* und (auch strafrechtlichen) Konsequenzen, die sich aus einer Rehabilitierung der Opfer Stalins ergäben, eine geringere Rolle als zur Zeit des XX.Parteitags.
Es stimmt aber nicht weniger, daß eine ganze Schicht der Nomenklatura, und zwar ihre ältesten Angehörigen, wenn nicht Komplizen so doch mindestens passive Zeugen und Dulder dieser Verbrechen waren und vor allem Zeugen der frenetischen Anstrengungen, die Entstalinisierung zwischen 1953 und 1963 in engen Grenzen zu halten und sie nach 1963 rückgängig zu machen. Die Manöver dieser Fraktion der Bürokratie, der zweifellos auch jüngere Leute angehören, die aus politischen Gründen und aus Konformismus mitmachen, gehen sehr weit. Das bezeugt der folgende Bericht: „Die Bestände der sowjetischen Justizarchive aus den 30er, 40er und 50er Jahren werden nach Angaben des Dissidentenbulletins Glasnost angeblich aus Platzmangel im Rhythmus von 5.000 Aktenordnern monatlich vernichtet. Wie das Bulletin, das von ehemaligen politischen Gefangenen, darunter Sergej Grigoriantz, herausgegeben wird, in seiner Juli-Nummer mitteilt, werden die Dossiers, die Unterlagen über Millionen von Sowjetbürgern enthalten, die Opfer des stalinistischen Terrors wurden, in den Archiven des Militärkollegiums des Obersten Gerichts der UdSSR aufbewahrt. „Die Archive der Staatsanwaltschaft und des Justizministeriums wurden in den 60er und 70er Jahren von derartigen Dossiers gesäubert." Wo die Archive des KGB sind, das weiß niemand. „Während einiger Jahre" , schreibt Glasnost, ,ist es den beiden Vorsitzenden des Obersten Gerichts, Gorkin und Smirnow, gelungen, die Dossiers vor der Zerstörung zu bewahren. " Aber „als der Justizminister Wladimir Terebilow Vorsitzender, und Sergej Gussew sein Assistent wurde, setzten die „Aufräumungsarbeiten" plötzlich ein." Dies gehe bereits seit zwei Jahren so; die beiden Letztgenannten hätten ihre neue Stelle im April 1984 angetreten. Die Archivbestände wurden zunächst im Gebäude des Obersten Gerichts verbrannt. Da die, wie Glasnost schreibt, „in der Stadt viel Rauch gemacht hat, werden sie jetzt außerhalb Moskaus verbrannt." (Le Monde vom 23./24.8.1987). Versuche, Stalin zu „rehabilitieren"
Neben den Anstrengungen, die unternommen werden, um die Rehabilitierung aller Opfer der Säuberungen schwierig, wenn nicht gar förmlich unmöglich zu machen, gibt es hartnäckige Versuche, Stalin und den Stalinismus zumindest teilweise zu „rehabilitieren" (8) und die langjährigen Folgen, die Stalins Verbrechen für die Menschen und die kommunistische Bewegung auf wirtschaftlichem, sozialem, militärischem, ideologischem und kulturellem Gebiet hatten, systematisch herunterzuspielen und die „positiven" Seiten der 30cr Jahre zu betonen. Die Nummer Zwei der sowjetischen Hierarchie, Jegor Ligatschow, ist für diese Angewohnheit bekannt. In fast allen seinen Reden (insbesondere die vom 26.8.1987, vgl. Prawda vom 27.8.) variiert er dieses Lied. SOWJETUNION vor uns selbst davon laufen.... Unsere Hauptverdienst ist, daß unser Land endlich in der Lage ist, entscheidende Schritte zu einem in jedem Sinne reifen Sozialismus zu tun; daß wir den revolutionären Idealen treu geblieben sind, daß wir alles hassen, was sie verraten hat und heute verrät. was den Sozialismus deformiert hat und deformiert. Wir sind uns bewußt, daß man den Neuanfang nicht ziellos betreiben kann. Die Entstalinisierung muß bis zu Ende getrieben werden."
Jurij Afanassjew, Moskowskijo Nowosti, 13.September 1987
SOWJETUNION
Gorbatschow selbst äußert sich in dieser Frage mit größter Vorsicht. Aber auch er fühlte sich einige Male, insbesondere bei seinem Interview mit L'Humanite, dem Zentralorgan der KPF, im Februar 1986 gezwungen zu behaupten: „Stalinismus* ist ein Begriff, den die Feinde des Kommunismus erfunden haben und der weitgehend dazu benutzt wird, das Bild von der Sowjetunion und dem Sozialismus anzuschwärzen." Heißt das nicht, das Kernstück der Verleumdungen der oppositionellen Strömungen der KPdSU unter Stalin und damit den ideologischen Ausgangspunkt der Infamien der Moskauer Prozesse übernehmen?
Die Debatte wird öffentlich Die Debatte, die auf den höchsten Ebenen des Apparats verschlüsselt geführt wird, entfaltet sich in der Öffentlichkeit viel offener. So konnte man am 20.8.1987 in den Moskowskije Nowosti (den auch ir englischer, französischer, spanischer und arabischer Sprache wöchentlich erscheinenden Moskauer Nachrichten), die allgemein als das Organ des vorwärtstreibenden Flügels der pro-Gorbatschow-Intellektuellen an der Spitze von glasnost gesehen wird, einen Artikel des Wirtschaftswissenschaftlers Boris Bolotin lesen, der die Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft rechtfertigte und eine Neuauflage von Stalins theoretischen Arbeiten forderte, insbesondere seine Ökonomische(n) Probleme des Sozialismus in der UdSSR. Die Literaturnaja Gaseta vom 19.8.1987 veröffentlichte eine Reihe von Leserbriefen zum berühmten Roman Die Kinder des Arbat von Anatolij Rybakow, in dem der stalinistische Terror angeprangert wird. Die Mehrzahl der Leserbriefschreiber stimmte dem Romanautor zu, aber die Zeitung brachte auch einige nen gegen Rybakow gefordert werden. ,Den Opfern des Stalinismus ein Denkmal bauen"
Diese Debatte führt bereits zu dramatischen öffentlichen Auseinandersetzungen. Die österreichische Zeitschrift Profil berichtete in ihrer Ausgabe vom 13.7. über zwei öffentliche Veranstaltungen, die kurz zuvor in Moskau stattgefunden hatten. Die erste, die ganz diskret nur durch eine handgeschriebene, an den Eingang des Instituts für Historische Archive geheftete Ankündigung bekannt gemacht worden war, zog Ende März mehrere tausend Zuhörer an. Die lekzija hielt der Professor Jurij Borissow zum Thema Stalin - der Politiker und Mensch", , im großen und ganzen eine Apologie Stalins, in der nur am Rande von Fehlern und Mißbrauch die Rede war.
Die große Mehrheit der Zuhörer reagierte mit Empörung. Proteste und Fragen kamen auf: Wieviele Opfer gab es? Wieviele wurden rehabilitiert? Viele Redner aus dem Publikum erwähnten ausdrücklich, daß ihre Väter in den Lagern umgekommen sind, ihre Mütter deportiert wurden. Borissow wurde jedoch erst richtig in die Mangel genommen, als er am 13.April im Haus der Literaten in Moskau denselben Vortrag hielt. Bei dieser Gelegenheit wurde er von Leuten aus dem Publikum mit präzisen und schrecklichen Fakten konfrontiert. Ein Historiker, der im Institut für Historische Archive arbeitet, zitierte aus den Verhörakten des berühmten Regisseurs Meyerhold, eines der Opfer der Säuberungen. Meyerhold wurde, wie Boris Rodos - der GPU-Beamte, der das Verhör leitete — eingestand, gefoltert. Man brach ihm die linke Hand und zwang ihn, seinen eigenen Urin zu trinken (vgl. dazu den Bericht aus der taz vom 27.7.1987).
Im Juni 1987 führte der Komsomol, der Kommunistische Jugendverband, eine öffentliche Veranstaltung mit Jurij Afanassjew, dem Rektor des Moskauer Instituts für Historische Archive durch. Er ist einer derjenigen, die sich am stärksten für eine schonungslose Kritik an Stalin einsetzen. Der Vortragssaal platzte aus allen Nähten. Hunderte Interessierte mußten draußen warten. Dem Redner wurden schriftliche Fragen übergeben. Eine dieser Fragen lautete: Sind Sie für eine Veröffentlichung der Schriften Trotzkis?" Afanassjews Antwort: . Ja, ich bin dafür, daß unsere Studenten die ganze Literatur zur sowjetischen Geschichte lesen und studieren können, darunter auch die Schriften Trotzkis.' Hinter mir empört sich ein älterer Herr: ,Das hat uns gerade noch gefehlt!' Sofort wenden sich einige um: ,Haben Sie seine Schriften gelesen? Wissen Sie, was er geschrieben hat?' ,Ja, ich weiß, was er geschrieben hat*, verteidigt sich der Mann. Diese Antwort erregt die anderen noch mehr. ,Dann wissen wir ja, woher Sie kommen. Sie haben Trotzki gelesen und sitzen hier immer noch ruhig herum. Wissen Sie, wieviele Leute nur deswegen nach Sibirien geschickt wurden? Immer mehr Leute mischen sich in die Diskussion ein, ein echter kleiner Tumult bricht aus, bevor man sich wieder dem Rednerpult zuwendet. Erinnerungen kommen hoch, mit unvermuteter Gewalt brechen sich Gefühle Bahn, die jahrzehntelang unterdrückt worden sind. Gesichter sind zu sehen, deren Ausdruck den Reformern Angst macht. Eine andere Episode derselben Veranstaltung zeigt, wie stark das Bedürfnis ist, endlich abzurechnen. Auf einem Zettel aus dem Publikum wird verlangt, endlich mit dem Gerede vom 'Personenkult' , von Fehlern und Abweichungen aufzuhören. Stalin hat Verbrechen gegen die Menschheit begangen. Man errichte seinen Opfern endlich ein Denkmal, man verurteile ihn als Kriminellen. Afanassjew liest dies mit lauter Stimme und nachdenklicher Miene vor. Er unterstützt den Vorschlag, ein Denkmal zu errichten, zu den anderen Vorschlägen äußert er sich nicht. Das Publikum bricht in lange, rhythmische Ovationen aus. Ich wende mich um und sehe ein Meer von ernsten, entschlossenen Gesichtern, als ob sie sagen wollten: , Wir haben genug gewartet. Diesmal sind wir endlich an der Reihe!' Trotz meiner Skepsis fühle ich in diesem Augenblick die Entschlossenheit dieser Menschen, sich nicht noch einmal zurückdrängen zu lassen, wie das unter Breschnew geschah." (Profil, 13.7.1987)
Die Pflicht der internationalen Arbeiterbewegung
Es ist unsere Aufgabe wie auch die der ganzen internationalen Arbeiterbewegung, die mutigen jungen und alten Menschen, die diesen historischen Kampf um die Wahrheit und die Gerechtigkeit führen, mit aller Kraft zu unterstützen. Wir sagen mit Bedacht: der ganzen internationalen Arbeiterbewegung. denn hier geht es nicht nur um eine Aufgabe elementarer Solidarität. Man muß sich ins Gedächtnis rufen, daß die Angeklagten der Prozesse nahezu ausnahmslos entschiedene Internationalisten waren: Sinowjew und Bucharin Vorsitzende der Kommunistischen Internationale; Rakowski und Trotzki Aktivisten der II.Internationale, dann Führer der III. Internationale: Rakowski Führer des bulgarischen und des rumänischen Sozialismus; Trotzki Verfasser des Zimmerwalder Manifests, Autor des Aufrufs zum Gründungskongreß der Kommunistischen Internationale, Verfasser der Manifeste ihrer ersten vier Weltkongresse; Radek langjähriger Sekretär der Komintern, vorher einer der Führer der polnischen Sozialdemokratie und Aktivist auf dem linken Flügel der SPD; Pjatakow Komintern- Delegierter bei der KPD in den revolutionären Wochen des Jahres 1923; zahlreiche andere hauptamtliche Funktionäre der Komintern.
Nr.29/1l - 11/87 die Internationale Cos E
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